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Jan V. Wirth, Heiko Kleve (Hrsg.): Lexikon des systemischen Arbeitens

Cover Jan V. Wirth, Heiko Kleve (Hrsg.): Lexikon des systemischen Arbeitens. Grundbegriffe der systemischen Praxis, Methodik und Theorie. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2012. 507 Seiten. ISBN 978-3-89670-827-4. 54,00 EUR.

Reihe: Systemische Therapie, Beratung.
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Thema

Die Autorinnen und Autoren fassen in 141 Artikeln zu den Grundbegriffen der systemischen Theorie und Praxis die wesentlichen Strömungen der systemischen Diskurse in Sozialpädagogik, Sozialarbeit, Pädagogik, Psychotherapie, Beratung, Supervision, Seelsorge zusammen. Unter „systemisch arbeiten“ verstehen die Herausgeber in ihrem Vorwort Zugänge zur Wirklichkeit, denen „keine Wirklichkeit an sich, sondern sinnhaft konstruierte, raum-zeitlich geordnete und symbolisch verfasste Erfahrungen zugrunde liegen.“ (S. 10) Außerhalb dieser Konstruktionen existieren keine absoluten Beobachterstände, sondern die Beobachtenden sind mit ihren Konstruktionen Teil des systemischen Prozesses und des systemischen Kontextes bzw. der verschiedenen Sozialsysteme und Zusammenhänge: „»systemisch zu arbeiten« läuft darauf hinaus, vom alltagsgewohnten und im Grunde simplen linearen Ursache-Wirkungs-Denken abzurücken zugunsten der praxisbewährten Erfahrung, dass Verhaltensweisen sich zirkulär formulieren, d.h. wechselseitig aufeinander verweisen, und unter dem Gesichtspunkt, dass Ereignisse auf vielfältigere Weise sinnstiftend miteinander verknüpft werden (können).“ (S. 11) Die einzelnen Lexikonartikel nehmen die drei unterschiedlichen Dimensionen systemischen Arbeitens in ihrer Komplexität auf: Praxis – Methodik – Theorie. Die Artikel selbst sind vergleichbar aufgebaut: Zuerst wird der jeweilige Begriff kurz definiert (unter Nennung anderssprachlicher Konnotationen, in der Regel englisch/französisch), dann erfolgt die systemische Konnotation incl. einer theoretischen Diskussion, die zur Anwendung in der systemischen Praxis überführt. Zum Schluss werden ausgewählte Literaturangaben und Lesetipps angefügt. Die Auswahl der von mir besprochenen Artikel folgt einmal einem numerischen Prinzip, d.h. zu jedem Buchstaben im Alphabet habe ich in der Regel 2-3 Artikel ausgewählt. Die inhaltliche Auswahl gehorcht der Leitlinie meiner eigenen pädagogischen Praxis und ist insofern nicht willkürlich, sondern absichtsvoll.

Herausgeber

Jan V. Wirth, geb. 1967, ist Diplomsozialarbeiter/-pädagoge und verwaltet die Professur für Soziale Arbeit an der Hochschule Emden/Leer (Methoden der Sozialen Arbeit) und promoviert bei Albert Scherr an der Päd. Hochschule Freiburg; er ist als systemischer Therapeut tätig.

Dr. Heiko Kleve ist Professor für Soziale Arbeit an der Fachhochschule Potsdam.

Inhalt

Alltag“ (Jan V. Wirth, S. 16-20) wird als „vertraute Verrichtungen“ oder routinierte „Handlungsabläufe bzw. als solche beobachtete Ereignisfolgen“ (S. 16) definiert. Der Begriff verweist auf ein wiederkehrendes Handhabungsmuster von Zeit im Gegensatz zu einer linearen Zeitstruktur. Der lebensweltlich orientierte Ansatz der Sozialen Arbeit fasst „Alltag“ normativ-kritisch; systemtheoretisch wäre Alltag „Systementlastung / Selbstsimplifizierung sozialer Prozesse“ (S. 17), d.h. Entlastung eines konkreten Sinnsystems einer Neuorientierung: „Erst durch sich bewährende, als »hinreichend gelungene« beobachtete Routinen gewinnen einerseits Sinnsysteme die Kapazität, um für Singularitäten, für Neues, für Nichtalltägliches / Unvertrautes sich frei und offen machen, sich interessieren zu können.“ (S. 17) Mit Hilfe der dekonstruktiven Methode lassen sich Sinnmuster aufbrechen und neue Perspektiven entwickeln (S. 19).

Der Begriff „Autonomie“ (Bettina Hünersdorf, S. 43-46) meint ursprünglich Eigengesetzlichkeit bzw. Selbstbestimmung oder auch Eigenständigkeit und hat eine lange philosophische Tradition hinter sich. In der Moderne bzw. Postmoderne ist der Begriff vor allem für die Sozial- und Humanwissenschaften relevant geworden und rekurriert dabei auf das berühmt gewordene Diktum Immanuel Kants, dass Aufklärung als Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit zu sehen sei bzw. als die Möglichkeit des Menschen, sich selbst in Rückbezug auf die Vernunft als vernünftig handelndes Wesen zu bestimmen. In der Systemtheorie wird die Unterscheidung „Autonomie“ vs. „Heteronomie“ durchbrochen und der Begriff der „Autonomie“ mit dem der „Autopoiesis“ verbunden (S. 44). Unter Autopoiesis wird die „Hervorbringung von etwas als Werk seiner selbst“ verstanden (S. 46) Dirk Baecker erläutert im entsprechenden Artikel des Lexikons (S. 46-49) die Verortung des Begriffs in der Systemtheorie.

