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Oliver Marchart (Hrsg.): Facetten der Prekarisierungsgesellschaft

Cover Oliver Marchart (Hrsg.): Facetten der Prekarisierungsgesellschaft. Prekäre Verhältnisse. Sozialwissenschaftliche Perspektiven auf die Prekarisierung von Arbeit und Leben. transcript (Bielefeld) 2012. 260 Seiten. ISBN 978-3-8376-2193-8. 24,99 EUR.

Reihe: Gesellschaft der Unterschiede - 9.
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Entstehungshintergrund

Prekarisierung ist ein gängiger Begriff geworden, um die unsicheren und immer weniger auf Dauerhaftigkeit ausgerichteten Erwerbs- und Lebensverhältnisse zu fassen. Das Phänomen nimmt ihren Ausgangspunkt im Rückgang des Normalarbeitsverhältnisses, das sich mit seinen Schutz- und Integrationspotentialen zunehmend auflöst. Umfassende Bedeutung erlangt Prekarisierung, weil die Betroffenheit durch Formen der „Flexploitation“ nicht mehr Randerscheinung ist, vielmehr – so die generelle Diagnose in diesem Buch – die gesamte Gesellschaft davon tiefgreifend betroffen ist.

Das Buch ist ein Sammelband, der aus Veranstaltungen des Herausgebers, Professor für Soziologie an der Kunstakademie Düsseldorf, im Rahmen eines Forschungsprojektes „Protest, Medien und Prekarisierung“ hervorgegangen ist. Neben diesem Herausgeberband ist als weiteres Produkt des langjährigen Projektes, das an der Universität Luzern angesiedelt war und vom Schweizer Nationalfonds unterstützt wurde, ein „Zwillingsbuch“ erschienen (Marchart 2013b). Einzelne Beiträge des vorliegenden Buches sind bereits an anderer Stelle veröffentlicht (Cingolani 2007) bzw. lehnen sich an erfolgten Veröffentlichungen an (Bröckling 2010, Lorey 2012).

Aufbau und Inhalt

Der Herausgeber leitet den Sammelband mit einem Abriss über die „Prekarisierungsgesellschaft“ ein, bezieht sich dabei auf verschiedene Ansätze und drei Achsen der Prekarisierung.

Sozialtheoretisch nimmt Marchart erstens Bezug auf Vorstellungen einer ökonomischen Regulationstheorie (Tradition der Althusser-Schule). Ausgangspunkt sind Krisen, die als Zäsuren neue Abschnitte bedingen. Auf dieser Basis kann etwa im Bereich des Postfordismus – wie in diesem Band – nach den Entwicklungen der Gewerkschaften, ihrer Rolle bzw. Identität in der neuen kapitalistischen Epoche gefragt werden. Zweitens werden als sozialtheoretischer Bezugspunkt die Gouvernementalitätsstudien (Foucault) angeführt, die auf Formen der Selbstregulierung und – logiken aufmerksam machen: mit neoliberalen Tendenzen weitet sich die Unternehmensform auf das Selbst aus. Drittens wird entlang des Postulats, „Prekarität ist überall!“ (Bourdieu 2004), auf den paxeologischen Zugang und den „Geist des Kapitalismus“ (Boltanski/Chiapell 2003) verwiesen. Der entstandene „dritte Geist“ des Kapitalismus sorgt für spezifische Gerechtigkeits- und (Un-) Sicherheitsordnungen („Polis“), wird in Verbindung mit einer variablen Produktion und mobilen, anpassungsfähigen Mitarbeitern betrachtet. Zentrale Leitvorstellung ist das „Netzwerk“ innerhalb von Projekten, das in autonomen Teams zeitlich und räumlich unabhängig agiert. Die Projektförmigkeit dehnt sich dabei auf alle Lebensbereiche aus. Viertens wird der (italienische) Postoperaismus (Post-„Arbeiterismus“, u.a. Negri) als theoretischer Bezugspunkt angeführt. Ausgehend von einer Verschmelzung der Produktions- und Reproduktionssphäre („fabrica diffusa“) wird von einer übergreifenden „Universalisierung von Risikosubjektivierungen“ ausgegangen. Von einer Differenzierung des Prekariats wird abgesehen, da Haltungen, Mentalitäten und die „Sozialisierung“ sich z.B. bei einem Software-Emtwickler prozessual nicht anders verhalten als bei einem Arbeiter (vgl. Marchart 2013b: 60f.). Jedenfalls fokussiert der (Post-)Operaismus (politische) Bewegungen und Strategien, wendet die Vorstellung von einer Arbeiterklasse als revolutionäres Subjekt in jene einer „Multitude“. Schließlich bringt Marchart noch die Form der „diskursanalytischen Hegemonietheorie“ in diesen kurzen Überblick ein (Laclau/Mouffee). Diskurse konstituieren die Ökonomie und die operative Logik des Sozialen, die für eine radikale und plurale Demokratie ein gegenhegemoniales politisches Projekt, nicht nur Störungen, benötigt (vgl. Marchart 2013b: 95f.).

