Elke Schönenberg-Zickerick: Interkulturelle Mediation im Zeitalter der Globalisierung
Rezensiert von Gerd Schmitt, 28.01.2014
Elke Schönenberg-Zickerick: Interkulturelle Mediation im Zeitalter der Globalisierung.
Shaker Verlag
(Aachen) 2012.
116 Seiten.
ISBN 978-3-8440-1118-0.
D: 29,80 EUR,
A: 29,80 EUR,
CH: 37,25 sFr.
Reihe: Berichte aus der Sozialwissenschaft.
Entstehungshintergrund und Thema
Bei dem rezensierten Buch handelt es sich um eine überarbeitete Masterarbeit von Elke Schönenberg-Zickerick. Es versteht sich als ein „praxisnaher Ratgeber für alle, die im beruflichen oder privaten Umfeld mit Menschen unterschiedlicher Kulturen in Berührung kommen“ (S. vii). Hierzu beschäftigt sich die Autorin mit dem Verfahren der ,Interkulturellen Mediation´, das sie mit einem großem Potenzial (S. 106) ausgestattet sieht, um konstruktiv mit den sich aus den Prozessen der Globalisierung zunehmend ergebenden Herausforderungen umgehen zu können. Denn Formen der ,interkulturellen Begegnungen´ scheinen mit einer Vielzahl an kulturellen Missverständnissen einherzugehen, so dass es hierzu einer besonderen Variante der Konfliktbearbeitung bedarf. Daher wird in diesem Buch zunächst das klassische Verfahren der Mediation vorgestellt, um demgegenüber eine ,Interkulturelle Mediation´ zu konturieren, die kultursensibel auf Grundlage einer ,Interkulturellen Kompetenz´ der Mediator*innen ein Angebot für eine Bearbeitung dieser Auswirkungen der Globalisierungen auf den zwischenmenschlichen Bereich bereitzustellen vermag.
Autorin
Dipl.-Ing. Elke Schönenberg-Zickerick ist Architektin, Mediatorin und Dozentin für Soft-Skills. Sie studierte in Dortmund, Hamburg und Hagen mit den Schwerpunkten Architektur, Rhetorik und Mediation. Derzeit arbeitet sie als Dozentin an der Südwestfälischen Fachhochschule in Hagen und Soest sowie an der Fachhochschule Dortmund. Dort lehrt sie in den Bereichen Rhetorik, Moderation, Wirtschaftsmediation und interkulturelle Mediation.
Aufbau
Neben einer Einleitung in das Thema kann das Buch in sechs Kapitel untergliedert werden.
- Im ersten Kapitel (S. 1-10) wird das klassische Mediationsverfahren mit seinen Aufgaben und Zielen sowie die Rolle der Mediator*innen vorgestellt.
- Der daran anschließende zentrale Abschnitt der vorliegenden Arbeit (S. 11-73) befasst sich mit der Spezifik einer ,Interkulturellen Mediation´. Hier arbeitet die Autorin in Abgrenzung zum klassischen Mediationsverfahren und nach einer Einführung in die Begrifflichkeiten von Kultur und Interkulturalität die mit einer ,Interkulturellen Mediation´ einhergehenden kulturellen Strukturmerkmale sowie deren Auswirkungen auf die Mediation heraus.
- Im dritten Kapitel (S. 74-88) widmet sich Schönenberg-Zickerick der Frage, inwiefern im Rahmen einer ,Interkulturellen Mediation´ die klassischen mediativen Kommunikationstechniken und das Rollenverständnis der Mediator*innen auf die hier anzutreffenden spezifischen Herausforderungen angepasst werden müssen.
- Darauf aufbauend skizziert die Autorin im vierten Abschnitt (S. 89-97) fünf Komponenten, die sie für eine erfolgreiche ,Interkulturelle Mediation´ als grundlegend ansieht.
- Nach einer Definition ihres Globalisierungsverständnisses weist Schönenberg-Zickerick im fünften Kapitel (S. 98-102) der ,Interkulturellen Mediation´ eine spezifische Rolle in einer globalisierten Welt zu.
- Abgerundet wird die Arbeit mit dem sechsten Kapitel (S. 103-107), in dem ein Fazit und ein möglicher Ausblick angeboten wird. Dabei geht die Autorin auch auf mögliche Weiterentwicklungen der Perspektiven einer ,Interkulturellen Mediation´ ein.
Inhalt
Der Gegenstand des ersten Kapitels besteht in einer Beschreibung und Definition des klassischen Mediationsverfahrens, um dergestalt eine Grundlage für die Herausarbeitung der Unterschiede gegenüber einer ,Interkulturellen Mediation´ zu entwickeln (S. 1). So hält Schönenberg-Zickerick fest, dass im Gegensatz zu einem Gerichtsverfahren das Ziel einer Mediation auf einer zukunftsorientierten Konfliktbearbeitung beruht, die im Rahmen eines freiwilligen Verfahrens durch die Prozessgestaltung einer dritten und ,neutralen´ Person zu einer für alle Konfliktparteien zufriedenstellenden und nachhaltigen Lösung des Konfliktes führt. Daran anschließend stellt die Autorin das klassische Phasenmodell einer Mediation vor, das in ihrer Version aus sechs aufeinander folgenden Schritten der Konfliktbearbeitung besteht. Die Rolle der Mediator*innen wird dabei auf die Kompetenzen dieser dritten Person zentriert, die „einen Prozess einleitet, anleitet und ihn steuert, ohne ,selbst´ aktiv zu werden“ (S. 4). Eine gelingende Umsetzung solch einer mediativen Kompetenz wird durch die Grundprinzipien einer Mediation abgesichert, welche die Autorin in der Neutralität bzw. Allparteilichkeit der Mediator*innen, der Freiwilligkeit und Vertraulichkeit des Verfahrens sowie der Selbstverantwortlichkeit und der Informiertheit der Konfliktparteien verortet (S. 4ff). Demnach kann die Aufgabe der Mediator*innen auch als die Unterstützung der Konfliktparteien bei ihrer Lösungssuche beschrieben werden, indem sie einen vertraulichen Verhandlungsrahmen bereitstellen sowie durch verschiedene kreative und kommunikative Techniken eine konstruktive Kommunikation zwischen den Mediand*innen gewährleisten (S. 6ff). Als eine Überleitung zum nächsten Kapitel konstatiert Schönenberg-Zickerick schlussfolgernd, dass „die Grundprinzipien der Mediation und die Rolle sowie die Aufgaben des Mediators eher für westlich/europäische Kulturen ausgelegt sind“ (S. 10). Auch wenn derzeit keine allgemeingültige Definition einer ,Interkulturellen Mediation´ anzutreffen ist, besteht für die Autorin der zentraler Unterschied dieser besonderen Variante einer Mediation zu der vorher dargestellten klassischen Konzeption darin, dass nicht ohne weiteres von gemeinsam geteilten kulturellen Wertorientierungen der Konfliktparteien ausgegangen werden kann. So resultieren aus den kulturellen Differenzen der Mediand*innen spezifische Herausforderungen für die Konfliktbearbeitung, so dass das Verfahren insgesamt weitaus komplexer wird (S. 11).
Mit dieser grundlegenden Annahme beschäftigt sich nun der zweite Abschnitt der Arbeit. Hierzu wird zunächst auf die zentrale Relevanz einer ,Interkulturellen Kompetenz´ für die Mediator*innen eingegangen (S.11ff), um sich dann der Klärung von bestimmten Begrifflichkeiten zuzuwenden. Neben einer Beschreibung des Verständnisses der Autorin von Kultur und Interkulturalität (S. 15ff) fokussieren sich diese Klärungen vor allem auf verschiedene Aspekte zwischenmenschlicher Kommunikation (S. 19-34) und auf die Differenzierung verschiedener Konfliktformen (S. 34-39). Darüber hinaus skizziert Schönenberg-Zickerick im Folgenden die Auswirkungen kultureller Strukturmerkmale im Rahmen einer ,Interkulturellen Mediation´. Diese Strukturmerkmale werden dabei anhand der Aspekte einer durch Macht und Hierarchie geprägten Gesellschaft, Stereotype und Vorurteile, der Faktor Zeit, Aberglaube, kulturelle Wertorientierungen, verschiedene Menschenbilder sowie der Kulturdimensionen Individualismus versus Kollektivismus und Machtdistanz bzw. Langzeitorientierung ausgeführt (S. 39-53). Die dieses Kapitel abschließende Passage widmet sich vier Möglichkeiten der Unterscheidung und des Vergleichs von Kulturen (S. 53-73). Hierzu stellt die Autorin die Modelle von Geert Hofstede, Richard D. Lewis, Fons Trompenaars und Edward T. Hall vor.
Aufgrund der Annahme der Autorin, dass „die meisten Techniken der Mediation eher westlich ausgelegt sind“ (S. 74), beschäftigt sie sich im dritten Kapitel mit der Frage, inwiefern diese und das Rollenverständnis der Mediator*innen auf die vermeintlichen Gegebenheiten einer ,Interkulturellen Mediation´ anzupassen sind und welche Gefahren ihre unveränderte Anwendung in sich birgt. Hierzu geht Schönenberg-Zickerick auf den kontrollierten Dialog, verschiedene Fragetechniken und unterschiedliche Mediationstechniken ein, wie z.B. das Refraiming, das Spiegeln, das Aktive Zuhören, die Gewaltfreie Kommunikation, Empathie und die Herstellung eines Perspektivwechsels (S. 75-88).
Das vierte Kapitel beschäftigt sich darauf aufbauend mit den für die Autorin zentralen fünf Komponenten einer erfolgreichen ,Interkulturellen Mediation´. Diese verortet sie in den Aspekten der Person der Mediator*innen, die spezifische mediative Situation, den Mediationsprozess, das Ergebnis der Konfliktbearbeitung sowie die prozedurale und distributive Fairness der Mediation (S. 89-97).
Im fünften Kapitel schneidet Schönenberg-Zickerick kurz ihr Verständnis der Prozesse der Globalisierung an, also die starke Zunahme an weltweiten Beziehung durch den technischen Fortschritt, die enorme Ausdehnung an Kommunikationstechnologien sowie globale Fusionen in den Bereichen von Kultur, Politik und Wirtschaft (S. 98). Da der ,interkulturelle´ Austausch aufgrund dieser Prozesse fast alltäglich geworden ist und in Zukunft noch weiter zunehmen wird (S. 100), scheinen kulturelle Missverständnisse in den Begegnungen von Menschen mit kulturellen Differenzen vorprogrammiert zu sein (S. 101). Laut der Autorin kommt nun in diesem Zusammenhang der ,Interkulturellen Mediation´ die herausragende Rolle zu, „Menschen unterschiedlicher Herkunft in einen konstruktiven Umgang miteinander zu bringen“, so dass dieser Form der Mediation mit einer „Förderung grenzüberschreitender Vergemeinschaftung“ (S. 101) einhergehen kann.
Abgeschlossen wird die vorliegende Arbeit im sechsten Kapitel durch ein Plädoyer dafür, die Weiterentwicklung der ,Interkulturellen Mediation´ weiterhin verstärkt im Blick zu behalten, wie sich dies z.B. in Form einer besonderen Ausbildung für Mediator*innen niederschlagen könnte (S. 104). Als Fazit und Ausblick steht für Schönenberg-Zickerick fest, dass das Verfahren der ,Interkulturellen Mediation´ „ein erstklassiges Instrument“ (S. 106) dafür darstellt, sich mit den Herausforderungen von Globalisierung und ,interkulturellen Begegnungen´ auseinanderzusetzen. Außerdem unterstreicht sie noch einmal die zentrale Relevanz einer ,Interkulturellen Kompetenz´ der Mediator*innen für das Gelingen solcher Aushandlungsprozesse.
