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Oliver Trisch: Der Anti-Bias-Ansatz

Cover Oliver Trisch: Der Anti-Bias-Ansatz. Beiträge zur theoretischen Fundierung und Professionalisierung der Praxis. ibidem-Verlag (Stuttgart) 2013. 259 Seiten. ISBN 978-3-8382-0418-5. D: 25,90 EUR, A: 26,70 EUR, CH: 36,50 sFr.

Reihe: Von Antidiskriminierung zu Diversity und Inklusion - 1.
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Thema

Der Anti-Bias-Ansatz (wörtlich bedeutet Anti-Bias: gegen Vorurteile und soziale Schieflagen) ist ein in den USA und Südafrika vor allem im Kontext antirassistischer Bewegungen entstandener Ansatz, der an den Erfahrungen von strukturell privilegierten und von diskriminierten Personen ansetzt und in machtreflexiver Weise verschiedene Diskriminierungserfahrungen, -handlungen und -strukturen aus unterschiedlichen Perspektiven und auf verschiedenen Ebenen thematisiert. Die zumeist mit Klassen oder Gruppen stattfindenden pädagogischen Workshops werden vermehrt seit den letzten fünfzehn Jahren in unterschiedlichen Kontexten von verschiedenen freien oder institutionellen Anbietenden in Kindergärten, Schulen oder der Erwachsenenbildung auch in Deutschland angeboten. Oliver Trisch beschäftigt sich in der vorliegenden Publikation mittels Expert_innen-Interviews mit Anleiter_innen von Anti-Bias-Workshops in der Erwachsenen-Bildungsarbeit u.a. mit Fragen nach theoretischen Grundlagen, praktischen Herausforderungen und nach der Übertragbarkeit des Ansatzes in das postkoloniale, postnationalsozialistische gegenwärtige Deutschland nach dem Fall der Mauer.

Autor

Oliver Trisch hat an der Carl von Ossietzky-Universität in Oldenburg Interkulturelle Pädagogik studiert und mit der vorliegenden Arbeit promoviert. Er ist zudem gelernter Erzieher, hat diverse Fortbildungen gemacht und leitet seit vielen Jahren selber Anti-Bias-Workshops sowie andere Fortbildungen im Bereich Menschenrechtsarbeit und Diversity.

Aufbau

Im ersten Teil wird nach der Einleitung (S. 15-24) die Geschichte der politischen Bildungsarbeit mit Erwachsenen seit der deutschen Kolonialzeit (insbesondere von 1871 bis 1918), dem Nationalsozialismus, der Zeit der getrennten deutschen Staaten DDR und BRD sowie nach dem Fall der Mauer 1989 bis heute dargestellt (S. 25-38). Im zweiten Kapitel wird der Anti-Bias-Ansatz in seiner historischen Entstehung, seinen zentralen inhaltlichen und didaktischen Prinzipien, Zielen und Grundannahmen dargestellt. Insbesondere werden verschiedene Aspekte, Ebenen und Definitionen von Diskriminierung sowie auch von Macht und Herrschaft/Oppression vorgestellt und diskutiert (S. 39-54). Im Kapitel zum Forschungsdesign wird das Verständnis der verwendeten Expert_innen-Interviews sowie das Gespräch mit der Gründerin des Anti-Bias-Ansatzes Louise Derman-Sparks vorgestellt und die Auswertungsmethode. Zudem wird die Rolle des Forschers, der selber im Untersuchungsfeld beruflich aktiv ist, in dieser Studie reflektiert (S. 55-62).

Im zweiten Teil werden in Kapitel 4 grundlegende theoretische Bestimmungen dargestellt. So werden Fragen des Verhältnisses von Theorie und Praxis sowie von Transfer, Training und Transformation. Zudem werden die theoretischen Bezüge thematisiert und diverse Aspekte von Diskriminierungsdefinitionen (vgl. S. 63-120). Im fünften Kapitel werden „Kontextualisierungen der Anti-Bias-Arbeit in Deutschland“ (S. 121-186) anhand berufsfeldbezogener Fragen und Herausforderungen in Bezug auf die Geschichte Deutschlands (Kolonialismus, Nationalsozialismus, DDR-BRD, aktuelle Entwicklungen in der von nationalstaatlich legaler Diskriminierung und Rassismus beeinflussten Gesellschaft in Deutschland) diskutiert. Auch werden Unterschiede und Gemeinsamkeiten mit Menschenrechtsarbeit und Social Justice-Arbeit untersucht. Im sechsten Kapitel geht es um die „Professionalisierung und Qualität in der Anti-Bias-Arbeit“ (S. 187-222). Die Kapitel mit „Zusammenfassung, Fazit und Ausblick“ (S. 223-234) runden die Arbeit ab.