Gleichzeitig werden in der Einleitung drei fundamentale „Achsen“ der Prekarisierungsgesellschaft herausgearbeitet. Eine erste Achse bezeichnet Marchart als „transversale Prekarität“. Damit verweist er auf die umfassende sozialstrukturelle Betroffenheit: fast alle ArbeitnehmerInnen sind von Prekarisierung betroffen, auch wenn sie nicht dem Prekariat als spezifische Form von Armut und Ausschluss angehören müssen. Abwärtsspiralen, Flexibilisierung und Wegfall von Netzwerken machen sich in unterschiedlichem Ausmaß und Form breit, bei angelernten Hilfsarbeitern genauso wie bei Unternehmensgründern. Selbst bei Gruppen, die (noch) ein Normalarbeitsverhältnis innehaben, wird Prekarität als Drohung spürbar. Eine zweite Achse bezieht sich darauf, dass nicht nur die Erwerbssphäre von Prekarität betroffen ist, sondern die Alltagskultur „mitgerissen“ wird. Produktion (Arbeit) und Reprodukton („Nicht-Arbeit“) lassen sich nicht trennen, sodass die prekären Verhältnisse auf sämtliche Lebensverhältnisse übergreifen. Die dritte Achse der Prekarisierung bezieht sich auf Prozesse, die sich auf objektiver wie subjektiver Ebene feststellen lassen. Objektiv werden sozialstaatliche Regulierungen „untergraben“, damit Beschäftigungs- sowie Einkommensverhältnisse in breiter Front unsicher. Die Risiken führen auf subjektiver Ebene zur „Angstneurotisierung des Individuums“, wobei gleichzeitig zu beachten ist, dass die Risiken prekarisierter Arbeitsbedingungen vom Individuum selbst zu handhaben sind.

Die Beiträge des Bandes werden in zwei Teilen präsentiert: im ersten Teil werden (fünf) Beiträge zu „Theorieperspektiven“, danach (sechs) Beiträge zu „Handlungsperspektiven“ zusammengefasst.

