Lothar Böhnisch, Wolfgang Schröer: Soziale Arbeit - eine problemorientierte Einführung
Rezensiert von Prof. Dr. Christiane Vetter, 18.07.2014
Lothar Böhnisch, Wolfgang Schröer: Soziale Arbeit - eine problemorientierte Einführung. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2013. 250 Seiten. ISBN 978-3-8252-4024-0. D: 19,99 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 28,00 sFr.
Autoren
Lothar Böhnisch, seit 2009 emeritierter Professor für Sozialpädagogik und Sozialisation der Lebensalter an der Technischen Universität Dresden, lehrt als Honorarprofessor an der Freien Universität Bozen. Wolfgang Schröer ist Direktor und Professor für Sozialpädagogik am Institut für Sozial- und Organisationspädagogik der Universität Hildesheim.
Thema
Das Buch „Soziale Arbeit – eine problemorientierte Einführung“ will eine Einführung in das Studium der Sozialen Arbeit bieten. Um die „Zukunftsfähigkeit der Sozialen Arbeit“ aufzuzeigen und die Ambivalenzen besser zu verstehen, werden psychologische und soziologische sowie pädagogische Bezüge Sozialer Arbeit unter der Bewältigungs- und reflexiven Moderneperspektive betrachtet (vgl. Vorwort).
Aufbau
Das Buch greift in elf Kapiteln die Situation Sozialer Arbeit im 21. Jahrhundert auf. Aktuelle Fragestellungen werden mit historischen verbunden. Die gesellschaftlichen Veränderungen, in die Soziale Arbeit eingebettet ist, werden in Bezug zur sozialpädagogischen Theoriebildung des Lebensbewältigungsansatzes reflektiert.
Inhalt
In Kapitel 1 „Normalisierung und Entgrenzung: Soziale Arbeit im zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahrhundert“ stellen die Autoren ihren Problemaufriss, in den die Entgrenzungsperspektive eingelassen ist, vor. Sie statuieren, dass einerseits durch Studien belegt sei, dass Soziale Arbeit selbstverständlicher Teil des gesellschaftlichen Lebens geworden ist, andererseits in Theoriediskussionen der diffuse Werte- und Bedeutungswandel der Profession und Disziplin beklagt werde. Thematisiert wird der Verlust eines legitimierten und legitimierenden sozialstaatlich verankerten Rahmens. Im Sog der Entgrenzung (als Kennzeichen der Zweiten Moderne) verliere, so die Autoren, Sozialpädagogik zunehmend ihre gesellschaftsgestaltende Kompetenz.
Soziale Arbeit entwickelte sich in enger Beziehung zum Wohlfahrtsstaat der 1920er-, 1950er- und 1970er-Jahre. So ermöglichte es der Sozialstaat, dass Soziale Arbeit zu einer Sozialisationsagentur wurde. Neben der Familie bot und bietet sie zentrale Unterstützungsressourcen für die Konstruktion des Normallebenslaufs. Die Krise des Sozialstaats gefährde jedoch Soziale Arbeit in ihrer kritischen Funktion und Finanzierung. Böhnisch und Schröer verweisen auf die Anfänge der Sozialen Arbeit und das zentrale Anliegen, soziale Handlungsfähigkeit herzustellen. Ende des 20. Jahrhunderts haben Entgrenzungsprozesse die Linearität der Normalbiografie erschüttert. Gesellschaftliche Strukturen seien im Verlauf derart verändert, dass vielfältige Lebenslagen und Lebensentwürfe nebeneinander existieren und eine Differenzerfahrung verhindern. Die Ökonomie und das Soziale unterliegen einem beschleunigten Wandel.
Böhnisch und Schröer beschreiben, wie während der Ersten Moderne die Emanzipationsbestrebungen der Frauen-, Arbeiter-, und Jugendbewegung erfolgreich waren und Freiheiten erreichten, die schließlich zu Rechten wurden. Der Nationalstaat garantierte Selbstsorge, indem er gesicherte sozialstaatlich gewollte Hilfestrukturen schuf.
