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Manuel Siegert: Die Zufriedenheit der Migranten in Westdeutschland

Cover Manuel Siegert: Die Zufriedenheit der Migranten in Westdeutschland. Eine empirische Analyse. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2013. 296 Seiten. ISBN 978-3-658-02297-6. D: 39,99 EUR, A: 41,11 EUR, CH: 50,00 sFr.

Reihe: OnlinePlus. Research.
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Autor

Manuel Siegert ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Soziologie, Gesellschaftsvergleich an der Universität Mannheim bei Prof. Dr. Irena Kogan.

Entstehungshintergrund und Thema

Die vorliegende Veröffentlichung ist die Dissertation des Autors, die er im Juni 2013 mit der Note magna cum laude abgeschlossen hat. Er schließt mit seiner Arbeit eine Forschungslücke, denn bisher waren Untersuchungen zum (Wohl-)befinden von Migrant/innen einerseits recht rar gesät und andererseits richtete sich der Fokus vorhandener Untersuchungen größtenteils auf die Strukturen und objektiven Gegebenheiten mit denen Migrant/innen leben müssen bzw. an denen sich ihre Befindlichkeit bemaß.

Aufbau und Inhalt

Sechs Hauptabschnitte bilden das Kernstück der Dissertation, die selbstverständlich im ersten Kapitel mit einer Betrachtung zum theoretischen Hintergrund zum Themenkomplex der Lebenszufriedenheit beginnt. Hier werden die Begrifflichkeiten und Definitionen erläutert und die Möglichkeiten und Grenzen der Operationalisierung der Lebenszufriedenheit reflektiert. Anschließend wird das Phänomen der „Adaption“ für die Operationalisierung empirischer Forschungs- und Analysemethoden diskutiert. Mit Apadaption ist der Umstand gemeint, dass sich Individuen mit der Zeit an neue Lebensumstände gewöhnen und ab einer individuellen „Eingewöhnungsphase“ an neue Lebensumstände nicht mehr glücklicher oder zufriedener oder unglücklicher oder unzufriedener als zuvor sein müssen bzw. dieses nicht mehr empirisch überprüfbar sein muss. Lebenszufriedensurteile werden entsprechend von Siegert nicht als genetisch determiniert, sondern als evolutionäre Auseinandersetzung mit individuellen Lebensumständen verstanden. Schließlich setzt sich der Autor in der theoretischen Einführung mit eben dieser Beschaffenheit der individuellen Lebenszufriedensheitsurteile auseinander, die sich – so die interdisziplinäre Fachmeinung – aus der Diskrepanz einer oder mehrerer Situationen, die bewertet werden, zusammensetzt.

Im zweiten Kapitel – schlicht „Forschungsstand“ genannt – setzt sich Siegert mit dem Stand bzw. der recht kurzen Geschichte der Forschung zum subjektiven (Wohl-)Befinden, zum Glücklichsein bzw. zur (Lebens-)Zufriedenheit von Migrant/innen auseinander. Letztgenannte Ausrichtung lässt sich in vier Richtungen identifizieren: 1) (sozial-)psychologische Untersuchungen zu den psychischen Folgen von Migration und insbesondere Akkulturation, 2) vornehmlich soziologische Forschungen zur Lebenszufriedenheit der Migranten, 3) Studien zu Bewertungsmaßstäben von Migrant/innen und 4) Untersuchungen zum Zusammenhang zwischen Migration und subjektivem Wohlergehen (71). Das Fazit und die quasi abgeleitete Rechtfertigung der eigenen Untersuchung lautet bei Siegert schlicht und einfach: „Insgesamt zeigt sich, dass in er Migrations- und Integrationsforschung vergleichsweise wenig berücksichtigt wird, wie die Migranten ihre Lebenssituation selbst sehen und bewerten“ (86). Auch dass das Well-Being der Migrant/innen angesichts globalisierter Märkte und des demographischen Wandels eine Größe ist, mit der mittlerweile auch die Wirtschaft und die Politik denken muss, ist angesichts des Wettbewerbs um qualifizierte Mitarbeiter augenscheinlich und nicht zu vernachlässigen, wie Siegert folgerichtig ausführt.

