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Peter Sehrbrock, Andrea Erdélyi u.a. (Hrsg.): Internationale und vergleichende Heil- und Sonderpädagogik und Inklusion

Cover Peter Sehrbrock, Andrea Erdélyi, Sina Gand (Hrsg.): Internationale und vergleichende Heil- und Sonderpädagogik und Inklusion. Individualität und Gemeinschaft als Prinzipien einer Internationalen Heil- und Sonderpädagogik. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2013. 199 Seiten. ISBN 978-3-7815-1944-2. D: 18,90 EUR, A: 19,50 EUR, CH: 27,50 sFr.
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Thema

Seine höchstpersönliche Einzigartigkeit, d. h. seine Individualität, unterscheidet den Menschen von anderen. Das Individuum lebt mit anderen Individuen in Gemeinschaften der Gesellschaft, die einem ständigen Wandel im jeweiligen historischen und kulturellen Kontext unterworfen ist. Diese beiden gesellschaftlichen Grundelemente – Individualität und Gemeinschaft – werden aus heil- und sonderpädagogischer Perspektive theoretisch und in ihrer praktischen Relevanz „weltweit“ analysiert und dargestellt, und zwar akzentuiert im Hinblick auf die seit den 1970-er Jahren diskutierte Integration von Menschen mit Behinderungen und der dann ab 2009 rechtlich geforderten Inklusion von Menschen mit Behinderungen nicht nur in der Schule, sondern generell auch in anderen Lebens- und Altersbereichen. Vielfalt entwickelt sich zur neuen Normalität in der Gesellschaft.

Herausgeberteam

sind Dr. phil. Dipl.-Päd. Peter M. Sehrbrock und Prof. Dr. Andrea Erdèlyi, beide nach Angaben im Internet an der Universität Oldenburg tätig, sowie Sina Gand, deren aktueller Tätigkeits- und persönlicher Qualifikationsbereich nicht eindeutig recherchierbar sind, da solche Angaben im Buch leider fehlen. Auf die namentliche Angabe der ca. 35 Autorinnen und Autoren wird hier verzichtet.

Entstehungshintergrund

ist gemäß Vorwort (S. 9) ein Symposium zur internationalen Heil- und Sonderpädagogik an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg vom 28. bis 29. September 2011 unter dem hier als Untertitel des Buches angegebenen Thema. „Diese beiden Eckpfeiler – Individualität einerseits und Gemeinschaft andererseits – wurden im Spiegel der aktuellen Inklusionsdebatte von vielen Seiten beleuchtet und diskutiert.“

Aufbau

Im Vorwort des Buches wird ein kurzer Überblick über die 22 Beiträge gegeben, die in drei Teilen zusammengefasst sind, deren Überschriften nur im vorangestellten Inhaltsverzeichnis (5 ff.) benannt werden (nicht im laufenden Text).

Teil 1 (12 ff.) enthält sieben Beiträge zu: „Aktuelle Fragen zur Inklusion und Diversity im internationalen Kontext.“

Teil 2 (76 ff.) besteht aus sieben Beiträgen zu: „Aktuelle Entwicklungen in der Ausbildung von Fachleuten im internationalen Kontext.“

Teil 3 (130 ff.) umfasst acht Beiträge zu: „Aktuelle Entwicklungen in ausgewählten Ländern“ von Autoren, die teils selbst aus diesem Land kommen oder teils längere Zeit in dem beschriebenen Land waren, „so dass dem Leser hiermit eine Nahaufnahme präsentiert wird“ (10).

Ein Autorenverzeichnis und ein Sachregister fehlen leider in diesem Buch.

Inhalt

Im ersten Teil geht es im ersten Beitrag „Inklusion und Diversity – Zwei Seiten der gleichen Medaille?“ darum, unter Rückgriff auf breite aktuelle Literatur „aus der Diversity-Diskussion Anregungen insbesondere für den Bereich Bildung und Erziehung zu formulieren“ (13).

Danach (22 ff.) werden „Einblicke in die Rolle von Individualität im Schulalltag von Kindern mit Behinderungen in Asien“ am Beispiel Thailands gegeben, und zwar unter diesem Motto: „Die Norm als Ziel – Inklusion als Barriere?!“

In einem europäischen „Quali-TYDES Projekt“ erfolgt im Kontext der Lebenslaufsoziologie mit Vertretern aus Irland, Spanien, Österreich und der Tschechischen Republik „Forschung zum Einfluss von Policies und Gesetzen auf das Leben von Menschen mit Behinderung“ (30 ff.), exemplifiziert an der bisherigen Feldarbeit in Österreich; ein Ergebnis: „Die Institution der Sonderschule stattete ihre Schüler/innen letztlich nicht mit den für den Arbeitsmarkt relevanten Fähigkeiten aus“ (36).

Eine Untersuchung von Daten des elektronischen Archivs der Weltbank zur Behinderung führte im Rahmen der internationalen Sonderpädagogik u. a. zur Erkenntnis, „dass in einer globalisierten, kapitalistischen Gesellschaft Probleme nicht mehr alleine auf nationaler Ebene gelöst werden können“ (38).

Der erstgenannte Herausgeber untersucht in seinem interessanten Beitrag (48 ff.) „Gemeinschaft und Individuum in der Schwarzafrikanischen Ethik nach Bénézet Bujo unter besonderer Berücksichtigung von Menschen mit Behinderung“.

Über „Inclusive Volunteering – Möglichkeiten und Chancen des persönlichen Engagements von Menschen mit Behinderung im internationalen Kontext am Beispiel des ASA-Programms“ (einem entwicklungspolitischem Bildungsprogramm „Arbeits- und Studienaufenthalte im Ausland“) – 1960 von Studierenden gegründet – für jährlich ca. 240 Stipendiaten in einer entwicklungspolitischen Organisation in Afrika, Asien, Lateinamerika oder Südosteuropa wird im 6. Beitrag kurz berichtet (61 ff.).

„Parental Alienation Syndrome als Forschungsgegenstand der Heil- und Sonderpädagogik im internationalen Vergleich“ (68 ff.) führen im letzten Beitrag des ersten Teils des Buches zur Erkenntnis, dass diesbezüglich noch viel Forschungsbedarf besteht; zahlreiche Literaturhinweise zeigen den Weg zur Vertiefung des Themas.

Teil 2 des Buches wird begonnen mit dem (8.) Beitrag „Hochschule und Behinderung: BRK in der Groß-Region“ im Grenzraum zwischen Frankreich, Deutschland, Belgien und Luxemburg, „wobei lediglich Luxemburg in toto dazugehört … (zwecks) Harmonisierung der europäischen Hochschulbildung … auch auf der Ebene eines barrierefreien Studiums“ (76); drei Herausforderungen an die Heil- und Sonderpädagogik werden entwickelt (82).

Der nächste Beitrag (85 ff.) ist ein Bericht aus Maryland: „Increacing Pedagogical Application by Teacher Candidates Through the Development of a Literacy Skills Program for Non-English Speaking Families“.

Im dann folgenden Beitrag (92 ff.) wird berichtet über ein interdisziplinär und international angelegtes Projekt aus elf Ländern: „FAPIESE – Ein internationales Kooperationsprojekt zur Verankerung des Fachbereichs ‚Pädagogik bei Krankheit‘ an Universitäten in Lateinamerika“.

Ebenfalls nur die Titelangabe des 11. Beitrages (101 ff.) muss und soll das Interesse zum Nachlesen wecken: „Implementierung des Master-Studienganges ‚Speeck and Language Pathology‘ in Tansania als kultursensibles Projekt – ‚Inclusive Education‘ als Forschungsgegenstand der internationalen und vergleichenden Heil- und Sonderpädagogik“.

„Wege zur Inklusion im Universitätsstudium“ werden von der Tschechischen Republik aufgezeigt (109 ff.).

Auch aus der Tschechischen Republik wird berichtet über „Inklusive Bildung von Universitätsstudent/innen mit einer Beeinträchtigung des Hörens“ (115 ff.).

Von der zweitgrößten (Massaryk-)Universität Tschechiens in Brünn wird berichtet von „Pre-service Teachers´ Attitudes toward Individuals with Disabilities and Inclusion“ (123 ff.).

Der 3. Teil des Buches beginnt mit einem sehr aufschlussreichen Beitrag (in Bezugnahme auf und im Vergleich zu Deutschland): „Vorbild oder Zerrbild? – Außen- und Innenperspektive auf inklusive Bildung in Schweden“ (130 ff.). Ein Resümee: „Kaum ein Schwede käme heutzutage auf den Gedanken, das Schulwesen des Landes als besonders nachahmenswert hervorzuheben“ (139); schwerwiegende Mängel werden bei der sonderpädagogischen Förderung festgestellt (138).

Im nächsten Beitrag (144 ff.) wird ein Blick geworfen auf ein Projekt: „Lebensqualität von Menschen mit hohem und höchstem Unterstützungsbedarf in Österreich und Schweden“ in betreuten Wohnhäusern.

Es folgt ein Beitrag mit dem Titel: „Zur Förderung von kaum- und nichtsprechenden Schülern in schulischen Institutionen – Ausgewählte Ergebnisse zu Bedarfen und zur Effizienz des Förderkonzeptes der Unterstützten Kommunikation an niedersächsischen Bildungsinstitutionen -„ (153 ff.).

Der Wandel zur schulischen Inklusion erfolgt in Ungarn offenbar deutlich schneller und auf einem höheren Niveau als in Deutschland. Dies ist ein Projekt-Ergebnis von: „Gelingensbedingungen der schulischen Inklusion von Kindern mit Roma-Hintergrund in Ungarn – Ergebnisse eines Lehr-Forschungs-Projekts der Universitäten Bielefeld und Szent István Jászbérény“ (163 ff.).

Es folgt die Darstellung von „Some aspects of inclusive education in conditions of Czech education“ (171 ff.).

Über ein weiteres Forschungsprojekt in der Tschechischen Republik wird im nächsten Beitrag berichtet: “Special needs of pupils in the context of the framework education programme for basic education“ (179 ff.).

„Zur Bedeutung von Individuum und Gemeinschaft in einer fremden Kultur am Beispiel Bildung für Kinder mit Behinderung“ in Äthiopien wird danach berichtet (184 ff.).

Der letzte Beitrag ist betitelt: „Individuelle und gesellschaftliche Relevanz der Vermittlung von Alltagsfertigkeiten in inklusiven Schulen – Beispiele aus Bolivien und Thailand“ (192 ff.).

Diskussion

  1. Die Fachöffentlichkeit wird bei der Lektüre dieses Buches mehr oder weniger nach weiteren Informationen zu interessierenden Themenaspekten suchen, die zur fundierten Urteilsfindung notwendig sind. Hat diese Tagung, über die in diesem Buch berichtet wird, nicht zu Ergebnissen oder Schlussfolgerungen geführt, über die auch hätte berichtet werden können?!
  2. Aus bzw. über 15 Staaten dieser Erde wird zum Thema dieses Buches berichtet. Interessant wäre eine Information, wie diese „Auswahl“ erfolgte und warum namhafte große Staaten auf diesem Symposium nicht vertreten waren.
  3. Im 8. Beitrag wird u. a. mit Nachdruck darauf hingewiesen, „dass ein inklusiver Ansatz kaum nachhaltig theoretisch vermittelt werden könne, wenn er nicht auch an Universitäten erlebt und gelebt werde“ (81). Die in der Heil- und Sonderpädagogik gewonnenen Erkenntnisse und Erfahrungen „auf dem Weg zu einer inklusiven Hochschulpädagogik“ sollten generell aufgegriffen und genutzt werden!?

Fazit

Ein interessantes und anregendes Buch erwartet die Lesenden nicht nur aus dem Theorie- und Praxisbereich der Heil- und Sonderpädagogik sowie der Sozialen Arbeit, sondern auch anderer Profession, die sich mit dem immer aktueller werdenden Thema der Inklusion beschäftigen und auseinandersetzen wollen oder müssen. Weltweit werden hier Wege aufgezeigt, und zwar nicht nur für den Schul- und Kindergartenbereich, sondern auch für den Bereich der Erwachsenen mit und ohne Behinderung. Wer mehr zu Einzelinformationen aus dem beachtlichen Rund- und Überblick wissen will, findet teils umfangreiche Literaturhinweise in den 22 Beiträgen von ca. 35 Autorinnen und Autoren aus vielen Ländern. Redaktionelle Schwächen sind diesbezüglich nicht hinderlich.


Rezensent
Dipl.-Hdl. Dr. phil. Klaus Halfpap
Ltd. Regierungsschuldirektor a. D.


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Zitiervorschlag
Klaus Halfpap. Rezension vom 08.01.2014 zu: Peter Sehrbrock, Andrea Erdélyi, Sina Gand (Hrsg.): Internationale und vergleichende Heil- und Sonderpädagogik und Inklusion. Individualität und Gemeinschaft als Prinzipien einer Internationalen Heil- und Sonderpädagogik. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2013. ISBN 978-3-7815-1944-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15652.php, Datum des Zugriffs 16.09.2019.


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