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Renate-Berenike Schmidt, Michael Schetsche (Hrsg.): Körperkontakt. Interdisziplinäre Erkundungen

Rezensiert von Dr. Kirsten Oleimeulen, 30.12.2013

Cover Renate-Berenike Schmidt, Michael Schetsche (Hrsg.): Körperkontakt. Interdisziplinäre Erkundungen ISBN 978-3-8379-2119-9

Renate-Berenike Schmidt, Michael Schetsche (Hrsg.): Körperkontakt. Interdisziplinäre Erkundungen. Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG (Gießen) 2012. 335 Seiten. ISBN 978-3-8379-2119-9. D: 34,90 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 47,90 sFr.
Reihe: Edition psychosozial
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Körperkontakt

Körperkontakt bezeichnet die aktive oder passive Berührung des eigenen oder fremden Körpers. Die Haut wirkt als taktiles Organ nicht nur körperlich, sondern auch durch Erleben und Reaktion auf das Wachstum und die Entwicklung des gesamten Wesens ein. Physischer Körperkontakt ist aber auch über das gesamte Leben hinweg sehr wichtig, denn positive Berührungen stimulieren bestimmte Rezeptoren unter der Haut, senken die Herzfrequenz, Verlangsamen die Atmung und bewirken eine Abnahme von Stresshormonen, sowie eine Stärkung des Immunsystems. Mit anderen Worten: Berührungen helfen, dem Körper gesund zu bleiben.

Genetisch-programmierte Regulationsmechanismen des Körperkontaktes

Kinder sind schon sehr früh in der Lage durch ihre Körpersprache Unwillen oder Abscheu zum Ausdruck zu bringen. Soziale Bindungssignale, wie Lächeln werden durch Nachahmung erlernt. „Abscheusignale“ dagegen sind bereits genetisch veranlagt und versetzen schon Säuglinge in die Lage beispielsweise unerwünschte Berührungen abzulehnen. Schon Säuglinge können entscheiden, wann der Körperkontakt mit einer bestimmten Person unerwünscht ist und es durch ihre Körpersprache ausdrücken, indem sie sich wegdrehen, weinen oder schreien. Diese Körpersprache ist außerordentlich wichtig, da sie das einzige Mittel von Säuglingen und Kleinkindern ist, das Verhalten der körperlich und geistig überlegenen Erwachsenen zu beeinflussen und zu steuern.

Herausgeberin und Herausgeber

Renate-Berenike Schmidt studierte an der FU Berlin Erziehungswissenschaft mit anschließender Dissertation in Bremen zum Thema „Sexualität in Biologiebüchern“. Auch in ihrer Habilitationsschrift „Lebensthema Sexualität“ beschäftigte sie sich mit diesem Forschungsbereich. Aktuell lebt und arbeitet Renate-Berenike Schmidt in Freiburg im Breisgau in den Arbeitsgebieten Sexualpädagogik, Sozialisationsforschung und pädagogische Ethik.

Priv.-Doz. Dr. Michael Schetsche (Hg.) studierte Politikwissenschaft an der FU Berlin mit anschließender Promotion zum Dr. rer. pol. (Universität Bremen). Es folgte eine Stelle als Privatdozent zunächst am Institut für Soziologie der Universität Bremen, dann am Institut für Soziologie der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg. Seit 1. 5. 2002 ist Michael Schetsche Abteilungsleiter am IGPP mit dem Arbeitsgebiete Wissens- und Mediensoziologie, Soziologie sozialer Probleme und Anomalien, qualitative Prognostik.

Aufbau

Das Buch „Körperkontakte – Interdisziplinäre Erkundungen“ setzt sich neben der Einleitung aus vier Kapiteln zusammen

Einleitung

(Renate-Berenike Schmidt & Michael Schetsche) Im Zentrum der Einleitung stehen neben der Gegenstandsbestimmung, jene Themen, deren Behandlung sich die/der Herausgeber/-in diesem Buch gewünscht hätten, die aber fehlen. Die verbalisierten Ursachen dafür sind, dass keine Autoren/-innen gewonnen werden konnten oder dass gewonnene Autoren/-innen, ihre bereits begonnenen Beiträge noch abgesagt haben. Die Themen, die in dieser ersten Ausgabe des Buches fehlen sind:

  • Die Psychologische Dialektik des Körperkontaktes: Grenzen und ihre Überschreitung
  • Deutung und Normierung des Körperkontaktes im interkulturellen Vergleich
  • Der Kontakt zum eigenen Körper
  • Körperkontakte im (Kampf-)Sport
  • Psychische Störungen im Hinblick auf Körperkontakte
  • Vom Schwert zum Rohrstock – Berührungen oder (unmittelbaren) Körperkontakt
  • Erste und letzte Intimität: Körperkontakte als Begrüßung und Abschied

I. Grundlagen

Das Sinnessystem Haut und sein Beitrag zur Körper-Grenzenerfahrung (Martin Grundwald). Mit dem Abriss der biosensorischen Welt unserer Körperhaut wird in diesem Kapitel deutlich, dass das größte Körperorgan mit ca. 2m² Fläche des Menschen gleichzeitig auch ein gigantisches Sensorsystem darstellt, das uns in die Lage versetzt, sowohl Körperberührungen als auch Körpereigenbewegungen als solche wahrzunehmen. Selbstberührungen werden erst dann zu Selbstberührungen im neurophysiologischen Sinne, wenn sie spontan ausgeführt werden.

Ich werde berührt, ich berühre. Körperkontakte aus bewegungswissenschaftlicher Sicht (Rainer Wollny). Die Bewegungswissenschaft ordnet im Rahmen der interdisziplinären Erforschung des Körperkontaktes zwischen zwei Menschen auf der Theorie- und der Problemebene die unterschiedlichen koordinationstheoretischen Konzepte und die neurophysiologischen, kybernetischen, motorischen sowie psychologischen Kenntnisse über die menschliche Bewegungskontrolle in einen größeren Zusammenhang ein.

Soziologie der Berührungen und des Körperkontaktes (Matthias Riedel). Der vorliegende Text versteht sic hals programmatischer Entwurf für eine neu zu schaffende Soziologie der Berührungen und des Körperkontaktes. Die auf dem argumentativen Weg dorthin zu klärenden Fragen dienen zugleich auch der Strukturierung des Textes. Als Einstieg in die ungewöhnliche Thematik soll ein detaillierter Blick auf die bisherige öffentliche Thematisierung des zwischenmenschlichen Körperkontaktes dienen.

II. Psychische Funktionen und soziale Bedeutungen

Die Bedeutung von Körperkontakten im Verlauf der Kindheit (Christia Wanzeck-Sielert). Kinder entwickeln ihr Selbstkonzept insbesondere über ihren Körper, ihre Körperkontakte und ihre Bewegungen. Körperliche Fähigkeiten und Geschicklichkeit haben einen positiven Einfluss auf das Selbstbild und das Selbstwertgefühl. Unsicherheiten und Ängstlichkeiten im Umgang mit dem Körper wirken sich dementsprechend negativ auf das Selbstkonzept aus.

Körperkontakt bei Heranwachsenden (Gerd Stecklina). Seitens der Forschung wird den körperlichen Veränderungen und der psychosexuellen Entwicklung von Heranwachsenden viel Aufmerksamkeit beigemessen, da diese mit Selbstwertverlust, fehlender Orientierung, Normalisierungsbemühungen und Abgrenzung von der Erwachsenenwelt einhergehen. Bestimmt wird diese Lebensphase zugleich von erotischsexuellen Gefühlen und der Aufnahme erster Sexualkontakte. Körperkontakte zu sich selbst und anderen Personen können einen Beitrag leisten, um die vor den Heranwachsenden liegenden Entwicklungsaufgaben zu bewältigen, und als Sinnressource fungieren.

