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Özkan Ezli, Andreas Langenohl u.a. (Hrsg.): Die Integrationsdebatte zwischen Assimilation und Diversität

Cover Özkan Ezli, Andreas Langenohl, Valentin Rauer, Claudia Voigtmann (Hrsg.): Die Integrationsdebatte zwischen Assimilation und Diversität. Grenzziehungen in Theorie, Kunst und Gesellschaft. transcript (Bielefeld) 2013. 372 Seiten. ISBN 978-3-8376-1888-4. D: 32,80 EUR, A: 29,70 EUR.

Reihe: Kultur- und Medientheorie.
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Thema

„Ausländerintegration: natürlich schwierig in einem Land, in dem schon die ‚Ossis‘ und ‚Wessis‘ kaum zusammenfinden“ (Paul Mommertz (*1930), deutscher Schriftsteller, Autor von Drehbüchern, Bühnenstücken und Hörspielen)

Die Integrationsproblematik ist auch nach fast 60 Jahren deutscher Nachkriegsmigration nicht zum Abschluss gekommen. Obwohl die meisten „ArbeitsmigrantInnen“ und ihre Nachkommen schon längst in der deutschen Gesellschaft angekommen sind (man denke nur an den Grünen-Vorsitzenden Cem Özdemir, den Nationalspieler Mesut Özil und jetzt insbesondere an die Staatsministerin Aydan Özoguz), wird der Anpassungspolemik immer wieder aufgeheizt. Der Kern aller Diskussionen ist die Frage, ob politische, soziale und kulturelle Integration auf kultureller Einheit (in der Tradition der deutschen Leitkultur nach Stoiber) oder auf Pluralität als Multikulturalismus beruhen sollte.

Insbesondere Vorzeige-Assimilierte wie Necla Kelek, Seyran Ates und Serap Cileli arbeiten mit ihren Beiträgen eigene Biografiedefizite auf. Leitkultur-Kreuzritter Thilo Sarrazin spricht in seinem retro-chauvinistischen Pamphlet gar von einer kulturellen Selbstzersetzung Deutschlands. Besonders die Besuche und Auftritte des türkischen Ministerpräsidenten in Deutschland brachten den Diskurs auf den Punkt. „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ sei die in Deutschland praktizierte Assimilation der türkischen Minderheit. Schock und Empörung waren die Folge.

Die aktuelle Brisanz der Thematik verdeutlicht, dass sich der begriffliche Gebrauch der Integrationsparadigmen von einer rein wissenschaftlich-politischen Definition gelöst hat und auch im Alltagsdenken abgekommen ist. Die mediale Sensibilität hängt auch damit zusammen, dass Kultur und die damit zusammenhängende Integrationsfrage primäre Definitionskategorien moderner Gesellschaften sind. Sie stellen spannungsgeladene Zonen dar, in denen über Autonomie und Grenzen von Individuen, Gemeinschaften und Gesellschaft verhandelt werden. Eine neue Dimension gewinnt dieser Bereich durch die zunehmende Globalisierung und die Transnationalisierung Europas.

Politisches Kalkül und persönliche Interessen haben die Integrations-Assimilationsdebatte in alle Richtungen gezerrt, die wirklichen Betroffenen und ihre Lebenswelten sind hierbei aus dem Blickpunkt geraten. Ausdifferenzierte, objektive Arbeiten, die die Integrationsdebatte in allen Facetten zwischen Assimilation und Diversität beleuchten, fehlen auch heute noch – siehe hierzu auch die Rezensionen:

Entstehungshintergrund

Der vorliegende Band geht auf die Tagung „Im Banne der Assimilation? Kunst, Kultur und Theorie transnationaler Migration“ vom 15.10. bis zum 17.10.2009 zurück. Die Tagung wurde vom Exzellenzcluster 16 „Kulturelle Grundlagen von Integration“ an der Universität Konstanz organisiert und finanziert (in Kooperation mit der Sektion „Migration und ethnische Minderheiten“ der „Deutschen Gesellschaft für Soziologie“).

AutorInnen

Es sind zwölf Beiträge namhafter Autorinnen und Autoren aus den Gebieten der Soziologie, Politologie, Rechtswissenschaft sowie Literatur- und Filmwissenschaft entstanden. Diese sollen im Folgenden kurz vorgestellt werden:

