socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Winfried Möller: Basiswissen Kinderschutz: Das Bundeskinderschutzgesetz [...]

Cover Winfried Möller: Basiswissen Kinderschutz: Das Bundeskinderschutzgesetz in der Praxis. Evangelischer Erziehungsverband e.V. (EREV) (Hannover) 2013. ISBN 978-3-9811060-4-6.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Seit dem 01.01.2012 ist das Bundeskinderschutzgesetz (BKiSchG) in Kraft. Es handelt sich um ein Artikelgesetz, das neben zahlreichen Änderungen im SGB VIII auch das neue Gesetz zur Information und Kommunikation (KKG) im Kinderschutz umfasst. Darüber hinaus beinhaltet es einige kleinere Veränderungen anderer Gesetze. Die Änderungen zielen insgesamt auf eine Verbesserung des Kinderschutzes ab. Eingeflossen in die Neuerungen sind auch Erkenntnisse der Runden Tische „Heimerziehung in den 50er und 60er Jahren“ sowie „Sexueller Kindesmissbrauch in Abhängigkeits- und Machtverhältnissen in privaten und öffentlichen Einrichtungen und im familiären Bereich“. Die Umsetzung der „neuen“ gesetzlichen Vorgaben vollzieht sich in der Praxis sehr unterschiedlich, sowohl was das Tempo wie die Ausgestaltung betrifft. Deutlich wird dabei, dass längst nicht alle Fachkräfte in der Praxis die Vielzahl der Neuerungen kennen. Entscheidender ist für den Autor jedoch, dass die neuen gesetzlichen Grundlagen eine Fülle von Fragen für die praktische Umsetzung, aber auch für die theoretische Auslegung aufgeworfen haben, die zum Teil noch nicht befriedigend beantwortet sind. Im Gegenteil: es gibt zu einigen Aspekten des Bundeskinderschutzgesetzes Fachdiskurse, an denen nicht nur Juristinnen und Juristen beteiligt sind. Die vorliegende Veröffentlichung will daher über den juristischen Handlungsrahmen und die daraus resultierenden Pflichten und Befugnisse informieren. Im Fokus stehen dabei die Fragen, die für die Praxis Relevanz haben. Gleichzeitig werden auch die teilweise kontroversen Diskussionen der Fachöffentlichkeit skizziert, auch wenn sie im Rahmen dieser Schrift nicht erschöpfend nachgezeichnet und behandelt werden können.

Autor

Winfried Möller ist Professor für Verwaltungsrecht, Jugendhilferecht und Strafrecht an der Hochschule Hannover in der Fakultät V – Diakonie, Gesundheit und Soziales.

Aufbau und Inhalt

Die Veröffentlichung ist in vier Kapitel gegliedert.

Nach einem Editorial von Björn Hagen und Bernhard Zapf für den Herausgeber (Evangelischer Erzieherverband) der Beiträge zu Theorie und Praxis der Jugendhilfe, in deren Reihe der vorliegende Band erschienen ist, folgt ein Abkürzungsverzeichnis sowie ein Vorwort von Winfried Möller.

Das erste Kapitel nimmt eine Begriffsklärung hinsichtlich der Tatsache vor, dass es sich beim Bundeskinderschutzgesetz (BKiSchG) um ein Artikelgesetz handelt.

Im zweiten Kapitel wird die Geschichte des Bundeskinderschutzgesetzes kurz nachgezeichnet, da es bereits im Jahr 2008 als Folge des sog. Kinderschutzgipfels bei der Bundeskanzlerin einen ersten Referentenentwurf und im Jahr 2009 einen Regierungsentwurf gab. Aufgrund der erheblichen Kritik an diesen Entwürfen wurde daraus jedoch nie ein Gesetz.

In Kapitel 3 wird das neu geschaffene Gesetz zur Kooperation und Information im Kinderschutz (KKG) dezidiert vorgestellt. Aspekte sind die allgemeine Zielsetzung, Informationsansprüche von (werdenden) Eltern, die Netzwerkbildung sowie die Beratungs- und Informationspflicht, die sehr ausführlich behandelt wird.

