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Bernd Käpplinger, Rosemarie Klein u.a. (Hrsg.): Weiterbildungsgutscheine

Cover Bernd Käpplinger, Rosemarie Klein, Erik Haberzeth (Hrsg.): Weiterbildungsgutscheine. Wirkungen eines Finanzierungsmodells in vier europäischen Ländern. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2013. 388 Seiten. ISBN 978-3-7639-5276-2. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 53,90 sFr.

Reihe: Erwachsenenbildung und lebensbegleitendes Lernen - Grundlagen & Theorie - 21.
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Thema

Derzeit stehen in mehreren europäischen Ländern Weiterbildungsgutscheine in der Erprobung. Die Theorie der Scheine ist zwar auch im Bereich der Bildungs- und Sozialpolitik alles andere als neu, doch erst seit einigen Jahren werden entsprechende Gedanken wenigstens testweise in die Praxis übergeleitet. Damit ergibt sich für die Wissenschaft die Chance, Wirkungen und Nebenwirkungen von Modellen zu erforschen und Ergebnisse dem theoretischen Gedankengut gegenüberzustellen.

Entstehungshintergrund

Ein Europäisches Forschungskonsortium hat Programme in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Italien über zwei Jahre untersucht und Nutzung wie Effekte verschiedener Weiterbildungsgutscheine insbesondere auf der Ebene der Beschäftigten und der Betriebe analysiert. Das Projekt wurde im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung von 2011 bis 2013 durchgeführt.

Herausgeber und Herausgeberinnen

Bernd Käpplinger ist Professor an der Humboldt Universität zu Berlin, Institut für Erziehungswissenschaften, Abteilung Erwachsenenbildung/Weiterbildung.

Rosemarie Klein ist Diplompädagogin und geschäftsführende Gesellschafterin des bbb Büro für Bildungsplanung.

Erik Haberzeth ist promoviert und an der Humboldt-Universität zu Berlin im Institut für Erziehungswissenschaften tätig.

Aufbau und Inhalte

Die Publikation enthält ein Vorwort, ein Geleitwort, Fachbeiträge in vier Abschnitten sowie einen Anhang.

In Abschnitt I „Aktueller Stand und Analyse von Weiterbildungsgutscheinen als Instrumente der Nachfrageförderung“ werden zunächst theoretische Grundlagen umrissen. Erik Haberzeth und Claudia Culmus referieren zur Bedeutung, zum Stand und zur Entwicklung von Weiterbildungsgutscheinen in Deutschland. Bernd Käpplinger schildert theoretische Annahmen, Zielsetzungen und Umsetzungsentscheidungen bei Gutschein- und Scheckförderungen in der Weiterbildung. Günter Hefler analysiert theoretische Perspektiven zur Wirksamkeit nachfrageorientierter Weiterbildungsfinanzierung.

In Abschnitt II „Mobilisierung von weniger weiterbildungsaktiven Beschäftigten und Betrieben durch Weiterbildungsgutscheine“ werden empirische Ergebnisse geschildert. Alla Koval und Kevin Folger berichten in „Zugänge und subjektive Wege zu öffentlichen Förderprogrammen“, dass dieser Ansatz in NRW bezüglich der Erreichbarkeit von Beschäftigten durchaus positive Wirkungen erkennen lässt, die „Nichtsuchenden“ dagegen durch das Programm tendenziell weniger erreicht werden. Überdies wird erkennbar, dass der formale Bildungsabschluss oder der individuelle Bildungshintergrund nicht ein entscheidendes Kriterium für Aktivität im Bereich der Weiterbildung ist. Alla Koval kommt in ihrem Beitrag „Weiterbildungsentscheidungen im Kontext der Förderung durch den Bildungsscheck NRW“ unter anderem zu dem Schluss, dass der finanzielle Zuschuss eine nicht unwesentliche Rolle für die Inanspruchnahme einnimmt. So haben sich Befragte aufgrund der Fördermöglichkeiten für höherwertige Kurse entschieden oder auch mehrere Kurse besucht. Alla Koval, Rosemarie Klein und Gerhard Reuter kommen in ihrem Beitrag „Was nützt die scheckgeförderte Weiterbildung?“ zum Ergebnis, dass die Erhöhung von Beschäftigungsfähigkeit in unterschiedlichen Ausprägungen beschrieben werden kann bzw. muss. Es handelt sich dabei um eine Kombination aus beruflichem Nutzen und persönlichem Zugewinn. Im Kontext von nicht intendierten Nebenwirkungen wird darauf hingewiesen, dass ein Nutzen nachfrageorientierter Weiterbildungsförderung nicht realisiert werden kann, wenn unterschiedliche Weiterbildungsprogramme nicht vernetzt sind. Gerhard Hevler verweist in „Geringqualifizierte erreichen lernen – zur Rolle nachfrageorientierter Weiterbildungsförderung für formal gering qualifizierte Personen in Wien“ auf den nicht unwesentlichen Umstand, dass, bevor umfassende Weiterbildung greifen kann, für formal Geringqualifizierte häufig erst Arbeits- und Lebensbedingungen hergestellt werden müssen, die ein effektives Bildungsengagement ermöglichen. Monika Stanik und Bernd Käpplinger entwerfen in „Gutscheinförderung und betriebliche Weiterbildungslogiken“ drei betriebliche Realtypen insbesondere im Hinblick auf die Ebene der Weiterbildungskompetenz und der Weiterbildungsentscheidung.

Abschnitt III ist dem Komplex „Inhaltliche und individuelle Effekte von Weiterbildungsgutscheinen jenseits des Mitnahmeeffektes“ gewidmet. In „Geld und Bildungsentscheidungen – Themen- und lebenslaufbezogene Teilnahmeeffekte des Bildungsschecks Brandenburg“ beschreiben Erik Haberzeth, Bernd Käpplinger und Claudia Kulmus vor allem die Wirkungen im Themenbereich Gesundheit/Medizin/Wellness, Soziales und Sprachen. Andrè Schäfli und Irena Sgier untersuchen den „Genfer Bildungsgutschein“ unter dem Motto „Fördern Bildungsgutscheine die Autonomie der Nutzerinnen und Nutzer?“ Sie kommen zu dem Schluss, dass „individuelle Autonomie im Sinne eines selbstbestimmten Entscheidungsverhaltens bezüglich Weiterbildung für die Nutzerinnen und Nutzer des Gutscheins eine wichtige Rolle spielt“. Am Beispiel des individuellen Bildungsgutscheins Südtirol betrachtet Werner Pramstrahler „Funktionen individueller Weiterbildungsförderung im Kontext einer ausgebauten regionalen Förderlandschaft“. Er schildert Themen- und Nutzungsstrukturen und kommt zu dem Schluss, dass dem Gutschein in Südtirol eine gewisse „komplementäre Funktion“ zukommt. Der Gutschein füllt durchaus eine Förderungs- und Finanzierungslücke.

In Abschnitt IV „Reflexionen und Ausblicke“ widmet sich Marco Uhlmann dem Bildungsscheck im Kontext der Förderung beruflicher Weiterbildung des Landes Brandenburg. Er verweist auf die notwendige steuernde Funktion der Landespolitik und auf diverse Anforderungen, die berufliche Weiterbildung berücksichtigen muss. Josef Muth und Reinhard Völzke schildern Hintergründe, Entwicklungen und Perspektiven für den Bildungsscheck Nordrhein-Westfalen. Sie gehen davon aus, dass dieses Instrument weitergeführt wird und dabei insbesondere ein Fokus auf un- und angelernte Personen gelegt werden soll. In „Beratung bei Weiterbildungsgutscheinen: Zwischen Prüfung, Information und Entscheidungshilfe“ kommen Bernd Käpplinger und Rosemarie Klein zu dem Schluss, dass die größte Aufgabe darin besteht zu sondieren, „wie man ggf. die Beratungsfunktion innerhalb von Gutschein- und Scheckverfahren ausdifferenzierten und partiell wieder stärken kann“. In „Diffusion und Handlungslogiken nachfrageorientierter Kofinanzierung individueller beruflicher Weiterbildung in Österreich“ betonen Günter Hefler, Jörg Markowitsch und Viktor Fleischer das lebenslange Lernen als Institution der Weltgesellschaft und umreißen die unterschiedlichen Facetten der Etablierung individueller Weiterbildungsförderung durch die österreichischen Bundesländer. Sie skizzieren dabei auch Formen und Phasen der Diffusion regionaler Weiterbildungsförderung.

Diskussion

Der Band schildert auf umfassende und durchgehend sehr informative Weise die Ergebnisse eines ambitionierten Forschungsprojektes zu den Effekten von Weiterbildungsgutscheinen im betrieblichen Bereich in vier europäischen Ländern. Hervorzuheben ist neben den fundierten Analysen empirischer Daten vor allem das Bemühen der Verantwortlichen, verschiedene institutionelle Perspektiven einzunehmen und unterschiedliche empirische Methoden bei ihrer Untersuchung der Finanzierungsmodelle zu nutzen. Sie berücksichtigen überdies auf klare und nachvollziehbare Weise theoretische Zugänge zu diesem besonderen und nach wie vor nicht eben unumstrittenen Förderinstrument. Der Band ist Leserinnen und Lesern besonders zu empfehlen, die an der Frage gelingender Steuerung und entsprechender theoretischer Grundlagen im Bildungs- bzw. Weiterbildungsbereich interessiert sind, die aber gleichzeitig auch geneigt sind, diesbezügliche Ergebnisse empirischer Forschung zur Kenntnis zu nehmen und zu reflektieren.

Fazit

Fundierte Ergebnisse zu einem kontrovers diskutierten Instrument der Bildungspolitik.


Rezensent
Prof. Dr. Harald Christa
Professor für Sozialmanagement an der Evangelischen Hochschule Dresden mit Schwerpunkt Sozio-Marketing, Strategisches Management, Qualitätsmanagement/ fachliches Controlling.
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Zitiervorschlag
Harald Christa. Rezension vom 25.04.2014 zu: Bernd Käpplinger, Rosemarie Klein, Erik Haberzeth (Hrsg.): Weiterbildungsgutscheine. Wirkungen eines Finanzierungsmodells in vier europäischen Ländern. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2013. ISBN 978-3-7639-5276-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15700.php, Datum des Zugriffs 19.09.2019.


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ISSN 2190-9245

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