Mitte des 20. Jahrhunderts flexibilisierte sich der Kapitalismus und damit die Arbeitswelt, auch die der Sozialen Arbeit. Die Autoren beklagen, wie schleichende Erosionen der sozialstaatlichen Sicherung zur Einführung individueller Risikovorsorge und zu einem Rückzug öffentlicher, wohlfahrtsstaatlicher Unterstützungsleistungen führten. Unter dem Stichwort „aktivierender Sozialstaat“ wurde eine Sozialpolitik eingefordert, die die Effizienz und Leistungsfähigkeit ihrer Systeme erwartete und begrenzte. Die Globalisierung habe neue soziale Probleme hervorgebracht, die als „Entbettung“ aus sozialen Bezügen und neue Ungleichheit wahrgenommen werden. Die Zergliederung des Arbeitsmarktes, fehlende Ressourcen und Teilhabechancen ließen die Diskussion um eine neue Armut aufkommen.
Während der 1990er-Jahre, in denen soziale Differenzierung als Motor für Wachstum galt und Anreize am Arbeitsmarkt das Selbstunternehmertum förderten, litten die Menschen noch nicht an der entgrenzten Gesellschaft. Böhnisch und Schröer gehen davon aus, dass die Konflikte, die hinter den sozialstaatlich befriedeten Problemen liegen, nicht verschwunden sind: Auch der Mensch des 21. Jahrhunderts strebt nach Handlungsfähigkeit und versucht, seine Identität und Authentizität zu behaupten. Das Bedingungsgefüge für Arbeit, Bildung, Sozialpolitik und Sozialpädagogik habe sich jedoch verschoben. Innerhalb dieser Sphären bieten sich auch Möglichkeiten für Bewältigungserfahrungen, und – auch wenn der soziale Ort erodiere und Selbstkonzepte ihre Plausibilität und Verbindlichkeit verlieren – das Bedürfnis nach Handlungsfähigkeit bleibt.
Kapitel 2 „Kritische Lebenskonstellationen: Betroffenheit, Ausgesetzt-Sein, Bedürftigkeit und Scheitern“ beschreibt, wie das Menschenbild der Ersten Moderne den Menschen in Zeit und Raum verortete, sozusagen als einen Menschen, der an sich und seiner Welt leidet. Die Familie und die Gesellschaft wurden, so die Autoren, als Orte wahrgenommen, denen der Mensch gleichsam gegenüber stand und an denen er partizipierte. In den 1970er-Jahren wurde der psychologisch-soziologische Begriff der kritischen Lebensereignisse geprägt. Der Begriff meinte, dass es Ereignisse gibt, die Menschen schwächen, aus eigenen Kräften weiterzumachen. Um die Handlungsfähigkeit zurückzugewinnen, bedürfe es der Hilfe. Der Bewältigungsansatz geht davon aus, dass auch auffälliges Verhalten als krisenhaftes Verhalten interpretiert werden muss. Aktuell verschwimmen die Grenzen zwischen Ausschluss und Teilhabe, so die Autoren. Ein exkludiertes Dasein bedeute nicht zwingend den sozialen Ausschluss. Außerdem werde das Über-die-Runden-Kommen im sozialen Umfeld der Betroffenen organisiert. Nur wer diese Ressourcen nicht habe, werde zum gesellschaftlichen Problem. Da sich der Umgang mit der eigenen Bedürftigkeit verändert habe und dieser auch geschlechtlich geprägt sei, geraten sozialpädagogische Interventionen in Legitimitätsdruck.
In Kapitel 3 „Lebensbewältigung als sozialpädagogisches Konzept“ insistiert Böhnisch, dass Menschen in schwierigen Lebenssituationen handlungsfähig sein wollen. Deshalb erkennt die Bewältigungsperspektive das menschliche Bedürfnis nach Selbstwirksamkeit und Handlungsfähigkeit auch dann an, wenn es sich gegen gesellschaftliche Normen richte. Die Aufgabe Sozialer Arbeit fokussiere sich auf die Unterstützung einer Bewältigungskultur für viele Lebenslagen entlang der Lebensalter. Bisher standen Sozialpolitik und Sozialpädagogik in wechselseitiger Abhängigkeit, weil Angebote und Interaktionen Sozialer Arbeit nur durch strukturell rechtliche Absicherung geformt werden können. Damit einher geht die Problematik einer gelenkten Hilfe zur vorläufigen Befriedung zwischen Mensch und Ökonomie, die aber jederzeit wieder aufbrechen kann. Globalisierungseffekte, wie etwa Kapitalflucht, Gewinnmaximierung, Ausbeutung von Arbeitskräften, Flexibilisierung und Angst vor dem Absturz, können sozialstaatlich kaum mehr ausbalanciert werden und bringen so auch Soziale Arbeit an ihre Grenzen.
In Kapitel 4 beschreiben die Autoren
vier Dimensionen der Bewältigungslage als Zugänge der Sozialen
Arbeit. Die erste Dimension der Bewältigung bezieht sich auf das
Phänomen Abhängigkeit. Es gibt Lebenslagen und Lebensalter, die von
Abhängigkeit gekennzeichnet sind (z. B. die Kindheit und
Jugend), und brauchen bestimmte Menschen besondere Hilfe. Wer
abhängig ist, leidet unter verwehrter Aneignungsmöglichkeit, die
soll durch Soziale Arbeit gegeben werden.
Die zweite Dimension
der Bewältigung richtet sich auf das Bedürfnis, sich auszudrücken.
Manchmal stecke hinter einer antisozialen Tendenz (Donald Winnicott)
das Bedürfnis, Wut, Ohnmacht und Hoffnung mitzuteilen. Abweichendes
Verhalten wird als fehlgeleitetes Bewältigungshandeln interpretiert
und muss deshalb verstanden werden. Die dritte Dimension der
Bewältigung ist im Aneignungsgedanken aufgehoben. Menschen wollen
sich ihre Welt je nach Alter aneignen und sie brauchen, das ist die
4. Dimension Räume der Anerkennung.
In den 1970er- und 1980er-Jahren wurde bereits über diese Dimensionen diskutiert und die Hilfe auch als Kontrolle diskutiert. Hilfe kann als Stigmatisierungen wahrgenommen werden (vgl. labeling approach). Die Reformdebatte der Heimerziehung, die zur Entwicklung integrierter sozialräumlich verankerter Erziehungshilfen führte, insistierte auf die Auseinandersetzung um Hilfe und Kontrolle und deren Balance. Supervision trug dazu bei, verdeckte Konflikte zwischen wohlwollendem Helfen und sozialer Kontrolle zu erkennen und zugunsten der Förderung der Eigentätigkeit und Akzeptanz biografischer Eigensinnigkeit der Adressatinnen und Adressaten der Hilfe zu interpretieren. Theoriewissen wurde in den Dienst der Praxis gestellt und Sozialpädagogik als lebensweltliche und systemische Disziplin entwickelt, die den Alltag kritisch reflektiert, niederschwellige Hilfen ermöglicht und die Funktion einer „stellvertretenden Inklusion“ in der arbeitsteiligen Gesellschaft erfüllt (S. 58). Die Autoren reflektieren auch den capability-Ansatz aus ihrer Perspektive.
Kapitel 5 „Die sozialpolitisch-sozialethische Perspektive: Soziale Gerechtigkeit und Generationengerechtigkeit“ greift die Gerechtigkeitsperspektive als Leitprinzip des Sozialstaates auf, der für Rechtssicherheit und das Recht auf Arbeit, Versorgung, Umverteilung und Gleichbehandlung der Geschlechter eintrete. Das Recht bietet die notwendige Akzeptanz, Settings zu entwickeln, Milieus zu bilden und Passungen zu finden, um eigene Potenziale zu nutzen (Empowerment).
Kapitel 6 „Handlungsaufforderungen“ systematisiert die Methoden des Bewältigungskonzepts und nennt die Hilfestruktur, denn Soziale Arbeit agiert im Kontext von intrapsychischen und interpsychischen Konflikten. Sie erzeugt Standards, nach denen Hilfe gewährt und organisiert wird. Zum „Empowerment“ gehören etwa das Fallverstehen, die funktionalen Äquivalente, die Sozialraumorientierung und Milieuarbeit sowie das Konfliktmanagement und Networking.
Die Konfliktorientierung ist die Struktur, nach der gehandelt wird. Der soziale Konflikt zwischen Arbeit und Kapital wurde zwar durch den Sozialstaat befriedet, ist aber nicht aufgehoben und lebt in der Dialektik von Hilfe und Kontrolle weiter. Lebens- und Bewältigungslagen ermöglichen oder verhindern die prosoziale Austragung von Konflikten. „Bewältigungstheoretisch gesehen stellt Konfliktfähigkeit die Grundstruktur erweiterter Handlungsfähigkeit dar“ (S. 86). Offene und verdeckte Konflikte sind Teil des Menschen und Teil des Sozialen. Böhnisch und Schröer verweisen auf die Tendenz der modernen Gesellschaft, Konflikte positiv umzudeuten.
In Kapitel 7 „Ermöglichungen im
Spiegel der Entgrenzung der Lebensalter“ schildern Böhnisch
und Schröer, dass jede Lebenslage und jede Krisen biografisch
bewältigt werden müssen. Die Interventionen Sozialer Arbeit sind
auf den Lebenslauf fokussiert, der gesellschaftlich durch Arbeit und
Bildung geprägt wird:
Die heutige Kindheit wird als öffentliche
und verplante Kindheit wahrgenommen. Sie zeigt sich in Sphären der
Kinderarmut oder Vereinnahmung durch familiale, staatliche und
wirtschaftliche Interessen. Das sogenannte „kompetente Kind“ ist
gleichsam angewiesen auf Schutz und einen Raum zur Aneignung der
Lebenswelt. Je nach familialer Lebenslage sind Kinder Benachteiligte
oder Befähigte, und sie sammeln Selbstwirksamkeitserfahrungen im
Kontext von Gewalt und Überforderung oder im behüteten Rahmen.
Die Jugendphase ist durch Experimentieren und die Suche nach der eigenen Identität gekennzeichnet. Selbstwirksamkeitserfahrungen finden nicht selten an den Grenzen des sozial konformen Verhaltens statt. Die Jugendarbeit schafft sogenannte Anerkennungskulturen und ist ein sozialer Ort, an dem das Recht auf Jugend im Sinne des Moratoriums Bedeutung findet. Der Status des noch nicht Erwachsenseins bietet Jugendlichen den Raum, ihre Männlichkeit bzw. Weiblichkeit zu finden und sich auszudrücken. Heute wird die Jugendphase über die Schule definiert, der Übergang ins Erwachsenenleben hat sich verkürzt.
Das junge Erwachsenenalter ist von biografischen Risiken durchzogen, die eine Rollensicherheit voraussetzen und neues Rollenverhalten erfordern. Männer sollen an der Familienarbeit mitwirken, Frauen sollen sich beruflich entwickeln. Trotzdem sind die traditionellen Rollenbilder nach wie vor wirksam.
Die Familiengründungsphase fällt mit der beruflichen zusammen, wobei sich die Vereinbarkeitsfrage gesellschaftlich und biografisch unterschiedlich stellt, seien es unsichere Jobs, akademische Abschlüsse ohne Statuserweiterung, drohende Armut, verunsicherte junge Migranten und Erwachsene, die keine Sicherheit anbieten. „Das ‚junge Erwachsenenalter‘ ist gegenwärtig die Sozialisationsphase, die am entschiedensten durch die Entgrenzungstendenzen in der Arbeitsgesellschaft geprägt wird“ (S. 137).
Das Erwachsenenalter und die Alten bilden keine homogene Gruppe, vielmehr differenzieren sie sich in sogenannte junge Alte, alte Alte oder sozialbenachteiligte und integrierte Alte. Alte erleben in der Regel eine eigenständige Lebensphase, die jenseits der gesellschaftlichen Normalitätsentwürfe des Erwachsenenalters gestaltet werden. Die Lebenslage Alter erfordert, so die Autoren, die Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit, dem Schwinden der Kräfte, der Einschränkung des Sozialraums und dem Suchen einer Balance von Aktivität und Rückzug. In diesem Kontext erwähnen Böhnisch und Schröer auch die Lebenslagen der Obdachlosigkeit, Migration und Sucht, die sich quer zu den Lebensaltern entwickeln, und die verschiedenen Handlungsfelder der Sozialen Arbeit.
Soziale Arbeit gehe, so die Autoren, von den Bewältigungsaufgaben der Lebensalter aus und agiere vor allem dort, wo soziale Benachteiligung vorliege. An diesen Punkten werde die Integrationsfrage gestellt. Diversität sei nur dann ein Problem, wenn Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter fragen, wo und wie Selbstbestimmung möglich wird. Die Interdependenzen Sozialer Arbeit, die durch das Geschlecht, die Klassenlage, kulturelle Herkunft und gesellschaftliche Normativität geprägt werden, führen zu Problemen, wenn der soziale Konflikt wahrgenommen und bearbeitet wird und eine potenzielle Gefährdung des Zusammenhalts der Gesellschaft möglich erscheint. Die sozialpädagogische Hilfe, darauf hatte bereits Hans Scherpner verwiesen, zielt auf gesellschaftliche Integration, die den einzelnen Menschen in Bezug zur sozialen Stabilität und Instabilität wahrnimmt (S. 145). Hilfe, so die Autoren, ist strukturell auf Vermittlung zwischen Einzelfall und gesellschaftlichen Interessen angewiesen. Formal ist sie an den Integrationsgedanken der Sozialpolitik und an das Interesse, die Gesellschaft sozial zu befähigen, gebunden. Wenn Integration nicht mehr als Intervention für Chancengleichheit und Aufforderung zur Öffnung sozialer und politischer Gestaltungsräume aufgefasst wird, besteht die Gefahr, dass soziale Probleme individualisiert und privatisiert werden. Dann wird es für Soziale Arbeit schwer, Hilfe, die im Spannungsverhältnis von Mensch und Gesellschaft angesiedelt ist, sinnvoll zu gestalten.
Kapitel 8 „Soziale Probleme und gesellschaftlicher Integrationsdruck“ und Kapitel 9 „Professionelle Handlungsfähigkeit“ setzen sich mit der Thematik auseinander, dass heute der Inklusionsbegriff den Integrationsbegriff zu ersetzen scheint, was aus Sicht der Autoren nicht möglich sei, weil Inklusion im Kontext der Ausgrenzungsproblematik als Organisationsprinzip definiert wurde. Mithilfe inklusiver Pädagogik sollen Organisationen soziale Teilhabemöglichkeiten anbieten. Soziale Teilhabe sei jedoch durch das Integrationsprinzip des Sozialstaats legitimiert. Professionalität erfordert Reflexivität, um die Etikettierungs- und Stigmatisierungstendenzen Sozialer Arbeit zu durchschauen. Um der Gefährdungen des emanzipatorischen Auftrags Sozialer Arbeit und dem Verlust der Balance von Hilfe und Kontrolle entgegenzutreten, bedarf es einer problemorientierten Sozialen Arbeit.
Kapitel 10 „Sozialpolitische Reflexivität“ stellt fest, dass der Sozialstaat, so die Einschätzung der Autoren, in Anbetracht der Globalisierungsdynamik entgrenzt ist. Der Shareholder-Kapitalismus (reine Gewinnorientierung) sowie die weitere Rationalisierung und Auslagerung von Produktionen hatte Arbeitslosigkeit zur Folge und griff den Sozialvertrag an. Der demografische Faktor und neoliberale Werte führten zur Spaltung der Gesellschaft, die eine historisch neue Qualität einnimmt (S. 160). Es scheint, als ob Soziale Arbeit – wie im 19. Jahrhundert – mit der Verwaltung sozialer Randständigkeit konfrontiert sei. Stephan Lessenich zeigte bereits 2008, dass der Sozialstaat selbst nach sozialpolitisch vertretbaren Strategien suche, um das Überleben zu sichern. Der aktivierende Sozialstaat („Fordern und Fördern“) und das Programm des „Lebenslangen Lernens“ weisen in diese Richtung. Die Schwächung des Sozialstaats bedrohe Soziale Arbeit. Das sozialpolitische Leitprinzip integrierter Hilfe, um dem strukturellen Konflikt zwischen Kapital und Arbeit entgegenzutreten, sowie die soziale Utopie und der Wunsch, die Verwertbarkeit des Menschen humanitär zu versöhnen, könnten, so Böhnisch und Schröer, reaktiviert werden.
Kapitel 11 „Transnationale Anschlüsse“ zeigt, dass die vergleichende Soziale Arbeit in der Perspektive anderer Länder noch am Anfang stehe und mit der Entwicklung Europas zusammenhänge. Wenn der europäische Regierungsraum zukünftig auf das Einhalten von nationalen Interessen achte, Handelsabkommen definiere, auf die Nachhaltigkeit des Wirtschaftens und die Verhinderung der Ausbeutung achte, könnte Soziale Arbeit auch zukünftig eine bedeutende Kraft haben, um Gesellschaften sozial zu gestalten. In der Tendenz befähige der Sozialstaat Menschen durch Soziale Arbeit, ein selbstbestimmtes Leben zu führen Die soziale Frage wurde zivilgesellschaftlich gestellt, aber durch diese nicht befriedet. Die Zähmung des Kapitalismus und die Vermenschlichung der Industriegesellschaft waren erfolgreich, weil der Mensch (in Folge der Aufklärung) den Menschen als Bürger betrachtete. Fundraising und Social Sponsoring können diese Kraft nie erreichen, denn sie überdecken, dass sozial benachteiligte Menschen immer Unterstützung brauchen, um ihre Teilhaberechte zu verwirklichen (S. 174). Als Alice Salomon die weibliche Fähigkeit zur Sorge als Berufs- und Vergesellschaftungsprinzip betonte, erlebte sie, dass der Fürsorgegedanke zum Dreh- und Angelpunkt für Reformen wurde. Später wollten Frauen Sorge-Arbeit mit allgemeiner Erwerbsarbeit verbinden. So wurde Sorge in ihrer interaktiven Wirkung in die Arbeitswelt transportiert. Heute ist die Sorge als eine Restrukturierungsperspektive hoch aktuell. Im Zusammenhang mit der alten Frage nach dem Ziel und Zweck der Ökonomie wird die Nachhaltigkeitsfrage gestellt.
Diskussion
Soziale Arbeit als eine problemorientierte Profession und Disziplin zu beschreiben, trägt dazu bei, an die Tradition der frühen und mittleren Sozialreformen während des 20. Jahrhunderts und die zentralen Handlungskonzepte der Lebenswelt- und Bewältigungsorientierung anzuknüpfen. Damit kann die Fortschreibung dieser Denktradition vorgenommen werden. In der Auseinandersetzung mit sozialen Problemlagen, die als Konflikte interpretiert werden und eine psychodynamische und gesellschaftliche Dimension besitzen, bleibt die Anschlussfähigkeit der Disziplin an die Soziologie und kritische Theoriebildung erhalten. Die Disziplin Sozialer Arbeit braucht soziale Grundlagenforschung und sie braucht den Sozialstaat als wichtige Bezugsgröße, der wiederum auf Expertisen seitens sozialarbeitswissenschaftlicher Forschung angewiesen ist. Die Ausführungen der Autoren markieren einen Ausgangspunkt für die heutige Generation von Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern. Das Buch schärft den Blick für den Wandel unserer Gesellschaft und die neuen Herausforderungen, die Soziale Arbeit in der zweiten Moderne gestaltet.
Fazit
Trotz des zuweilen als sperrig erlebten Schreibstils ist die Lektüre dieses Buches zu empfehlen, und ist für Lehrende und Studierende der Sozialen Arbeit bedeutsam. Die Autoren eröffnen Perspektiven für die Weiterführung des Lebensbewältigungskonzeptes.
Rezension von
Prof. Dr. Christiane Vetter
Leiterin der Studienrichtung Soziale Arbeit in der Elementarpädagogik an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart
Es gibt 63 Rezensionen von Christiane Vetter.