Cingolani beschäftigt sich unter dem Titel „Wird die Prekarität ein neues Leitmodell der Arbeit?“ mit Formen prekärer Arbeitsverhältnisse und ihrer Verbreitung. Er betont dabei, dass die zeitliche Unterbrechung ein besonderes Machtinstrument in den Arbeitsverhältnissen darstellt und sich diese neue Unterordnung in den weitverbreiteten, institutionalisierten Diskontinuitäten am Arbeitsmarkt wiederfindet. Schultheis diskutiert vor dem Hintergrund des Werkes von Boltanski/Chiapello (2003), Daten aus einer Feldstudie über ein Schweizer Traditionsunternehmens. Er zeigt auf, dass sich angesichts einer entfesselten Marktwirtschaft, die sich auf den „employable man“ eingeschworen hat, die „soziale“ Frage neu stellt. Aus einer marxistisch-regulationstheoretischen Perspektive analysiert Röttger die Gewerkschaftspolitik, die nicht sehr wirkungsvoll gegen die zunehmende Prekarisierung tätig war. Lange Zeit haben Gewerkschaften zur Sicherung der Interessen von Stammbelegschaften beigetragen, Prekarisierung nicht als neue „Herrschaftsform des Kapitals“ in ihrer Tragweite verstanden. Bohn betrachtet Prekarisierung unter Gesichtspunkten von Inklusion/Exklusion, der Schnittstelle von Sozialsystem und Person. Damit stellt sie die Frage der Prekarisierung stärker in den Kontext der Bedingungen von Zugehörigkeit und der Passung von Karrieren zu gesellschaftlichen Strukturen. Nach einer Diskussion über die unterschiedlichen Vorstellungen von Inklusion/Exklusion im ungleichheitstheoretischen (Weber), devianztheoretischen (Foucault) und differenzierungstheoretischen (Luhmann) Kontext, verweist sie auf einige Punkte, die bei der Betrachtung der komplexen Formen und Ordnungen von Inklusion bzw. Exklusion in einer differenzierungstheoretischen Perspektive zu berücksichtigen wären. Im letzten Beitrag zu „Theorieperspektiven“ beschäftigt sich Link unter dem Titel „Flexibilisierung minus Normalität gleich Prekarität?“ mit der Frage, inwieweit Prekarisierung soziale (De-) Normalisierung repräsentiert. Er argumentiert, dass sich ein „subnormales Stratum“ – ähnlich dem „abgehängten“ Prekariat – und ein „transversales“, flexibles Prekariat herausgebildet haben (vgl. Link 2007).

Der zweite Teil des Sammelbandes – über „Handlungsstrategien“ – beginnt mit einem Beitrag von Pieper über die post-operaistische Perspektive, deren Bedeutung sich nicht nur konzeptuell, sondern auch in oppositionellen Bewegungen manifestierte. Als einen wesentlichen Punkt in der Diskussion zieht sie die „EuroMayDay“-Bewegung heran, an der sich exemplarisch das Spezifische der Perspektive auf Dynamiken und Transformationspotentiale von Produktionsverhältnisse sowie sozialen Bewegungen nachvollziehen lässt. Im nächsten Beitrag, „Virtuosität und neoliberale Öffentlichkeit“, verweist Lorey auf Tendenzen in der Arbeit, vermehrt mit Unvorhersehbaren und Kontigentem umzugehen, die eine Virtuosität abverlangen. Dies zieht nicht nur eine stärkere Verschränkung mit den sozialen Verhältnissen nach sich, sondern stellt potentiell eine Ressource für den politischen Bereich dar. Der nächste Beitrag von Karakayali beschäftigt sich mit der Gruppe der MigrantInnen, die von prekären Lebensverhältnissen im Kontext eines national organisierten Sozialstaates besonders betroffen sind, aber als politische Akteure nicht repräsentiert sind. Neben der problematischen Lage sollten – so der Autor – auch die Potenziale, die sich im Rahmen der Subjektivierungs- bzw. Verarbeitungsleistungen konstituieren, gesehen werden. Der Beitrag von Bröckling analysiert Proteste und die Organisation von Widerstand gegen den Neoliberalismus. Zunächst geht er auf methodologische Reflexionen ein und nimmt auf Gouvernementalitätsstudien Bezug, um danach eine „dichte Beschreibung“ über Aktionen „prekärer Superhelden“ vorzustellen. Im Beitrag von Vötsch werden die sozialen Umbrüche und Proteste aus dem Jahr 2011 analysiert und danach gefragt, inwieweit die Proteste in westeuropäischen Ländern (u.a. EuroMayDay-Bewegung; Occupy-Proteste) und jene des arabischen Revolutionen („Arabellion“) Gemeinsamkeiten und Differenzen aufweisen. Der Autor gibt zunächst einen Überblick über die hegemonietheoretische Diskursanalyse, die der Reflexion zugrunde liegt. Danach diskutiert er die sozioökonomischen Verhältnisse hinter den Protesten, um schließlich die Bewegungen zu vergleichen. Der letzte Beitrag von Mouffe, gemeinsam mit Laclau wurde die hegemonietheoretische Diskursforschung entwickelt, setzt sich in ihrem Artikel mit Optionen einer demokratischen Politik im Postfordismus auseinander. Ausgangspunkt ihrer Überlegungen zu einer radikalen Demokratie ist, dass gesellschaftliche Strukturen als Ausdruck politischer Aushandlungsprozesse zu sehen sind, die als veränderlich und keineswegs alternativlos einzustufen sind. Um Prekarisierung im Rahmen neoliberaler Tendenzen zu verändern, bedarf es nicht nur ihrer Störung, sondern einer neuen hegemonialen Ordnung und der Konstitution von Formen institutioneller Macht im Sinne einer radikalen Demokratie.

