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Gisela Steins, Pia Anna Weber u.a.: Von der Psychiatrie zurück in die Schule

Cover Gisela Steins, Pia Anna Weber, Verena Welling: Von der Psychiatrie zurück in die Schule. Reintegration bei Schulvermeidung : Konzepte - Begründungen - Materialien. Springer VS (Wiesbaden) 2013. 274 Seiten. ISBN 978-3-531-19858-3. 39,99 EUR.

Reihe: Psychologie in Bildung und Erziehung.
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Thema und Hintergrund

Schulvermeidung ist ein weit verbreitetes Phänomen, dessen Ursachen vielfältig sein können. Vereinfacht dargestellt kann sie auf Phänomene wie Ängste (Trennungs- oder Schulängste) Unlust, Exklusion aufgrund von Verhaltensauffälligkeiten oder depressiven Anteilen auftreten. Ein in der Regel unkoordiniertes umfassendes Helfernetz von beispielsweise Lehrkräften, Sozialarbeitern, Jugendämtern, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, Kliniken, privaten Instituten und vielen mehr arbeitet in der Regel im ungünstigsten Fall unkoordiniert nebeneinander her, in günstigeren Fällen ohne feste Konzepte durch Koordinationstreffen begleitet. Was bundesweit fehlt sind Projekte, die anhand wissenschaftlich evaluierter Konzepte die Rückführung der betroffenen Kinder und Jugendlichen koordinieren und fortlaufend weiterentwickeln. Oder um es mit den einleitenden Worten der Autorinnen zu sagen: „Ein Konzept, den Problemen der betroffenen Schüler/innen und Familien konstruktiv zu begegnen, findet man in der Fachliteratur durchaus, in der Realität selten“ (S. 9). Das Buch stellt den ersten Band einer neuen Schriftenreihe des Verlags Springer VS dar: Psychologie in Bildung und Erziehung: Vom Wissen zum Handeln. Verkürzt dargestellt sei es das Ziel der Reihe, theoretisches Fachwissen mit praxisrelevantem Handeln zu verbinden.

Autorinnen

Dr. Gisela Steins ist Professorin für Allgemeine Psychologie und Sozialpsychologie, Förderung von Kindern und Jugendlichen, Relevanz verschiedener Beziehungsparameter für Erziehungs- und Bildungskontexte.

Dr. Pia Weber ist Lecturer in folgenden bildungswissenschaftlichen Studiengängen: Lehramt, Bachelor Erziehungswissenschaft, Bachelor und Master Soziale Arbeit.

Verena Weller ist Lehrerin für Sekundärstufe I und II (Deutsch und Sport) im Referendariat.

Aufbau

Das Buch unterteilt sich in vier Abschnitte:

  1. Einführung in das Thema Schulabsentismus
  2. Reintegration schulabsenter Schüler/innen
  3. Gestaltung des Reintegrationsverlaufs am Beispiel eines universitärem Projekts – Begründungen und Materialien
  4. Schlussbetrachtungen

Zusätzlich gibt es noch jeweils ein Vorwort zur Gesamtreihe und zum vorliegenden Band, sowie einen umfassenden Anhang mit Glossar, Tabellen- und Abbildungsverhältnis, Literatur Autorenverzeichnis und Danksagung.

Zu Teil 1: Einführung in das Thema Schulabsentismus

Der erste Teil wird in zwei Unterteile untergliedert:

  • Warum ist Schulabsentismus ein Problem?
  • Ursachen von Schulabsentismus

Zunächst werden umfassend die Begrifflichkeiten diskutiert. Häufig verwendete Begriffe wie Schulvermeidung, Schuleschwänzen, Schulverweigerung oder Schulmüdigkeit seien sämtlich irreführend, da sie häufig „eine aktive Absicht der Schule fernzubleiben“ (S. 21) suggerieren. Der Begriff Schulabsentismus beschreibe wertneutral den Umstand, dass ein Kind nicht mehr zur Schule gehe, am besten. Im weiteren Verlauf wird die Häufigkeit von Schulabsentismus (ca. 5%, entsprechend 500.000 Schülern pro Jahr) sowie diesbezügliche gesellschaftliche Normen und die Frage, wer eigentlich der Schule fern bleibt, dargestellt: „Schulabsentismus betrifft alle Schulformen und Schüler/innen, allerdings in verschieden ausgeprägter Häufigkeit“ (S. 24). Aufgrund der negativen Folgen, sowohl hinsichtlich der psychischen Entwicklung der Betroffenen, als auch der verursachten Kosten, sei das Thema in hohem Maße relevant. Die Behandlung in der Kinder- und Jugendpsychiatrie sei in der Regel sehr erfolgreich, problematisch werde es jedoch immer wieder hinsichtlich des Transfers in den Alltag nach Entlassung, wobei die Rückfallraten hier immens hoch seien. Didaktisch haben sich die Autorinnen entschieden, sämtliche Interventionen anhand von fünf ausgewählten Reintegrationsverläufen darzustellen, diese werden zunächst einleitend dargestellt.

Um dann die Ursachen von Schulabsentismus zu verdeutlichen, werden anschließend vor allem familiäre und schulische Faktoren näher in den Fokus gerückt. Unter familiären Wirkfaktoren fänden sich vor allem

  • die Schulbiografie der Eltern und Geschwister,
  • psychische Erkrankungen der Eltern,
  • elterliche Erziehungsstile,
  • Eltern-Kind-Beziehung und
  • Trennung der Eltern;

während sich unter schulischen Aspekten vor allem folgende Faktoren identifizieren ließen:

  • Klassenklima und Zugehörigkeitsgefühl,
  • schulische und außerschulische soziale Wirkfaktoren,
  • Interaktionen zwischen Schülern und Lehrern, sowie zwischen den Schülern,
  • Handlungsoptionen der Lehrer, sowie
  • Personenzentrierte Wirkfaktoren (wie beispielsweise Erfahrungen, negative Grundüberzeugungen, geringes Selbstwirksamkeitserleben).

Grundsätzlich sei Schulabsentismus immer auf eine komplexe Kombination diverser Wirkfaktoren zurückzuführen. In der Praxis würden jedoch immer wieder monokausale Erklärungsansätze (z.B. „will nicht“, „Eltern erziehen falsch“, oder „Lehrer sind schuld“) herangezogen. Hierdurch würden die tatsächlichen Probleme nicht hinreichend erfasst, falsch beraten bzw. behandelt und zu Unrecht sämtliche Beteiligte stigmatisiert.

Zu Teil 2: Reintegration schulabsenter Schüler/innen

Hier wird das Modellprojekt der Autorinnen in unterschiedlichen Abschnitten vorgestellt. Zunächst das Institut apeiros Ruhr, das im Auftrag des Jugendamtes Essen mit breitem Versorgungsauftrag das vorliegende Thema bearbeitet. Die Statt-Schule fängt Betroffene auf, die mindestens sechs Monate nicht mehr zur Schule gegangen sind. Mit der Gesamtschule Essen-Nord wird ein weiterer wichtiger Kooperationspartner vorgestellt. Der Schwerpunkt in diesem Teil des Buchs ist dann aber das Essener Manual zur Behandlung von Schulvermeidung. Dieses wird von den Autoren Volker Reissner, Alexander, Wertgen, Johannes Helmig und Johannes Hebebrand vorgestellt. Es sei explizit interdisziplinär ausgerichtet und universitär angebunden, um eine wissenschaftlich begleitete Qualitätssicherung zu gewährleisten. Eine gesonderte Publikation sei geplant. Grundsätzlich setzt es sich aus vier Modulen zusammen:

  • Kognitive Verhaltenstherapie,
  • Familienberatung,
  • Schulische Beratung und
  • Sport-Coaching.

Ohne konkrete Studienergebnisse zu liefern, werden hier dennoch erste Erfahrungen im Rahmen des Projektes dargestellt.

Zu Teil 3: Gestaltung des Reintegrationsverlaufs an Beispiel eines universitären Projekts – Begründung und Materialien

Der grundsätzlich theoretisch ausgerichteten Darstellung des Projektes in Teil 2 folgt nun die konkrete Darstellung im Längsschnitt anhand der in Teil 1 einleitend vorgestellten Einzelfälle. Konkret verliefen die Reintegrationen immer nach einem fest vorgegebenen Schema:

  1. Rahmenbedingungen klären
  2. Vor der Unterstützung im Feld (Erstgespräch, Exploration der Problematik, Kontaktaufnahmen zu Eltern und Schule)
  3. Während der Unterstützung im Feld (Kontakt zur Klinik und Lehrkräften, Schulbegleitung)
  4. Das Abschlussgespräch
  5. Nach der Unterstützung im Feld (Nachsorge).

Sämtliche Schritte werden anhand der Fallbeispiele anschaulich dargestellt, zudem werden hier auch die entwickelten Materialien (Dokumente) vorgestellt.