Peter Fuchs (S. 49-52) nähert sich in seinem Artikel „Behinderung“ diesem schwierigen Begriff und greift dabei vor allem auf die Systemtheorie Niklas Luhmanns zurück und identifiziert den Begriff systemisch als gesellschaftliches Konstrukt und damit auch als ein gesellschaftliches Problem, das er als die Bruchlinie zwischen Inklusion – Integration – Partizipation – Exklusion identifiziert. Im Vordergrund stehen die Lebenslagen von Menschen, die durch „soziale Strukturen und Prozesse der Adressierung“ bestimmt werden: „Inklusion heißt: soziale Adressen so zu formulieren, dass Menschen für Kommunikation als relevant markiert werden; Exklusion bezeichnet die Ausdünnung / den Verlust dieser Relevanzmarkierung. Behinderungen sind aus dieser Perspektive nicht defekte Körperzustände, keine Eigenschaften von Menschen, sondern spezifische »Aggregate« von Relevanzminimierungen.“ (S. 52)

Jan V. Wirth (S. 64-68) diskutiert in seinem Theorieartikel zum Begriff „Dekonstruktion“ die auf Jacques Derrida zurückgehende Verschränkung von Destruktion und Konstruktion, die als Methode zum Erkenntnisgewinn von systemisch Arbeitenden eingesetzt wird. Alle Beobachtung kann von mehreren Seiten wahrgenommen werden, aber es gibt in jeder Beobachtung einen blinden Fleck, d.h. jede Eindeutigkeit in Aussagen ist hinterfragbar und damit kontextualisierbar. Die Methode des zirkulären Fragens hilft dabei, den blinden Fleck in Aussagen zu finden und damit auch Erkenntnisse zu verflüssigen, zu verschieben und zu relativieren.

Empowerment“ im Sinn von Selbstbefähigung und Stärkung von Eigenmacht oder Autonomie ist Inhalt des Artikels von Albert Lenz (S. 81-84). Grundsätzlich geht es beim Empowerment darum, z.B. in der sozialarbeiterischen oder schulpädagogischen Praxis Handlungsmöglichkeiten von Akteuren und Akteurinnen zu erweitern bzw. als Selbstressourcen zu entdecken und zu aktivieren: „Der Mensch wird als handelndes Subjekt betrachtet, das zur Bearbeitung und Gestaltung seines Lebens sowie zur Aufrechterhaltung seiner Gesundheit und seines psychosozialen Wohlbefindens sowohl personale, familiäre als auch kontextbezogene Ressourcen benötigt. Damit werden das Subjekt und seine soziale Verortung zueinander ins Verhältnis gesetzt.“ (S. 82) Das Selbstverständnis der sozialarbeiterischen und pädagogischen Fachkräfte, die „Empowerment“ als Methode einsetzen, lässt sich als beziehungs- und lösungsorientiert verstehen und damit als entgegengesetzter Ansatz zu einem fürsorglich-paternalistischen Professionsverständnis. Soziale und pädagogische Arbeit zielen dann in erster Linie darauf, die Beteiligungsstrukturen in sozialen Netzwerken zu erhöhen und Narrative der Kraft und Hoffnung zu entdecken.

Der Theorieartikel von Wilhelm Rotthaus (S. 88-91) nimmt die aktuellen sozialisatorisch geprägten Diskurse auf, in denen „Erziehung“ als Teil eines umfassenderen Sozialisationsprozesses gesehen wird. Gleichwohl ist auch deutlich hervorzuheben, dass Erziehungsprozesse keine eindeutigen Ergebnisse zeitigen, denn der Educand bzw. die Educandin werden als autonomes und lernendes Subjekt verstanden, „das die erzieherischen Beeinflussungsversuche im Sinn seiner Selbstorganisation verarbeitet. Das Ergebnis von „Erziehung“ ist deshalb prinzipiell nicht (sicher) vorhersehbar und nicht planbar.“ (S. 89) Die erzieherische Grundhaltung muss deshalb von Offenheit, Achtsamkeit gegenüber dem lernenden Subjekt und gegenseitigem Respekt geprägt sein. Die erzieherischen Fachkräfte sind deswegen in der neuen professionellen Situation der Moderation und Begleitung von Erziehungs- und Sozialisationsprozessen: „Erziehung wird dann eine verlässliche Begleitung des Kindes bei seiner selbstständigen Auseinandersetzung mit der Welt, die auf einer gleichwürdigen Beziehung aufbaut und von Respekt und Wertschätzung des Erwachsenen dem Kind gegenüber geprägt ist, ohne dass übersehen wird, dass der Erwachsene der Gestalter (der Regisseur) in diesem interaktiven, auf Wechselseitigkeit beruhenden Prozess ist, dessen Ausgang aber grundsätzlich offen ist.“ (S. 91)

Feedback“ (Bernd Schmid, S. 122-125) ist eine Möglichkeit im sozialen Raum, Beobachtungen zu Individuen und Gruppen bzw. sozialen Systemen zu äußern und so Beziehungen zu klären. Beteiligte eines Kommunikationsprozesses können mit Hilfe von „Feedback“ lernen, Beziehungs- und Kommunikationsgeschehen zu reflektieren, sich zu distanzieren oder zu identifizieren: „Dies heißt anzuerkennen, dass man vieles nur begrenzt aufklären kann und gelegentlich ohne gegenseitige Schuldzuschreibung auseinandergehen oder gemeinsam konstruktiv neu ansetzen sollte.“ (S. 123)

Der an der Pädagogischen Hochschule Freiburg lehrende Soziologe Albert Scherr widmet sich in seinem Artikel dem Begriff „Gesellschaft“ (S. 135-138). Der Begriff verweist auf soziale Zusammenhänge, Beziehungen und Strukturen, in denen alles und alle von allen abhängig sind und in Beziehung zueinander stehen (S. 135). Die neuere Systemtheorie versteht unter „Gesellschaft“ den umfassenden „Zusammenhang aller füreinander erreichbaren Kommunikationen“ (S. 136), d.h., es geht immer neu um die Ausdifferenzierung von Funktionen und Funktionssystemen. Unter einem Sozialsystem ist wiederum ein eigendynamischer Kommunikationszusammenhalt zu verstehen, sodass Menschen „als Teil der Umwelt des Gesellschaftssystems“ zu verstehen sind (S. 137). Auch hier spielt der Gedanke des „Primats funktionaler Differenzierung“ in Teilsystemen (Wirtschaft, Recht, Politik, Erziehung, Wissenschaft, Medizin, Religion, Massenmedien, Kunst) eine entscheidende Rolle.

Humor“ ist das Stichwort, das Christiane Bauer (S. 158-160) bearbeitet. Sie geht in ihrem Artikel dem „sense of humor“ bzw. den Wirkungen von Heiterkeit nach. Attraktiv scheint der Einsatz von „Humor“ in der systemischen Beratung und Therapie zu sein, denn „Humor“ passt in lösungs- und ressourcenorientierte Therapie und Beratungskonzepte, zum einen, weil eine positive Grundstimmung vorhanden ist und zum anderen „Humor“ auch als persönliche Ressource verstanden werden kann.