Einzelne inhaltliche Aspekte

Die Arbeit von Oliver Trisch behandelt viele Themen und behandelt diese sehr facettenreich und tiefgehend. Ausgehend von der oftmals wenig ausreichenden theoretischen Fundierung des Anti-Bias-Ansatzes werden die in der Anti-Bias-Arbeit in Deutschland tätigen Expert_innen nach ihrem Verständnis zu verschiedenen Themen und ihren Fortbildungspraxen befragt, ebenso Louise Derman-Sparks, welche in den USA den Ansatz begründet hat. Antirassistische, feministische und interkulturelle Theorien und Ansätze nehmen hierbei eine zentrale Position in der Anti-Bias-Arbeit ein, ergänzt von Ansätzen der critical-whiteness- und cultural-studies, der Befreiungspädagogik von Paulo Freire oder den soziologischen Theorien von Bourdieu und Foucault oder Vorurteilstheorien der Sozialpsychologie (vgl. S. 91). Insgesamt zeigt sich eine Vielfalt oder auch Beliebigkeit, worauf die Fortbildner_innen Bezug nehmen. Zental in den Fortbildungen ist die Auseinandersetzung mit Erfahrungen und Verständnissen von Diskriminierung und die Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie.

Ausdrücklich eingegangen wird auf den deutschen Kolonialismus und noch vertiefter auf Vorurteile zwischen Personen aus der damaligen DDR und der damaligen BRD zu Zeiten des kalten Krieges, hier würden Vorbehalte und Vorurteile oft nicht angesprochen, seien aber weiter wirksam (S. 140), was insbesondere Derman-Sparks bei den Kinderwelten-Projekten, in denen auch Anti-Bias-Ansätze realisiert werden, beobachtet hat. Es zeigt sich, dass eine Übertragung der Anti-Bias-Prinzipien und Inhalte auf die Arbeit mit Personen im Kontext Deutschland notwendig ist. Ein Anti-Bias-Prinzip zielt darauf ab, die eigene, auch nationale Identität anhand positiver Aspekte zu stärken. Dies steht im Gegensatz zu einer Kritik an Nationen-Konstruktionen, Nationalismus und Praxen legaler nationalstaatlicher Diskriminierung, insbesondere wenn der Nationalstaat Deutschland und seine „Mitglieder“ sich bis vor kurzem rechtlich und bis heute sozial völkisch-rassistisch als „deutsch“ und bevorrechtigt gegenüber als anders gesehenen Personen definiert haben. Als Ausweg schlägt Trisch u.a. vor, sich auf den Widerstand von Deutschen im Nationalsozialismus zu beziehen, was auch Derman-Sparks, die als Jüdin in den USA auch mit ambivalenten Gefühlen und Gedanken nach Deutschland gereist ist, erwähnt. Ergänzt werden kann dieser Vorschlag sicher auch um die explizite Erwähnung des Widerstandes deutscher Juden und Jüdinnen (http://lernen-aus-der-geschichte.de/), um den Widerstand Schwarzer Deutsche, den Widerstand deutscher Roma und Sinti sowie anderer deutscher und nicht-deutscher Personen im Nationalsozialismus, aber auch im Kolonialismus und zu Zeiten des heutigen Rassismus.