  • Anna Amelina ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der soziologischen Fakultät der Universität Bielefeld. Forschungsschwerpunkte: Methodologie der Transnationalisierungsforschung, intersektionelle Ungleichheitsforschung, Kultursoziologie und Migrationsforschung.
  • Özkan Ezli ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Projektleiter im Exzellenzcluster „Kulturelle Grundlagen von Integration“ der Universität Konstanz. Er promovierte mit einer kultursoziologisch-komparatistischen Arbeit zu westeuropäischen (deutsch, französisch), arabischen und türkischen Autobiographien und Reisebeschreibungen aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Seine Forschungsschwerpunkte: Narrativ der Migration in der deutsch-türkischen Literatur, im Film und in der Religion in Deutschland.
  • Thomas Faist forscht als Professor für Soziologie der Transnationalisierung, Entwicklung und Migration an der soziologischen Fakultät der Universität Bielefeld. Promotion an The New School for Social Research. Arbeitsschwerpunkte sind: Internationale Migration, Bürgerschaft, Transnationalität, Sozialpolitik und Entwicklungssoziologie.
  • Nicole Falkenhayner ist wissenschaftliche Miarbeiterin und Projektleiterin im Graduiertenkolleg „Faktuales und fiktionales Erzählen“ der Universität Freiburg. Davor war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Exzellenzcluster „Kulturelle Grundlagen von Integration“ der Universität Konstanz. Ihre kulturwissenschaftliche Dissertation behandelte die Repräsentationsgeschichte britischer MuslimInnen seit der Rushdi-Affäre 1989. Derzeitiges Projekt: Narrative Remediation und Ästhetik von Überwachungskameraaufnahmen.
  • Andreas Langenohl ist Professor für Soziologie an der Universität Gießen mit dem Schwerpunkt Allgemeiner Gesellschaftsvergleich. Außerdem ist er Vorstandsmitglied im Gießener International Graduate Centre for the Study of Culture (GCSC). Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören: Soziologie der Finanzmärkte, Modernisierungstheorie, sozialwissenschaftliche Epistemologie und gesellschaftliche Zirkulationsprozesse.
  • Charlton Payne ist Postdoktorand an der Uni Erfurt. Er habilitiert über erzähltheoretische Probleme der Staatenlosigkeit. Promoviert hat er 2007 an der UCLA-Universität in Kalifornien.
  • Valentin Rauer forscht derzeit im Projekt „Sicherheitskultur im Wandel“ an der Frankfurter Universität (Fachbereich Gesellschaftswissenschaften). Promotion zur „Öffentlichen Dimension der Integration“ am Beispiel von migrationspolitischen Verbänden in Deutschland. Forschungsschwerpunkte sind Migrationssoziologie, diskursive und materiale Formen transnationaler und globaler Vergesellschaftung.
  • Cornelia Ruhe ist Professorin für romanische Literatur- und Medienwissenschaft an der Uni Mannheim. Studium der Romanistik, Slavistik und Anglistik an der Universitäten Regensburg und Konstanz. Dissertation zur Literatur der maghrebinischen Immigration in Frankreich, Habilitation 2009 an der Universität Konstanz. Die Forschungsschwerpunkte umfassen Kultursemiotik und Intertextualität, Zusammenhang von Authentizität und Ethnizität.
  • Katja Schneider ist Juristin, war von 2007 bis 2011 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Öffentliches Recht, Europarecht und Völkerrecht sowie am Exzellenzcluster „Kulturelle Grundlagen von Integration“ an der Universität Konstanz. Promtion zum Thema „Autonomer Normsetzungsanspruch und europarechtliche Vorwirkung dargestellt am Beispiel des türkischen Ausländer-, Asyl- und Staatsangehörigkeitsrechts“. Momentan ist sie Dezernentin bei der Deutschen Rentenversicherung Bund in Berlin.
  • Levent Tezcan ist Assist. Prof. im Department Culture Studies an der niederländischen Universität Tilburg. Er war mehrere Jahre wissenschaftlicher Mitarbeiter im Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld. Promotion an der soziologischen Fakultät der Universität Bielefeld. Forschungen über die Deutsche Islam Konferenz.
  • Claudia Marion Voigtmann ist wissenschaftliche Koodinatorin für Öffentlichkeitsarbeit und Wissenstransfer im Exzellenzcluster „Kulturelle Grundlagen von Integration“ an der Universität Konstanz. Studium der Amerikanistik und Anglistik. Zuvor mehrere Jahre Referentin für internationale Pressearbeit in einem deutsch-französischen Beratungsunternehmen.
  • Paula Wojcik ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Geschäftsführerin am Forschungszentrum „Laboratorium Aufklärung“ der Universität Jena. Promotion mit einer komparatistischen Arbeit über die Demontage von antisemitischen Stereotypen am Beispiel der deutschen, schweizerischen, polnischen und US-amerikanischen Gegenwartsliteratur. Forschungsschwerpunkt: Theorie der Ballade in einer interkulturellen Perspektive seit dem 18. Jahrhundert.

Mit den beiden Bereichen Integration und Assimilation werden in den Beiträgen zwei wichtige gesellschaftliche Entwicklungskonzepte tangiert, die mit individuellen wie auch kollektiven Bewertungs- und Erwartungshaltungen verbunden sind. Assimilation ist die idealisierte Vorstellung von einem Melting Pot in amerikanischer Tradition, in dem kulturelle Unterschiede kompensiert und durch eine erzeugte Homogenität ersetzt wird. Ihren ideologischen Ursprung hat dieses Konzept im kolonialistischen Rassismus des 19. Jahrhunderts, in dem Unterscheidungen zwischen minderwertigen und höherwertigen gängig waren.

Als Gegenbild von Assimilation ist Integration inhaltlich abstrakt und offen (Ist- und Soll-Zustand sind offen). Erst in der pragmatischen Auseinandersetzung, d.h. in der politischen und künstlerischen Begriffspraxis, werden die Bedeutungskonturen deutlicher. Das Buch möchte ebendiese „hybride Vermengung von Bedeutungsoffenheit und Veränderungsimperativ“ näher untersuchen (S. 10).

Die WissenschaftlerInnen stellen die vorhandenen Konzepte nach neuestem Forschungsstand vor. Die Analysen stammen aus den verschiedensten Handlungs- und Verhandlungsräumen der Integration in der jeweiligen zeitlich-historischen Kontextualität. Die Debatten und Konzepte reichen von der Deutschen Islamkonferenz über literarische und cineastische Verhandlungen von Assimilation und Diversität bis zum Terrorismus in England. In den Buchbeiträgen werden verschiedene Aspekte der politischen Diskurse, sozialen Auseinandersetzungen und ästhetischen Perspektiven untersucht. Hinterfragt werden insbesondere die theoretischen, politischen und narrativen Grundlagen dieser Konzepte in Theorie, Öffentlichkeit, Literatur und Film (Schwerpunkt Europa).

Aufbau

Die Arbeit besteht aus drei Abschnitten mit jeweils vier Kapiteln, die im Folgenden (aus Kapazitätsgründen in unterschiedlichem Umfang) vorgestellt werden sollen:

Zu Abschnitt 1: Debatten und Konzepte der Integration

Im ersten Abschnitt werden programmatische Fragen der Integrationsdebatte aus soziologisch-konzeptioneller Perspektive aufgeworfen. Die konzeptionellen Texte zu Assimilation, Integration und Diversität sowie Dialog und Übersetzung bilden auch in Rückbindung an empirische Debatten und Problematisierungen von Assimilation und Integration die Grundlage für die weiteren Kapitel, welche sich den Räumen und Verhandlungen der Debatte und ihrem historischen Kontext widmen.

Dialog im neuen Multikulturalismus – Die Debatte nach der Schweizer Volksabstimmung um den Bau von Minaretten“ von Andreas Langenohl (S. 25-49)

Im Mittelpunkt des ersten Beitrags steht der öffentlich-politische Diskurs, der mit dem Schweizer Referendum über den Minarettenbau am 29.11.2009 einsetzte. Dieser Beitrag zeichnet die öffentlichen Debatten anhand theoretischer Konzeptionen der politischen Theorie kritisch nach. Zentral ist dabei die Feststellung von Jürgen Habermas, dass ein allgemeiner politischer Diskurs Übersetzungsprozesse zwischen religiösen und säkularen Klassen voraussetzt.

Hier stellt der Autor die wichtige Frage, inwieweit die Figur des Dialogs und die damit in der Öffentlichkeit ausgelösten Übersetzungsprozesse am Beispiel des Schweizer Referendums ein neues öffentliches und politisches Verständnis von Multikulturalismus, der über ein Nebeneinander von Kulturen hinausgeht und demokratische Dialogbeziehungen generiert, hervorgerufen hat.

Ein zentrales Ergebnis ist das Bewusstsein, dass über die Schweiz hinaus in ganz Europa der Dialog zwischen der Mehrheitsgesellschaft und den MuslimInnen verbessert werden muss. Hierzu gehört einerseits die Öffnung der Mehrheitsgesellschaft gegenüber der muslimischen Minderheit, andererseits die Sicherstellung einer diskursiven Präsenz. Die Forderung nach Dialog ging aber (gestärkt durch die Tatsache, dass das Referendum trotz seines Ausgangs und aufgrund des demokratischen Hintergrunds schwer zu kritisieren war) mit einseitigen, leeren Zuständigkeitszuschreibungen einher, sodass die Herkulesarbeit des Engagements in Gänze an die MuslimInnen delegiert wurde.

Langenohl sieht darin die Folge eines unreflektierten Übersetzungs- und Dialogverständnisses, das eigene diskursive Effekte auf die Konstitution öffentlicher politischer Positionen vernachlässigt und politische Subjekte als bereits gegeben hält, was der Forderung von Habermas vehement widerspricht.

Die Aktualität von Übersetzung und Dialog wird dennoch als Hinweis für einen neuen Multikulturalismus in der Schweiz wie auch in Europa bewertet. Dieser steht nicht in der Tradition des Neo-Assimilationismus (Einebnung kultureller Differenzen zugunsten einer Mehrheitskultur), sondern möchte vielmehr kulturelle Unterschiede (voraus-)setzen, abbilden und problematisieren.

Integrationsdebatten in der deutschen Öffentlichkeit (1947-2012) – Ein umstrittenes Konzept zwischen ‚region building‘ und ‚nation saving‘“ von Valentin Rauer (S. 51-85)

Mit dem Integrationskonzept beschreiben die Sozialwissenschaften meist Prozesse der Vergemeinschaftung und des Abbaus von sozialer Ungleichheit. Das Integrationsthema ist mittlerweile aber auch zu einem wichtigem Debattenschwerpunkt der politischen Öffentlichkeit geworden. Allerdings bleiben Fragen bezüglich Integrationsadressaten, Integrationswege und Integrationsziele offen.

Vor dieser Problematik will der Beitrag die öffentlichen Integrationssemantiken in Deutschland diachronisch nachzeichnen. Es soll geklärt werden, ab wann in der deutschen Öffentlichkeit von Integration gesprochen wurde und welche Kollektive dabei adressiert wurde. Mit seinem Artikel eröffnet der Sozialwissenschaftler Valentin Rauer eine historisch öffentlichkeitssoziologische Perspektive, indem er die semantische Karriere von „Integration“ in einer deutschen Tageszeitung (genauer: Frankfurter Allgemeine Zeitung) zwischen 1949 und 2012 erforscht. Er stellt heraus, dass der Begriff bis in die späten 1960er Jahre lediglich im Zusammenhang mit dem europäischen Einigungsprozess verwendet worden ist und erst seit den 1970ern auch MigrantInnen umfasst. Während der europäische Integrationsbegriff historisch bedingt mit den Wirtschaftswissenschaften verbunden ist, hat der migrationspolitische Integrationsbegriff mit seinen sozialen Voraussetzungen und sozialen Folgen einen folgerichtig soziologischen Hintergrund.

Trotz der verschiedenen Hintergründe zeigt sich in den öffentlichen Verwendungsweisen eine gemeinsame Semantik. Wie im Beitrag gezeigt wird, verknüpfen die öffentlichen Diskurse um Integration ein zentrales politisches Konzept zu transnationalen, nationalen und lokalen Vergemeinschaftungsideen. Die Forderungen zielen auf zukunfts- oder vergangenheitsorientierte Veränderungen von Gemeinschaftsgrenzen durch Integration: erstens eine transnational europäisches „region-building“ (also um das Entstehen der europäischen Gemeinschaft aus nationalstaatlich Gemeinschaften) und zweitens ein nationalstaatliches „nation-saving“ (im Sinne einer zu bewahrenden oder wiederherzustellenden Nation unter sozialen und kulturellen Migrationsfolgen).

Obwohl europäische Integration und Einwanderungsintegration bereits seit den 1960er Jahren semantisch parallel laufen, divergieren die beiden politischen Projekte. Deshalb fordert der Autor, dass der ökonomischen Integration in Europa auch eine politische Integration folgen muss. Ein Beispiel wäre die aktuelle Debatte um die vermeintliche Armutsflucht aus Rumänien und Bulgarien.

Kulturelle Diversität und soziale Ungleichheiten“ von Thomas Faist (S. 87-117)

In Westeuropa hat die kulturelle Diversität in den letzten Jahren durch Migration weiter zugenommen. Sie ist zu einem Normalfall geworden. Der Politologe und Soziologe Faist knüpft an die bisher ungelöste Problematik an und fragt in seinem Beitrag, wie sich kulturelle Divergenzen in soziale Disparitäten verwandeln.

Die kulturelle Diversität (im Migrationszusammenhang als ethnische, sprachliche und religiöse Pluralität) setzt auf drei gesellschaftlichen Ebenen an: als Merkmal einer Gesellschaft, als Programme, mit denen Organisationen auf kulturellen Pluralismus reagieren, und als interkulturelle Kompetenz einer Person. Dabei impliziert Diversität zwei Maßnahmen: 1. Wie sollen Organisationen der dominanten Gesellschaft mit der Integration von MigrantInnen umgehen? 2. Wie sehen die individuellen Kompetenzen von MigrantInnen als MitgliederInnen von Organisationen und Reihe von Programmen, die Organisationen in Reaktion auf kulturellen Pluralismus einsetzen?

Der Wissenschaftler stellt fest, dass kulturelle Diversität entgegen aller öffentlicher und wissenschaftlicher Paradigmen nicht automatisch zu sozialer Ungleichheit führen muss. Um den Umgang mit sozialer Ungleichheit zu bestimmen, müssten zuerst die sozialen Demarkationen, die zu Ungleichheiten führen, herausgebildet werden. Zu diesem Zweck führt er im Rahmen ein neues Diversitätsmerkmal im Sinne des Erklärungsansatzes der sozialen Mechanismen ein: Transnationalität als grenzüberschreitender Lebensstil. Dieses dient dazu, neben den gängigen Trennungslinien wie Klasse, Religion, Ethnizität und Geschlecht neue Merkmale zu untersuchen. Mit Hilfe des Diversitätsbegriffs sollen Folgen der sozialen Ungleichheit mit kultureller Ungleichheit in Beziehung eines Forschungsprogramms gesetzt werden, das über den Assimilations- und Integrationsbegriff hinausweist.

Transnationale Inklusion als ein multilokales Phänomen – Ein Abschied vom Assimilationsparadigma der Migrationsforschung?“ von Anna Amelina (S. 119-155)

Anna Amelina interessiert, ob Transnationalismus das Ende des Assimilationsparadigmas in der Migrationsforschung bedeutet oder ob es Möglichkeiten der Konzeptualisierung von Assimilations- und Akkulturationsdynamiken auch aus der transnationalen Theorieperspektive gibt? Für ihre Analyse zieht sie Theorien transnationaler Migration und Integration heran. Durch den Vergleich zwischen älteren und neueren Migrationsansätzen macht sie die jeweils spezifische Begriffsverwendung transparent. Für sie verschleiern die klassischen und neueren Verwendungsweisen die Komplexität der multilokalen Zugangspraktiken von transnationalen MigrantInnen zu gesellschaftlichen Makro-Feldern. Während die klassischen Migrationstheorien internationale Migration als einmaliges Wanderungsereignis beschreiben und damit kulturelle Anpassung von EinwanderInnen untersuchen, analysiert dieser Beitrag, wie Prozesse der Assimilation und Akkulturation jenseits des konzeptionellen Rahmens des sog. nationalstaatlichen Containers beschrieben werden können.

Sie stellt heraus, dass der klassische Assimilationsbegriff und der ihn ablösende Inkorparationsbegriff in Bezug auf Transnationalität davon ausgehen, dass MigrantInnen von den nationalstaatlichen Institutionen als ganze Person eingenommen werden. Demgegenüber stehen transnationalen MigrantInnen oftmals der Zugang zu wirtschaftlichen, medizinischen, religiösen und anderen Institutionen an zwei nationalstaatlichen Standorten offen. Amelina fragt, wie die verschiedenen Konstellationen unterschiedlicher Partizipation beschrieben werden können. Deshalb schlägt sie vor, den Integrationsbegriff durch das Inklusionskonzept der sozialen Praxis zu ersetzen, um transnationale Phänomene besser erfassen zu können.

Unter Berücksichtigung der Differenzierung zwischen Leistungs- und Publikumsrollen entwirft sie idealtypische transnationale Inklusionspfade jenseits von Mehrheits- und Minderheitsgesellschaft. Den transnationalen Inklusionsansatz ergänzt sie durch die praxeologisch-kultursoziologische Perspektive: Kultur ist nicht nur Ressource für die Konstitution transnationaler Kollektivbildungen, sondern sie dient auch der fortlaufenden Pluralisierung von Sinnmustern.

Die Theorie transnationaler Räume betrachtet Migration als reziproken, dynamischen Prozess, in dem kulturelle Transformation 1. nicht abschließbar ist und 2. in dem der Sende- und Empfängerkontexte von Migration dauerhaft miteinander verknüpft sind. Dadurch ermöglicht diese Perspektive nicht nur eine Analyse der strukturellen Assimilation als multilokale Inklusion von Individuen in die institutionellen Makro-Felder an unterschiedlichen nationalstaatlichen Standorten, sondern auch die Untersuchung kultureller Anpassungsprozesse von MigrantInnen, die mit gleichzeitiger Aufrechterhaltung kultureller Fremdheit einhergehen.

Zu Abschnitt 2: Schauplätze und Verhandlungen von Integration und Diversität

Die Beiträge hier behandeln Orte im übertragenen Sinne, an denen sich Integrationsdebatten besonders manifestieren und verdichten.

Das strittige Kollektiv im Kontext eines Repräsentationsregimes - Kontroversen auf der Deutschen Islam Konferenz (2006-2009)“ von Levent Tezcan (S. 159-188)

Seit einigen Jahren steht in den öffentlichen integrationspolitischen Debatten die Integration und Repräsentation der MuslimInnen im besonderen Mittelpunkt. Während die Integration der muslimischen Bevölkerung in den politischen Debatten der letzten Dekaden kein Thema war, gibt es heute einen gesellschaftlichen Diskurs, an dem muslimische MigrantInnen, Kirchen, WissenschaftlerInnen, Medien und politische Instanzen aktiv und passiv partizipieren.

In diesem Beitrag geht es also um eine diskursive Reise des Fremden, genauer um die Metamorphose „vom Gastarbeiter zum Muslim“ (S. 161). Am Beispiel der Deutschen Islam Konferenz (DIK) des Bundesinnenministeriums, an deren 1. Phase (2006-2009) der Autor selbst teilgenommen hat (die vorliegenden Ausführungen basieren daher auf Beobachtungs- und Protokollanalysen), wird herausgearbeitet, wie unter dem Deckmantel des Dialogs zwischen Regierung und MuslimInnen eine bestimmte religiös fremddefinierte Gruppe an einem Ort der inszenierten Repräsentation kulturalisiert und zwangsdefiniert wird.

Als zentrales staatliches Instrument in der DIK wird der gouvernementale Dialog genannt. Als kontroverses Dialogverständnis kreiert dieser eine Subjektposition durch einen Anspracheakt und führt diese zu bestimmten Zielen. Im Sinne eines reflektierten Konstruktivismus hat die DIK das primäre Ziel, deutsche MuslimInnen diskursiv zu produzieren und zu vereinnahmen. In einem weiteren Schritt sollen sich MuslimInnen als vermeintlich „gleichwertige DialogpartnerInnen“ Fundamentalismus und Terrorismus ablehnen.

Der Autor kritisiert ebendiese Denkfolge Muslimisch-Sein – politische Kollektivbildung – Repräsentation und stellt hier zwei essenzielle Fragen: 1. Gibt es eine Gruppe der MuslimInnen als Kollektiv (also: wer gehört dazu und wer nicht?) und 2. Wie wird dieses Kollektiv von Außen produziert?

Die DIK ist und bleibt ein Experiment, Religion in die Integrationspolitik einzuführen, um das Einwanderungsmilieu für eigene Zwecke zu dominieren und manipulieren. Sie hat einige ihrer Ziele auch erreicht: Mit der Zusammenführung Islam und Migration ist ein verbindlicher Forderungskatalog entstanden. Zudem wurde eine muslimische Bevölkerungsgruppe geschaffen, deren ethnische Integration an die religiöse gebunden ist.

Narrative der Integration und Assimilation im Film“ von Özkan Ezli (S. 189-212)

Der türkischstämmige Literatur- und Filmwissenschaftler Özkan Ezli konstatiert als ein anderen wichtigen Verhandlungsraum von Assimilation und Diversität die filmische Narrative zur deutsch-türkischen Migration. Im Vergleich zweier Filme dieses neuen Filmgenres zeigt er die spezifischen Stile der Integrationserzählungen innerhalb der unterschiedlichen soziokulturellen Rahmungen. Dabei geht es ihm um zwei Fragen: 1. Welche ähnlichen bzw. unterschiedlichen Nah- und Distanzbeziehungen unterhalten die AkteurInnen zu kulturellen Kennzeichen in den 1980er Jahren und heute? 2. Wie kohärent oder inkohärent sind diese Verhältnisse in Narration und Rezeption?

Die kulturwissenschaftliche Analyse der filmischen Narrative zeigt die Konstitution der möglichen und unmöglichen Ankunft, die mit den jeweiligen politischen Integrations- und Desintegrationsnarrativen korrelieren.

Die beiden folgenden filmischen Erzählungen werden zu einem Ort der permanenten kulturellen Selbsttransformationen, in dem Assimilations- und Diversitätsfragen gelebt werden. Sie haben die deutsch-türkische Liebe zum Inhalt, die letztendlich zu Arenen für Kulturkonflikte werden. Durch kulturalisierende und folklorisierende Mittel wird die jeweils aktuelle Politik der Integration und Segregation auf das Individuum heruntergebrochen und reflektiert. In diesem Zusammenhang werden die 1980er Jahre als die Zeit der blockierten, das 21. Jahrhundert als die Ära der invertierten Integration bezeichnet.

Beide zeigen differente Narrative der Assimilation, Integration und Diversitäten deutsch-deutscher und deutsch-türkischer Konstellationen. Der Film „Yasemin“ aus dem Jahr 1987 zeigt im Rahmen seiner archaischen Geschichte, in der die Gemeinschaft erst gebildet werden muss, dass es keinen Ankunftsort per se gibt. Das findet sich auch in den Debatten und politischen Entscheidungen zwischen den späten 1970ern und Ende der 1980er. Die damalige politische Diktion war, dass Deutschland kein Einwanderungsland ist. Aber gerade der einsetzende Wandel von der Gastarbeitergesellschaft zur Einwanderungsgesellschaft führt zu einer definitorischen Ambivalenz, zu einem Einbruch des Kulturellen, also des Gewohnten, was hier mit der Demontage der narrativen Abfolgekonventionen (keine stabile Ankunftsnarrative durch loses Ende) gezeigt wird. In dem Film „Meine verrückte türkische Hochzeit“, der 2006 entstanden ist, gibt es keine so divergierenden Distanz- und Nahverhältnisse zwischen Mensch und Kultur. Von Anfang an besteht aber eine (wenn auch fragile) Einheit. Auch hier wird ein Abbild der deutschen Integrationspolitik seit 2005 geliefert. Das allmähliche Bewusstsein, dass Deutschland nicht nur zu einem Einwanderungsland, sondern zu einer realen multikulturellen Gesellschaft geworden ist, führt zu der unausweichlichen Logik, dass auch die Mehrheitsgesellschaft sich anpassen, wandeln und integrieren muss, was an den individuellen Integrationsleistungen der AkteurInnen sichtbar wird.

Beide Erzählungen lösen mit ihren Dynamiken bestehende bipolare Perspektiven (Inklusion und Exklusion) auf und zeigen Facetten dazwischen. Im Unterschied zu öffentlichen Assimilations- oder Integrationskonzepten stehen hier nicht Ist- und Soll-Zustände von Gesellschaften als Ursache oder Ziel im Mittelpunkt, sondern vielmehr Prozesse als Abfolgen sozialer Handlungen. Gerade deshalb sind Integrationsnarrative erforderlich, die den „prozessabhängigen heterogenen Bindungen zwischen Akteur, Kultur und Gesellschaft entsprechen und sie aufnehmen können“ (S. 210).

Assimilation und Integration aus der Perspektive der Rechtswissenschaft“ von Katja Schneider (S. 213-240)

Ausgangspunkt für diesen Beitrag ist die Rede des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan aus dem Jahr 2008. Seine umstrittene Feststellung, dass die Assimilation der türkischen Bevölkerung in Deutschland ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit sei, inspiriert die Rechtswissenschaftlerin, die beiden Begriffe Assimilation und Integration rechtswissenschaftlich (nach deutschem und internationalen Recht) zu erläutern. Durch Klärung dieser Frage soll herausgefunden werden, welche Integrationsleistungen an die deutsche Mehrheitsgesellschaft von MigrantInnen legitim sind und welche nicht. Dabei geht es auch um die Frage, welche Personen unter den völkerrechtlichen Minderheitenschutz fallen und ob in Deutschland lebende türkische und türkischstämmige BürgerInnen dazugehören oder nicht. Ein zentrales Ergebnis ist, dass eine zwangsweise Aufgabe der eigenen kulturellen religiösen Identität verfassungs- und völkerrechtliche Grenzen tangiert. Deshalb ist ihre Forderung, dass diese rechtlich unklaren Regulationsbereiche weiterhin kritisch beobachten werden müssten. In Deutschland sollten auch in Zukunft noch für die Einbindung von Menschen verschiedener Herkunft in das gesellschaftliche, wirtschaftliche, geistig-kulturelle und rechtliche Gefüge viel getan werden.

Schreiben gegen die Unsichtbarkeit – Der Roman En famille von Marie Ndiaye“ von Cornelia Ruhe (S. 241-259)

Im abschließenden Beitrag dieses Abschnitts wird in soziologischen und literarischen Texten französisch-maghrebinischer Provenienz untersucht, wie die rechtliche Gleichstellung der schwarzen Bevölkerung mit dem französischen Gesetz gegen Rassismus von 1972 zu subtilen gesellschaftlichen Diskriminierungsprozessen führt, indem es nur zu einer Veränderung der Wahrnehmung kam, die Ungleichbehandlung selbst weiter bestehen blieb. Dabei geht es insbesondere um die Unsichtbarkeit der schwarzen Bevölkerung in Frankreich, die in der Folgezeit durch das Fehlen statistischer Daten entstanden ist.

Die beiden Geschwister Pap Ndiaye (Soziologe und Politologe) und die Schriftsstellerin Marie Ndiaye bearbeiten auf unterschiedliche Weise die Mechanismen der Ausschließung. Cornelia Ruhe schlüsselt auf Grundlage der herangezogenen Texte, wie die Transformation der Menschen von irgendwie Andersartigen zu Unsichtbaren durch eine Gesellschaft entsteht, die Assimilation fordert, aber gleichzeitig blockiert.

Zu Abschnitt 3: Im Spiegel der Zeit

Hier werden die Handlungs- und Verhandlungsräume des vorherigen Abschnitts um den zeitlichen Bezug erweitert. Dafür wird ein zeitlicher Bogen vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart gezogen. Die Beiträge verdeutlichen die Hoch-Zeiten der dargestellten Konzepte und ihre geografische Verortung.

‚Ein Abstraktum ohne gesellschaftliche und geschichtliche Bindung‘ - Jüdische Assimilation im literarischen Diskurs in ihren Anfängen und heute“ von Paula Wojcik (S. 263-286)

Hier geht es primär um die literarische Debatte über die bürgerliche Gleichstellung der jüdischen Bevölkerung im Deutschland des 18. Jahrhunderts, die letztlich einer Assimilationsdebatte gleichkam und gleichzeitig das Assimilationskonzept maßgeblich beeinflusste. Die Bedeutung dieser Debatte für die zeitgenössische Literatur wird anhand jüdischer Figuren bei Gotthold Ephraim Lessing, Christian Fürchtegott Gellert und Julius von Voss aufgezeigt. Es geht um die Frage, wie jüdische Assimilation in der Literatur inszeniert und wie sie zu benachbarten und abgrenzbaren Begriffen wie Emanzipation, Integration, Authentizität und Individuation in Beziehung gesetzt wird. Literatur dient hierbei, um zu zeigen, welcher Begriff von Assimilation in der Zeit der aufkommenden Emanzipationsdebatte in welcher Weise literarisch verhandelt und wie das Verhältnis zwischen Integration und Assimilation bestimmt wird. Anschließend wird ein weiter Bogen zur Gegenwartsliteratur (mit je einem Beispiel aus polnischer, deutscher und US-amerikanischer Literatur) gezogen, um zu zeigen, wie unterschiedliche Assimilationsbegriffe literarisch verarbeitet werden und welche poetologische Strategien (vielleicht auch als Fortsetzung) verwendet werden.

Die Assimilation deutscher Flüchtlinge in die/der Gegenwartskultur - Intransitives Erzählen von Familiengeschichten der Assimilation in Hans-Ulrich Treichels Der Verlorene und Christoph Heins Landnahme von Charlton Payne (S. 287-317)

In diesem Kapitel geht es um die literarische Aufarbeitung der Flüchtlings-Diskussion im Nachkriegsdeutschland. Charlton Payne betrachtet hierzu anhand von Erzählungen insbesondere die deutsch-deutsche Assimilation, die mit der Zuwanderung von Flüchtlingen und Vertriebenen in der Folgezeit des 2. Weltkrieges einsetzte. Die analysierten Texte (Hans Ulrich Treichels „Der Verlorene“ und Christoph Heins „Landnahme“) behandeln nicht die erfolgreiche Assimilation im Sinne der offiziellen Wahrnehmung, sondern vielmehr potenziell desintegrative Prozesse, die durch die transitiven Prozesse der Assimilation verursacht werden. Den Schwerpunkt der Analyse bildet die Repräsentation der Rolle der Familie im Prozess der Assimilation in diesen zwei gegenwärtigen literarischen Texten. Die beiden Texte experimentieren mit Erzählweisen, in denen Assimilieren und Erzählen parallel laufen. Zentral sind hierbei die Fragen: Welche Rollen kommen in den Texten der Familien im Assimilationsprozess zu? Kann man Parallelen zwischen einem nicht-teleologischen Begriff von Assimilation und erzähltechnischen Experimenten entdecken, so dass sich Assimilation und Erzählen im intransitiven Sinne decken.

Die Analyse der beiden Texte wirft die Frage auf, welche Funktionen der Literatur innerhalb des Systems der Assimilationsdiskurse zukommen. Die Texte bieten einen narrativen Ort, an dem die gesellschaftliche Dimension der Assimilation anhand individueller Assimilation untersucht wird. Sie ergänzen, korrigieren und befragen offizielle Darstellungen der Assimilation. Zentral sind hierbei die Spannungsfelder Passive-aktive Prozesse, Schnittpunkt Individuum-Gesellschaft und Tatsachen-Fiktion.

In den Texten kommt es zu einer Rückgewinnung der individuellen Erfahrung von Assimilation oder Desintegration, die individuelle Erfahrungen mit familiären, öffentlichen und sozio-ökonomischen Zusammenhänge verknüpft.

Dissimilation - Wissen um britische Muslime in der War-on-Terror-Dekade“ von Nicole Falkenhayner (S. 319-348)

Im folgenden Beitrag geht um die kritische Phase in Großbritannien in der Zeit nach den Vorkommnissen vom 11. September 2001 in New York und vom 7. Juli 2005 in London. Die Autorin fragt nach den Ursachen und Gründen für die Ausgrenzung britischer MuslimInnen durch die Mehrheitsgesellschaft eines bis dato liberalen und kulturell toleranten Landes. In diesem Zusammenhang wird mit Dissimilation der Gegenbegriff von Assimilation eingeführt.

Falkenhayner zieht für ihre Analyse drei exemplarische Bereiche heran, wie das gesellschaftliche Wissen über eine britisch-muslimische in den 2000er Jahren Identität neu konstruiert wurde: die Politik (v.a. das Programm der Labour-Regierung „Preventing Violent Extremism“), die Wissenschaft (speziell sozialwissenschaftliche Untersuchungen zur Islamophobie) und die filmische Darstellung britisch-muslimischer Lebenswelten nach 9/11. Ihr geht es insbesondere um die Frage, wie sich überschneiden die unterschiedlichen Diskurse der Terrorismusbekämpfung, der Identitätspolitik und der fiktionalen Medienzeugnisse überschneiden.

Ihr Fazit ist, dass es zu einer fatalen Durchmischung von Terrorismusbekämpfung, Identitätspolitik und Medienberichterstattung kommt. Für sie ist aus einem musterhaften Multikulturalismus ein universaler Multipräventismus geworden, in dem fehlende (britische) Identität zwangsläufig zum Angstbild Islamismus führt. Damit wurde der ursprüngliche Glaubensbegriff Islam zu einer sozialen und später politischen Kategorie transformiert.

Am Kampf gegen den Terror und der kollektiven Islamophobie haben die Sozialwissenschaften aktiv partizipiert. Ihre Formulierung einer British-Muslim Identity im Sinne einer multikulturellen Differenzkategorie stützte sich auf einen diskriminierenden Diskurs, in dem Rasse, Ethnie und Religion zusammenlaufen. Erst durch das Schaffen von Wissen um britische MuslimInnen konnte die britisch-muslimische Identität beleuchtet und im nächsten Schritt politisch beeinflusst werden.

Die britische Kulturproduktion reagierte mit kritischen Filmen auf diesen medial-politischen, sozialwissenschaftlichen Diskurs. Als Beispiel dafür stellt Nicole Falkenhayner zwei Fernsehfilme aus den Jahren 2005 und 2006 vor, in denen britisch-muslimische Lebenswelten thematisiert werden. In diesen Darstellungen wird deutlich, dass jede Form von Kategorisierung einer klaren Identität die prekäre, aber vielfach integrierte Identität als muslimische BritInnen unmöglich macht. Während multiple Teilzugehörigkeiten als lebensweltlicher Normalfall gelten, wird die Herauslösung klarer Identitäten zu einem destruktiven Akt. Genau hier zeigt sich die umgekehrte Ausgangslage der Filme zum politischen und wissenschaftlichen Diskurs: Nicht die identitäre Unsicherheit britischer MuslimInnen ist problematisch, sondern der Druck, sich unter klare Identitätskategrien unterzuordnen. Dieser macht eine gleichzeitige Verortung als MuslimInnen und BritInnen unmöglich.

Generationenwechsel. Perspektivenwechsel“ von Claudia Marion Voigtmann (S. 349-365)

Als Gegenstück zu Deutschland, in dem ein Selbstverständnis als Einwanderungsland erst spät (vielleicht zu spät) aufkam, waren die USA von Anfang an offen für Zuwanderungsprozesse. Die Einwanderungsgeschichte der USA brachte immense Herausforderungen für Indidiuum und Gesellschaft mit sich. Dabei prägte Integration nicht nur die öffentliche Debatte, sondern auch die Literatur.

Claudia Marion Voigtmann widmet sich zwei amerikanischen Gegenwartsautoren mit ihrer als Kurzprosa dargestellten Migrationsgeschichte. Dabei geht sie der Frage nach, wie Jhumpa Lahiri und Junot Diaz ihre Immigration und die daraus folgenden Fragen der Identität und sozialen Auseinandersetzung in ihrer neuen Heimat inhaltlich und erzähltechnisch darstellen. Den Beitrag zur Integrationsdebatte sieht sie in den dargestellten komplexen Interaktionen von Einzelnen und Gesellschaft. Diese gelten als Indikator für den Erfolg oder das Scheitern von Integration. Die beiden Autoren bieten differenzierte Perspektiven, die gerade in heutigen Zeit der zunehmender Globalisierung und Migration notwendig geworden sind. Das zeigt auch die Diskussionen in den Medien in der Diskussion um diese transnationalen Autoren und ihre Werke.

Zielgruppen

Das umfangreiche Buch richtet sich mit seinen vielseitigen Beiträgen zur Integrationsdebatte an WissenschaftlerInnen, StudentInnen und PraktikerInnen der Soziologie, Politologie, Pädagogik, Rechtswissenschaft sowie Literatur- und Filmwissenschaft, die direkt oder indirekt mit Migrationsthemen verbunden sind. Interessierte werden neben theoretischen, pragmatischen und historischen Perspektiven auch neue Diskussions- und Forschungsanreize finden. Insbesondere Seminare werden von den reichhaltigen Themen profitieren. Das Buch ist mit seinen 372 Seiten gut strukturiert und lesbar. Mit seiner innovativen und komplexen Herangehensweise ist es durchaus als Standardwerk der Migrationswissenschaften zu bezeichnen. Es sollte daher in keiner hochwertigen Bibliothek fehlen.

Diskussion

Gegenstand vorliegender Publikation war die „semantische, relationale und historische Multivokalität der Begriffe Assimilation und Integration als Kulturkonzepte, die sich von ihrer bisher vorausgesetzten Bindung an ethnische oder nationale Monokulturen lösen lässt und somit Möglichkeiten der Aneignung, Bildung, Emanzipation und Egalität, ebenso wie ihre Kehrseiten aufzeigt“ (S. 12). Das Buch kann man nur als gelungen bezeichnen. Während bisherige Arbeiten formal und inhaltlich begrenzt sind, gibt die vorgestellte Arbeit mit ihren vielseitigen Themen einen tiefgehenden Einblick in vergangene, gegenwärtige und zukünftige Integrationsdebatten.

Die Auswahl der Autoren und der Inhalte wird der thematischen Komplexität und Dynamik gerecht. Anna Amelina, Thomas Faist, Andreas Langenohl und Valentin Rauer widmen sich mit ihren konzeptionellen Texten den programmatischen, diskursiven und makrostrukturellen Aspekten von Assimilation, Integration und Diversität im nationalen wie auch europäischen Kontext. Sie setzen also damit den öffentlichen Rahmen. Demgegenüber konzentrieren sich Levent Tezcan, Özkan Ezli, Katja Schneider und Cornelia Ruhe den Integrationsräumen und -interaktionen. Die Deutsche Islam Konferenz, die Filmnarrative, das deutsche Rechtssystem und die soziologisch-literarischen Aufarbeitungen werden zu Integrations- und Segregationsschauplätzen von Ort, Person und Handlung. Paula Wojcik, Charlton Payne, Nicole Falkenhayner und Claudia Marion Voigtmann ergänzen die Schauplätze um ihren jeweiligen zeitlichen Bezug.

Natürlich kann die Arbeit auch bei knapp 400 Seiten nicht alles abdecken, sondern nur exemplarische Theorie-Praxis-Bereiche des Assimilations- und Diversitätsthematik berühren, darstellen, kritisieren, weiterführen und eröffnen. Erst durch die hier präsentierten Kommunikationsfacetten (also die umfassende begriffliche Verwendung und Problematisierung) gewinnt das Thema an Kontur, Dynamik und Entwicklung.

Fazit

Deutschland gewinnt mit der zunehmenden Globalisierung, aber auch mit den differenzierter werdenden Migrationsprozessen komplexere Integrationsphänomene. Daher muss Migrationsforschung sich wandelnden Forschungsthemen konzeptionell und methodisch gerecht werden. Mit diesem Buch ist dafür ein wichtiger Schritt gemacht worden. Es sind weitere Forschungsarbeiten notwendig, die nicht nur von diesem Anstoß profitieren, sondern auch eigene Akzentuierungen setzen.


Rezensent
Dr. phil. Dipl.-Päd. Yalcin Yildiz
Migrationsforscher. Freiberufliche Tätigkeit in der Migrationssozialberatung und Ganzheitlichen Nachhilfe


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Zitiervorschlag
Yalcin Yildiz. Rezension vom 12.03.2014 zu: Özkan Ezli, Andreas Langenohl, Valentin Rauer, Claudia Voigtmann (Hrsg.): Die Integrationsdebatte zwischen Assimilation und Diversität. Grenzziehungen in Theorie, Kunst und Gesellschaft. transcript (Bielefeld) 2013. ISBN 978-3-8376-1888-4. Reihe: Kultur- und Medientheorie. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15718.php, Datum des Zugriffs 24.09.2017.


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