Ulrich Pfeifer-Schaupp, Kollege an der Evangelischen Hochschule Freiburg und Sozialarbeitswissenschaftler, geht in seiner Artikel „Hypothetisieren“ (S. 161-164) der Frage nach, was zirkuläres Fragen, Klärung von zirkulären Artikulationsmustern und die gemeinsamen Reflexionen für die systemische Therapie und Praxis bedeuten. „Hypothetisieren“ hat gegenüber dem Formulieren wissenschaftlicher Hypothesen den Vorteil, dass die als Hypothesen erstellten Narrative neue Perspektiven auf Probleme ermöglichen helfen. Ulrich Pfeifer-Schaupp diskutiert in diesem Zusammenhang verschiedene Modelle des Hypothetisierens, z.B. Stufen des sog. Mailänder Modells. Kritisch hinterfragbar ist das Hypothetisieren dann, wenn es um die Frage nach der Macht in Beziehungen und Machtorientierung von ExpertInnen geht oder wenn Sprache herrschaftlich fixiert ist. Diese Zusammenhänge müssen selbstverständlich offengelegt und von therapeutischen und pädagogischen Fachkräften reflektiert werden.

Der in der Philosophie und in den Sozial- und Humanwissenschaften eminent wichtige Grundbegriff der „Identität“ wird von Peter Fuchs vorgestellt (S. 164-167). In der Ich-Philosophie des 19. Jahrhunderts wird unter „Identität“ die Wesenseinheit mit sich selbst bzw. die Selbigkeit des Selben verstanden. In systemischer Sicht muss man Identität als Konstrukt begreifen: „Als Identität gilt, was unter je gegebenen sozialen Konditionen als Identität plausibel und anschlussfähig ist.“ (S. 165) Identitätskonstruktionen sind damit so etwas wie Seinsbehauptungen und reduzieren Komplexitäten und ermöglichen so Orientierung. Kategorisierungen und Eindeutigkeiten werden relativiert bzw. gänzlich ausgeschlossen. „Identität“ wird als fragmentarische „Identität“ erlebt und so zur Normalkonstitution multipler Persönlichkeit.

Identitätskonstruktionen sind damit so etwas wie Seinsbehauptungen und reduzieren Komplexität und ermöglichen so Orientierung. Kategorisierungen und Eindeutigkeiten werden relativiert bzw. gänzlich ausgeschlossen. „Identität“ wird als fragmentarische „Identität“ erlebt und so zur Normalkonstitution multipler Persönlichkeit.

Lothar Eder stellt den Begriff „Individuation“ (167-170) vor; der Begriff meint ursprünglich den Prozess der Selbstwerdung. Innerhalb der Familientherapie und vergleichbaren Ansätzen gewinnt der Begriff heutzutage große Bedeutung und zielt auf eine anthropologische Grunddimension: „Wie kann ich – über wechselnde Kontexte und Lebensphasen hinweg – »ich« werden und bleiben und dabei nährende Bindungen aufbauen und erhalten?“ (S. 168)

Im Artikel „Individuum“ verdeutlicht Albert Scherr (S. 170-174) den Doppelcharakter des Angewiesenseins auf soziale Beziehungen (S. 170) und Personen, „die durch biografische und gegenwärtige soziale Erfahrungen in ihrem Erleben, Denken und Handeln beeinflusst sind.“ (S. 170) Die systemische Sozialtheorie setzt gegen traditionelle Verhaltensbestimmungen ein „Verständnis von Individuen als nichttrivialen Systemen“ (S. 171): „Nichttriviale Systeme sind dadurch gekennzeichnet, dass ein externer Impuls nicht zu einer eindeutig vorbestimmten und immer gleichen Reaktion führt; sie verfügen über komplexe Möglichkeiten der internen Verarbeitung von Information…“ (S. 171). Eine derartige Perspektive stellt den traditionellen Identitätsbegriff radikal in Frage, was Scherr mit Bezug auf Luhmann auch vorschlägt. Individualität wird dabei als Differenz und Exklusionsindividualität zwischen sozialen und psychischen Systemen interpretiert; beide Systeme operieren in ihrem eigenen spezifischen Modus autopoietisch und verweisen auf Kommunikation.

Isabel Kusche stellt in ihrem Artikel „Interaktion“ (S. 178-181) die Geschichte des Begriffs vor allem in Anlehnung an George Herbert Meads Verbindung zwischen Sozialphilosophie und Pragmatismus dar. Der symbolische Interaktionismus (z.B. Herbert Blumer) stellt darüber hinausgehend „das Anzeigen und Antizipieren von Bedeutungen durch die Handelnden auf der Grundlage von sprachlichen und nichtsprachlichen Symbolen in den Mittelpunkt“ (S. 179). Weitere Varianten des theoretischen Referenzrahmens sind Erving Goffmans Theorie der Regelstrukturen und Humberto R. Maturanas und Francisco J. Varelas biologische Kognitionstheorie: „Interaktion bezeichnet hier jede Wechselwirkung zwischen Komponenten eines Systems oder dem System und seiner Umwelt. Sozialsysteme sind diesem Verständnis nach das Resultat der Interaktion lebender Systeme als Komponenten.“ (S. 179) Bei Niklas Luhmann sind Interaktionssysteme von vorneherein autopoietische Systeme, die kommunizieren und sich auf der Grundlage der Wahrnehmung wechselseitigen Wahrnehmens unterscheiden.

Sabine Krönchen (S. 181-185) definiert in ihrem Artikel „Interkulturalität / interkulturelles Lernen“ wie folgt: „Interkulturelles Lernen wird als lebenslanger Prozess verstanden, wobei insbesondere interkultureller Bildung inzwischen eine Schlüsselrolle im Kompetenzkanon zugeschrieben wird. Mit Interkulturalität bzw. mit interkulturellen Prozessen verbundene Merkmale, Bedeutungs- und Sinnhorizonte im nationalen geschichtlichen und politischen Kontext zu lesen.“ (S. 181) In der gegenwärtigen Diskussion wird der Begründungszusammenhang von „Interkulturalität“ in die gegenwärtige Menschenrechts- und Diversitätsdiskussion eingebunden: „Interkulturalität bezeichnet im Kern die interkulturelle Kommunikationsfähigkeit, die in der Kommunikation zwischen Vertretern verschiedener Kulturen oder Gruppen erzielt wird, wobei nach dem dialogischen Prinzip in der Beziehung von ICH und DU (Martin Buber) sowohl die Bewusstheit der eigenen kulturbedingten Wahrnehmungs-, Denk-, Bewertungs- und Handlungsweisen vergrößert als auch das kulturelle Orientierungssystem des Gegenübers nachvollziehbar werden.“ (S. 183) Im systemischen Ansatz wird diese Sicht kritikfähig, weil es hier um konkurrierende Funktionssysteme geht, d.h., die Herstellung einer Einheit in der Vielfalt scheitert an den Notwendigkeiten von Flexibilität und Hybridität in funktional differenzierten Gesellschaften (S. 184).

Der Lebensabschnitt „Jugend“ bzw. die Lebensform der Jugendlichen ist sozialwissenschaftlich nicht exakt definierbar, wie Christine Bauer in ihrem Artikel Jugendliche feststellt (S. 197-200); in der Regel lassen sich drei Lebensabschnitte unterscheiden: Kinder (0-14 Jahre), Jugendliche (14-18 Jahre) und Heranwachsende (18-21 Jahre). „Die“ Jugend existiert genauso wenig wie „die“ Jugendlichen, denn diese sind nur in äußerst heterogenen Untergruppen und Subsystemen beschreibbar. In systemischer Sicht sind die Bezugssysteme wie Familie, Wohngruppe und Peers bedeutungsvoll. Sinnvoll ist dabei die Ankopplung an die Lebenswelten der Jugendlichen. Ziel systemischer Arbeit im Umgang mit Jugendlichen ist dabei immer, sich Ressourcen in der Lebenswelt oder Bezugskontexten nutzbar zu machen, die Jugendlichen helfen können, lösungsorientiert zu sein.

Helmut Wetzel, der Freiburger Entwicklungspsychologe, Psychotherapeut und Supervisor, widmet sich dem Begriff „Kind“ und rekonstruiert zu Anfang seines Artikels (S. 200-203) die Etymologie des deutschen Wortes „Kind“ und die Geschichte der UN-Kinderrechtskonvention. In systemischer Sicht muss zwischen Form (Kind als Person) und Medium (Erziehung oder Therapie des Kindes) unterschieden werden; Kinder brauchen jedoch sie unterstützende Erwachsene. Risiken der Entwicklung sind Gewalt, Sucht, Krankheit und Armut. Auch professionelle Hilfe versteht sich in erster Linie als soziales System bzw. als neues Kontextsystem. Die helfende Haltung ist ähnlich „der einer »feinfühligen Mutter«, die Kompetenz zu entwicklungsfördernden Dialogen und Rollenflexibilität.“ (S. 202)

Kontingenz“ (Helmut Lambers, S. 218-221) bezeichnet in einem sprachlogischen Sinn Zufälligkeit im Gegensatz zur Notwendigkeit. In einem systemischen Sinn ist „Kontingenz“ eher die Erwartung oder auch die Erfahrung, dass sich Verhältnisse ändern und auch anders möglich sind. Die systemische Sicht auf Kontingenz ist deswegen auch doppelt: einmal als Annahme von Erwartungssicherheit und andererseits dadurch bedingt die Zunahme von Handlungsoptionen und die Möglichkeit der Kopplung an andere soziale Systeme.

Peter Bünder bearbeitete den Begriff „Krise“ (S. 234-236). Der Umstand einer „Krise“ verweist immer auf einen lebensgeschichtlich bedeutsamen Wendepunkt und im Rahmen der systemischen Arbeit ist mit „Krise“ eine Situation bezeichnet, die durch den „Verlust des seelischen Gleichgewichts“ charakterisiert und auch identifiziert werden kann. Hervorgerufen wird eine derartige Situation meist durch psychische Belastungen, emotionale Destabilisierungen, Verlust, Schädigung, Krankheit, Bedrohung und Überforderung. Unterscheiden lassen sich psychosoziale und psychiatrische „Krisen“ von medizinischen Notfällen. Die psychosoziale „Krise“ ist wiederum unterteilbar in Veränderungskrise und traumatische „Krise“. Therapeutisch und systemisch sind diese verschiedenen Formen zu unterscheiden und zu beachten, um dann überhaupt Lösungsressourcen entdecken zu können.

Björn Kraus, Freiburger Sozialarbeitswissenschaftler und Prorektor der Evangelischen Hochschule Freiburg, widmet sich seinem Spezialthema „Lebenswelt“ (S. 244-248). Der Begriff „Lebenswelt“ geht auf die phänomenologische Tradition Edmund Husserls zurück und bedeutet dort eine Unterscheidung in der Wahrnehmung der jeweiligen Lebensbedingungen. Bei Thiersch und Schütz wird der Begriff synonym mit Alltagswelt gebraucht. In systemisch-konstruktivistischer Sicht korrespondiert der Begriff „Lebenswelt“ mit dem Begriff Lebenslage. Beide Begriffe nehmen Bezug auf die individuellen Lebensbedingungen eines Menschen: „Als Lebenslage gelten die materiellen und immateriellen Lebensbedingungen eines Menschen. Als Lebenswelt gilt das unhintergehbare subjektive Wirklichkeitskonstrukt eines Menschen…“ (S. 245). Kraus wendet jedoch ein, dass die Auseinandersetzung mit der Lebenslage eines Menschen noch keinen Zugang zu dessen konkreter „Lebenswelt“ ermöglicht (S. 246).

Macht“ ist das Stichwort von Hans-Ulrich Dallmann (S. 257-261), der die Definition von Max Weber aufnimmt: „Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen durchzusetzen, gleichviel, worauf diese Chance beruht.“ (S. 257) In der Systemtheorie bedeutet „Macht“ ein symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium, um bestimmte Handlungsoptionen durchzusetzen, „die auf der Vermeidung der Vermeidungsalternative beruht.“ (S. 258) Machtverhältnisse lassen sich auf unterschiedliche Hierarchieebenen innerhalb einer Organisation zurückführen. „Macht“ kann nach Björn Kraus sowohl instruktiv als auch destruktiv sein, bzw. man kann auch von Gestaltungs- oder Verhinderungsmacht sprechen.

Metapher“ (Stefan Hammel, S. 264-267) bezeichnet den Gebrauch eines Begriffs für einen Sachverhalt aus einem anderen Kontext; in der Systemtheorie wurde aber die traditionelle Metapherntheorie zugunsten der Nutzung von „Metaphern“ seitens der Klientinnen und Klienten bzw. der Bereitstellung von „Metaphern“ durch die Beratenden aufgegeben (S. 265). Gerade die Methode des zirkulären Fragens bedarf des Gebrauchs bzw. Nutzung von Metaphern, um die Ressourcen auf Seiten der Klienten und Klientinnen freizulegen bzw. machen eine größere Transferleistung erforderlich, „da ein komplexeres Geflecht hinsichtlich dargestellter Problem- und Lösungsaspekte mit den Gegebenheiten des real erlebten Problems und seiner unentdeckten Lösungspotentiale abzugleichen ist.“ (S. 266)

In den letzten Jahren ist die Problematik des „sexuellen Missbrauchs“ von Kindern und Jugendlichen öffentlich geworden, sodass sich Helmut Wetzel im entsprechenden Artikel Missbrauch (sex.) (S. 271-274) dieser Thematik annimmt. Er rekurriert zuerst auf den §176StGB, wo der Straftatbestand eindeutig in juristischer Hinsicht geklärt ist. In einem weiteren Schritt nähert sich Helmut Wetzel der Opferperspektive und der therapeutischen Hilfe für betroffene Kinder und Jugendliche. Die große Kunst therapeutischer Maßnahmen und vor allem therapeutischer Gesprächsführung besteht darin, Kindern und Jugendlichen „die notwendigen Erinnerungshilfen suggestionsfrei anzubieten.“ (S. 273) Opfergespräche sind immer dilemmatisch und ambivalent, weil Therapeut und Therapeutin in der Rolle des Beratenden sind, die Opfer aber gleichzeitig auch Zeuginnen / Zeugen eines Straftatbestandes sind, was Therapeutinnen und Therapeuten grundsätzlich reflektieren müssen.

Nichtwissen“ (S. 290-293) wird von Wolfgang Gaiswinkler und Marianne Roessler als Kompetenz verstanden: „Unter der Expertise des Nichtwissens verstehen wir die Kompetenz des professionellen Helfers oder Beraters, den Hilfeprozess gemeinsam mit dem Klienten zu steuern.“ (S. 291) Das „Nichtwissen“ als methodische Kompetenz wird von beiden Autoren als hoch wirksam und bedeutungsvoll beschrieben: „Durch die Expertise des Nichtwissens wird das Arbeitsbündnis verbessert, das den größten Wirkfaktor professioneller Interventionen darstellt… Der Klient erlebt den Helfer als kompetent… Die Expertise des Nichtwissens dient im Prozess der Hilfe dazu, die Übergänge und den Wechsel zwischen Handlungsprogrammen … zu steuern.“ (S. 292)

Organisation“ ist in der systemischen Theorie ein Leitbegriff, der ein „System mit variablen Strukturen, das sich in seiner Umwelt erhält“ (S. 297), wie Veronika Tacke in ihrem Artikel (S. 297-299) ausführt. In der systemischen Organisationstheorie werden drei Formen „entschiedener Entscheidungsprämissen“ unterschieden: Entscheidungsprogramme – Kommunikationswege – Personen. Die neuere Systemtheorie akzentuiert die Autonomie von „Organisationen“, die via selbstreferenzielle Entscheidungsverkettung erzeugt wird.

Auch der Artikel „Partizipation“ von Martin Hafen (S. 303-306) gehört zu den grundlegenden Theorieartikeln des Buches. Die Diskussion zu Partizipation selbst zu den systemischen, politischen pädagogischen Diskursen der gegenwärtigen Entwicklung einer demokratischen Zivilgesellschaft. „Partizipation“ meint eine „aktive Teilnahme von Personen an sozialen Prozessen, andererseits aber auch das Ziel dieser Teilnahme zur Lösung bestimmter Probleme wie Isolation … sowie die Art und Weise, in der dieses Ziel erreicht werden soll.“ (S. 303) Partizipation ist für Personen lebensnotwendig – die Nichtteilhabe an sozialen Prozessen führt zum sozialen Tod. Der Korrespondenzbegriff zu „Partizipation“ ist „Inklusion“ bzw. dessen Opponent „Exklusion“.

Person“ von Maren Lehmann (S. 306-309) signalisiert einen Theoriebegriff, der die letzten 2000 Jahre europäischer Philosophie- und Theologiegeschichte bestimmt hat. Unter „Person“ lässt sich das Paradox vielgestalteter Singularität verstehen (S. 306). In der systemischen Theoriebildung wird darunter eine Strukturform der Gesellschaft verstanden oder eine „individuell attribuierte Einschränkung von Verhaltensmöglichkeiten.“ (S. 306) Von „Person“ kann deshalb auch nur immer im Kontext sozialer Systeme die Rede sein; mithin taucht das Problem der „Legitimität einer zurechenbaren Verhaltenseinschränkung“ oder „Auffindbarkeit einer zurechenbaren Verhaltenseinschränkung“ auf (S. 308).

Raum“ (Rudolf Stichweh, S. 324-328) meint sowohl eine Voraussetzung als auch eine konstitutive Bedingung von Gesellschaft. Wenn man von Raum spricht, muss auch immer von Zeit gesprochen werden. Die Raum-Zeit-Beziehung stellt einen eminent wichtigen Kontext sozialen Handelns dar. Der „action frame of reference“ ist für den Soziologen Talcott Parsons so etwas wie ein „unhintergehbarer zeitlicher Bezugsrahmen“ (S. 325) „Raum“ ist deswegen für Parsons auch mit Ortsbewegung verbunden. Niklas Luhmann argumentiert anders: Er knüpft an die phänomenologische Tradition der Erlebnisverarbeitung, d.h. an die Theorie sinnhafter Kommunikation an: „Für diese Theorie stehen drei Sinndimensionen im Vordergrund. Bewusstsein ist in einer ersten Hinsicht intentional, also immer das Bewusstsein von etwas, womit die Sachdimension des Sinns artikuliert wird. In einer zweiten Hinsicht unterstellt jedes Bewusstsein die Subjektivität eines anderen Bewusstseins, das dieselben Sachverhalte anders auffassen mag, sodass soziale Unterschiede des Sinnerlebens relevant werden. Drittens ist für das Bewusstsein die Erfahrung seiner Zeitlichkeit konstitutiv, die das Medium bildet, in welchem wir alle Unterscheidungen, also auch räumliche Unterscheidungen, bilden.“ (S. 325) Die sich um diese Dimensionen anschließende Kontrollierbarkeit des „Raums“ als Funktion des Sozialsystems zielt letztlich auf funktionale Differenzierungen, „d.h. Diversifikation der Räume, die die Gesellschaft beobachtet und als interne und externe Formen von Räumlichkeit exploriert.“ (S. 327)

Ressourcen“ als Mittel, Kraftquellen (Kurt Hahn, S. 331-335) lassen sich als individuelle, psychische, körperliche, soziale, nachbarschaftliche, beziehungsmäßige und infrastrukturelle „Ressourcen“ differenzieren. „Ressourcen“ sind immer auf einen bestimmten Referenzrahmen bezogen, d.h., sie existieren nicht als solche. Die „Ressource“ existiert dann, wenn sie vom Nutzer bzw. Klienten aktiviert bzw. genutzt wird (S. 332). Ressourcenorientierung ist in vielen Bereichen pädagogischer, psychologischer, sozialarbeiterischer und therapeutischer Arbeit wesentlich und gehört zum Selbstverständnis der jeweiligen Profession.

Mit „Ritual“ (Manfred Vogt, S. 335-338) wird eine sich wiederholende oder wiederholbare „Handlungspraxis nach festgelegter Ordnung“ verstanden (S. 335). In systemischer Sicht geht es um eine „Sequenz von ausdrucksvollen und standardisierten, individuellen oder kollektiven Verhaltensweisen und dient der kognitiv-emotionalen und sozialen Stabilisierung in instabilen Lebenssituationen.“ (S. 335) Ein „Ritual“ signalisiert also einen Übergang von einer Ordnung in eine andere Ordnung. Deswegen sind „Rituale“ zweckgebunden, folgen festgelegten Abläufen, resymbolisieren Gedanken und Gefühle, beinhalten stilisierte Handlungen und haben soziale Bedeutung und vermitteln Zugehörigkeit, Geborgenheit und Sicherheit.

Aus meiner schulpädagogischen Sicht stellt der Artikel „Schule“ von Wolfgang Geiling einen wesentlichen Artikel des Buches dar (S. 354-357). Unter „Schule“ wird ein Ort institutionalisierten und intentionalen Bildungserwerbs verstanden. Die „Schule“ ist die größte Bildungseinrichtung für die nachwachsende Generation einer Gesellschaft. Die „Schule“ vermittelt formale Bildungsabschlüsse, die wiederum bestimmte Karrieremöglichkeiten eröffnen. Allerdings sind unterrichtliche Interaktionen zwischen Lernenden und Lehrenden nicht eindeutig planbar, schon gar nicht mit erwartbaren Ergebnissen. In moderner Sicht, aber auch in systemischer, geschieht der Bildungserwerb des Individuums grundsätzlich als selbstbestimmte Lernleistung des Individuums und muss strikt als Persönlichkeitsbildung verstanden werden, aber „aufgrund der Komplexität in der Professionellendynamik kann gekonntes Auftrags-, Kontrakt- und Adressatenmanagement als Kernstück systemischer Handlungskompetenz in der Arbeit in bzw. mit Schulen gelten.“ (S. 355) In dieser Perspektive ist zu fragen, wie Lehrende die Lernumgebung für Lernende gestalten (müssen), um optimale Entwicklungsmöglichkeiten finden zu können (S. 356).

Seelsorge“ (Günter Emlein, S. 360-367) stammt aus der Praktischen Theologie, d.h. der Reflexion praktischer kirchlicher Arbeit in Schule, Gemeinde, Bildungsarbeit usw. und meint „das begleitende Gespräch vornehmlich im Bereich der Religion“ (S. 360), ist also eine religiöse Kommunikationsform als Begleitung von Menschen in prekären oder kritischen Lebenssituationen und stellt eine Form diakonischen Empowerments dar. Der Begriff Seele macht auf die Fraglichkeit und Fragmentarität menschlichen Daseins in der Raum-Zeit-Dimension aufmerksam. Seelsorgliches Handeln führt die Bruchlinie zwischen Kontingenz und Kontinuität vor Augen, vor allem angesichts des Todes oder anderer Sinnkrisen. „Seelsorge“ sei, so Friedrich Schleiermacher, geselliges Gespräch unter Gleichrangigen (S. 360), ist also grundsätzlich antihierarchisch und antipaternalistisch und nimmt die Unverfügbarkeit des dialogischen Gesprächspartners ernst. Seelsorge bearbeitet Fragmentarität, beschäftigt sich mit dem Einbruch von Kontingenz in den Alltag und arbeitet an der Resilienz gegen die Hinfälligkeit des menschlichen Daseins. Seelsorge bezieht sich zudem auf einen transzendentalen Begründungszusammenhang und Referenzrahmen und unterscheidet sich deswegen auch von Psychotherapie (S. 361): „Seelsorge speist Unverfügbarkeit ein. Erlaubt man Gott, sich der eigenen Sorgen anzunehmen, ist man selbst frei davon …“ (S. 362).

Ingo Spitczok von Brisinski stellt den Begriff „Selbstorganisation“ vor (S. 363-366). In Managementmodellen und auch in der systemischen Theorie spielt dieser Begriff eine wesentliche Rolle: „Organisation ist einerseits die Existenzform relativ stabiler Strukturen und andererseits das Planen, Gestalten, Entstehen von neuen Strukturen.“ (S. 363) „Selbstorganisation“ ist darüber hinaus eine spezifische Form der Systementwicklung, bei der das System selbst die Rolle des handelnden Akteurs übernimmt. Ein vorhandenes Denk- bzw. Verhaltensmuster wird im Prozess der „Selbstorganisation“ mittels Intervention und Irritation destabilisiert, sodass sich neue Handlungsoptionen eröffnen können, d.h. „problemärmere stabile Muster“ (S. 364).

Günter Emlein bearbeitet das Stichwort „Sinn“ (S. 372-375); unter „Sinn“ lässt sich die Auswahl aus anderen Möglichkeiten, d.h. eine gewählte Be-Deutung, verstehen. Die Systemtheorie Luhmanns bezieht sich in der Generierung von „Sinn“ auf den Husserl´schen Ansatzes der Phänomenologie: „Die Welt erscheint … nicht »an sich«, sondern so, wie das Bewusstsein sie erkennt: sinnförmig.“ (S. 372) Das sinnhafte Bewusstsein interpretiert „Sinn“ als hin-gedeutet, hin-beobachtet; „Sinn“ kann deshalb auch umgedeutet und negiert werden (S. 372), andererseits hat „Sinn“ keine Grenze, „er ist nicht definierbar … Man kann nicht auf die andere Seite des Sinns gelangen.“ (S. 373) In der traditionellen Phänomenologie wird „Sinn“ an Bewusstsein geknüpft, d.h. ontologisiert, indem ihm Selbststand als Subjekt vorausgesetzt wird. Luhmann generiert in der Systemtheorie „Sinn“ innerhalb eines Kommunikationszusammenhangs, d.h. als Relationalität: „Sinn ist nur systemisch zu haben. Nimmt man hinzu, dass ausgewählter Sinn auf Sinnverweisungen hinweist und diese zugleich durch Verkettungen ausschließt, so kann man sagen: Die Funktion ist es, Dauer herzustellen. Die Verkettungen verknüpfen dauerhaft Sinnelemente - gegen die Zeit. Nur als System »bleibt« Sinn.“ (S. 374)

Der in den Sozial-, Human- und Erziehungswissenschaft tragende Begriff „Sozialisation“ wird von Tilmann Sutter vorgestellt (S. 385-387). „Sozialisation“ meint im Allgemeinen „Prozesse des Erwerbs sozialer Handlungsfähigkeiten von Subjekten. Die Prozesse umfassen … den Aufbau einer subjektiven Innenwelt, der in Form verschiedener Entwicklungen … beschrieben wird. Diese Prozesse umfassen … den Aufbau einer äußeren Welt, d.h. die Subjekte erwerben mit der Entwicklung ihrer inneren Strukturen zugleich verschiedene Bereiche der sozialen Außenwelt.“ (S. 385) „Sozialisation“ ist ein aktiver Prozess der Aneignung und aktiven Konstruktion. In einer systemischen Perspektive ist Sozialisation immer zuerst Selbstsozialisation: „Insofern ist Sozialisation als Reproduktion psychischer Systeme immer Selbstsozialisation.“ (S. 386)

Der Basisbegriff der systemischen Theoriebildung ist „System“ und wird von Dirk Baecker (S. 408-411) dargestellt. Ein „System“ „bezeichnet eine Gesamtheit interdependenter Elemente in verschiedenen Relationen, die sich in einer Umwelt abgrenzt und im Zeitablauf erhält beziehungsweise reproduziert.“ (S. 409) Ein „System“ ist auch ein sich selbst ordnender Zusammenhang heterogener Elemente. Ein wesentliches Charakteristikum eines „Systems“ ist die Selbstorganisation bzw. die Selbstreferenz (S. 409). Talcott Parsons hat ein „System“ als Differenz und Selbstreproduktion charakterisiert; Heinz von Foerster moduliert mathematische Eigenwerte nichtlinearer, rekursiver Funktionen. Humberto R. Maturana und Francisco J. Varela beschreiben ein „System“ als Netzwerk und Niklas Luhmann sieht als wesentlichen Ausdruck eines „Systems“ „die Temporalisierung der Operationen des Systems zu Ereignissen, die auftauchen und wieder verschwinden …“ (S. 410) In der systemischen Praxis bzw. Therapie liegt ein Schwerpunkt in der Interaktion des „Systems“ mit anderen „Systemen“ und keineswegs in der Beschreibung der Konstitutionsbedingungen des „Systems“ (S. 411).

Der „Tod“ als das „Aufhören des individuellen Lebens“ in seiner organischen Verfasstheit ist das Stichwort des gleichnamigen Artikels von Ulrich Pfeifer-Schaupp (S. 423426), der sich zuerst der Ars Moriendi, der rechten Kunst der Sterbevorbereitung und des Sterbens, widmet und so einen kulturellen Querschnitt durch europäische Philosophietraditionen herstellt. Die Ars Moriendi ist aber in dieser Tradition zugleich auch immer mit der Ars Vivendi, der rechten Kunst der Lebensführung verbunden. Dem kontrastierend gegenübergestellt ist die Sicht des Buddhismus, in dem es in der Betrachtung von „Tod“ und Vergänglichkeit weder Geburt noch „Tod“ gibt. Todesvorstellungen sind kulturell und geschichtlich beeinflusst und stellen somit gesellschaftliche Konstruktionen dar, die sich in vier Modellen unterscheiden lassen: a. Betrachtungen über den gezähmten „Tod“; b. über den eigenen „Tod“; c. über den „Tod“ des Anderen; d. über den verbotenen „Tod“ in Abstellkammern von Kliniken usw. In der systemischen Praxis wurde der „Tod“ bislang vernachlässigt, dennoch begegnet der „Tod“ in der Praxis als eigener „Tod“, mit dem man sich auseinandersetzen muss oder der „Tod“ von Angehörigen führt zur gleichen Auseinandersetzung. Auch der „Tod“ von Kolleg_innen oder der soziale „Tod“ oder der „Tod“ (metaphorisch) von Projekten halten das Thema wach. Spirituelle Ressourcen helfen beim Übergang mit Sterben und „Tod“ und bei der Verarbeitung von Todeserfahrungen (S. 425).