Kapitel 4 ist den Änderungen im SGB VIII gewidmet. § 8a SGB VIII, der Schutz von Kindern und Jugendlichen in Einrichtungen, der Tätigkeitsausschluss einschlägig vorbestrafter Personen und die weiteren Neuregelungen im SGB VIII bilden dabei die Überschriften für zahlreiche weitere Unterpunkte.

Der Band schließt mit einem Autoren-, Literatur- und Stichwortverzeichnis ab.

Diskussion

Die Erfahrungen aus der Praxis zeigen, dass die Vielzahl der gesetzlichen Änderungen durch das Bundeskinderschutzgesetz oftmals nicht in ihrer Gesamtheit und vor allem nicht in ihrer vollen Bedeutung bei den Fachkräften präsent ist. Je nach Tätigkeitsfeld werden bestimmte gesetzliche Neuerungen bzw. Veränderungen fokussiert. Unstreitig ist sicherlich, dass die Fülle der Veränderungen, die deutlichen Umsetzungsbedarf nach sich ziehen, einen nicht unerheblichen (Mehr-) Aufwand bedeuten, der nicht einfach mit bestehenden Ressourcen geleistet werden kann. Dies betrifft insbesondere die öffentliche Kinder- und Jugendhilfe, die in vielerlei Hinsicht die Gewährleistungsverpflichtung für die Umsetzung der gesetzlichen Reglungen hat. Sie wiederum muss über Informationen, Vereinbarungen, Qualitätsentwicklungsdiskurse und Beratungen die freien Träger, auf die Berücksichtigung der gesetzlichen Grundlagen im Sinne einer Verantwortungsgemeinschaft im Kinderschutz verpflichten. Das Bundeskinderschutzgesetz nimmt aber darüber hinaus weitere Berufsgruppen und damit Systeme außerhalb der Kinder- und Jugendhilfe für einen verbesserten Kinderschutz in die Pflicht. Hier sind insbesondere Ärztinnen und Ärzte, Angehörige weiterer Heilberufe, Lehrerinnen und Lehrer sowie sozialpädagogische und psychologische Fachkräfte zu nennen, die nicht im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe tätig sind. Auch ihnen wird – neben dem Anspruch auf eine Fachberatung bei gewichtigen Anhaltspunkten für eine Kindeswohlgefährdung – ein bestimmtes einzuhaltendes Verfahren abverlangt. Ist der Informationsstand über die gesetzlichen (Neu-)Regelungen schon in der Kinder- und Jugendhilfe sehr unterschiedlich, so ist hinsichtlich der weiteren Berufsgruppen, die in den Kinderschutz einbezogen sind und anderen Systemen angehören, dieser gar nicht oder zumindest unzureichend zu nennen.

Hinzu kommt, dass – wie oft bei neuen gesetzlichen Grundlagen – viele Fragen sowohl hinsichtlich der theoretischen Auslegung wie vor allem der praktischen Umsetzung und ihrer Konsequenzen offen bleiben und über die Formulierungen im Bundeskinderschutzgesetz nicht erschöpfend zu beantworten sind. Insofern widmen sich umfangreiche juristische Kommentierungen diesen Fragen und auch in Fachzeitschriften werden die Diskurse aufgegriffen, die jedoch zumeist die Reichweite der jeweiligen gesetzlichen Regelung zu beschreiben versuchen bzw. sich mit den möglichen Konsequenzen bei Nichteinhaltung oder Verstößen beschäftigen. Diese Diskurse sind oftmals eher auf der theoretischen Bearbeitungsebene angesiedelt, teilweise auch widersprüchlich und damit stellt sich die Frage nach der Nutzung in der bzw. durch die Praxis.

