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Matthias Weber (Hrsg.): Beratung von Hochkonflikt-Familien

Cover Matthias Weber (Hrsg.): Beratung von Hochkonflikt-Familien. Im Kontext des FamFG. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2013. 452 Seiten. ISBN 978-3-7799-0774-9. 39,95 EUR.

Reihe: Eine Veröffentlichung der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung e.V.
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Thema

„Wie kann den Vorgaben des FamFG gerade auch und im Besonderen in der Beratung von Hochkonfliktfamilien im Hinblick auf: interprofessionelle Kooperation, Fragen der angeordneten Beratung, der Weitergabe von Informationen und des Einbezugs von Kindern in die Beratung, entsprochen werden?“ Diese Thematik wird in den zahlreichen Einzelbeiträgen dieses umfangreichen Sammelbandes zur „Beratung von Hochkonfliktfamilien im Kontext des FamFG“ in umfassender mehrperspektivischer Vielfalt interdisziplinär bearbeitet. Der thematische Blick richtet sich dabei auf die Anforderungen in der Beratung mit hochstrittigen Eltern, die psychosoziale Situation der Kinder im Beratungskontext, die sich im Konflikt befindenden BeraterInnen sowie auf die Schnittstellen zwischen den Beratungsinstanzen und den das FamFG ausführenden Familiengerichten. Kriterien und Indikatoren für eine „gute Praxis“ von Interventionen bei hochstrittigen Trennungs- und Scheidungsfamilien schließen den thematischen Zirkel.

Herausgeber, Autoren und Autorinnen

Die Herausgeber M. Weber, U. Alberstötter und H. Schillingwaren bereits am Forschungsprojekt „Kinderschutz bei hochstrittiger Elternschaft“ von 2006 bis 2009 beteiligt; Alberstötter und Weber sind zudem mit eigenen Beiträgen im vorgestellten Sammelband vertreten. Die Autorinnen /Autoren der Einzelbeiträge sind allesamt langjährige MitarbeiterInnen an Erziehungsberatungsstellen, eine Autorin arbeitet als eigenständige Gutachterin für Familiengerichte, einer der Autoren als Familienrichter.

Entstehungshintergrund

In Anbetracht der vielerorts wahrgenommenen Unsicherheit, die Umsetzung des FamFG bei Hochkonfliktfamilien betreffend, initiierte die Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (bke) 2010 eine Arbeitsgruppe, welche bis 2012 einerseits die „neue“ Gesetzeslage des FamFG sowie andererseits die Ergebnisse des Forschungsprojektes „Kinderschutz bei hoch strittiger Elternschaft“ (Verbundprojekt der bke, des dji und des IFK, 2006 bis 2009) zusammenfassend bearbeitet und vertieft sowie des Weiteren mit relevanten Praxisansätzen im Kontext hochstrittiger Elternschaft verknüpfte. Dieser Sammelband bildet nun die Ergebnisse und den erworbenen Erkenntnisgewinn ab.

Aufbau und Inhalt

Die Veröffentlichung gliedert sich in vier thematisch abgegrenzte Kapitel.

Die Beiträge im ersten Kapitel „Hoch konflikthafte Trennungskonflikte mit hochstrittigen Eltern“ von Alberstötter, Spengler, Winkelmann, Lohmeier und Berwanger behandeln die Beratungsarbeit mit hochstrittigen Eltern aus gesellschafts-philosophischer Sicht, beschreiben konkret verschiedene Interventionsmodelle und fokussieren durch hohe emotionale Belastung entstandene Anpassungsstörungen bei den Eltern sowie das heikle Thema der „Gewaltausübung“ mit der Waffe Kind in konflikthaften Familiensystemen.

Im zweiten und umfangreichsten Kapitel: „Kinder hoch konflikthafter Eltern in der Beratung: Erleben, Bedürfnisse, Belastung und Bewältigung“ beschäftigen sich die Einzelbeiträge von Weber, Loschky/Koch, Grabow, Alfes, Gillner, Bernhardt, Behrend, Korittko und Götting mit der Situation der Kinder in Hochkonfliktfamilien sowie der beraterischen Praxis mit dieser Zielgruppe. Die Belastungen und Gefährdungen für das Kindeswohl, die Verarbeitungsstrategien der Kinder, ihre z.T. erstaunliche Resilienz werden ebenso aufgezeigt und reflektiert wie konkrete Interventions-möglichkeiten sowie der vieldiskutierte Einbezug der Kinder in die Beratung ihrer Eltern.

Die Beiträge des dritten Kapitels „Berater/innen im Konflikt“ von Schlund, Ritzer-Sachs und Wagner widmen sich den Fragestellungen, welche Beraterhaltungen in diesem durch Hochstrittigkeit erschwerten Beratungskontext wichtig und förderlich erscheinen. Ebenso werden erschwerende Haltungen herausgefiltert wie auch die Notwendigkeit verdeutlicht, dass Berater/innen hier in besonderem Maße „Selbst(für)Sorge“ vorzunehmen haben.

Die „Kooperation und Rahmenbedingungen der Beratung im Kontext Hochkonflikt“ stellen den thematischen Schwerpunkt des vierten Kapitels dar. Müller, Götting und Pfahler zeigen in ihren Beiträgen, wie die Vorgaben des FamFG auch organisationsbezogen in Beratungsstellen ihre Wirkung entfalten, inwiefern die gesetzlichen Vorgaben die konkrete Arbeit an den Beratungsstellen generell und insbesondere im Hinblick auf eine vormals nicht für möglich gehaltene Kooperation mit den Familiengerichten verändert haben.

Im Anhang (und somit in einem fünften Kapitel) geben die beiden Herausgeber Alberstötter und Weber nach „gut zehn Jahren“ einer gezielten Auseinandersetzung und intensiven Beschäftigung mit der Thematik „hochstrittige Eltern“ wie auch als Ergebnis des bezeichneten Forschungsprojektes praxisnahe Kriterien und Indikatoren für eine gute, wenn nicht „best practice“, von Interventionen bei hochstrittigen Trennungs – und Scheidungsfamilien. Diese „Fachlichen Standards“ wurden im übrigen vom Vorstand der bke förmlich beschlossen und werden an dieser Stelle bewusst für die Praxis zur Verfügung gestellt.

Diskussion

Keine Kapitulation der Berater/innen im Feld der Hochkonflikhaftigkeit! Die Vielfalt und qualitätsvolle Dichte der einzelnen Beiträge lädt den Leser zu einer kontroversen gedanklichen und kritischen Auseinandersetzung ein. Die Erweiterung der Entstehungshypothesen für Hochstrittigkeit auf den gesellschaftlichen Kontext überhaupt vorzunehmen, die heikle Thematik des Machtmissbrauches eines Kindes als Waffe im Trennungs- und Scheidungskonflikt zu realisieren, diese klar und deutlich den Eltern gegenüber aufzudecken und dem mutig Einhalt zu gebieten, (vgl. Beiträge Alberstötter) – dies fordert nicht nur ein Überdenken, sondern eine konkrete Veränderung der bislang geleisteten Beratungsarbeit im Kontext Hochstrittigkeit und FamFG. Damit nicht genug: Gerade auch die MitarbeiterInnen der Erziehungsberatungsstellen sollen trotz Vertrauensschutzes stets auch Anhaltspunkte für eine bestehende Kindeswohlgefährdung aktiv prüfen und entsprechende Schritte in Richtung Familiengericht veranlassen – dies stellt einen schwierigen Balanceakt dar und wirft die Frage auf, ob dies zum bisherigen Selbstverständnis eines an der Erziehungsberatungsstelle tätigen Beraters passt (vgl. Beiträge Weber, Ritzer-Sachs). Der Leser erhält darüber hinaus konkrete Handlungsanleitungen für eine gelingende Intervention mit dem Kind und/oder den Eltern: als Berater Humor geschickt zu platzieren (vgl Lohmeier), mit Kindern freies Symbolspiel und szenische Mittel heilend einzusetzen (Alfes), in den Lebensfluss „einzusteigen“ (Spengler) – von dieser Handlungsvielfalt kann der Leser in seinem Handlungsfeld direkt profitieren. Für die eigenständige Beratung von Kindern und Jugendlichen als Regelangebot wird eine Lanze gebrochen und die bisherige Vernachlässigung dieses Auftrages durch die Beratungsstellen wird zu Recht moniert (vgl.Gillner). Wie soll ich denn nun als BeraterIn in dieser Dynamik zwischen Problemtrance und dynamitartiger Eskalation den Beratungsprozess gestalten, welche Beraterhaltung denn gelingend einnehmen? Diesen Fragestellungen wird vielfach und sehr kontrovers nachgegangen – provokativ dazu ein Vorschlag (vgl. Wagner), der Berater möge direktiv, sanktionierend und beratende Beziehung an die Erfüllung von Bedingungen knüpfend vorgehen – kann das Beraterhaltung sein? Auch wird der Fakt, dass Erziehungsberatungsstellen durch die Flut von durch die Familiengerichte geschickten Eltern ihre Arbeitsweise nicht nur inhaltlich, sondern auch strukturell unbedingt verändern müssen, klar benannt; allerdings mit der (doch „tröstlichen“) Botschaft: stellt Euch der Herausforderung, sie ist bewältigbar (vgl. Götting, Pfahler)!

Schlussendlich: Eine „good practice“ in der Beratung von Hochkonflikfamilien – pro! Kind und pro! Eltern – lebt von folgenden Faktoren:

  • Das Phänomen Hochstrittigkeit ist klassifiziert, bestimmt und mit „Haltung“ versehen.
  • Die Handlungskonzepte sind auf den Hochkonflikt in Abgrenzung auf einen Normalkonflikt spezifisch konstruiert; Elemente aus dem „normalen“ Beratungsalltag müssen, können und sollten in einem Transformationsprozess zur Hochkonflikberatung eine Modifikation, einen „Dreh“, eine „andere“, ungewöhnliche Kombination erfahren.
  • Struktur ist der unbedingte Leitbegriff für die „gute Praxis“: in der Organisation, in der Kooperation aller beteiligten Professionen, in der konkreten Beratungsarbeit.
  • Während des Beratungsverlaufes: Positionierung zwischen Vergangenheitsbewältigung und Gegenwartspragmatismus, das „richtige“ Setting zwischen Einzel – und gemeinsamen Gesprächen, steuerndes Machbarkeitsdenken und Anerkennung, dass es eine unauflösbare Tragik gibt.
  • Der idealtypische Berater hält ein Ensemble von unterschiedlichen Haltungen und „Handwerkszeugen“ vor, er beherrscht die Kunst des „Changierens“ vom (z.B.) rücksichtsvollen, einfühlsamen „Behandler“ bis zum kreativen, mit allen Wassern gewaschenen Gegenwartspragmatiker.
  • Das unstrittige Bild vom belasteten Kind impliziert Heterogenität im Hinblick auf Einbezug des Kindes und Beschränkung auf Elternarbeit. Die Entwicklung weiterer Modelle für das Einbeziehen der Kinder ist notwendig. Aufgabe der Berater ist es, Entwicklungsgefährdungen transparent einzuschätzen und pro Kindeswohl und Kindesschutz fachlich kompetent zu agieren.

Hochstrittigkeit empirisch abgesichert erfassen, Kinder fest in den Blick nehmen, mit allen Akteuren intensiv kooperieren und für gute, wenn nicht beste, Rahmenbedingungen sorgen, so lassen sich die Erfordernisse für die „good practice“ im „Feld Hochkonflikt“ zusammenfassend skizzieren.

Fazit

Das Verdienst dieses umfangreichen Sammelbandes besteht darin, die Beratung mit Hochkonfliktfamilien generell und im Besonderen in der Verbindung mit den durch das FamFG entstandenen Anforderungen zu entdämonisieren. Für nahezu jede, auch in der Fachliteratur bislang eher unberücksichtigte, Facette dieses vielschichtigen Phänomens finden sich ausgesprochen qualitätsvolle Beiträge, so dass der Leser exzellentes gebündeltes Fachwissen wie auch praxisnahe Orientierungen und anwendbare Handlungsoptionen erhält. Der bke und den Herausgebern ist für diese Veröffentlichung Anerkennung gewiss, sie lösen ihren Anspruch und ihre Zielsetzung uneingeschränkt ein. Darüber hinaus betreten sie z.T. gedankliches und weiterführendes Neuland. Dieser Sammelband ist Professionellen, die im Feld „Beratung von Hochkonflikt-Familien“, aber auch generell in der Trennungs- und Scheidungsberatung tätig sind, uneingeschränkt zu empfehlen.

Prädikat: besonders wertvoll!


Rezension von
Prof. Dr. Jürgen Burmeister
Homepage www.dhbw-heidenheim.de
und
Claudia Droysen von Hamilton
Anlauf- und Koordinierungsstelle "Frühe Hilfen" des Landratsamtes Heidenheim
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Zitiervorschlag
Jürgen Burmeister/Claudia Droysen von Hamilton. Rezension vom 08.05.2014 zu: Matthias Weber (Hrsg.): Beratung von Hochkonflikt-Familien. Im Kontext des FamFG. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2013. ISBN 978-3-7799-0774-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15686.php, Datum des Zugriffs 15.07.2020.


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