Fazit

Das Buch zeichnet sich durch den Bezug auf eine (breite) Basis post-marxistischer bzw. – strukturalistischer und praxeologischer Theorietraditionen aus, vor deren Hintergrund die beobachtbaren Prekarisierungstendenzen in westlichen Gesellschaften analysiert werden. Gesellschaftliche Entwicklungen werden dabei – durchaus im Sinne Kritischer Theorie zu verstehen -stärker in ihrer gesellschaftlichen Totalität betrachtet, und nicht (nur) einzelne Symptome der Prekarisierung herausgegriffen. Der Sammelband umfasst Beiträge, die neben der sozialtheoretisch anspruchsvollen Reflexion prekärer Entwicklungen auch politische Strategien und Protestbewegungen analysiert.

Literatur:

  • Luc Boltanski/Éve Chiapello: Der neue Geist des Kapitalismus. Konstanz: UVK 2003.
  • Pierre Bourdieu: Prekarität ist überall. In: Ders.: Gegenfeuer. Wortmeldungen im Dienste des Widerstandes gegen die neoliberale Invasion. Konstanz: UVK, 96-102, 2004.
  • Ulrich Bröckling: Jenseits des kapitalistischen Realismus: Anders anders sein. In. Sighard Neckel (Hrsg.): Kapitalistischer Realismus. Von der Kunstaktion zur Gesellschaftskritik. Frankfurt am Main: Campus, 281-301, 2010.
  • Patrick Cingolani: Wird die Prekarität ein neues Leitmodell der Arbeit? kultuRRevolution 52, 16-32, 2007
  • Jürgen Link: Flexibilisierung minus Normalität gleich Prekarität. kultuRRevolution 52, 32-37, 2007.
  • Isabel Lorey. Die Regierung der Prekären. Wien/Berlin: Turia und Kant 2012.
  • Oliver Marchart: Die Prekarisierungsgesellschaft. Prekäre Proteste. Politik und Ökonomie im Zeichen der Prekarisierung. Bielefeld: transcript Verlag 2013b (siehe auch die Rezension)

Rezension von
ao. Univ.Prof. Dr. Gerhard Jost
Mitarbeiter am Institut für Soziologie und empirische Sozialforschung, WU, Wirtschaftsuniversität Wien, Department für Sozioökonomie.
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Zitiervorschlag
Gerhard Jost. Rezension vom 17.04.2014 zu: Oliver Marchart (Hrsg.): Facetten der Prekarisierungsgesellschaft. Prekäre Verhältnisse. Sozialwissenschaftliche Perspektiven auf die Prekarisierung von Arbeit und Leben. transcript (Bielefeld) 2012. ISBN 978-3-8376-2193-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15717.php, Datum des Zugriffs 18.01.2020.


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