socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Jo Reichertz: Gemeinsam interpretieren

Cover Jo Reichertz: Gemeinsam interpretieren. Die Gruppeninterpretation als kommunikativer Prozess. Springer VS (Wiesbaden) 2013. 146 Seiten. ISBN 978-3-658-02533-5. D: 14,99 EUR, A: 15,41 EUR, CH: 19,00 sFr.

Reihe: Qualitative Sozialforschung.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Das vorliegende Buch fokussiert thematisch die Praxis der Gruppeninterpretation im Bereich der qualitativen Sozialforschung.

Autor

Dr. Jo Reichertz ist Professor am Institut für Kommunikationswissenschaft der Fakultät für Geisteswissenschaften der Universität Duisburg-Essen.

Entstehungshintergrund

Jo Reichertz befasst sich mit dem Prozess der gemeinsamen Interpretation in Forschungswerkstätten und Interpretationsgruppen (unter Berücksichtigung unterschiedlicher Stile und Traditionen, die sich in Deutschland entwickelt haben), da dieses Phänomenbislang aus seiner Sicht in der Forschung unterbeleuchtet ist: „Eine wissenschaftliche (und qualitative) Erforschung dieser Art der kommunikativen Konstruktion von (wissenschaftlicher) Wirklichkeit steht noch aus.“ (Reichertz 2013, S.7). Der Autor schöpft dabei neben der Literaturanalyse und Gesprächen mit Expertinnen und Experten aus eigenen langjährigen Erfahrungen mit eigenen Interpretationsgruppen, vor allem im Bereich der Bild- und Videoanalyse.

Zielsetzung

Ziel des Buches ist es, dabei ein tieferes Verständnis und Transparenz für Prozesse der Gruppeninterpretation zu schaffen, die bereits seit Jahrzehnten ein zentrales Element in der Auswertung qualitativer Daten sind. Der Autor verweist dabei explizit darauf, dass die vorliegende Veröffentlichung sich der Praxis der Gruppeninterpretation nicht systematisch durch deren Erforschung nähert, und kündigt in diesem Zusammenhang ein geplantes und bereits beantragtes größeres Forschungsprojekt an.

Aufbau und Inhalte

Die Publikation besteht aus acht Kapiteln, die vom Umfang her stark variieren.

Nach einer kurzen Einleitung folgen zwei Kapitel, die sich mit der Entstehung und verschiedenen Traditionen von Interpretationsgruppen im deutschen Kontext befassen. Im zweiten Kapitel werden verschiedene Aspekte rund um die Praxis der Werkstattarbeit erörtert. Neben der historischen Betrachtung ihrer Entwicklung wird zudem versucht, sie in ihrer Umsetzungspraxis in verschiedenen Traditionen zu beleuchten. In diesem Zusammenhang findet sich zunächst ein Exkurs zum Gruppendiskussionsverfahren (Seite 19-23). Zwischen diesem und dem Prozess der Gruppeninterpretation stellt der Autor verschiedene Gemeinsamkeiten und Unterschiede heraus. Im zweiten Kapitel setzt er sich zudem bewusst mit bestehender Kritik am Verfahren der Gruppeninterpretation auseinander, bevor sich eine historische Betrachtung der Entwicklung des Verfahrens und eine Erläuterung verschiedener Formen der Interpretationsgruppen anschließen. Das zweite Kapitel schließt mit kurzen Ausführungen darüber, in welchen Fächern und in welcher Zusammensetzung die Praxis stattfindet.

Das dritte Kapitel fokussiert stärker die Frage nach dem Wie in der Arbeitsweise von Interpretationsgruppen, schließt dabei jedoch an vorangestellte Überlegungen zu Formen von Interpretationsgruppen an. Hier finden sich insbesondere kurze Ausführungen zum Forschungskolloquium von Anselm Strauss und zur Forschungswerkstattarbeit in der Tradition von Schütze und Riemann. Im Anschluss folgt auch an dieser Stelle der Versuch, zentrale Unterschiede und Gemeinsamkeiten der einzelnen Traditionslinien oder Schulen darzustellen, um darauf aufbauend verschiedene Forschungsdesiderate zu explizieren.

Auf diese Desiderate aufbauend, werden im vierten Kapitel Forschungsfragen aufgeworfen, die versuchen den Alltag im Interpretationsgruppensetting kritisch zu beleuchten. Dazu zählen für den Autor bspw. die Frage nach Kommunikationsmacht im Interpretationsgruppensetting und die Frage danach, wie sich bestimmte Interpretationen in der Gruppe durchsetzen. Die Forschungsfragen zielen vor allem auf die Analyse der Kommunikationsprozesse innerhalb der Interpretationsgruppe und deren Auswirklungen auf die Forschungsergebnisse.

Im fünften Kapitel wird eingangs in die Methode der hermeneutisch wissenssoziologischen Bildanalyse eingeführt. Das anschließende sechste Kapitel konzentriert sich vor allem auf eine Interpretationssitzung und besteht nach einer kurzen Einführung vornehmlich aus der Transkription der Sitzung. Im siebten Kapitel finden sich die verschriftlichten Analyseergebnisse der Interpretationssitzung dargestellt, die dann (zusammen mit der Sitzung selbst) im abschließenden und letzten Kapitel des Buchs kritisch beleuchtet werden.

Diskussion

Reichertz selbst verweist in seinen einleitenden Worten darauf, dass die Publikation den „Alltag der Gruppeninterpretation“ näher beleuchten möchte, eine Erforschung desselben allerdings erst für die kommenden Jahre in Planung sei. In der Gesamtschau fällt auf, dass das Buch zunächst einleitende, spannende Kapitel beinhaltet, die den Entstehungskontext und zentrale Aspekte der Praxis erläutern und einen ersten Einblick in methodische Differenzierungen ermöglichen. Die Transkription einer Gruppeninterpretationssitzung und die anschließende Präsentation des Ergebnisses der Interpretation kommen allerdings hinsichtlich der abschließenden Analyse zu kurz. Die kritische Auseinandersetzung zwischen Interpretationsprozess und Ergebnis mutet mehr an, eine erste Skizze denn eine tiefergehende Analyse zu sein. Dabei fehlt auch eine systematische Rückkopplung an die eingangs aufgeworfenen Forschungsfragen.

Fazit

„Gemeinsam interpretieren“ ist eine interessante, einleitende Lektüre für all diejenigen, die sich vertieft mit der Praxis der Gruppeninterpretation in allgemeiner Form befassen möchten. Das Buch selbst wirft allerdings auch einige die Methode betreffenden Fragen auf, denen mehr Gedankenanstöße als erste Antwortmöglichkeiten entgegen gesetzt werden. Wer an themenbezogenen tiefergehenden Analysen interessiert ist, kann sicher mit Spannung auf die Veröffentlichung der ersten Ergebnisse des im Buch erwähnten Forschungsprojekts warten. Die weitere Forschung wird sicher an die im Buch dargestellten Gedankengänge angelehnt sein und wird diese vermutlich auch weiterentwickeln.


Rezension von
Diplom Sozialpädagogin Julia Reimer
M.A. Mitarbeiterin des Gleichstellungsbüros der Hochschule Koblenz, Promovendin am Lehrstuhl für Allgemeine Pädagogik der Otto-Friedrich-Universität Bamberg
E-Mail Mailformular


Alle 4 Rezensionen von Julia Reimer anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Julia Reimer. Rezension vom 29.11.2013 zu: Jo Reichertz: Gemeinsam interpretieren. Die Gruppeninterpretation als kommunikativer Prozess. Springer VS (Wiesbaden) 2013. ISBN 978-3-658-02533-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15633.php, Datum des Zugriffs 19.04.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht