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Stefan Borrmann: Herausforderungen des Jugendalters

Cover Stefan Borrmann: Herausforderungen des Jugendalters. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2013. 200 Seiten. ISBN 978-3-7799-2905-5. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 28,50 sFr.
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Entstehungshintergrund und Aufbau

Der vorliegende Sammelband besteht aus einer Auswahl von überarbeiteten Beiträgen, die in der Enzyklopädie Erziehungswissenschaft Online (www.erzwissonline.de) bereits erschienen sind. Die Absicht der Herausgeber ist sowohl mit der Online-Ausgabe als auch jetzt mit der Drucklegung der Beiträge, das Thema Herausforderungen im Jugendalter stärker zu bündeln. Die zehn Beiträge decken folgendes Themenspektrum ab:

  1. Jugend und Politik (Gaiser, W./ Krüger, W./ de Rijke, J.);
  2. Jugend und Jugendkulturen, (Ferchhoff, W.);
  3. Jugend und Globalisierung, (Witte, M. D.);
  4. Jugend und Freizeit, (Lange, M.);
  5. Jugend und Medien, (Kutscher, N.);
  6. Jugend und Sexualität, (Sielert, U.);
  7. Jugend und Geschlecht, (Rose, L.);
  8. Jugend und Gesundheit, (Sting, S.);
  9. Jugend und Religion,(Schweitzer, F.);
  10. Jugend und Armut (Butterwegge, C.).

Im Folgenden werden fünf ausgewählte Aufsätze näher betrachtet.

Ausgewählte Inhalt

Die bereits o.g. Autorengruppe stellt im ersten Beitrag „Jugend und Politik“ anhand empirischer Untersuchungen das geringe Interesse an Politik seitens junger Menschen fest. Höhere Bildungsabschlüsse führen zu mehr politischem Interesse, weshalb aufgrund des Bildungsanstiegs in Deutschland, diesbezüglich auch eine leichte Interessenzunahme zu beobachten ist. Mädchen sind deutlich weniger an Politik interessiert als Jungen. Zwar findet das System der Demokratie Zustimmung, die aber für die konkrete politische Praxis abnimmt. Im Ost-West-Vergleich zeigt sich eine stärkere Zustimmung zur „Idee des Sozialismus“ in den neuen Bundesländern als auch insgesamt das Meinungsbild der befragten 18-29jährigen im Westen positiver zur Demokratie steht. Trotz der Tendenz Ausländer immer weniger als Bedrohung zu empfinden ist das vorhandene Niveau der Bedrohungsempfindung keineswegs marginal. Rechtsextremes Verhalten junger Menschen ist in den neuen Bundesländern deutlicher ausgeprägt.

Unter dem Gesichtspunkt der politischen Partizipation reicht die Beachtung des Wahlverhaltens nicht mehr aus. Wahlverhalten ist zwar immer noch bedeutsam aber es kommen andere Aktivitäten hinzu: z.B. Teilnahme an Demonstrationen, Warenboykott oder Mitarbeit in einer Bürgerinitiative. Die Aktivitätsquote liegt bei etwa 16 Prozent der 18 – 29jährigen. Zehn Prozent der genannten Altersgruppe nutzen auch das Internet als politische Aktivitätsplattform. Trotz dieses Aktivitätsspektrum ist die Wahlbeteiligung deutlich niedriger im Vergleich zur gesamten Wählerschaft. Ausschlaggebend ist neben dem bereits genannte Bildungsniveau auch der sozioökonomische Status. Für Europa gilt: Je höher die Quote der Jugendarbeitslosigkeit desto niedriger die Partizipationswerte. Die politische Beteiligung im europäischen Vergleich bewegt sich bei der befragten Altersgruppe um 25 Prozent (unter 20 Prozent: Frankreich, Spanien, Bulgarien, Ungarn, Lettland, Polen, Slowakei). Als Fazit hält der Aufsatz den Begriff Politikverdrossenheit als zu pauschal. Es wird darauf hingewiesen, dass eine kognitive Mobilisierung politisches Interesse verstärkt. Ebenso wichtig ist die Bereitstellung und Akzeptanz von Gelegenheiten zur Wahrnehmung politischer Betätigung sei es in der Umweltthematik oder in Bürgerrechtsdemonstrationen. Betätigungsfelder finden sich z.B., wenn auch immer weniger, in Jugendorganisationen aber auch in Formen des Jugendprotestes.

Der Beitrag „Jugend und Freizeit“ von Mirja Lange erörtert zunächst ideen- und sozialgeschichtliche Entwicklungen als Grundlage des gegenwärtigen Freizeitdiskurses. So datiert sie das Aufkommen des Freizeitverständnisses auf die Mitte des 18. Jahrhunderts. Eine Weiterentwicklung erfährt Freizeit 100 Jahre später durch die Industrialisierung. Freizeit und Jugend wird dann in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts relevant und zwar im Sinne eines Problems. So wird z.B. Jugendprotest u.a. auf eine zu umfangreiche Freizeit der Jugendlichen zurückgeführt. Erst in der Gegenwart tritt Freizeit in einem positiven Kontext im Zusammenhang mit selbstbestimmten Handeln auf. Emanzipation und selbstbestimmtes Handeln stellen deshalb die wichtigste Bedeutung von Freizeit dar. Weitere Bedeutungen sehen Freizeit als Eigenzeit (z.B. Entspannung), Sozialzeit (z.B. Aktivitäten mit Freunden) und Bildungszeit (z.B. lebenslanges Lernen).

Die Autorin geht dann auf das Freizeitverhalten von Jugendlichen ein, konzentriert sich aber auf die Kinder- und Jugendarbeit als Teil des Freizeiterlebens. Hier erscheint Freizeit als Bildungszeit weil Jugendarbeit ein ausgezeichneter Lernort ist, als Sozialzeit weil sie z.B. Peergruppen fördert und als Eigenzeit weil aus vielfältigen Angeboten eine interessengeleitete Wahl seitens der Jugendlichen getroffen werden kann. Zum Schluss stellt Lange die Frage nach Freizeitverlusten bedingt durch die Ganztagsschule und Studienreform. Eine solchermaßen eintretende Zeitverdichtung könnte ein Problem für Kinder und Jugendliche werden wie auch für die Kinder- und Jugendarbeit, weil Kinder und Jugendliche keine Zeit mehr für diese Angebotsform haben. Hinzu kommt, dass freiwilliges Engagement von Jugendlichen bei der Durchführung von Angeboten ausdünnt und so eine pädagogische Grundlage der Kinder- und Jugendarbeit möglicherweise hinfällig wird.

Lotte Rose beginnt in ihrem Aufsatz „Jugend und Geschlecht“ mit der Erörterung geschlechtsspezifischer Differenztheorien. Ihrer Meinung nach verhindern Strukturen der gesellschaftlich bedingten Geschlechterordnung Eigensinn, Widerstandspraxen und eine selbstständige Bedeutungsproduktion. Deshalb setzt Doing Gender auf die Erzeugung eigenständiger Distinktionslinien und nicht auf vorgegebene Ordnungskategorien. Dann sind Genderskripte situativ veränderlich und hybrid mehrdeutig. Die sich aus dieser Perspektive ergebenden Interaktionsressourcen belegt die Autorin durch ethnografische Forschung in Jugendhäusern. Sehr anschaulich wird dann an Fallbeispielen dargestellt, wie sich Discoabende eignen, die eigene Geschlechterrolle dramaturgisch in Szene zu setzen. So kommen an einem solchen Tanzabend Mädchen spontan auf die Tanzfläche und tanzen nach dem Lied „Macarena“. Geübte Vortänzerinnen führen im Rahmen der Choreografie mit erotischen Andeutungen auch unsichere Mittänzerinnen in das situative Geschehen ein. Dann löst löst sich die Szene auf und verschwindet. Rose beschreibt und analysiert mehrere solcher durch Teilnehmende Beobachtung erfassten Szenarien. Nach ihren Ergebnissen wird durch die Inszenierung u.a. diffuser öffentlicher Raum, hier die Tanzfläche und der Discoraum, strukturiert und so bewältigbar gemacht. Diese Formen der Selbst-Exponierung zwecks Markierung von Geschlechterdifferenzen gelten für Jungen wie auch für gemischte Gruppen. Neben dem Doing Gender ereignen sich aber auch Inszenierungen, die ein Doing Youth oder ein Doing Generation beinhalten, ggf. in hybriden Formationen. In den jeweilige Inszenierungen wird ein Austausch von Riten und Symbolen, von Tabubrüchen und Vergemeinschaftungen sichtbar, deren Verständnis eben durch den ethnografischen Zugang ermöglicht wird; letztlich eine Entschlüsselung von Text und Subtexten in soziokulturellen Ereignisketten, die die vorgegebene Geschlechterordnung zum Tanzen bringen.

In der Abhandlung „Jugend und Gesundheit“ beschreibt Stephan Sting den Gesundheitszustand dieser Generation, entgegen der vorherrschenden Meinung, als instabil. Hinzu kommt aber auch das neue Verständnis von Gesundheit definiert von der Weltgesundheitsorganisation, wonach Gesundheit keineswegs die Abwesenheit von Krankheit ist. Kritisch wird gesehen, dass mit der Herstellung des „richtigen Körpers“ auch eine Anpassung an gesellschaftlich geforderte Leistungsfähigkeiten einhergehen könnte. Der flexible Mensch braucht dann einen leistungsfähigen, flexiblen Körper bzw. eine entsprechende Gesundheit. Darüber hinaus dient der Körper und die Körperschmückung als individuelle Selbstvergewisserung und Identitätsbildung bis hin zur expressiven Selbstverletzung.

Verbreitet sind psychosomatische Beschwerden wie z.B. Kopfschmerzen, Schlafstörungen und Rückenschmerzen; ebenso auch der Anstieg von Allergien im Jugendalter. Ein gesundheitlicher Belastungsfaktor besteht im Risikoverhalten (z.B. hochkalorische Ernährung, Bewegungsmangel, Risikosport, Substanzmissbrauch, zu laute Musik hören), obwohl diese Verhalten im Jugendalter auch notwendige Grenzerfahrungen und Selbsterprobungen ermöglicht. Eine Geschlechterspezifik ist insofern gegeben, als männliche Jugendliche z.B. stärker in Substanzkonsum und Verkehrsunfälle verwickelt sind, bei Mädchen höherer Medikamentenkonsum vorhanden ist, als auch bei ihnen umfangreiche Essstörungen beobachtet werden. Gleichzeitig ist der deutliche Zusammenhang von sozialer und gesundheitlicher Ungleichheit gegeben, bis hin zu früherer Sterblichkeit in den benachteiligten Segmenten der Gesellschaft. Eine Chance für eine gesundheitsbezogene Stabilisierung von Jugendlichen in der Praxis Sozialer Arbeit sieht Sting u.a. durch einschlägige Entwicklungs- und Bildungsangebote in der Kooperation der Jugendhilfe mit Schulen (z.B. im Rahmen der Schulsozialarbeit).

Der letzte Beitrag „Jugend und Armut“ von Christoph Butterwegge beginnt mit einer sehr kritischen Analyse der in Deutschland vorherrschenden Verdrängung von Armutsthemen. Die Armutslage bzw. das Einkommensarmutsrisiko (60 Prozent des Nettoäquivalenzeinkommens) betrifft z.B. 28 Prozent der Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Alter von 16-24 Jahren. Dabei ist allerdings nicht nur das geringe Einkommen von Bedeutung, sondern auch Bildung, Gesundheit, Wohnen, Wohnumfeld – eben die gesamte Lebenslage. Ursachen dieser Armut liegen vornehmlich in der Erwerbslosigkeit der Eltern oder der Elternteile wie auch in der zunehmenden Segregation in deutschen Städten und Großstädten. Entscheidend für diese Prozesse sind nach Butterwegge indes Globalisierungs- und Ökonomisierungsprozesse, die z.B. die Normalarbeitsverhältnisse auflösen. Dies geht einher mit einem Um- und Abbau des Wohlfahrtsstaates, der in den sogenannten Hartz-Gesetzen gipfelt. In der Perspektive ist mit einer weiteren Polarisierung der in Deutschland vorfindlichen Lebenslagen, flankiert von einer Elitendemokratie mit eingebauter Minderheitenverdrängung, zu rechnen.

Mit einem appellativen Akzent fordert der Autor eine Verbesserung der Rechtsposition von Kindern, einen Paradigmenwechsel von einem „schlanken“ zu einem „breiten“ Wohlfahrtsstaat, wie auch einen weitaus stärkeren Einsatz von Schule und Jugendhilfe. Gerade die letztgenannten Einrichtungen hätten dabei stärker zu kooperieren. Die Schule muss ihren Selektionsmodus revidieren, und die Jugendhilfe hätte die außerschulische Bildungsarbeit zu verstärken. Dabei darf es allerdings nicht zu einer Pädagogisierung der Armutsproblematik kommen, weshalb unablässig auf die sozioökonomischen Bedingungen hingewiesen werden muss.

Diskussion

Die im Sammelband vorgelegten Beiträge sind aussagekräftig und bearbeiten das jeweilige Thema umfangreich. Thematisiert werden die Herausforderungen im Jugendalter und nicht die Probleme, die Jugendliche mit ihnen haben. Diese Festlegung wird nicht immer, man möchte sagen zum Glück, durchgehalten. Dem Anliegen der Herausgeber, Herausforderungen des Jugendalters stärker in das fachliche Blickfeld zu rücken wird sicherlich nachgekommen. Bei den in den Beiträgen verhandelten Herausforderungen fehlt aber eigentümlicherweise der Komplex Schule/Bildung/Ausbildung/Arbeitsmarkt. Auch haben die zehn Beiträge keine Rahmung wie z.B. die Andeutung eines Theoriekonzeptes. Dennoch bleibt die Materialsammlung wertvoll, auch wenn sich die Vermutung ergibt, mit dieser Drucklegung stärker auf das ja zugrunde liegende Online-Angebot aufmerksam zu machen.

Fazit

Ein faktenreicher Materialband zum Thema Herausforderungen des Jugendalters. Zu empfehlen für Wissenschaft und Lehre wie auch für Fachleute in der Praxis von Schule und Jugendhilfe.


Rezension von
Prof. Dr. Erich Hollenstein
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Zitiervorschlag
Erich Hollenstein. Rezension vom 09.12.2013 zu: Stefan Borrmann: Herausforderungen des Jugendalters. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2013. ISBN 978-3-7799-2905-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15665.php, Datum des Zugriffs 02.12.2020.


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ISSN 2190-9245

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