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Björn Huber: Delinquenz als Schicksal?

Cover Björn Huber: Delinquenz als Schicksal? Zur Stabilität delinquenter Verhaltensmuster vor dem Hintergrund der Kontrolltheorien. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2013. 394 Seiten. ISBN 978-3-8487-0562-7. D: 69,00 EUR, A: 71,00 EUR, CH: 99,00 sFr.
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Thema

Band 1 der neuen Schriftenreihe Kriminalsoziologie im NOMOS Verlag „Delinquenz als Schicksal?“ unterzieht die für die moderne Kriminologie wesentliche Selbstkontrolltheorie von Gottfredson/Hirschi einer kritischen Analyse und entwickelt auf dieser Grundlage aus der Übertragung zweier zentraler Begriffe der Anthropologie Arnold Gehlens auf das Selbstkontrollkonzept das Modell der plastischen Selbstkontrolle. Dieses Modell stellt einen kausalen Zusammenhang zwischen der Stabilität der Lebensbedingungen einer Person und deren Fähigkeit zur Selbstkontrolle her und ist mit den Erkenntnissen der Lebenslaufforschung kompatibel, ohne die empirisch vielfach belegten Kernannahmen der Selbstkontrolltheorie aufzugeben.

Autor

Björn Huber studierte Soziologie und promovierte mit der vorliegenden Publikation.

Die vorliegende Arbeit wurde von der Universität Heidelberg Fakultät Wirtschafts- und Sozialwissenschaften im Fach Soziologie 2012 als Dissertation angenommen und wurde von Prof. Hermann und Prof. Dölling betreut.

Aufbau und Inhalt

Die Dissertation ist in elf Kapitel unterteilt.

Huber führt einleitend in die Age-Crime-Debatte ein, skizziert in fünf Kapiteln die Grundlagen der „General Theory of Crime (GTC)“ und unterzieht diese einer gründlichen Kritik, welche durch Bezugnahme auf empirische Analysen zum Verhältnis zwischen Selbstkontrolle und Delinquenz kontrastiert werden.

In einem weiteren Kapitel stellt der Autor Befunde und Theorien der Lebenslaufforschung vor, welche als zusätzliche Perspektive für die kritische Auseinandersetzung mit der GTC dient. Auf Grundlage dieser Gegenüberstellung fasst Huber seine Kritik an der GTC zusammen und formuliert als weiterentwickelte Perspektive das Konzept der „plastischen Selbstkontrolle“.

Die zentralen Diskussionspunkte der einzelnen Kapitel werden zum Abschluss nochmals zusammen gefasst.

Einführung. Der als „Age-Crime-Debate“ in der Soziologie und Kriminologie bekannte Diskurs greift die von Hirschi und Gottfredson formulierte „General Theory of Crime“ auf. Dieser Erklärungsansatz für kriminelles Verhalten fußt i. W. auf der Vorstellung einer geringen Selbstkontrolle als konstituierender persönlicher Eigenschaft bzw. Persönlichkeitsmerkmal mit geringer Änderungschance, wodurch eine Kontinuität krimineller Karrieren bedingt würde. In der kriminalsoziologischen Diskussion gilt dieser Ansatz als widerlegt. Dem gegenüber stehen empirische Erkenntnisse, wonach es ab dem mittleren Erwachsenenalter zu einer deutlichen Abnahme krimineller Verhaltensweisen kommt und „mit zunehmendem Alter immer flacher wird“ (14). Die auf Grundlage dieser Erkenntnisse gewonnenen Erklärungsansätze (insbesondere bei Sampson und Laub) gehen als „Age Graded Theory of Informal Social Control“ von einem Zusammenhang zwischen Alter und (abnehmender) Kriminalität aus und fokussieren stärker auf die Dynamik delinquenter Verhaltensmuster im Lebenslauf. Huber beschreibt die inhaltliche Auseinandersetzungsgeschichte zwischen diesen beiden Erklärungsansätzen, welche zunächst zu keiner Annäherung oder Weiterentwicklung geführt hatten. Auf dieser Grundlage formuliert er dann die Fragestellung und den Aufbau seiner Arbeit: „Ist das individuelle Delinquenzverhalten aus Sicht der kontrolltheoretischen Perspektive langfristig von Stabilität oder von Dynamik geprägt?“ (23).

Die „General Theory of Crime“. Das Kapitel führt in die Grundannahmen und die Zusammenhänge der General Theory of Crime (GTC) ein. Die Protagonisten der Theorie, Michael Gottfredson und Travis Hirschi sehen als zentralen kriminogenen Faktoren einen Mangel an Selbstkontrolle delinquenter Persönlichkeiten, die nicht in der Lage sind auf Handlungen zu verzichten, die zwar eine kurzfristige Bedürfnisbefriedigung ermöglichen, langfristig allerdings mit negativen Konsequenzen, z. B. Bestrafung verbunden sind. Die Persönlichkeitsvariable „mangelnde Selbstkontrolle“ ist, dem Konzept zufolge, verbunden mit weiteren ungünstigen Merkmalen wie „geringe Ausdauer“, „hoher Egozentrismus“, „instabile soziale Bindungen“, „geringe Intelligenz“, „Bevorzugung physischer gegenüber intellektueller Betätigung“, „geringes Schmerzempfinden“, oder „wenig geplantes Handeln“. Das Auftreten einer geringen Selbstkontrolle sehen die Autoren der GTC im Zusammenhang mit angeborenen, vor allem aber erzieherischen Prozessen, bzw. Versäumnissen.

Theoretische Grundlagen der „General Theory of Crime“. Die GTC fußt im Wesentlichen auf zwei theoretischen Grundlagen: die rational-utilitaristische Handlungstheorie nach Jeremy Bentham und auf die vom Mitbegründer Hirschi bereits Ende der 1960er Jahre formulierte Kontrolltheorie. Bentham legte seiner Handlungstheorie die Annahme zugrunde, dass jedem menschlichen Handeln ein Abwägen zwischen Nutzen und Kosten zugrunde liegt. Menschliche Handlungsentscheidungen streben demnach nach Nutzen und auf der anderen Seite nach Vermeidung von Kosten. Anders formuliert: Handlungen werden in ihrer Auswirkung auf Vor- und Nachteile hin überprüft und, die Handlungsentscheidung erfolgt wenn eine größt mögliche Belohnung bei möglichst geringem Aufwand antizipiert werden kann. Dieses als „klassisches utilitaristisches Menschenbild“ (64) eingeführte Konstrukt geht von einer prinzipiellen Willensfreiheit aus, „d. h. Menschen entscheiden sich nicht nur rational, sondern auch frei, sich legal oder illegal zu verhalten“ (ebd.). Dabei gilt, so dieses Menschenbild, dass Menschen immer in erster Linie an ihre eigenen Interessen denken und entsprechend handeln. „Die Unterordnung der eigenen Interessen unter fremde Interessen ist nicht natürlich oder per se vorgegeben“ (70). Die bereits früher formulierte Kontrolltheorie bezieht sich auf verschiedene Aspekte von Bindung (Attachment/Bindung, Commitment/Verpflichtung, Involvement/Eingebundenheit und Belief/Glauben an Verbindlichkeit) und beschreibt letztlich Prozesse der sozialen Kontrolle, welche abhängig vom Ausprägungsgrad der Bindungsaspekte greift oder unwirksam bleibt.

Die „General Theory of Crime“ in der Literatur. Das Kapitel greift die Rezeptionsgeschichte der GTC auf. Hauptkritikpunkt in der Kriminologie war der tautologische Ansatz des Konzepts: Kriminalität ist -nach Gottfredson und Hirschi- einerseits ein Indikator für eine geringe Selbstkontrolle, gleichzeitig ist eine geringe Selbstkontrolle die Grundlage für kriminelles Verhalten. Andere Kritikpunkte gingen z. B. auch darauf ein, dass z. B. der Aspekt der organisierten Kriminalität nicht mit dem GTC zu begründen sei, das sie weit über das Konzept der Befriedigung kurzfristiger Eigeninteressen hinausgeht, das GTC also zu kurz greife.