Zu Teil 4: Schlussbetrachtungen

Hier erfolgt eine zusammenfassende Darstellung der Reintegrationsverläufe. Für die Vorstellung seien „überwiegend Reintegrationsverläufe beschrieben (worden), die nicht in einen regelmäßigen Schulbesuch mündeten, um zu zeigen, wie schwierig sich eine Reintegration gestalten kann“ (S. 231). Es wird anhand dieser Fälle deutlich gemacht, wie schwierig sich trotz einer stark strukturierten Maßnahme die Wiedereingliederung in Einzelfällen gestalten kann.

Im Ausblick wird daher auch vor allem darauf hingewiesen, dass im Rahmen dieser ersten Projektphase vor allem die Ursachen für Schulabsentismus und erste Wirkmechanismen hinsichtlich einer Wiedereingliederung identifiziert werden konnten. Das Projekt sei jedoch noch weit von einem abgeschlossenen Konzept entfernt.

Diskussion

Das Thema dieses Buches ist eminent wichtig. Nach insgesamt sechs Jahren Arbeit in der Kinder- und Jugendpsychiatrie und nunmehr zwei Jahren intensiver Netzwerkarbeit mit Schulen und Jugendhilfe im Rahmen leitender Funktionen kann ich als Rezensent aus eigener Erfahrung bestätigen, dass die beschriebenen Schnittstellenproblematiken hier in herausragender Form erfasst und beschrieben wurden. Die ausgewählten Fallbeispiele veranschaulichen dies hervorragend. Da diese über das Buch aufgeteilt unterschiedlich wieder aufgegriffen werden, verliert man beim Verfolgen des jeweiligen Verlaufs manchmal etwas den Faden. Hier kann es helfen, erst die Theorie zu lesen und dann die Fälle einzeln im Längsschnitt durchzugehen. Das Buch liefert fachlich fundierte Kritik am reduktionistischen Vorgehen im Praxisalltag. Ein Hauptproblem aller Akteure im Helfersystem inklusive der eigenen Profession ist häufig dem Irrglauben zu erliegen, mittels einseitiger Ursachen- Wirkungszusammenhänge einfache Lösungen zu postulieren. Das Werk hilft hier, die Komplexität der Sachlage deutlich zu machen und zu mehr Bescheidenheit zu mahnen. Letzen Endes fassen es die Autorinnen in ihrem Plädoyer für „gerechtes Handeln bei Störungen durch Schüler/innen“ perfekt zusammen: „Es ist also nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit, sondern eine schlichte Erkenntnis aus der internationalen Bildungsforschung, dass alle Schüler/innen, und zwar ausnahmslos, von einer unterstützenden freundlichen Lehrer/innen-Schüler/innen-Interaktion profitieren, und zwar in ganz ungeahntem Ausmaß (Hattie 2009). Dies zusammen mit einem guten Konzept zum sozialen Kompetenztraining sollte Schulabsentismus verringern; von beiden Seiten“ (S. 241). Hierzu bleibt nur noch hinzuzufügen, dass dies nicht nur für Lehrkräfte, sondern für alle Beteiligten gültig ist. Als abschließenden Tipp an das Lektorat sei noch darauf verwiesen, dass die am häufigsten zitierte Quelle Kagan 2012 in der Literaturliste nicht mit aufgenommen wurde. Ein wenig verwundert die Verwendung des Terminus „Schulvermeidung“ im Titel, nachdem zuvor ja umfassend über die zutreffendere Bezeichnung „Schulabsentismus“ diskutiert wurde.

Fazit

Dieses Werk stellt eine beispielhafte Mischung aus Therapie und Praxis dar. Anhand kritisch ausgewählter Fallbeispiele wird ein realistisches Bild der Komplexität der Wiedereingliederung von schulabsententen Kindern und Jugendlichen im Helferdschungel gezeichnet. Das einleitend genannte Ziel der Buchreihe, theoretisches Fachwissen mit praxisrelevantem Handeln zu verbinden, wird hier beispielhaft erreicht. Auf die angekündigte Publikation des Essener Manuals zur Behandlung von Schulvermeidung darf man sich freuen.


Rezension von
Dr. Alexander Tewes
Leitender Dipl.-Psychologe, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (KJPP) - Haus 4
Psychiatrische Klinik Lüneburg gemeinnützige GmbH im Verbund der Gesundheitsholding Lüneburg
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Zitiervorschlag
Alexander Tewes. Rezension vom 05.06.2014 zu: Gisela Steins, Pia Anna Weber, Verena Welling: Von der Psychiatrie zurück in die Schule. Reintegration bei Schulvermeidung : Konzepte - Begründungen - Materialien. Springer VS (Wiesbaden) 2013. ISBN 978-3-531-19858-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15622.php, Datum des Zugriffs 01.04.2020.


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ISSN 2190-9245

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