Körperkontakte in pädagogischen Kontexten (Uwe Sielert & Renate-Berenike Schmidt). In vielen pädagogischen Kontexten ist Körperkontakt mehr oder weniger unvermeidbar. Weder für Pädagogen/-innen noch für Kinder und Jugendliche sind das Erleben und die Wirkung solcher Berührungen immer eindeutig vorhersehbar. Fachkräfte müssen also grundsätzlich mit Achtsamkeit und ohne Überschreitung ihres Auftrags und ihrer professionellen Kompetenz in körpernahen Arbeitssituationen agieren. Die wichtigsten Rahmenbedingungen hierfür sind Rollenklarheit, Transparenz und Metakommunikation.

Körperkontakt im Alter (Elke Mahnke & Uwe Sielert). Auf der Basis einer Befragung von älteren Frauen und Männern im Rahmen des „Kontakt-Studiums nach Beruf und Familie“ der Christian-Alberts-Universität zu Kiel, kann eine selbstbewusste Gestaltung der Lebensbewältigung im Prozess des Alterns gelingen, wenn in jedem Fall ausreichende körperliche Kontakte und das subjektive Körperkontaktempfinden als wesentliche Ressource vorhanden sind.

III. Heilsame Körperkontakte

Bedeutung von Berührungen und Körperkontakte für das Arbeitshandeln von Therapeuten und Therapeutinnen in somatisch orientierten Therapien (Annette Probst). In diesem Beitrag sollen die mit den zentralen Dimensionen Körper, Körperkontakt und Geschlecht verknüpften Besonderheiten des physiotherapeutischen Behandlungsprozesses aufgezeigt werden. Der angerissene, theoretische Bezugsrahmen umfasst dabei interaktions- und konstruktionstheoretische sowie phänomenologische Ansätze.

Die bewegten Leibkörper in Pflegesituationen. Körperkontakte pflegeberuflichen Handelns (Ulrike Böhnke). Im diesem Beitrag konnte die Vielfalt der pflegeberuflichen Körperkontakte entfaltet werden. Über eine kontrastive Darstellung wurde das Spektrum von sinnvollen, gewollten und grenzüberschreitenden Körperbewegungen und -kontakten dargelegt. Hervorzuheben ist, dass das leibkörperbezogene Spurenlesen, das immer ein Suchen, Finden, Rekonstruieren und Konstruieren der lebensgeschichtlich geprägten Spuren erfordert, eine zentrale Voraussetzung für gelingende pflegeberufliche Körperkontakte ist.

Psychotherapie und Körperkontakt (Tilmann Moser). Die klassische Psychoanalyse hat Körperkontakt bekanntlicherweise untersagt. Berührungen bedeuten Sexualisierung und damit auch Missbrauch des Patienten für die eigenen Bedürfnisse des Analytikers. Darüber hinaus schneide er den Patienten vom Reichtum seiner unbewussten Fantasien ab und die seien ja der eigentliche Stoff der tiefenpsychologischen Aspekte. Stimmiger Körperkontakt ist allerdings ein elementares Bedürfnis des Menschen. Ist er in der Kindheit missglückt, beschädigt durch mangelnde Empathie, durch Gewalt oder erotischen Missbrauch, dann darf er in kundiger Form auch angewandt werden, um frühe Schäden zu mildern und verloren gegangene Lebensfreude zu fördern.

Körperkontakt zwischen Menschen und Tier (Alexandra Stupperich). In der zwischenmenschlichen Interaktion gibt es nur wenige Bereiche, in denen Körperlichkeit so tabulos gelebt werden kann, wie in der Mensch-Tier-Interaktion. Die Besonderheit am tiergestützten Körperkontakt ist, dass er als ein unbelasteter Modellversuch gesehen werden kann, in dem alte Verhaltensmuster geprüft und neue ausprobiert werden kann. Häufig unterschätzt werden die gesundheitlichen Effekte des Tierkontaktes. Haustierbesitzer waren weniger häufig beim Arzt und klagten weniger über gesundheitliche Probleme, da positiv erlebter Körperkontakt ein essenzielles menschliches Bedürfnis ist.

IV. Sinn und Sinnlichkeit

Soziale Welten ohne Berührungen. Zum sozialen Potenzial mediatisierter Spielwelten (Jeffrey Wimmer). Die in der Literatur meist negativ bewertete Entkörperlichung der menschlichen Erfahrung in Computerspielwelten kann empirisch nicht bestätigt werden. Vielmehr konnte erarbeitet werden, dass der Körper der Spieler bei deren Immersion in Computerspielwelten stets intensiv beansprucht wird. Dies reicht von positiven Trainingseffekten bzw. Kompetenzerwerb, wie z.B. der Steigerung von sensomotorischen Fähigkeiten, Reaktion oder Hand-Augen-Koordination, bis hin zu den in den Medien gerne zitierten Fällen von begleitenden physischen wie psychischen Mangelerscheinungen exzessiver Computerspieler.

Kommunikation durch Berührung. Die Welt taubblinder Menschen (Traute Becker & Gudrun Lemke-Werner). Schwerpunkt dieses Aufsatzes sind Kommunikationssysteme, bei denen taktil-kinästhetische Sinne eingesetzt und die Hände zu Informationsträgern werden. Dazu gibt es ein ausführliches Beispiel eines von Geburt an taubblinden Mädchens und dem Aufbau ihrer Kommunikationskompetenz.

Erotische Berührungen. Eine (mikro-)soziologische Annäherung (Michael Schetsche). Erotische Berührungen sind das, was die Beteiligen darunter verstehen. Ob eine Berührung als erotisch gelesen wird oder nicht, ist also in hohem Maße von den angewendeten sozialen Deutungsmustern und ihren Situationsdefinitionen abhängig. Dies erklärt, wie es im Alltag überhaupt zu übereinstimmenden Wahrnehmungen einer Berührung kommen kann. Die Beteiligten interpretieren sie auf Basis gemeinsam geteilter Deutungsmuster.

Körperkontakt im Tanz. Ästhetische Betrachtungen seiner Artikulation (Sabine Huschka). Der Tanz erarbeitet Weisen und Formen des Sich-Bewegens als wahrgenommene und wahrnehmbare Wahrnehmungskonstellationen. Auf den eigenen Körper gerichtet, organisieren sich Bewegen und Wahrnehmen im Blickfeld anderer und konstellieren Kontaktweisen mit der eigenen Beweglichkeit, um alles drei zu gewinnen – sich, den anderen und eine wirkende Beweglichkeit.

Zielgruppe

Das Buch richtet sich an ein wissenschaftlich interessiertes Fachpublikum.

Fazit

Das Buch „Körperkontakt. Interdisziplinäre Erkundungen“ ist eine Überblicksdarstellung auf höchstem wissenschaftlichen Niveau. Die/der Herausgeber/-in reflektiert sich und seine/ihre Arbeit selbstkritisch, in dem es fehlende und nicht eingereichte Beiträge hervorhebt und bespricht. Der rote Faden der verschiedenen Aufsätze ist der menschliche Körperkontakt. Allen Beiträgen gemeinsam ist, dass sie das Potential und den enormen Wirkfaktor körperlicher Kontakte vor dem Hintergrund verschiedenster Perspektiven kaleidoskopartig aufspannen. Es hinterlässt beim Lesenden weniger konkrete Handlungsabsichten für den Arbeitsalltag, als ein grundsätzliches Gefühl der Bedeutung von Körperkontakten. Einziges Manko dieses Buches, ist das Titelbild, dass typische Assoziationen zum Titel weckt und der interdisziplinären Erkundung im Untertitel nicht annähern gerecht wird.

Rezension von
Dr. Kirsten Oleimeulen
Psychologin – Familienberaterin, akkreditierte Psychologin für Gesundheitspsychologie und Prävention (BDP), systemische Familientherapeutin und Supervisorin, online-Beraterin
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Es gibt 96 Rezensionen von Kirsten Oleimeulen.

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Zitiervorschlag
Kirsten Oleimeulen. Rezension vom 30.12.2013 zu: Renate-Berenike Schmidt, Michael Schetsche (Hrsg.): Körperkontakt. Interdisziplinäre Erkundungen. Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG (Gießen) 2012. ISBN 978-3-8379-2119-9. Reihe: Edition psychosozial. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15648.php, Datum des Zugriffs 18.05.2022.


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