Die „General Theory of Crime“ – Analyse und Kritik. Den zentralen Kritikpunkt an der GTC, die Behauptung dass Kriminalität ein stabiler, wenig zu beeinflussender Zustand sei und das Vorliegen empirischer Befunde, die z. B. ein Nachlassen krimineller Handlungen bei zunehmenden Alter belegen, greift Huber in diesem Kapitel auf. Dieses Stabilitätspostulat der GTC steht im krassen Widerspruch zur kriminalsoziologischen Lebenslaufperspektive: hier wird u. a. belegt, dass es im Langzeitverlauf zu dauerhaften Brüchen in delinquenten Biografien, auch in späten Lebensphasen kommt und die vermuteten kriminellen Persönlichkeitsanteile (die für das GTC-Konstrukt von überdauernder Bedeutung sind) kein handlungsleitende Rolle mehr spielen. Mehrfach betont Huber, dass es auf Grundlage dieser Diskussion in der kriminologischen Community zu erbittertem Streit, jenseits des Austauschs von Sachargumenten gekommen war/ist. Der Autor widmet dieser Auseinandersetzung breiten Raum, wozu zentrale Begriffe der GTC, u. a. die Begriffsbedeutung der Selbstkontrolle, deren Elemente, emotionale Anteile und das Zusammenspiel mit sozialen Aspekten hinterfragt werden.

Die „General Theory of Crime“ – Ergebnisse empirischer Analysen. Das GTC beschreibt eine gering ausgeprägte Selbstkontrollfähigkeit krimineller Menschen als zentrales Merkmal. Dieser Aspekt konnte durch eine Vielzahl empirischer Studien belegt werden. Allerdings ist empirisch nicht belegbar – und Huber nennt die dazu relevanten Studien – dass das Persönlichkeitsmerkmal der Selbstkontrolle im Lebenslauf unveränderbar ist. Im Gegenteil: die empirischen Befunde weisen auf eine Veränderung (i. S. einer Besserung) der Selbstkontrollfähigkeit und Kriminalität im Lebenslauf. Dieser Aspekt wird durch (so auch der Titel des 7. Kapitels)

Die Lebenslaufperspektive der Kriminalität belegt. Huber verweist hier auf die lange Befundgeschichte zum Zusammenhang Alter-Kriminalität, der als „age and crime“-Debatte die kriminalsoziologische Geschichte prägte (mit Verweis auf die Arbeiten von Sampson und Laub hierzu). Zentraler Bezugspunkt für die auf Grundlage dieser empirischen Befunde entstandenen Kriminalitätstheorien ist, so Huber, der Anomiegedanke Emile Durckheims: Devianz und Delinquenz entstehen demnach, wenn die Bindungen eines Individuums an die Gesellschaft geschwächt oder aufgelöst sind. Huber ergänzt die Annahmen des Anomiegedankens um Theorien der sozialen Kontrolle (u. a. Albert Reiss). Die Aspekte soziale (externe) Kontrolle und individuelle (interne) Kontrolle hängen eng zusammen und bedingen sich wechselseitig: Devianz und Delinquenz werden zu Handlungsalternativen da der Glaube des Individuums „an die Gültigkeit von Normen parallel zu der Schwächung seiner sozialen Bindungen abnimmt“ (230).

Empirische Belege. Im folgenden 8. Kapitel werden die zuvor vorgestellten theoretischen Ansätze zur Lebenslaufperspektive der Kriminalität durch Hinweise auf jüngere Längsschnittstudien zum Kriminalitätsverlauf untermauert. Huber stellt dazu die „Bremer Längsschnittstudie zu Delinquenz im Lebensverlauf“ und die „Tübinger Jungtäter-Vergleichsuntersuchung“ vor, führt jeweils in deren methodischen Aufbau und Durchführung ein und bietet schließlich eine Zusammenfassung der wesentlichen Ergebnisse.

Stabilität delinquenten Verhaltens. Huber fasst die Erkenntnisse der bisherigen Analyse theoretischer Erklärungsmodelle zur Stabilität bzw. Veränderlichkeit kriminellen Verhaltens im nun folgenden Kapitel zusammen und unterzieht sie einer umfangreichen Bewertung. Nach einer gründlichen Darstellung der zentralen Argumentationslinien der konkurrierenden Erklärungsansätze kommt er zu folgendem Schluss: „… dass sich im bisher verfügbaren empirischen Material zum Selbstkontrollkonzept bzw. zur Lebenslaufperspektive … mehr Hinweise auf Plastizität als auf Stabilität delinquenter Verhaltensmuster finden lassen (255)“. Die Konsequenz aus dieser -empirisch begründeten- Einschätzung folgt auf dem Fuß: „… lässt sich somit in Hinblick auf die kontrolltheoretische Perspektive der Delinquenz feststellen, dass eine Reformulierung eines ihrer wichtigsten Ansätze, -der GTC von Gottfredson und Hirschi – überfällig erscheint“ (ebd.).

Diskussion und weitere Vertiefung. Im dann folgenden Kapitel diskutiert Huber die Frage der Kompatibilität der beiden Erklärungsmodelle zur Kriminalität Stabilität vs. Veränderung kriminellen Verhaltens im Lebenslauf. Dazu setzt er weitere soziologische Handlungstheorien (z. B. bei Max Weber oder Talcott Parsons, oder den Rational-Choice-Ansatz bei Thomas Hobbes oder Cesare Beccaria) in Bezug zu den beiden Kriminalitätstheorien. Insgesamt kommt der Autor zu dem Schluss, dass die Kompatibilität zwischen den unterschiedlichen Erklärungsmodellen (General Theory of Crime, Lebenslaufperspektive, soziale Handlungstheorie) relativ gering ist, aufgrund spezifisch unterschiedlicher Kernannahmen der jeweiligen Modelle auch gering sein muss. Um dennoch einen Fortschritt in der Theorieentwicklung zu ermöglichen, formuliert Huber abschließend Bedingungen, die für eine Reformulierung der General Theory of Crime (GTC) notwendig sind. Diese sind u. a. die Beibehaltung des Grundgedankens der GTC, dass eine geringe Selbstkontrolle die Delinquenzanfälligkeit erhöht, die Ergänzung um moderne Rational-Choice-Ansätze und die Überwindung des Stabilitätspostulats hinsichtlich Kriminalität im GTC.

Plastische Selbstkontrolle. Als weiterentwickelte Perspektive i. S. einer Neuformulierung der GTC formuliert Huber das Konzept der „plastischen Selbstkontrolle“. Huber bezieht sich hier stark auf die Anthropologie Arnold Gehlens, insbesondere die dort eingeführten Begriffe „Hintergrundserfüllung“ und „Hiatus“. Gehlen beschrieb den Menschen als handelndes Wesen, das in seinen Entscheidungen weniger stark durch Instinkte festgelegt ist (wie z. B. Tiere) und dadurch zu einem geistigen Wirkungszusammenhang befähigt sind, der das Bewusstsein und damit die Handlungsfreiheit des Menschen vom Druck aktueller Bedürfnisse entlastet. Z. B. ist der Mensch in der Lage bei einer längeren Wanderung Getränkevorräte mit sich zu führen um zu einem späteren Zeitpunkt Flüssigkeit aufnehmen zu können. Das Wissen um die Möglichkeit einer (späteren) Bedürfnisbefriedigung eröffnet den Raum für andere Entscheidungen und Handlungen (=Hintergrundserfüllung). Die dadurch geschaffene Entlastung des Bewusstseins vom Bedürfnisdruck ermöglicht einen geistigen Freiraum (=Hiatus), in dem alle höheren geistigen Prozesse stattfinden. Im Zusammenhang zur Entstehung der Kriminalität sind hier z. B. Prozesse längerfristiger Handlungsplanung, Bewertung sozialer Prozesse oder die Vorausschau von Entwicklungen und Folgen verortet. Huber benennt sozialisatorische Effekte als maßgebliche Instanzen für die Entwicklung der „Hintergrundserfüllung“ und des „Hiatus“. Abhängig von Erfahrungen in Bezug auf die Bedürfnisbefriedigung entwickelt der Mensch demnach basale Kontrollfähigkeiten die durch soziale Prozesse begleitet und beantwortet werden. Huber: „… verändert sich im Laufe der Sozialisation der Bedürfnisdruck des Kindes; er verändert sich weg von einer akuten Affektualität, die unmittelbar handlungsführend wäre, indem er in einem komplexen System von stabilen Bedürfniserfüllungslagen – und der damit verbundenen jederzeit möglichen Bedürfnisbefriedigung – seine Schärfe verliert“ (387). Da es sich bei diesem Erklärungsmodell der Kriminalität um einen auf Erfahrung (Lernen) basierenden Effekt handelt, geht Huber davon aus, dass eine -auch- spätere Veränderung der Entscheidung zwischen nicht-delinquentem und delinquentem Verhalten möglich ist. „Insgesamt ist … davon auszugehen, dass sich die Fähigkeit der Selbstkontrolle im Laufe der Sozialisation zwar stabilisiert, jedoch prinzipiell das ganze Leben über plastisch bleibt und von der Stabilität der Bedürfniserfüllungslagen abhängig ist“ (390).