Denn dort ist die Herausforderung eine praktikable Umsetzung mit den zur Verfügung stehenden Mitteln und Möglichkeiten, ohne dass der Aufwand zu groß wird bzw. ohne mit zusätzlichen Ressourcen ausgestattet zu sein. Und schließlich kommt es auch hier auf die Haltung an: Die jeweiligen Anstrengungen, insbesondere der öffentlichen Jugendhilfe, die gesetzlichen Vorgaben angemessen umzusetzen, hängen sehr vom jeweiligen Verständnis eines kooperativen Kinderschutzes und einer Verantwortungsgemeinschaft ab. Da gibt es auf der einen Seite vorbildliche Aktivitäten und Entwicklungen und auf der anderen Seite Versuche der Ausgestaltung, die eher an Stilblüten denken lassen. Während sich ein Teil der für die Umsetzung Verantwortlichen eher an Fragen der Abgrenzung und rein formalen Erledigung abarbeitet, bemühen sich andere um wirkliche Kooperation, gerade auch bezüglich der anderen involvierten Disziplinen. Sicherlich bewahrheitet sich auch hinsichtlich des Bundeskinderschutzgesetzes die Erkenntnis, dass der Teufel oftmals im Detail steckt.

Zur Beantwortung der vielen Fragen, die sich in der Praxis hinsichtlich der Umsetzung des Bundeskinderschutzgesetzes ergeben, werden die wenigsten Fachkräfte umfangreiche juristische Kommentierungen studieren oder die fachlichen Diskurse über Fachaufsätze, die noch dazu zu teilweise widersprüchlichen Ergebnissen kommen, zu Rate ziehen können. Insofern bietet der vorliegende Band grundlegende Informationen zu den gesetzlichen Regelungen des Bundeskinderschutzgesetzes, skizziert aber gleichzeitig die über manche Regelungen intensiv geführten Diskurse. So können Fachkräfte in relativ übersichtlicher und knapper Form zumindest die Diskussionsstränge nachvollziehen. Gleichzeitig gibt es in dem Band viele Hinweise zur praktischen Umsetzung und Anwendbarkeit. Dass in dieser Form nicht alle Neuregelungen erschöpfend behandelt werden können, ist nachvollziehbar. Schade, wenn auch verständlich, finde ich jedoch, dass die Notwendigkeit der Qualitätsentwicklung nach § 79 a SGB nicht aufgegriffen wird. Denn sie ist für die praktische Umsetzung eine ganz besondere Herausforderung: Ein diskursiver Prozess auf gleicher Augenhöhe mit den freien Trägern der Kinder- und Jugendhilfe zur Verständigung und Beschreibung von Qualitätsmerkmalen, die auch überprüfbar sein müssen.

Fazit

Die Veröffentlichung bietet eine gute Hilfestellung nicht nur für die Kinder- und Jugendhilfepraxis. Sie ist ein hilfreiches Nachschlagewerk über die gesetzlichen Regelungen des Bundeskinderschutzgesetzes und Möglichkeiten der Umsetzung. Obendrein bietet sie einen guten, knappen Überblick über die derzeitigen Fachdiskurse bezüglich der Auslegung und praktischen Anwendung der gesetzlichen Grundlagen.


Rezension von
Martina Huxoll-von Ahn
Stellv. Geschäftsführerin Deutscher Kinderschutzbund Bundesverband e.V.
Homepage www.dksb.de
E-Mail Mailformular


Alle 25 Rezensionen von Martina Huxoll-von Ahn anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Martina Huxoll-von Ahn. Rezension vom 26.06.2014 zu: Winfried Möller: Basiswissen Kinderschutz: Das Bundeskinderschutzgesetz in der Praxis. Evangelischer Erziehungsverband e.V. (EREV) (Hannover) 2013. ISBN 978-3-9811060-4-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15714.php, Datum des Zugriffs 29.11.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Mehr zum Thema

Leider liegen aktuell keine passenden Rezensionen vor.

Literaturliste anzeigen

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung