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Luca Di Blasi: Der weiße Mann

Cover Luca Di Blasi: Der weiße Mann. Ein Anti-Manifest. transcript (Bielefeld) 2013. 120 Seiten. ISBN 978-3-8376-2525-7. D: 18,99 EUR, A: 20,40 EUR, CH: 26,90 sFr.

Reihe: X-Texte zu Kultur und Gesellschaft.
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Thema

Das hier rezensierte Buch versteht sich als ein „Manifest gegen Manifeste weißer Männer“ (S. 10). Im Gegensatz zu der in einem populärkulturellen Diskurs konstruierten vermeintlichen Benachteiligung weißer Männer hinterfragt und problematisiert Luca Di Blasi aus einer dezidiert machtkritisch informierten Perspektive die partikulare Verortung und Situation weißer Männer. Werden im hegemonialen Diskurs weiße Männer als „Emanzipationsverlierer“ dargestellt (S. 52), wobei sich dieser Verlust dabei scheinbar aus den wichtigen und begrüßenswerten Problematisierungen und Verschiebungen im Zuge der nicht mehr so ohne Weiteres aus einer dominanten Positionierung zu vernachlässigenden feministischen und postkolonialen Kritiken an weißen Männern ergeben soll, untersucht der Autor vielmehr, mit welchen Herausforderungen, Dilemmata und Gefahren ein selbstkritischer Reflexionsprozess weißer Männer im Kontext dieser Kritiken einhergehen kann. Hierzu werden in dem Buch sowohl verschiedene Abwehrstrategien und Gefahren einer Selbstthematisierung weißer Männer betrachtet als auch auf das grundlegend paradoxe Dilemma einer solchen Reflexionsbewegung eingegangen. So besteht eine zentrale These des Autors darin, dass der privilegierenden „Unmarkiertheit“ weißer Männer nicht in einem einfachen Sinne durch eine partikularisierende Markierung begegnet werden kann und sich weißer Männer als Gruppe neben anderen Gruppen konstituieren können (S. 73ff). Als einen möglicherweise gewinnbringenden Ausweg aus diesem Dilemma schlägt Di Blasi das Konzept eines „Transpartikularismus“ (S. 81ff) vor, durch das es weißen Männern möglich werden könnte, einen verantwortlichen Umgang als „Privilegierte und Geschonte mit einer Geschichte der Gewalt und Dominanz“ (S. 87) zu finden.

Autor

Der Philosoph und Publizist Luca Di Blasi studierte Literaturwissenschaften und Philosophie an der Universität in Wien. 2001 promovierte er im Fach Philosophie an der Katholischen Universität Eichstätt. In den Jahren 2003 bis 2006 arbeitete er als Postdoc in dem Projekt „Mystik und Moderne“ an der Universität Siegen. Seit der Gründung des ICI Kulturlabors Berlin im Jahre 2007 arbeitete er als wissenschaftlicher Assistent des Direktors dieser Institution. Seit Februar 2014 ist er Universitätsdozent für Philosophie an der Universität Bern. Seine Forschungsfelder umfassen Religionsphilosophie, Medienwissenschaften und Kunsttheorie.

Aufbau

Der Aufbau des hier rezensierten Buchs umfasst neben einer Einleitung in das Thema und einem kurzen Postskriptum dreizehn Abschnitte. Diese lassen sich ihrerseits in drei Blöcke einteilen.

So beschäftigen sich die ersten drei Abschnitte mit einer postkolonialen und feministischen Kritik an weißen heterosexuellen Männern (WHM) sowie dem Ansatz der Intersektionalität, durch den diese in ihrer mehrfach privilegierten „Nicht-Markiertheit und Geschontheit“ (S. 20) einer Analyse zugänglich werden.

Die Abschnitte vier bis neun stellen einen weiteren argumentativen Zusammenhang dar. Hier geht Di Blasi anhand verschiedener Beispiele auf die Gefahren ein, die mit einer Selbstthematisierung der WHM verbunden sind und die dazu führen können, dass die reflexiven Bewegungen von WHM in ihr Gegenteil umschlagen, indem sie eher bestehende Machtverhältnisse reproduzieren, anstatt sie zu destabilisieren.

Im dritten Block, der aus den Abschnitte zehn bis dreizehn besteht, theoretisiert der Autor das Verhältnis von Partikularismus und Universalismus, um daraus Schlussfolgerungen hinsichtlich sozialer Kämpfe im Allgemeinen und dem Dilemma einer Selbstthematisierung der WHM im Besonderen ziehen zu können. In diesem Rahmen stellt Di Blasi auch sein Konzept des Transpartikularismus eingehender vor, das er mit einem produktiven und dieses Dilemma verschiebenden Moment behaftet sieht.

Inhalt

In der Einleitung wird der Ausgangspunkt der Arbeit von Di Blasi in der folgenden Frage verortet: „Wie können weiße Männer über sich nachdenken – und warum ist das so schwierig?“ (S. 7). Diese Schwierigkeit ergibt sich aus der Jahrhunderte umfassenden „Geschichte der Dominanz“, in die weiße Männer mehrfach privilegiert eingeschrieben sind und aufgrund der sie im Zentrum der Sozialität positioniert sind (ebd.). Daher können sie sich nicht in der gleichen Weise wie die an den gesellschaftlichen Rändern verorteten Deprivilegierten thematisieren. Vielmehr „erscheint jede Selbstreflexion, die sich nicht auf eine Selbstkritik beschränkt, per se als problematisch und verdächtig“ (ebd.). Jedoch ist nicht zuletzt aufgrund der mannigfaltigen Kritik an der Historizität des Kolonialismus, des Rassismus, der Homophobie und des Sexismus weißer Männer eine „Reflexion der spezifischen Lage weißer Männer […] überfällig“ (S. 8). Da der „Prozess ihrer Dezentrierung“ auf Seiten weißer Männer auch mit der Gefahr einhergeht, „Privilegienabbau mit Diskrimierung zu verwechseln“ (ebd.), offenbart sich für den Autor das Dilemma ihrer reflexiven und selbstkritischen Bewegungen auch darin, dass sie sich nicht umstandslos als Gruppe neben anderen Gruppen konstituieren können (S. 9). Um aus dieser scheinbaren Alternativlosigkeit einen Ausweg zu finden, schlägt Di Blasi das Konzept eines „Transpartikularismus“ vor, um das für weiße Männer spezifische paradoxe Verhältnis zwischen Partikularismus und Universalismus zu bearbeiten (S. 9f).

Der erste Abschnitt widmet sich in Form einer Hinführung zum Thema nun zunächst dem im Schwarzen Feminismus entwickelten Paradigma der Intersektionalität. Dieser analytische Ansatz lenkt seine Aufmerksamkeit auf die „Verflechtungen unterschiedlicher Diskriminierungskategorien“, ohne dabei die damit einhergehende Widersprüchlichkeit zu dethematisieren oder eine Hierarchisierung der verschiedenen Diskriminierungsformen zu bewirken (S. 12ff). Diese Perspektive wird vom Autor dabei nicht nur auf (mehrfach) Deprivilegierte angewandt, sondern er weist auch auf die partikulare Verortung weißer Männer hin, die er daher als „die Mehrfachgeschonten oder Mehrfachprivilegierten“ bezeichnet S. 15).

Im zweiten Abschnitt greift der Autor diesen Gedanken auf und führt ihn weiter aus. Indem „»weiße männliche Heten« […] lange Zeit von schmerzhaften Markierungen […] verschont geblieben sind“, weisen sie eine spezifische „Geschontheit“ auf, da sie sich in hegemonialen Kontexten nicht als problematisch erfahren müssen und weniger verletzenden Anrufungen ausgesetzt sind (S. 17f). Außerdem ist es WHM sehr oft nicht bewusst, dass sie in struktureller Hinsicht nicht von Diskriminierungen betroffen sind, so dass sie in ihrem Selbstverständnis auch gerade keine Gruppe bilden (S. 18). Da die Betrachtung der partikularen sozialen Position von WHM hier ohne eine Verflechtung mit der Kategorie Klasse vollzogen wird, verdeutlicht Di Blasi, dass „die Unmarkiertheit der WHM nicht mit Privilegiertheit schlechthin gleichgesetzt werden kann“ (S. 19), sondern immer nur vor dem Hintergrund dieser sozial konstruierten Kategorisierungen. Für den Autor wird die „Unmarkiertheit und Geschontheit“ der WHM darüber hinaus auch daran offensichtlich, dass für eine „etwaige Abwertung“ ihnen gegenüber keine Begrifflichkeit zur Verfügung steht (S. 20).

Der Autor konstatiert im dritten Abschnitt, dass WHM „auf der Ebene der Wissenschaften und Kultur“ in den letzen Jahrzehnten Gegenstand vielfältiger Kritiken geworden sind, welche die nicht abgeschlossene Aufarbeitung der „nicht wieder gut zu machende[n] Dominanz- Gewaltgeschichte“ thematisieren (S. 21f). Gerade durch queere, rassismuskritische und postkoloniale Theoretisierungen ist die unmarkierte Männlichkeit und Heteronormativität sowie das Weißsein von WHM ins Kreuzfeuer „ironischer, abwertender und polemischer Darstellungen“ (S. 22) gekommen. Hieraus ergibt sich für WHM eine spezifische Unsicherheit, die sie durch postkoloniale Märchen, wie z.B. in Form des Films Avatar, zu kompensieren versuchen, um weiterhin ihre „Heldenphantasien ausleben“ zu können (S. 24f).

Der vierte Abschnitt beschäftigt sich mit dem Spannungsverhältnis zwischen aufklärerischen Entlarvungsfiguren und gegenaufklärerischen Abwehrstrategien hinsichtlich der Unmarkiertheit der WHM, die sich sowohl aus einer unreflektierten Voraussetzung ergeben als auch „bewusst latent gehalten“ werden kann (S.27). Für Di Blasi bewegen sich nun die Reflexionen der Mehrfachgeschonten gerade zwischen diesen Polen, wobei die Abwehr einer kritischen Selbstthematisierung für WHM mit einer behaglichen „Unbefangenheit“ oder sogar „einer Selbstinvisibilisierung durch bewusste Dethematisierung“ einhergehen kann (ebd.). Dies verdeutlicht der Autor anhand der systemtheoretischen Ansätze von George Spencer-Brown und Niklas Luhmann, die gerade unter WHM eine breite Rezeption erfuhren. So können die systemtheoretischen Konzepte eines ,blinden Flecks‘ und einer Beobachtung zweiter Ordnung für WHM dazu dienen, sie vor „identitätspolitisch erhitzten Angriffen“ (S. 30) zu schützen, indem anhand dieser Konzepte eine Universalisierung eines unmarkierten Bereichs erfolgt und somit die Unmarkiertheit der WHM entpolitisiert wird (S. 31).

Im fünften Abschnitt stellt der Autor die These auf, dass feministische Kritiken an „einer männlichen Selbstinvisibilisierung“ (S. 33), die er anhand des Ansatzes des »situierten Wissens« von Donna Haraway expliziert, eine gewisse Einseitigkeit aufweisen. Zwar kann sicherlich die Flucht in eine abstrakte Männlichkeit durch diese systemtheoretische Radikalreflexion „zur Depolitisierung, Selbstimmunisierung und zu Weltverlust“ tendieren. Andererseits kann laut Di Blasi diese feministische Kritik auch als „Ausdruck einer feministischen Paranoia entlarvt werden“ (S. 38), wodurch sich anstatt einer weiterführenden Auseinandersetzung mit den Paradoxien und Problemen von Reflexion und Beobachtungsrelativität eher die unaufhörliche Kette von Konflikten und wechselseitigen Verdächtigungen fortsetzen würde (ebd.).

Wenn die feministische Kritik ernst genommen wird, stellt sich für WHM vor dem Hintergrund ihrer mehrfachen Privilegierungen jedoch die Frage nach den Möglichkeiten einer Selbstthematisierung (S. 41). Im sechsten Abschnitt wendet sich der Autor nun unter Bezug auf die Theoretisierungen von René Girard den Gefahren solch einer Selbstthematisierung zu, die er unter den Begriff des „Ressentiments von oben“ zusammenfasst (S. 44ff). Aufgrund der gewaltvollen Dominanzgeschichte können WHM nicht mit einer wohlwollenden Rezeption einer solchen Selbstthematisierung durch die Deprivilegierten rechnen, da diese immer als problematisch erscheint. Dies kann durch WHM daher auch als ein Ressentiment der Marginalisierten interpretiert werden, wodurch aber gerade ihr Geschontsein und die ,eigenen‘ Ressentiments verdeckt werden können. Die reflexiven Bewegungen der WHM drohen nun „in ihr Gegenteil zu kippen“, indem Privilegierte sich dazu selbstverführen, „Privilegienabbau als Diskriminierung misszuverstehen“ (S. 48f).

Wie im siebten Abschnitt beschrieben, könnte die in der Populärkultur zunehmend verhandelte „Figur des benachteiligten Mannes“ (S. 51) dazu führen, eine partikularisierende Konstitution der WHM als Gruppe zu ermöglichen. Würde dieser Gedanke weiterverfolgt, könnten WHM sich als „Emanzipationsverlierer“ verstehen, die mit verschiedenen kulturellen Abwertungen konfrontiert sind. Demgegenüber stellt der Autor klar, dass sich „jeder Versuch der WHM, sich als Opfer umzudeuten, im besten Fall [als] wehleidig, im schlimmsten Fall [als] reaktionär und ressentimenthaft“ (S. 53) gebart. Aufgrund des fehlenden „Diskriminierungsstatus“ ist die Option einer solchen „Selbstviktimisierung“ für WHM obsolet (ebd.).

Auch die in einen antimuslimischen Rassismus eingeschriebene Konstruktion von muslimischen Männern als homophobe und gewaltbereite Sexisten, durch die sich WHM „in die aktive Rolle der Verteidiger von Frauen- und Minderheitenrechten“ (S. 55) befördern können, scheidet als eine Option der Selbstthematisierung für WHM ebenfalls aus. Dies wird im achten Abschnitt herausgearbeitet.

Der neunte Abschnitt setzt diesen Gedankengang fort, indem Di Blasi verdeutlicht, dass auch die rechtspopulistische und rechtsradikale Gewalt, die u.a. einen antimuslimischen Rassismus transportiert, sich „in eine mimetische Rivalität zum selbst entworfenen Bild des männlichen Muslim“ verfängt und somit ihrerseits zu einer „Karikatur der Karikatur des islamistischen Terroristen“ wird (S. 63). So figuriert z.B. Anders Breivik für den Autor als „eine katastrophal entgleiste weiße Männlichkeit“ (ebd.).

Unter Bezug auf die Doppelbewegung einer Dekonstruktion nach Jacques Derrida wendet sich der Autor im zehnten Abschnitt nun dem Verhältnis von Partikularismus und Universalismus zu, in das soziale Kämpfe gegen Formen der Unterdrückung unweigerlich eingeschrieben sind. So vertritt Di Blasi die These, dass Derrida zwar einerseits binäre und hierarchisierende Differenzierungen dekonstruiert, aber andererseits diese auch „mit umgekehrten Vorzeichen“ reproduziert. (S. 67f). Daher sieht er die Bewegung der Dekonstruktion sowohl mit einem universalistischen als auch mit einem antiuniversalistischen Aspekt behaftet. In Analogie hierzu gehen für den Autor z.B. antirassistische Kämpfe auch immer mit solch einem antiuniversalistischen und Dichotomien reproduzierenden Aspekt einher (S. 69). Dabei kann es jedoch nicht um eine „Gleichsetzung von Ausschluss und ausschließender Antwort auf einen Ausschluss“ gehen (S. 70). Vielmehr sind identitäre Partikularisierungen und Affirmationen auf Seiten der Deprivilegierten nicht nur verständlich, sondern im Sinne eines Empowerment sogar notwendig, während diese für die dominant positionierten WHM nicht möglich sind. Hier erscheinen sie geradezu als problematisch (S. 71f).

Der elfte Abschnitt beschäftigt sich nun eingehender mit dem spezifischen Dilemma für WHM hinsichtlich einer Selbstthematisierung. Wenn sie nicht in der konstruierten und universalisierten Unmarkiertheit zu verharren beabsichtigen, sind sie dazu aufgefordert, ihre machtgestützte partikulare Positionalität zu reflektieren und zu situieren (S. 73). Dabei erscheint jedoch nur eine Selbstthematisierung als legitim und unproblematisch, welche die an die WHM gerichtete Kritik in Form einer Selbstkritik wiederholt. Dies würde jedoch lediglich auf die Aneignung der Stimmen der Kritiker*innen hinauslaufen und würde keine eigene Postionierung darstellen (S. 74). Laut Di Blasi ergibt sich darüber hinaus für einen weißen Mann, der andere weiße Männer kritisiert, ein performativer Widerspruch, indem er diese Kritik an einer männlichen Ortslosigkeit gerade nicht aus einem „geschlechtlich situierten Standpunkt heraus“ vollziehen kann (ebd.). Der Autor versteht dies als ein Paradox, da WHM diejenigen sind, „die nur als unmarkiert markiert zu werden vermögen“ (S. 75). Hieraus scheint für WHM der Umstand zu resultieren, dass für sie kein Raum zu Verfügung steht, sich als Gruppe zu konstituieren, da dies nur die Erinnerungen an Gewalt und Dominanz evozieren würde (ebd.). Für Di Blasi entsteht dadurch das für WHM spezifische Paradox, dass sie somit eine „Ausnahmepartikularität“ darstellen, die „sich weniger als alle anderen als Partikularität unter Partikularitäten konstituieren“ kann (S. 77). Ein Ausweg aus diesem Dilemma könnte laut dem Autor in der Gleichzeitigkeit bestehen, die ,eigene‘ Partikularität zu beachten und zugleich durchzustreichen. Hieraus könnte sich eine spezifische Form eines ,Universalismus‘ ergeben, der im Sinne einer „Durchquerung aller (un-)möglichen Partikularisierungen“ als „Transpartikularismus“ verstanden werden kann (78f).

Dieses Konzept eines Transpartikularismus stellt nun den Gegenstand des zwölften Abschnitts dar. Di Blasi macht dabei eingangs deutlich, dass er die universalistische Dimension eines Transpartikularismus gerade in Abgrenzung zu „einem westlich-liberalen und einem neokommunistischen Universalismus“ versteht (S. 81). So sei der Transpartikularismus „gerade kein Antipartikularismus“, sondern sein Ziel besteht vielmehr in der „Überwindung des Partikularen“, wobei diese Bewegung den „partikularen Erfahrungen der WHM“ (S. 86) entspringen soll. WHM stehen somit vor der doppelten Herausforderung, ihre partikulare Situation, also „ihre Gewaltgeschichte, ihr Geschontsein“, zu reflektieren und anzuerkennen, ohne sich dabei in ihrer Partikularität einzurichten (S. 87). Vielmehr geht es für sie darum, sich „universalistisch für Gerechtigkeit“ einzusetzen und dabei weder einen „aggressiven Antiuniversalismus“ noch einen „antipartikularistischen Universalismus“ zu bedienen (ebd.).

Dem abschließenden dreizehnten Abschnitt liegt die These des Autors zugrunde, „dass der Partikularismus für sich selbst nur in universalistischer Gestalt akzeptabel ist“ (S. 90). Damit ist gemeint, dass ein Universalismus immer eine partikulare und ein Partikularismus immer auch eine universalistische Dimension aufweisen. Ohne dabei die bestehenden Machtverhältnisse zu nivellieren, eröffnet sich für Di Blasi dergestalt die theoretische Möglichkeit, binäre Antagonismen zu überwinden. Solch eine Offenlegung der Spannungen könnte eine Abkehr von der Gegenüberstellung von vermeintlich kompakten Identitäten anstoßen, so dass „die Möglichkeit eines Nebeneinanders verschiedener Partikularitäten“ denkbar werden könnte (S. 90f). Im Folgenden widmet sich der Autor der mit einem Transpartikularismus einhergehenden Asymmetrie, die sich aus der diesbezüglich privilegierten Position der WHM als „exemplarische Träger des Transpartikularismus“ (S. 92) ergibt. Die entscheidende Wendung besteht nun für ihn darin, dass der Transpartikularismus seinerseits als ironisch und transpartikular verstanden werden kann, indem er seine partikularen Spuren der Entstehung tilgen und sich für alle Partikularitäten öffnen kann (S. 94). Dies bedeutet dabei jedoch nicht, die unhintergehbare Partikularität vollständig zu glätten, um dadurch erneut einem naiven Universalismus anheim zu fallen (S. 95). Vielmehr muss die sich im Transpartikularismus selbst durchstreichende Partikularität in ihrer Negation sichtbar bleiben, so dass ein „permanenter Spannungszustand“ erhalten bleibt (ebd.). Gerade in dieser Aufrechterhaltung verortet der Autor ein produktives Moment, das sich durch eine Anerkennung sowohl der Differenz als auch der Asymmetrien auszeichnet, so dass gerade durch diese Bewegung das gewaltförmige und belastete Verhältnis zwischen Partikularitäten entgiftet werden kann (S. 96f).

Diskussion

Mit seinem „Anti-Manifest“ legt Di Blasi eine theoretisch anspruchsvolle und politisch herausfordernde Arbeit vor, die sich einem Gegenstand zuwendet, der im deutschsprachigen Diskurs nur selten eine derartig umfangreiche Thematisierung erfährt. So ist das Anliegen des Autors, suchende Denkbewegungen aus einer machtkritisch informierten Perspektive zu der partikularen Position weißer Männer anzubieten, bereits vor einer inhaltlichen Auseinandersetzung nur zu begrüßen. Dieser Eindruck eines gewinnbringenden Beitrags für eine mehr als überfälligen Debatte verdichtet sich dabei jedoch auch bei einem näheren Einlassen auf die vielseitigen theoretischen Angebote, die der Autor seinen Leser*innen offeriert. Dabei ist zunächst festzuhalten, dass der oft abstrakte Argumentationsgang auch immer wieder durch zahlreiche Beispiele aus den Bereichen von Kultur, Politik und Wissenschaft unterstützt wird, so dass es hierdurch Leser*innen niedrigschwelliger möglich wird, den verschiedenen argumentativen Bewegungen zu folgen. Dies ist hervorzuheben, da die Herausforderung, der sich Di Blasi mit dem Schreiben dieses Anti-Manifests gestellt hat, sich nicht auf viele veröffentlichte profeministische Erfahrungen hinsichtlich der Reflexionsprozesse von WHM beziehen kann. Von daher ist derzeit leider immer noch ein in gewisser Weise kontinuierlich aufs Neue erfolgende Ansetzen an dieses Thema notwendig, so dass es aufgrund dieses Kontextes auch mit eher abstrakt gehaltenen Theoretisierungen einhergehen kann. Dabei gelingt es dem Autor jedoch, seine Denkbewegungen anschaulich auf den Punkt zu bringen. Dadurch eröffnet er nicht nur in theoretischer Hinsicht Räume, die einer weiterführenden Verschiebung und Aufarbeitung der gewaltvoll gerahmten Position von WHM zuträglich sein können. Eine besondere Stärke des Buchs besteht somit meiner Ansicht nach darin, die zwangsläufig mit einem Bemühen um eine selbstkritische Reflexion durch WHM eng verflochtenen Gefahren und potenziellen Abwehrstrategien herauszuarbeiten. Darüber hinaus markiert der Autor eines der entscheidenden Dilemmata, mit denen sich WHM bei ihrer Suche nach einer selbstkritischen Haltung konfrontiert sehen können. Diese Markierung bewegt ihn nun auch dazu, über das Konzept eines Transpartikularismus nachzudenken und darin einen möglichen Ausweg aus dieser dilemmatischen Struktur zu verorten. An dieser Stelle bin ich jedoch nun dazu geneigt, dem Gedankengang des Autors nicht umstandslos zu folgen. So lese ich Di Blasi dergestalt, dass er den Ausgangspunkt für seine Überlegungen hinsichtlich eines Transpartikularismus darin sieht, dass für WHM „kein Raum für eine Selbstsituierung als Gruppe zur Verfügung“ (S. 76) steht. Dies wird meiner Ansicht nach nicht begründet, sondern stellt eher eine Setzung dar, auf der sich der weitere Gang der Argumentation aufbaut. Kann dies jedoch in der Form einfach so angenommen werden? Könnten vor dem Hintergrund einer kontinuierlichen Überprüfung der Gefahren und potenziellen Abwehrstrategien sowie einer Berücksichtigung der dilemmatischen Struktur solche Räume durch WHM nicht auch in gewisser Weise gegen die ,eigene‘ privilegierte Behaglichkeit sich abgerungen werden, ohne dabei lediglich machtgestützten Re*Produktionen anheim zu fallen? Denn mir scheint weniger das Problem in den mannigfaltigen Kritiken an WHM zu bestehen als in ihren vielfältigen Abwehrstrategien. Mit diesen Fragen möchte ich nicht die anregende Konzeption eines Transpartikularismus grundlegend in Frage stellen. Vielmehr frage ich mich, ob an dieser Stelle nicht auch eine die möglich scheinenden und anstehenden Reflexionsbewegungen von WHM erstarrende Dichotomisierung Einzug erhält, die dazu beitragen könnte, der schmerzhaften Suche nach einer Machtverhältnisse destabilisierenden Selbstsituierung als WHM auszuweichen. Außerdem frage ich mich, ob die in der Gegenüberstellung zu Abwehrstrategien von WHM erfolgende Konstruktion einer „feministischen Paranoia“ (S. 38), die eine binäre Struktur zu reproduzieren scheint, nicht auch als eine Selbstaussage der WHM über ihre Paranoia vor einer u.a. feministischen Kritik gelesen werden könnte. Auch die Konstruktion einer feministischen Kritik als „einseitig“ (S. 34) oder die pauschale Zuschreibung einer homogenisierenden Tendenz in der Theoretisierung der Gewaltgeschichte des ,Westens‘, wie sie laut dem Autor in postkolonialen Theorien vollzogen werden soll, erscheint mir mehr als fragwürdig. Eine letzte kritische Anmerkung meinerseits bezieht sich auf das Verständnis der Bewegungen der Dekonstruktion nach Derrida, wie sie Di Blasi formuliert. So teile ich nicht die Auffassung des Autors, sie in einen universalistischen und antiuniversalistischen Aspekt zu unterteilen, wobei der letztgenannte auf eine vermeintliche Re*Produktion einer Dichotomie „mit umgekehrten Vorzeichen“ (S. 68) hinauslaufen würde. Wenn sich die dekonstruktive Doppelbewegung einer différance demgegenüber eher als eine Temporalisation und Verräumlichung verstehen lässt, die nicht auf eine wiederholende Fixierung hinausläuft, sondern weitere Bewegungen im Kommen lässt, könnte dies auch für denkbare Räume einer kritischen Selbstreflexion und -situierung von WHM weiterführend sein. Zentral wäre dabei auch, dass solche dekonstruktiv-immanenten Bewegungen nicht die bestehenden Strukturen ,transzendieren‘ können, sondern immer sich auf sie beziehen und in sie eingeschrieben sind, so dass selbst ihre Verschiebungen mit ihnen behaftet bleiben.

Fazit

Auch wenn ich dazu tendiere, einzelnen Überlegungen Di Blasis nicht zu folgen, ändert dies nichts daran, dass ich das hier rezensierte Buch als einen wichtigen und weiterführenden Beitrag für die weitere Debatte um die partikulare Positionierung der WHM erachte. So können viele Aspekte der Argumentation des Autors Ausgangspunkte für weitere Suchbewegungen sein. Daher ist es Di Blasi nur zu wünschen, dass seine Arbeit eine breite Rezeption und die ihr gebührende Resonanz erfährt.


Rezensent
Gerd Schmitt
Doktorand an der Universität Oldenburg im Fachbereich Erziehungswissenschaften bei Prof. Dr. Paul Mecheril
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Zitiervorschlag
Gerd Schmitt. Rezension vom 23.01.2014 zu: Luca Di Blasi: Der weiße Mann. Ein Anti-Manifest. transcript (Bielefeld) 2013. ISBN 978-3-8376-2525-7. Reihe: X-Texte zu Kultur und Gesellschaft. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15695.php, Datum des Zugriffs 16.11.2018.


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