Zielgruppe

Lehrende, Studierende und bedingt PraktikerInnen im Bereich der Kriminologie, Strafrechtspflege und Straffälligenhilfe.

Diskussion

Huber greift die kriminologische Debatte um die Veränderung der Kriminalität im Lebenslauf gründlich auf. Dazu referiert er frühe Erklärungsansätze und Theorien, in breitem Rahmen die „General Theory of Crime“ von Gottfredson & Hirschi, welche eine relative Stabilität der Kriminalität im Lebenslauf postulieren. Der Autor kontrastiert diesen Erklärungsansatz durch Theorien und v. a. empirische Befunde der Lebenslaufforschung zur Kriminalität. Hier ergibt sich ein völlig anders Bild: die Veränderung kriminellen Verhaltens i. S. einer Reduktion. Huber lässt sich in der Analyse und Bewertung der gegensätzlichen Diskurse, die in der Kriminalsoziologie z. T. unerbittlich und weniger fachlich fundiert verlaufen sind nicht ein. Er sucht nach verwertbaren Aspekten der jeweiligen Erklärungsansätze und fügt diese, nach deren Identifikation zu einem erweiterten Erklärungsmodell kriminellen Handelns zusammen – die Perspektive der plastischen Selbstkontrolle. Huber fokussiert hier stark auf eine sozialisationstheoretische Perspektive, die Abhängigkeit der Selbstkontrolle von Erfahrungs- und Lernprozessen. Grundlage dafür sind anthropologische Arbeiten Arnold Gehlens aus dem frühen 20. Jahrhundert. Die Entscheidungsmöglichkeiten, man könnte auch sagen Entscheidungs- und Handlungskompetenz eines Menschen ist dort abhängig von Antizipation, Triebaufschub und Impulskontrolle. Huber belässt es, der Diskussionsgeschichte seines Faches folgend, bei einer soziologischen und kriminologischen Bezugnahme hinsichtlich der gewählten Theorien. Die sich aufdrängenden Beiträge anderer wissenschaftlichen Disziplinen (erwähnt seien z. B. nur Entwicklungspsychologie, Lerntheorie, Bindungsforschung) bleiben hier unerwähnt. Allerdings böte sich hier eine echte Chance für einen Disziplin übergreifenden Erklärungsansatz der kriminalsoziologische, sozial- und individualpsychologische Aspekte aufgreift und zu einem integrativen Erklärungsansatz, auch auf Grundlage der Kontrolltheorien verwebt. Die Bezugspunkte dazu werden von Huber immerhin erfasst und gewürdigt.

Fazit

Eine sehr tiefgehende Analyse kriminalsoziologischer Erklärungsansätze kriminellen Verhaltens. Dem Leser erschließt sich die komplette Diskursgeschichte der Age-Crime-Debatte und eröffnet neue Perspektiven im kriminalsoziologischen Bezugsrahmen. Die Dissertation verdient eine weitergehende Würdigung in der Fachwelt, jenseits universitärer Veröffentlichungspflichten, da ein innovativer Beitrag zu den Veränderungsbedingungen kriminellen Verhaltens geleistet wird. Völlig zu recht eröffnet die Dissertation von Björn Huber die neue Reihe „Kriminalsoziologie“ als Band 1.


Rezensent
Dr. phil. Gernot Hahn
Dipl. Sozialpädagoge (Univ.), Sozialtherapeut
Klinikum am Europakanal Erlangen Forensische Ambulanz
Homepage www.gernot-hahn.de
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Zitiervorschlag
Gernot Hahn. Rezension vom 16.01.2014 zu: Björn Huber: Delinquenz als Schicksal? Zur Stabilität delinquenter Verhaltensmuster vor dem Hintergrund der Kontrolltheorien. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2013. ISBN 978-3-8487-0562-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15654.php, Datum des Zugriffs 17.10.2017.


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