Diskussion

Es handelt sich um eine lesenswerte und facettenreiche Arbeit, die einen guten Einblick in die Anti-Bias-Arbeit schafft und theoretische und praktisch-pädagogische Fragen fundiert und differenziert behandelt. Auch die Frage, wie Diskriminierungserfahrungen pädagogisch und theoretisch angegangen werden können, wird für die Arbeit mit dem Anti-Bias-Ansatz in Deutschland aus unterschiedlichen Blickwinkeln untersucht, neben den Interviewanalysen auch anhand umfangreicher Literatur (z.B. Schmidt, Bettina (2009): Den Anti-Bias-Ansatz zur Diskussion stellen. Oldenburg. Zu finden unter: http://oops.uni-oldenburg.de/ ). Während der Anti-Bias-Ansatz stets betont, wie wichtig der intersektionale Einbezug verschiedener Diskriminierungspraxen ist, nimmt auch im Buch die Auseinandersetzung mit Rassismus und Nationalismus sowie ansatzweise mit Kolonialismus in Deutschland (wobei die Berliner Kongokonferenz, auf der unter Leitung Bismarcks 1884/1885 die europäischen Staaten den afrikanischen Kontinent zum Zwecke der Ausbeutung und Unterwerfung untereinander verteilt haben, sowie der von Deutschen begangenen Völkermord an den Herero und Nama 1904 und 1905 im heutigen Namibia sehr wenig Raum einnehmen) eine dominante Rolle ein. Sexismus wird benannt, jedoch kaum inhaltlich differenziert und in intersektionaler Verbindung ausgeführt. Vor allem Kapitalismus als strukturelles Diskriminierungsmuster und Herrschaftsform wird kaum thematisiert, insbesondere werden die Diskriminierungsformen nicht in ihrer intersektionalen (sich überschneidenden, sich verbindenden Form) Ausprägung und dem Widerstand dagegen vertieft behandelt. Der Anti-Bias-Ansatz betont ausgehend von eigenen Erfahrungen des Diskriminiert-Werdens und des Diskriminierens wie des Privilegiert-Werdens die eigene soziale Positioniertheit, Sozialisation und Handlungsansätze. Während die Anti-Bias-Arbeit in Gruppen stattfindet, werden gruppenbezogene Handlungspraxen von diskriminierten Gruppen und Strategien wenig thematisiert. Eher werden Utopien benannt und individuelle Verstrickungen und Handlungsoptionen thematisiert. Wie Gesellschaftsverhältnisse, Ressourcenverteilungen oder staatliche und rassistische Diskriminierungssysteme mit welchen Schritten (die auch über die individuelle Reflexion und Intervention hinausgehen) erreicht werden können, ist kaum ein Thema. Dies gilt allerdings für fast alle Bildungs- und Erziehungsansätze (Ausnahmen sind die Pädagogik der Unterdrückten von Paulo Freire oder der Social Justice-Ansatz in Verbindung mit Marion Iris Young, im deutsch-sprachigen Raum u.a. Leah Czollek und Heike Weinbach).

Fazit

Es handelt sich um eine äußerst lesenswerte Einführung und gleichzeitig vertiefte Auseinandersetzung mit Fragen der Anti-Bias-Arbeit, insbesondere für die Arbeit im Kontext Deutschland. Facettenreich, sachlich und nachvollziehbar werden die relevanten Aspekte differenziert und in lesbarer Sprache untersucht. Intersektionale und auf Interventionen sowie gesellschaftliche Veränderungsstrategien abzielende Thematisierungen im Kontext von Kapitalismus hätten noch mehr Raum einnehmen können, ebenso die Frage, ob homogene Gruppen von Diskriminierten oder auch Privilegierten zumindest phasenweise sinnvolle Arbeitsweisen sind.

Insgesamt ist die Lektüre dieses Buches für Studierende, Lehrende und Diskriminierungsforscher_innen in jedem Fall eine Inspiration und ein Gewinn, der zum Nachdenken über vielfältige Themen anregt.


Rezensent
Prof. Dr. Claus Melter
Fachhochschule Bielefeld, Arbeitsschwerpunkte diskriminierungs- und rassismuskritische Soziale Arbeit und Bildung, Dekolonisierung sowie Diskriminierung und Verfolgung von Menschen, die in der Zeit des Nationalsozialismus als „behindert“ und „krank“ angesehen wurden. Mitarbeiter bei Entschieden gegen Rassismus und Diskriminierung – Bielefeld
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Zitiervorschlag
Claus Melter. Rezension vom 02.10.2014 zu: Oliver Trisch: Der Anti-Bias-Ansatz. Beiträge zur theoretischen Fundierung und Professionalisierung der Praxis. ibidem-Verlag (Stuttgart) 2013. ISBN 978-3-8382-0418-5. Reihe: Von Antidiskriminierung zu Diversity und Inklusion - 1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15703.php, Datum des Zugriffs 20.02.2019.


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