Das dritte Kapitel beschäftigt sich dann mit dem Bild der allgemeinen Lebenszufriedenheit der Migrant/innen in Deutschland und gibt einen ersten Einblick in die subjektive Lebenssituation der Betroffenen. Dies geschieht indem verschiedene Untersuchungsergebnisse zur Thematik wiedergegeben und diskutiert werden. Zunächst wird gezeigt, wie sich die allgemeine Lebenszufriedenheit bei Migrant/innen in den Jahren 2000 bis 2008 entwickelt hat. Anschließend wird Rekurs genommen auf Erkentnisse zum Zusammenhang zwischen dem Vorhandensein von ökonomischen, kulturellen und sozialen Ressourcen und der allgemeinen Lebenszufriedenheit. Anschließend wird aufgezeigt wie die Akteure unterschiedliche Lebensbereiche bewerten in Hinblick auf die eigene Zufriedenheit. Zudem wird skizziert, wie sich der Einfluss sozialer Distanz auf die allgemeine Lebenszufriedenheit auswirkt und daran anschließend inwieweit sich die Lebenszufriedenheit der Zuwanderer mit zunehmender Aufenthaltsdauer verändert. Schließlich wird gezeigt, welchen Einfluss oder Bedeutung das Haushaltseinkommen für die Bewertung der eigenen Lebenszufriedenheit besitzt. Das Zwischenfazit dieser Betrachtungen lautet, dass „die zweite Generation der Migranten aus den sonstigen ehemaligen Anwerbeländern sowie Aussiedlern mit ihrem Leben so zufrieden sind wie Westdeutsche“ (133). Bei der ersten Generation ist hingegen die Lebenszufriedenheit nicht so hoch; genauso übrigens wie bei Ostdeutschen, die nach der Wende nach Westdeutschland wanderten. Die Unterschiede in der Bewertung der Lebenszufriedenheit lassen sich hauptsächlich durch die unterschiedlich zur Verfügung stehenden ökonomischen, kulturellen und sozialen Ressourcen erklären. Hinsichtlich dem Vorhandensein von sozialen Ressourcen ist m.E. eine besonders zu beachtende Erkenntnis, dass Migranten nicht nur wichtig ist „durch ihr enges soziales Netzwerk Anerkennung zu erfahren, sondern auch von der Mehrheitsgesellschaft anerkannt zu werden: Migranten, die das Gefühl haben, aufgrund ihrer Herkunft benachteiligt zu werden, sind mit ihrem Leben weniger zufrieden als jene, die dieses Gefühl nicht haben. Dies spielt insbesondere für türkischstämmige eine Rolle, zumal die kulturelle und soziale Distanz zwischen ihnen und der Mehrheitsgesellschaft besonders groß ist“ (133).

Im vierten Kapitel wird die Zufriedenheit der Migranten mit ihrem Einkommen analysiert. Datengrundlage bildet das Sozio-Ökonomische Panel (SOEP, das im Anhang A der Arbeit dargestellt wird). Dies geschieht vor dem empirischen Hintergrund, dass für die allgemeine Lebenszufriedenheit der Migrant/innen das Haushaltseinkommen sowie die Wohnverhältnisse als auch der Lebensstandard eine entscheidende Rolle spielen. In diesem Kontext ist es auch nicht verwunderlich, dass die Unzufriedenheit türkischstämmiger Migrant/innen und Migrant/innen der ersten Generation aus den weiteren Anwerbeländern größtenteils auf ihre schlechte finanzielle Situation zurückzuführen sind bzw. waren. Die Analyse der Daten ergibt, dass Unterschiede in der Wahrnehmung hinsichtlich der Einkommenszufriedenheit und Lebenssituation zwischen den Generationen von Migrant/innen existieren, die nicht nur auf die objektive Einkommenssituation Bezug nehmen, sondern auch mit Aspekten der sozialen Anerkennung korrelieren. Zudem belegen die Daten, dass die Einkommenszufriedenheit von Zuwanderern mit zunehmenden Aufenthalt in Deutschland leicht abnimmt, was als Zeichen gewertet werden kann, dass die Ansprüche der Migranten schneller steigen als ihre finanziellen Möglichkeiten. Keine Rückschlüsse erlaubt das Modell zur Analyse der Auseinandersetzung mit der Einkommenszufriedenheit auf die Fragen, inwieweit die Wahrnehmuing des sozialen Umfeldes und die persönlichen Einstellungen und Zukunftsvostellungen oder auch die individuelle Setzung des eigenen Einkommes in Relation zu dem von relevanten Anderen.

Im fünften Kapitel wird dann der Grad der gesellschaftlichen Entfremdung zur Beurteilung der Lebenszufriedenheit der Migrant/innen in Westdeutschland herangezogen. Die Datengrundlage bildet abermals das Sozio-Öknomische Panel. Dies geschieht vor dem theoretischen Hintergrund, dass für fast alle Migrant/innen, die ihren Lebensschwerpunkt über nationale Grenzen hinweg gelegt haben, sprich: migriert sind, diese Wanderung auch mit der Veränderung des kulturellen Referenzrahmens einhergeht. Zum Grad der Entfremdung tragen dann bspw. die Differenz zwischen den kulturellen Codes und Symbolen und den Werten und Normen die im Rahmen einer primären und sekundären Sozialisation erworben werden und der Abweichungen von diesen in der Aufnahmegesellschaft bei. Weitere Faktoren wie z.B. die Aufenthaltsdauer im Aufnahmeland oder das Wissen um die kulturelle Ordnung in diesem Aufnahmeland bedingen ebenfalls den Grad der Entfremdung von Migrant/innen. Die Analyse der Daten zeigt, dass türkischstämmige Migranten sowie die erste Generation aus den sonstigen Anwerbeländern von der sie umgebenden kulturellen Ordnung entfremdeter sind als Westdeutsche. Dies ist zunächst nicht verwunderlich, interessant werden aber die empirischen Bestätigungen bereits existierender Vorannahmen, wenn gezeigt wird, dasss türkischstämmige Migrant/innen und die erste Generation aus den sonstigen Anwerbeländern die sie umgebenen Verhältnisse oft als sinnlos empfinden und sich relativ häufig isoliert fühlen. Der Vergleich unter den Migranten zeigt dann, dass demgegenüber geringe Entfremdungssymptome bei den Aussiedlern sowie den in Deutschland geborenen Personen mit Migrationswurzeln in den übrigen Anwerbeländern existieren. Die jeweiligen Entfremdungssymptome wirken sich dann auf die jeweilige Lebenszufriedenheit aus, „je isolierter und machtloser sich eine Person fühlt und je mehr se das Gefühl hat, dass die sie umgebenden Verhältnisse sinnlos sind, desto weniger zufrieden ist sie mit ihrem Leben“ (239).

Im sechsten Kapitel – Fazit und Ausblick genannt – werden die Ergebnisse final zusammengefasst. So wird noch einmal aufgeführt, dass bei türkischstämmigen Personen deren Einschätzung der eigenen Lebensumstände seltener als bei Westdeutschen den Wünschen und Vorstellungen entsprechen. Das Gleiche gilt für Migran/innen der ersten Generation und für in der DDR geborene Ostdeutsche, die nach der Wiedervereinigung nach Westdeutschland gewandert sind. Gründe hierfür sind n.a. insbesondere die gegenüber den Westdeutschen geringeren ökonomischen, kulturellen und sozialen Ressourcen. Entsprechend weniger Möglichkeiten haben sie gegenüber Letzgenannten ihre Grundbedürfnisse nach physischem Wohlbefinden und sozialer Anerkennung zu erfüllen.

Zielgruppe

Die Veröffentlichung richtet sich an das akademische Fachpublikum aus den Bereichen Soziologie, Psychologie und Ökonomie. Des weiteren wird die Lektüre auch Migrationsbeauftragten und weiteren mit der Thematik beruflich involvierten anempfohlen.

Fazit

Es ist das Verdienst von Siegert anhand der vorliegenden Daten des Sozio-Ökonomischen Panels (SOEP) bereits durch qualitative Studien und Expertisen von Sachverständigen beschriebene Sachverhalte zu den Themen Zufriedenheit mit dem Haushaltseinkommen, wahrgenommene Entfremdung und deren Einfluss auf die Lebenszufriedenheit unterschiedlicher Gruppen von Migrant/innen empirisch durch die Analyse repräsentativer Daten zu belegen. Interessant ist, dass es ihm auf Grundlage der Analyseergebnisse der harten empirischen Daten gelingt ein Modell zu entwickeln, die das subjektive Wohlbefinden hinsichtlich der eigenen Lebenszufriedenheit – abgeleitet aus einigen Faktoren – objektiv messen kann. Die Limitation der vorhandenen Daten kommt darin zum Ausdruck, dass bspw. keine direkten Rückschlüsse auf die soziale Anerkennung der Migrant/innen durch die Mehrheitsgesellschaft zulassen und auch keine Aussagen zur objektiven gesundheitlichen Situation und der damit einhergehenden Lebenszufriedenheit berücksichtigen. Nichts desto trotz bleibt es zukünftigen Forschungen überlassen, dass von Siegert entwickelte Modell zu Analyse der Lebenszufriedenheit unter Migrant/innen auf weitere Bereiche auszuweiten, so bspw. die Bewertung der eigenen Wohnsituation oder die Bewertung des eigenen Abschneidens im deutschen Bildungssystem.


Rezensent
Dr. phil. Eckart Müller-Bachmann
M.A., Soziologe
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Zitiervorschlag
Eckart Müller-Bachmann. Rezension vom 03.03.2015 zu: Manuel Siegert: Die Zufriedenheit der Migranten in Westdeutschland. Eine empirische Analyse. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2013. ISBN 978-3-658-02297-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15727.php, Datum des Zugriffs 16.12.2019.


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ISSN 2190-9245

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