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Stefan Hechtfischer: Gemeinsam statt einsam - alternative Wohnformen im Alter

Rezensiert von Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind, 19.03.2014

Cover Stefan Hechtfischer: Gemeinsam statt einsam - alternative Wohnformen im Alter ISBN 978-3-8288-3104-9

Stefan Hechtfischer: Gemeinsam statt einsam - alternative Wohnformen im Alter. Tectum-Verlag (Marburg) 2013. 154 Seiten. ISBN 978-3-8288-3104-9. D: 24,90 EUR, A: 24,90 EUR, CH: 30,90 sFr.

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Thema

Wohnen im Alter hat aufgrund verschiedener Modernisierungsimpulse in den letzten Jahrzehnten einige bedeutsame Veränderungen durchgemacht. Die vorrangigen Wohnformen im Alter sind das Zusammenleben mit dem Partner, meist der Ehepartner, und das Alleinleben, meist nach dem Tode des Partners. Hinzu kommt, dass sich im Nahbereich die sozialen Netzwerke durch Tod der Bekannten, Freunde und Nachbarn ausdünnen, so dass das Gefühl der Isolierung selbst in dem eigenen alt vertrauten Wohnquartier auftreten kann. Das Altenheim als Alternative hierzu wird von den meisten Senioren nicht mehr in Betracht gezogen. Auf diesem Hintergrund sind viele neue Formen des Wohnens im Alter entstanden, die vom Betreuten Wohnen bis hin zu selbstorganisierten Wohngemeinschaften reichen. Die vorliegende Studie befasst sich mit alternativen Wohnformen unter besonderer Berücksichtigung eigenständiger Wohn- bzw. Hausgemeinschaften.

Autor und Entstehungshintergrund

Über den Autor Stefan Hechtfischer ist der Publikation nichts Näheres zu entnehmen. Angeführt ist nur der Hinweis, dass diese Schrift als Dissertation an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg angenommen wurde.

Aufbau und Inhalt

Die Publikation ist in sieben Kapitel und einen Anhang unterteilt.

In Kapitel 1 (Einführung, Seite 7-9) verweist der Autor auf den Sachverhalt, dass er sich der Thematik alternative Wohnformen eher zufällig durch den Besuch einer Fachtagung des Bundesverbandes „Forum für gemeinschaftliches Wohnen im Alter“ genähert hat. Des Weiteren werden knappe Hinweise bezüglich der Inhalte der Studie gegeben.

Kapitel 2 (Gesellschaftlicher Bezugsrahmen, Seite 11-19) enthält die Darstellung des vom Autor gewählten sozialen und demographischen Bezugsrahmens, der überwiegend mit den gesellschaftlichen Alterungsprozessen und den parallel verlaufenden veränderten Sozialstrukturen im familiären und intergenerativen Kontext erklärt wird. Hieraus leitet der Autor die Bedarfslagen einer neuen Selbständigkeit bei den so genannten „neuen Alten“ ab, die u. a. auch zu neuen gemeinschaftlichen Lebensformen führen würden.

In Kapitel 3 (Kommunitäre Wohnformen im Alter, Seite 21-27) werden die verschiedenen Formen gemeinschaftlichen Wohnens in ihrer Begrifflichkeit kurz erläutert. So gilt es z. B. Wohngemeinschaften von Haus- bzw. Nachbarschaftsgemeinschaften zu unterscheiden. Des Weiteren kann unterschieden werden, ob eine Wohnform selbstorganisiert oder ob sie durch einen Träger initiiert wurde. Auch die Altersstruktur ist ein wesentlicher Unterscheidungsfaktor, so gibt es neben altershomogenen Gruppen auch Mehr-Generationen-Modelle. Die Vielzahl der gemeinschaftlichen Wohnformen darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass gemeinschaftliches Wohnen im Alter nur von einer äußerst kleinen Minderheit der Altenpopulation angestrebt wird. Es handelt sich somit eher um ein Nischenangebot.

Kapitel 4 (Selbstorganisierte Wohnprojekte, Seite 29-56) beschreibt die gängige Praxis bei der Etablierung eines gemeinschaftlichen Wohnprojektes anhand der Findungs-, Konsolidierungs- und Wohnphase eines derartigen Unternehmens. Überwiegend handelt es sich hierbei um Personen zwischen 40 und 65 Jahren, die sich Gedanken über eine gemeinschaftsbildende Wohnform mit Potentialen gegenseitiger Hilfe in späteren Jahren machen. Ausführlich werden die einzelnen Etappen von der Gruppengründung über die Suche nach den passenden Räumlichkeiten bis hin zum gemeinsamen Wohnen mit allen damit verbundenen Schwierigkeiten und Problemen dargestellt.

Kapitel 5 (Einblicke in die Praxis, Seite 57-79) beinhaltet den empirischen Teil der Studie, der aus Erhebungen mittels Befragungen in zwei selbstorganisierten Wohnprojekten besteht. Projekt A wird von sieben Personen unterschiedlichen Alters (zwischen 28 und 92 Jahren) in einer ehemaligen Bäckerei mit Scheune und Gartenbereich in einem kleinen Dorf in der fränkischen Schweiz getragen. Die Rechtsform ist ein eingetragener Verein (e. V.) und finanziert wird das Projekt durch Mietzahlungen. Projekt B besteht aus elf Frauen im Alter zwischen 58 und 63 Jahren, die einen renovierten Altbau von 1931 mit elf Wohnungen am Stadtrand von Nürnberg angemietet haben. Die Rechtsform ist eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR). Beide Projekte basieren u. a. auf dem Anspruch auf gegenseitige Hilfe im Falle der Pflegebedürftigkeit, um möglichst eine Heimeinweisung zu vermeiden. In den Interviews stellte sich heraus, dass es für beide Wohnprojekte nicht leicht war. Probleme machten u. a. fehlende Anlaufstellen bei der Gruppengründung, die langwierige Suche nach einem passenden Wohnobjekt, Schwierigkeiten bei der Bewilligung von Fördermitteln und teils auch die hohen idealistischen Ansprüche an das Wohnprojekt.

Kapitel 6 (Ermöglichungsstrukturen, Seite 81-92) besteht aus einer Reihe von Empfehlungen und Vorschlägen zur Verbesserung der Vorbereitungsphase derartiger Wohnprojekte. So sollten u. a. die Förderrichtlinien für das Wohnen stärker die neuen Wohnformen berücksichtigen. Den Kommunen und Wohnungsbaugesellschaften wird geraten, die Interessierten an gemeinschaftlichen Wohnprojekten umfassend in die Planungsprozesse einzubinden. Auch sollte der Wohnungsbau zunehmend dergestalt flexibilisiert werden, dass durch veränderbare Wände z. B. eine Vierzimmerwohnung in zwei Zweizimmerwohnungen umgebaut werden kann. Auch der Sozialarbeit sollten größere Betätigungsfelder in der Vorbereitung und Begleitung selbstorganisierter Wohnprojekte eingeräumt werden.

In Kapitel 7 (Schlussbemerkungen, Seite 93-95) wird nochmals auf die Vorschläge verwiesen, dass Kommunen und Wohnungsbaugesellschaften stärker auf die Belange selbstorganisierter Wohnprojekte eingehen sollten. In Anlehnung an Klaus Dörner hofft der Autor für die Zukunft, dass durch das Entstehen neuer Wohnprojekte eines Tages ganz auf die Heime verzichtet werden kann.

Der Anhang (Seite 107-154) besteht überwiegend aus zwei transkribierten Interviews aus den beiden Wohnprojekten.

Diskussion

Das Wohnen im Alter weist gegenwärtig viele neue Ansätze und Strategien bewusst außerhalb der herkömmlichen Heimstrukturen auf. Die Furcht vor der drohenden Einsamkeit und auch Gebrechlichkeit im Alter lässt die Betroffenen initiativ werden und so entstehen diese neuen Wohnformen. Der Autor hat diese Entwicklung verständlich dargestellt. Darüber hinaus werden viele praktische Hinweise für die Planungs- und Vorbereitungsphase eines Wohnprojektes gegeben.

Kritisch einzuwenden sind hingegen folgende Sachverhalte

  • Das Daten- und Faktenmaterial ist bezogen auf den Anspruch, verbindliche Empfehlungen für die Sozial- und Wohnbauplanung zu entwickeln, zu gering. Es fehlen Untersuchungen und Erhebungen aus dem In- und Ausland, die als Referenzrahmen für die Aussagen des Autors herangezogen werden könnten.
  • Es liegen Erkenntnisse vor, dass bei ständiger Pflegebedürftigkeit, die oft mit einer demenziellen Erkrankung verbunden ist, Wohngruppenmitglieder in der Regel überfordert sind, da hier überwiegend professionelle Pflege und Betreuung erforderlich ist. Der Autor berücksichtigt nicht den Tatbestand, dass die Pflege bis auf wenige Ausnahmen von Familienangehörigen oder von beruflich Pflegenden durchgeführt wird.

Fazit

Die vorliegende Arbeit vermag nicht, die komplexe Thematik neuer Wohnformen im Alter angemessen zu erfassen.

Rezension von
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
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Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 19.03.2014 zu: Stefan Hechtfischer: Gemeinsam statt einsam - alternative Wohnformen im Alter. Tectum-Verlag (Marburg) 2013. ISBN 978-3-8288-3104-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15609.php, Datum des Zugriffs 03.12.2022.


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