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Angela Hallbauer, Claudio Castañeda: Einander verstehen lernen (Autismus)

Cover Angela Hallbauer, Claudio Castañeda: Einander verstehen lernen – Ein Praxisbuch für Menschen mit und ohne Austismus. Holtenauer Verlag (Kiel) 2013. 138 Seiten.

Über Verlag lieferbar.


Thema

Menschen begegnen sich, Menschen sind darauf angewiesen sich zu verstehen. Menschen mit und ohne Autismus haben zahlreiche Probleme in der Kommunikation. Bei nicht sprechenden Menschen mit Autismus werden Bedarfe eher erkannt als bei Sprechenden. Das Vorhandensein von Sprache sagt aber noch nichts über die Kommunikationsfähigkeiten aus. Die Autoren stellen neue Erkenntnisse aus der Forschung über Autismus, wie z. B. der Begriff der Kontextblindheit (Vermeulen 2009) vor, beschreiben Grundbedingungen von Kommunikation und bereiten Theorie und Praxis leicht verständlich auf.

Autorin und Autor

Angela Hallbauer und Claudio Castañeda schauen auf 15 Jahre Erfahrungen mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit Autismus sowie deren Umfeld zurück. Angela Hallbauer ist Sonderpädagogin und Beratungslehrerin für UK in Schleswig-Holstein, Claudio Castañeda Schulbegleiter und Berater für UK und Autismus in Köln.

Aufbau und Inhalt

Auf 140 Seiten werden 39 Stichworte behandelt. Zahlreiche Fotos und Zeichnungen ergänzen die Theorie und Praxis. Auf jeder Seite ist das behandelte Thema abgedruckt, was die Orientierung im Buch erleichtert. Zur Veranschaulichung werden die Erläuterungen durch zahlreiche Beispielszenen aus der praktischen Arbeit unterfüttert. Diese sind kursiv gedruckt und eingeschoben, sodass sie sich vom Fließtext optisch abheben. Merksätze heben sich durch Fettdruck ab.

Das Autoren-Team hat auf eine Überschriften und Unterkapitel verzichtet. Zur besseren Übersichtlichkeit habe ich mir deshalb erlaubt inhaltliche Schwerpunkte zu setzen.

Das Buch beginnt mit dem Thema Kommunikation als Grundbedürfnis und Kommunikationsbesonderheiten von Menschen aus dem autistischen Spektrum (ASS) wie Echolalien, wortwörtliches Verstehen, stereotypische Sprechhandlungen.

Es folgen Konzepte des joint attention, der theory of mind, der zentrale Kohärenz sowie der Relationsblindheit, die Ursachen für Schwierigkeiten sind und Konsequenzen für das soziale und kommunikative Miteinander. Das Ziel ist miteinander zu lernen und sich einander besser zu verstehen. Dabei wird auf eine ausführliche theoretische Darstellung verzichtet, sondern ein pädagogischer Werkzeugkoffer geöffnet und praktische Ideen, Methoden, Ansätze und Strategien vorgestellt. Diese sind in zwei Bereiche unterteilt:

  1. Ideen zum besseren Verstehen und
  2. Ideen um besser verstanden zu werden.

Ausgewählte Methoden und Ansätze werden kurz erläutert, bevor Beispiele ausgezeigt werden. Zentrale Information ist, dass Unterstützungsbedarfe bei nicht sprechenden Menschen mit Autismus eher erkannt werden als bei Sprechenden, die aber auch Kommunikationsprobleme haben.

Hilfreiche Methode ist die Unterstützte Kommunikation (UK). „Kommunikation beinhaltet mehr als das Formulieren von Äußerungen, um etwas mitzuteilen oder zu fordern. Damit Kommunikation erfolgreich verlaufen kann, ist es grundlegend, dass zwischenmenschliche Zusammenhänge verstanden und eingeordnet werden können.“ (S. 46). Viele Menschen aus dem autistischen Spektrum haben in diesem Bereich Schwierigkeiten, die für das Umfeld nicht immer sofort erkennbar sind.

Die Entwicklung kommunikativer Funktionen wird in der Regel vernachlässigt, weil sprechende neurotypische Menschen davon ausgehen, dass allen Menschen die grundlegenden Prinzipien zwischenmenschlichen Austauschs intuitiv anwenden. Das ist bei Menschen mit Autismus nicht der Fall. Mithilfe eines sog. „Kommunikationsrades“ (S. 49 und S. 50) wird erläutert, wie vielfältig und komplex Sprache und Kommunikation ist.

Zur Vertiefung dieses Ansatzes werden zwei Kommunikationsräder visualisiert.

  1. Im ersten Rad werden drei Dimensionen von Sprache und Kommunikation erklärt wie die Form (WIE) z.B. gesprochene Sprache, Gebärden, Schrift etc., der Inhalt, also (WAS) kommuniziert wird wie z.B. Urlaubserlebnisse, Hobby, Wetter etc. und die Funktion (WOZU), also die Gründe, weshalb kommuniziert wird wie Aufmerksamkeit, Meinungsäußerung, Protest, Fragen etc.
  2. Im zweiten Rad geht es um das WOZU. Es sollte vermittelt werden, dass Kommunikation, einen Sinn hat, sich lohnt und Spaß macht. Da es nicht die Methode gibt und auch nicht nur ein Medium werden verschiedene Möglichkeiten vorgestellt wie die von Carol Gray entwickelten Methoden, die das Verständnis sozialer Zusammenhänge fördern. Sie nutzt dafür Comic Strip Conversations oder Social Stories.

Auch Alternativenübersichten sog „Contingency Maps“ von Brown/Mirenda sind eine bewährte Strategie. Als visuelle Verstehenshilfen sind elektronische Kommunikationshilfen wie Talker und IPad hilfreich. Das Erlernen von Kommunikation mit einem Talker ist ein komplexer Lernprozess, was oft unterschätzt wird. Als Folge werden auftretende Schwierigkeiten oft zu Unrecht den Nutzern zugeschrieben. Interaktionsspiele und Kommunikationstagebücher dienen zur Vermittlung persönlicher Relevanz. Rollenspiele, Gesprächsskripte und sog. smalltalkbücher erleichtern die Kommunikation.

Aktuell wird der pädagogische Werkzeugkoffer durch das iPad und Tablet bereichert. Menschen mit Autismus haben eine Affinität zu technischen Geräten, sodass diese Hilfen die Motivation zur Kommunikation erhöhen können. Auf den Seiten 113-123 werden Apps mit unterschiedlichen Einsatzmöglichkeiten wie Spiel und Spaß, Freizeit und Beschäftigung sowie Lernen und Kommunikation in den Fokus genommen. Es werden Informationen zu Literacy-Angeboten von der Ebene des haptischen Lernens bis zum Arbeiten am PC gegeben. Diese zielen auf die Anbahnung schriftsprachlicher Kompetenzen ab.

Das Buch endet mit dem Anhang, der Informationen, Ideen und Material zusammenfasst sowie einer Zusammenstellung einer Ideensammlung für Interaktionsspiele mit elektronischen Kommunikationshilfen in Hinblick auf das Spiel, die Beschreibung und die Umsetzung gibt.

Diskussion

Menschen sind soziale Wesen. Sie sind darauf angewiesen, einander mitzuteilen und zu verstehen. „Kommunikation beinhaltet mehr als das Formulieren von Äußerungen, um etwas mitzuteilen oder zu fordern. Damit Kommunikation erfolgreich verlaufen kann, ist es grundlegend, dass zwischenmenschliche Zusammenhänge verstanden und eingeordnet werden können.“ (S. 46). Menschen ohne Autismus (diese werden auch als neurotypische Menschen bezeichnet) gehen davon aus, dass jeder intuitiv kommuniziert. Dabei wird übersehen, dass Kommunikation ein komplexes Konzept ist, was sich aus vielen Kompetenzen zusammensetzt. Viele Menschen aus dem autistischen Spektrum haben in diesem Bereich Schwierigkeiten, die für das Umfeld nicht immer sofort erkennbar sind, der Unterstützungsbedarf wird vor allem bei denen nicht erkannt, die über ein Sprachvermögen verfügen. Folge ist, dass die Entwicklung kommunikativer Funktionen vernachlässigt wird.

Das Buch eröffnet einen Blick in den „pädagogischen Werkzeugkoffer“ der beiden Autoren. Zentrale Strategien werden prägnant vorgestellt und anhand von Beispielen aus der Praxis erläutert. Voraussetzung, um Maßnahmen unterstützter Kommunikation erfolgreich einzusetzen ist, dass sie individuell angepasst werden.

Fazit

Kommunikationsprobleme stellen allgemein in allen Bereichen des Lebens eine große Hürde dar. Menschen mit Autismus haben zahlreiche Schwierigkeiten, deren Ursachen darin liegen, dass Kommunikation mehr ist als das Formulieren von Äußerungen, um etwas mitzuteilen oder zu fordern. Damit Kommunikation erfolgreich verlaufen kann, ist es grundlegend, dass zwischenmenschliche Zusammenhänge verstanden und eingeordnet werden können. Der Hinweis der Autoren, dass ein besonderes Augenmerk auf Personen aus dem autistischen Spektrum zu legen ist ,die sprechen können, ist wertvoll und wichtig. Gerade bei sprechenden Menschen aus dem autistischen Spektrum werden Kommunikationskompetenzen oft überschätzt bzw. sind für das Umfeld nicht immer sofort erkennbar . Was mir fehlt ist der Hinweis, dass neben den Menschen aus dem autistischen Spektrum auch die sogenannten neurotypischen Kommunikationspartner Schwierigkeiten haben. Zu einer gelingenden Kommunikation tragen immer alle an der Kommunikation Beteiligten bei.

Dennoch ist das Buch uneingeschränkt zu empfehlen! Diese Fachlektüre bringt Theorie und Praxis in einer leicht verständlichen Weise nahe, bündelt zahlreiche konkrete Hinweise und gibt einen guten Überblick. Es ist förderlich, aus einem Repertoire an Methoden und Vorgehensweisen Elemente auszuwählen, die zu der Person passen. Erforderlich ist, das gegenseitige Verstehen von Denkweisen, aus denen Handlung entstehen. Der TEACCH Ansatz, der mehr ist als visualisierte Ablaufpläne und Strukturierung von Arbeitsplätzen und Materialien, bietet dafür eine unerschöpfliche Quelle. Das Buch trägt dazu bei, den TEACCH Ansatz bekannter zu machen, sodass viele Menschen davon profitieren können.


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Heilpraktikerin für Psychotherapie. Einrichtungsleitung in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn und freiberuflich in eigener Praxis ABC Autismus tätig. Schwerpunkte: Herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation, Autismus, TEACCH, Erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 11.12.2013 zu: Angela Hallbauer, Claudio Castañeda: Einander verstehen lernen – Ein Praxisbuch für Menschen mit und ohne Austismus. Holtenauer Verlag (Kiel) 2013. Über Verlag lieferbar. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15679.php, Datum des Zugriffs 16.01.2019.


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