Diskussion
Die vorgelegte Arbeit bietet einen schnellen Überblick über das sozial konstruierte Phänomen einer ,Interkulturellen Mediation´. Jedoch sind meiner Einschätzung nach an genau dieser Stelle auch auf Leerstellen der Arbeit von Schönenberg-Zickerick hinzuweisen. So lässt sich das hier rezensierte Buch auch als ein weiterer Beitrag im Rahmen der kanonisierten und kanonisierenden Mediationsliteratur (vgl. Kriegel-Schmidt 2012: 25) verstehen, der seinen Schwerpunkt eher auf die Wiederholung bereits mehrfach formulierter Annahmen und Konzeptionen legt, anstatt diese kritisch zu analysieren und weiterführende Fragen an ihnen anzubringen. Hinsichtlich der gerade sich um eine Etablierung bemühenden Mediationsforschung kann festgehalten werden, dass sich der Diskurs um eine ,Interkulturelle Mediation´ „in einer Phase des Plädierens, des Propagierens und des Aufforderns zu weiterer Forschung“ (Busch 2005: 20) befindet, was auch durch diese neu vorgelegte Arbeit nicht grundlegend verschoben wird. Auch wenn die Autorin sich auf einen dynamischen Kulturbegriff bezieht und immer wieder auf die Gefahr von machtgestützten Kulturalisierungen aufmerksam machen möchte, re*produziert sie meiner Meinung nach jedoch in ihren praxisrelevanten Ausführungen genau diese Prozesse eines fremd- und differentmachenden otherings, wodurch kulturelle Differenzen als fixiert und klar zuweisbar erscheinen. So tummeln sich in der Arbeit eine Vielzahl an verkollektivierten ,National- und Regionalkulturen´, die mit vermeintlich intrinsischen Eigenschaften dargestellt werden und deren kulturelle Differenzen somit von zentraler Relevanz für eine kultursensible Konfliktbearbeitung angegeben werden. Als Begründung für diese Konstruktion einer ,Interkulturellen Mediation´ verweist die Autorin auf die scheinbar empirisch fundierten und universalistischen Theorien von vergleichbaren Kulturdimensionen, wie sie in der Mediationsliteratur sehr oft anzutreffen sind. Eine tiefergehende Auseinandersetzung mit den diesen Theorien zugrunde liegenden Prämissen und der mit ihnen einhergehenden spezifischen Wissensformationen, die in gesellschaftliche Dominanzverhältnisse eingeschrieben sind, erfolgt jedoch nicht. Dies trifft auch für die Ausführungen der Autorin zu den Grundannahmen der Mediation, den Aufgaben und Kompetenzen der Mediator*innen sowie den daraus abgeleiteten Herausforderungen einer ,Interkulturellen Mediation´ zu.
Fazit
Die praxisorientiert angelegte Masterarbeit von Elke Schönenberg-Zickerick bietet eine leicht zu lesende und verständlich geschriebene Einführung in den gegenwärtigen deutschsprachigen Diskurs einer ,Interkulturellen Mediation´ an. Dabei beschäftigt sie sich mit den häufig in der einschlägigen Mediationsliteratur anzutreffenden Fragestellungen, Thematisierungen und Erklärungszusammenhängen, so dass die Leser*innen insgesamt einen schnellen Überblick über das sozial konstruierte Phänomen einer ,Interkulturellen Mediation´ erlangen können. Zu wünschen wäre es jedoch auch gewesen, dass die Autorin diese hegemoniale Konstruktion problematisiert und auf ihre machtgestützten Effekte hin befragt. Aufgrund dieser Auslassung wird in Hinsicht auf eine differenz- und dominanzsensible Mediation der Nutzen dieser Arbeit daher stark eingeschränkt.
Literatur
- Busch, Dominic (2005): Interkulturelle Mediation. Eine theoretische Grundlegung triadischer Konfliktbearbeitung in interkulturell bedingten Kontexten. Frankfurt am Main: Peter Lang.
- Kriegel-Schmidt, Katharina (2012): Interkulturelle Mediation. Plädoyer für ein Perspektiven-reflexives Modell. Münster: Lit Verlag.
Rezension von
Gerd Schmitt
Doktorand an der Universität Oldenburg im Fachbereich Erziehungswissenschaften bei Prof. Dr. Paul Mecheril
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