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Michael Macsenaere, Klaus Esser u.a. (Hrsg.): Handbuch der Hilfen zur Erziehung

Cover Michael Macsenaere, Klaus Esser, Eckhart Knab, Stephan Hiller (Hrsg.): Handbuch der Hilfen zur Erziehung. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2014. 626 Seiten. ISBN 978-3-7841-2121-5. D: 49,90 EUR, A: 41,10 EUR.

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Thema

Die öffentliche Wahrnehmung auf die Fälle der beiden toten Kinder Kevin in Bremen (2006) und Chantal in Hamburg (2011) sowie deren mediale Bearbeitung hat verdeutlicht, dass gesellschaftlich wie politisch an die Adresse der Kinder- und Jugendhilfe als staatlicher Wächterin - und hier im Besonderen an das System der erzieherischen Hilfe - bestimmte Ansprüche und Erwartungen formuliert werden, eine Wiederholung auszuschließen, das Kindeswohl besser zu schützen und Vernachlässigung und Gewalt gegen Kinder im erzieherischen Alltag durch Gewährung und Vermittlung „passgenauer“ Hilfen zu verhindern. Wöchentlich neue und vergleichbare Fälle lassen freilich Zweifel daran aufkommen, ob die Erziehungshilfe diesen Erwartungen überhaupt gerecht werden kann. Was also ist, was also „kann“ Erziehungshilfe, wo beginnt ihre Überforderung (z. B. aufgrund immer wieder neu bestimmter gesetzlicher, struktureller und vor allem auch finanzieller Rahmungen), wird immer wieder neu gefragt, diskutiert und auch durch Entwicklung und Entfaltung neuer Konzepte und Herangehensweisen (konfrontative Pädagogik, „new authority“ u. a.) sowie aufgabengerechterer Strukturen (Dezentralisierung, Regionalisierung u. a.) beantwortet.

Erziehungshilfe verstehen die vier Herausgeber des vorliegenden Handbuches im Sinne einer systemischen Perspektive „als ein vielschichtiges System gesetzlicher, politischer, institutioneller und interaktionalkommunikativer Strukturen, innerhalb derer eine Vielzahl an Personen mit unterschiedlichsten Interessen in Verbindung stehen und miteinander agieren“ (S. 14). Ihr Buch begreifen sie als Beitrag, aufzuhellen, was Erziehungshilfe ist und was sie zu leisten in der Lage ist.

Herausgeber

  • Prof. Dr. Michael Macsenaere ist Geschäftsführender Direktor des Institut für Kinder- und Jugendhilfe gGmbH (www.ikj-mainz.de), Mainz; er lehrt an den Universitäten Mainz und Köln sowie an der Hochschule Niederrhein.
  • Dr. Klaus Esser ist Leiter des Bethanien Kinder- und Jugenddorfes Schwalmtal und Vorstandsmitglied des Bundesverbandes katholischer Einrichtungen und Dienste der Erziehungshilfe (BVkE) e.V.
  • Privatdozent Dr. Eckhart Knab ist Gründungsdirektor und Berater des IKJ – Institut für Kinder- und Jugendhilfe gGmbH, Mainz; er lehrt an den Universitäten Köln und Mainz.
  • Stephan Hiller, Diplom-Sozialpädagoge und Diplom-Betriebswirt (VWA), ist Geschäftsführer des Bundesverbandes katholischer Einrichtungen und Dienste der Erziehungshilfe (BVkE) e.V., Freiburg/Brsg.

Weitere Angaben zu den Herausgebern finden sich im Band selbst (S. 625f).

Aufbau und Inhalt

Das Buch (es kommen insgesamt 101 Autor/inn/en aus Praxis und Wissenschaft zu Wort) ist in formal in acht Teile gegliedert, wobei sich drei Schwerpunkte abbilden:

  1. Zunächst enthält die Einführung (S. 21 – 67) vor allem einen Rückblick auf die Entstehung der Kinder- und Jugendhilfe und ihren Wandel, die Darstellung des Kinder- und Jugendhilfegesetzes (SGB VIII) aus juristischer Perspektive, ein Überblick über die Veränderungen der Erziehungshilfen im Spiegel der Statistik, eine Einordnung der Veränderungsprozesse, denen die Erziehungshilfen aufgrund gewandelter kinder- und jugendhilferechtlicher Rahmungen ausgesetzt sind (etwa die „Renaissance“ des staatlichen Wächteramtes, die Kinderschutzgesetzgebung oder die frühen Hilfen).
  2. Das „Herzstück“, den sachlichen Kern des Handbuches bilden drei Abschnitte: Die Hilfearten entlang der Struktur des 8. Sozialgesetzbuches (§§ 19, 20, 27 Abs. 2 bis 35 SGB VIII), ergänzende Hilfeformen (z. B. Regel- und Intensivgruppen, Kinderdorf- und Familiengruppen) und die Gewährungsgrundlagen (§§ 27, 35a, 41 und 42 SGB VIII) werden zunächst im zweiten Abschnitt in Form von 21 Einzelbeiträgen im zweiten Abschnitt dargestellt (S. 71 – 208). (Sozial-) Pädagogische Ansätze, die Theorien und Konzepte Sozialer Arbeit als Referenzrahmen erzieherischer Hilfen (z. B. Sozialraumorientierung, Aspekte der Bindungstheorie, das Resilienzkonzept), Ansätze aus der ressourcenorientierten Pädagogik (z. B. Erlebnispädagogik, Psychomotorik oder tiergestützte Pädagogik) und die Themen Inklusion, Partizipation und Prävention werden im fünften Abschnitt (in 16 Einzelbeiträgen) erläutert (S. 339 – 451). Ausführungen in 21 Beiträgen des dritten Abschnitts (S. 211 – 308) zu den Akteuren der Erziehungshilfen – das kommunale Jugendamt (insbesondere die Hilfeplanung und -gewährung, die Jugendhilfeplanung und die finanzielle Steuerung), das Landesjugendamt (mit Beratungs- und Aufsichtsaufgaben), die freien und öffentlichen Träger (die die erzieherischen Hilfen gewährleisten), die Dachverbände (AGJ, Deutscher Verein) und die Fachverbände (IGFH, AFET, EREV und BVkE) –, ihrer Aufgabenstellung und gegenwärtigen Struktur vervollständigen diesen zentralen Bereich des Handbuches.
  3. Die übrigen vier Abschnitte können als hilfreiche Ergänzungen verstanden und gelesen werden: So sind im vierten Abschnitt die Zusammenhänge und Strukturen der Erziehungshilfe im Bund, den Länder und den Kommunen (soweit sie z. B. für die Bestimmung und Ausformung von Rahmenbedingungen der erzieherischen Hilfen von Bedeutung sind) sowie die Aufgaben und Funktionen der Interessenvertretung durch die kommunalen Spitzenverbände (Städtetag, Landkreistag) ebenso Gegenstand der knapperen Ausführungen wie die (eher begrenzt wahrgenommene) Rolle und Arbeitsweise der kommunalen Jugendhilfeausschüsse in Bezug auf die Erziehungshilfen (S. 311 – 335). Interdisziplinären Kooperationen, professionelle und disziplinäre Schnittstellen (z. B. die Relevanz der Kinder- und Jugendpsychiatrie und der Psychotherapie bzw. der Betriebswirtschaftslehre und des Sozialmanagements für die fachliche Entwicklung der Erziehungshilfe, die Frage ihrer Kooperationen z. B. mit Schule, Jugendberufshilfe und Justiz, interkulturelle Aspekte) stehen im Blick auf die Entwicklung der in der Erziehungshilfe begleiteten Zielgruppen im Zentrum des sechsten Abschnitts (S. 455 – 521). Die Organisation der erzieherischen Hilfen und ihre strukturellen Bedingungen und Einflussfaktoren, ihre kommunale Finanzierung, Aspekte der Qualitätsentwicklung und Evaluation, der Organisations-, Konzept- und Personalentwicklung werden im siebten Abschnitt in den Blick genommen (S. 525 – 549). Die wachsenden Erwartungen an die erzieherischen Hilfen, die sich (konzeptionell und fachlich) ausdifferenzierenden und von zunehmendem Systemdruck (Finanzierung, Technisierung) geprägten Bedingungen des Handlungsfeldes erfordern eine qualifizierte Ausbildung der im Feld tätigen Fachkräfte. Eine Bestandsaufnahme der aktuellen Ausbildungsbereiche (d. h. Fachschulen, Hochschulqualifikationen BA und Master), die für den Einsatz in den verschiedenen Formen der erzieherischen Hilfen qualifizieren, wird deshalb im abschließenden Abschnitt vorgenommen. Dort werden auch grundlegende empirische Forschungsergebnisse zu den erzieherischen Hilfen sowie die bislang isolierten Wirkfaktoren aus den vorliegenden Ergebnissen der Wirkungsforschung präsentiert. Darlegungen zur europäischen Dimension der Kinder und Jugendhilfe und ein Ausblick auf die Zukunft der Erziehungshilfen runden das Handbuch inhaltlich ab (S. 553 – 614).

Hinweise zu den 97 Autorinnen und den vier Herausgebern vervollständigen den Band. Darüber hinaus stehen auf der Website des Lambertus Verlages ergänzende Informationen zur Verfügung, auf die im Text jeweils hingewiesen wird.

Der (weitgehend aktuelle) Literaturstand wird zu jedem Beitrag einzeln ausgewiesen.

Zielgruppen

Der Band richtet sich an Studierende, Lehrende, Pädagogen und Psychologen in allen Arbeitsfeldern der Jugendhilfe. Die Herausgeber verfolgen die Absicht, mit ihrem Grundlagenwerk einen Beitrag „zur fachlichen Positionierung und Entwicklung in der Erziehungshilfe“ zu leisten: „Lernenden und Lehrenden in den Praxisfeldern der Erziehungshilfe ebenso wie den in der Praxis und in der Planung und Organisation Verantwortlichen soll ein Überblick über die aktuelle Bandbreite der erzieherischen Hilfen gegeben werden“. Ihr Handbuch begreifen sie als Nachschlagewerk „für alle Fachausbildungen, sowohl in Fachschulen als auch in den sich rasant entwickelnden neuen BA und Master Studiengängen der Sozialpädagogik, der Sozialen Arbeit, des Sozialmanagements und der öffentlichen Verwaltung“ (S. 13).

Diskussion

Nochmals Michael Macsenaere, Klaus Esser, Eckhart Knab und Stephan Hiller: „Dieses Handbuch soll in die einzelnen Leistungsbereiche und Handlungsfelder der Erziehungshilfe einführen und Aufschluss geben, wohin sie sich die in den vergangenen Jahren entwickelt haben und welche Aufgaben sich ihnen in den kommenden Jahren stellen. Welche fachlichen Diskurse und gesellschaftlichen Entwicklungen haben die Ausprägung der jeweiligen Hilfearten verändert? Welche Veränderungen und Entwicklungen werden für eine professionelle Wende gefordert und prognostiziert? Wohin müssen und sollen sich die Hilfen weiterentwickeln? Das sind die Fragen, die die Beiträge dieses Handbuches für das jeweilige Handlungsfeld zu beantworten versuchen“ (S. 11f). So die (Selbst-) Ansprüche der Herausgeber. Erfüllt das Handbuch diese Ansprüche?

Die Einschätzung des Rezensenten: Ja, im ganz überwiegenden Umfang des Bandes erfüllt das vorliegende Handbuch die (Selbst-) Ansprüche seiner Herausgeber. Es liegt eine übersichtliche, die Facetten des Themenbereichs umfassend darstellende, kompetent formulierte und - trotz rund 600 Seiten reinem Text – immer noch komprimiert – also dicht – gestaltete Sammlung vor, die in dieser Form eine Lücke (die erzieherischen Hilfen handbuchartig zu erfassen) schließen hilft und Verständnis für ein oft wenig transparentes Handlungsfeld in der Kinder- und Jugendhilfe herstellen kann. Die im Regelfall sechs- bis achtseitigen Darstellungen sind ganz überwiegend präzise und – für Studierende und Praktiker/innen ein wichtiges Kriterium – auch lesbar und anschaulich formuliert.

Erfreulich sind auch die kurzen Überblicke zum Forschungsstand, wobei die Frage der Wirkung erzieherischer Hilfen – angesichts des (vor allem) politischen Oktroys der Wirkungsnachweisung und des Ideologems, dies auch tatsächlich tun zu können – verständlich etwas mehr Raum eingeräumt wird, als das dem Thema und der Bedeutung ohnehin nur als Unikate einer sozialarbeiterischen bzw. -pädagogischen Beziehung unwiderherstellbarer (Einzel-) Fälle gerecht werden könnte. Die hier (kurz) referierten Mengengerüste – zum Beispiel, dass erzieherische Hilfen „je nach Studie zwischen 60 Prozent und 75 Prozent (in Einzelfällen bis zu 90%) der evaluierten Hilfen einen positiven Verlauf auf(weisen)“ (S. 595) – mögen in den (kommunal-) politischen Auseinandersetzungen ihre Legitimität besitzen, den (finanziellen, personellen) Aufwand für die Erziehungshilfen zu begründen, im Einzelfall, den die Erziehungshilfen ja zum „Gegenstand“ haben, sind sie wohl doch nur von nachrangiger Bedeutung. Anregender sind da schon die Reflexionen zu Faktoren, die auf den Erfolg der Hilfen Einfluss haben können (S. 599ff).

Fazit

Das „Handbuch der Hilfen zur Erziehung“ ist ein (insbesondere für die Lehre) ausgesprochen hilfreicher, lesbarer, informativer Überblick über Handlungsfelder, Strukturen und Akteure der erzieherischen Hilfen (ob allerdings der Preis für Studierende noch akzeptabel ist, darf bezweifelt werden). Die berufliche Praxis wird Nutzen und Gewinn vor allem aus den Beiträgen zu den (sich ja verändernden) Konzepten der erzieherischen Hilfen (5. Abschnitt) ziehen können; im (Sozial-) Management und der Verwaltung tätigen Akteuren kann das Handbuch dabei helfen, bei aller managerieller Ausrichtung ihres Handelns den fachlichen Anschluss und Überblick zur eigentlichen Hilfegewährung zu halten.


Rezensent
Prof. Dr. Peter-Ulrich Wendt
Hochschule Magdeburg/Stendal
Homepage www.PUWendt.de
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Zitiervorschlag
Peter-Ulrich Wendt. Rezension vom 17.02.2015 zu: Michael Macsenaere, Klaus Esser, Eckhart Knab, Stephan Hiller (Hrsg.): Handbuch der Hilfen zur Erziehung. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2014. ISBN 978-3-7841-2121-5. Sonderpreis: 42,00 € für Mitglieder des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15712.php, Datum des Zugriffs 21.07.2017.


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