Umdeutung“ (Matthias Ochs, S. 438-441) ist ein wichtiges Stichwort systemischer Praxis. Man versteht unter „Umdeutung“ als Deuteprozess einen Vorgang, der „in einer Situation oder einem Geschehen eine andere Bedeutung oder einen anderen Sinn zuerst und dadurch einen anderen Sinn erlaubt.“ (S. 438) „Umdeutungen“ können therapeutische Angebote sein oder Resultat gemeinsamer Bemühungen einer ressourcenorientierten Lösung: „Die Technik der Umdeutung ist deshalb so relevant, weil eine der Grundprämissen systemischen Arbeitens lautet, dass Phänomene überhaupt nur durch konnotative Rahmungen zum Problem und Störungen werden.“ (S. 439) „Umdeutung“ als therapeutische Methode wird dann eingesetzt, wenn sie mühelos scheint und wenn auf angemessenes Setting und Timing geachtet wird: „Es ist notwendig, dass Umdeutungen auf dem Fundament einer tragfähigen beraterischen / therapeutischen Beziehung stattfinden, da sonst die Gefahr besteht, dass die Patienten / Klienten sich nicht ernst genommen oder verunsichert fühlen.“ (S. 440)

Verstehen“ (Elmar Drieschner, S. 444-447) ist der Basisbegriff der Hermeneutik, die dem Verstehensprozess einen methodisch-systematischen Unterbau generiert; dabei geht es um „Verstehen“ des Sinns in einem tieferen Sinn und um Vermeidung von Nicht- und Missverstehen: „Die hermeneutische Wissenschaftstheorie begründet Verstehen mit der gemeinsamen Eingebundenheit von Verstehenden in die menschlich-gesellschaftlich-geschichtliche Wirklichkeit.“ In der systemischen Theorie ist „Verstehen“ der Produktion und Konstruktion autopoietischer Systeme zuzuordnen: „Autopoietische Systeme operieren … selbstreferenziell, geschlossen und strukturdeterminiert. Sie erzeugen und erhalten sich selbst, indem sie die Komponenten, aus denen sie bestehen, selbst herstellen. Verstehen wird in diesem Kontext als systemrelevante Beobachtung der Selbstreferenz eines anderen Systems spezifiziert.“ (S. 444) Verstehende Verfahren sind zuallererst kommunikative Bearbeitungsstrategien von strukturellen Verstehensdefiziten.

Kurt Hahn bearbeitet (S. 454-458) den Begriff „Wunderfrage“. Die „Wunderfrage“ in Therapie und Praxis, entwickelt in den 1970er-Jahren, zielt als Empowermentstrategie darauf, „Menschen, die im Problemerleben gefangen sind, zu helfen, die Kraft ihrer eigenen Lösungsvisionen zu erleben als Antrieb und Leuchtfeuer für die Entwicklung realistischer Ziele und Veränderungsschritte im Alltag, in Partnerschaft, Familie etc.“ (S. 455) Die „Wunderfrage“ stellt ein interaktionelles Fokussierungsangebot dar, was Lösungen durchspielt und die Bedeutungszuweisung dem Empfänger zuerst überlässt.

Zeit“ (Franz Hoegl, S. 458-462) ist in der Systemtheorie die dritte wichtige Dimension neben der Sach- und der Sozialdimension. „Zeit“ ist in der systemischen Betrachtung keine ontologische Gegebenheit, sondern an Systemoperationen gebunden. Hierbei sind die Differenz von Element und Relation und die Differenz von Operation und Beobachtung zu unterscheiden (S. 459): „Lebensformen … lassen sich anhand ihrer Kombination von Praktiken, die eigene Lebenszeit zu beobachten, unterscheiden, also anhand spezifischer Routinen dafür, die psychische Systemzeit zu ordnen, zu strukturieren; die Praxis der Autobiografieschreibung etwa verweist auf andere systemische (Zeit-)Bedingungen als die zugemuteter Tatgeständnisse, Heldengeschichten erzeugen andere Beobachtungszeit als Stechuhr-Chipkarten.“ (S. 460)

Zirkuläres Fragen“ (Fritz B. Simon, S. 472-475) ist zum einen der Oberbegriff für systemische Frage- und Interviewtechniken, zum anderen aber auch eine spezielle Frageform. Eine Mailänder Gruppe von Familientherapeut_innen entwickelte 1981 das Modell des „zirkulären Fragens“, das zugleich Interpretation und Bedeutungszuschreibungen umfasst: „Kein Mitglied eines Sozialsystems kann direkt auf das, was sich psychisch beim anderen abspielt, reagieren, sondern immer nur auf seine eigene Deutung des Verhaltens des anderen bzw. die dafür zugeschriebenen Gründe. Zirkuläres Fragen … versucht, diesem Umstand gerecht zu werden, indem es den Fokus der Aufmerksamkeit auf die direkt beobachtbare Interaktion und die dem Verhalten der Beteiligten zugeschriebenen unterschiedlichen Bedeutungen richtet.“ (S. 473)

Fazit

Die einzelnen Artikel sind dank ihrer klaren Gliederung sehr gut lesbar und geben einen komprimierten Diskursverlauf wieder; sehr hilfreich sind auch die essenziellen Literaturangaben am Ende eines Artikels. Gleichwohl meint der Rezensent, dass in einer zukünftigen zweiten Auflage des Lexikons weitere wichtige Stichworte aus der systemischen Theorie und Praxis mit aufgenommen werden sollten. Hierzu wären z.B. Stichworte wie Achtsamkeit, Coping, Diversität, Freundschaft, Führung, Leitung, Management, Norm, Scham, Strategie, Würde usw. zu zählen. Nichtsdestotrotz ist das Lexikon hervorragend gelungen und es ist ihm eine große Verbreitung zu wünschen.


Rezensent
Prof. Dr. Wilhelm Schwendemann
Professor für Evangelische Theologie und Didaktik an der Evangelischen Hochschule Freiburg im Fachbereich II (Theologische Bildungs- und Diakoniewissenschaft)
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Zitiervorschlag
Wilhelm Schwendemann. Rezension vom 14.10.2013 zu: Jan V. Wirth, Heiko Kleve (Hrsg.): Lexikon des systemischen Arbeitens. Grundbegriffe der systemischen Praxis, Methodik und Theorie. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2012. ISBN 978-3-89670-827-4. Reihe: Systemische Therapie, Beratung. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15657.php, Datum des Zugriffs 11.12.2018.


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