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Nina Oelkers, Martina Richter (Hrsg.): Aktuelle Themen und Theoriediskurse in der sozialen Arbeit

Cover Nina Oelkers, Martina Richter (Hrsg.): Aktuelle Themen und Theoriediskurse in der sozialen Arbeit. Peter Lang Verlag (Bern · Bruxelles · Frankfurt am Main · New York · Oxford) 2013. 188 Seiten. ISBN 978-3-631-61954-4. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 34,00 sFr.

Reihe: Res humanae - Band 11.
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Autorinnen

Prof´in, Dr. Nina Oelkers und Dr. Martina Richter sind Mitarbeiterinnen der Universität Vechta am Institut für Soziale Arbeit, Bildungs- und Sportwissenschaften.

Entstehungshintergrund

Der Band ist die Sammlung von Vorträgen einer Ringvorlesung zu dem Thema.

Aufbau

Im Buch finden sich Aufsätze zu folgenden Themen:

  • Gender,
  • Soziale Kontrolle,
  • Paternalismus,
  • Employability,
  • alltäglicher Lebensführung,
  • Wohlfahrtsproduktion,
  • Agency,
  • soziale Kohäsion,
  • Alter,
  • Verantwortungsaktivierung und
  • Familie.

Inhalt

Catrin Heite eröffnet den Band mit der Gender und (Re)Genderisierung. Gender ist Thema in der Sozialen Arbeit. Erste Ansätze findet die Autorin Anfang des 20. Jahrhunderts im Konflikt der Frauenbewegung, die sich zwischen der Rolle der Mütterlichkeit und der Forderung einer Professionalisierung in der Sozialen Arbeit bewegt. Ausgehend von den Spezifika der sozialpädagogischen Jungen- und Frauenarbeit wird das Thema mit einem Interview einer Praktikerin vertieft. Darin zeigt sich, dass in Bezug auf die Klientinnen die eigenen Wertvorstellungen zu reflektieren sind, um „stereotypen Weiblichkeitsinszenierungen“ (S. 239) entgegen zu wirken.

Sascha Schierz wendet sich der Sozialen Kontrolle zu. Sie ist schon alleine deshalb Thema in der Sozialen Arbeit, weil diese mit der Lösung sozialer Probleme einen Beitrag leistet, Menschen zu ‚normalisieren‘, d.h. sie in die Gesellschaft zu integrieren. Ausgangspunkt der Überlegungen ist die soziale Kontrolle und ihre Wandelbarkeit. Soziale Ordnung wird über Klassifizierung hergestellt indem z.B. akzeptiertes und abweichendes Verhalten definiert wird. Diese Definitionsmacht behält sich der Staat vor. Kritisch gefragt wird trotzdem, wer die Macht hat, Normen (durch)zu setzen. Soziale Ordnung wird ungleich konstruiert. In Anbetracht dieser Analyse muss sich Soziale Arbeit gekonnt positionieren. Die immanente Thematik von Hilfe und Kontrolle beinhaltet angesichts neuerer Entwicklungen eine neue Gefahr. Die Soziale Arbeit droht zum Erfüllungsgehilfen von Überwachungstendenzen zu werden.

Holger Ziegler geht der Frage nach, wie sich sozialarbeiterische Intervention aus der Sicht des Capabilities Ansatzes (CA) rechtfertigen lassen. Für ihn geht es nicht darum, „ob, sondern vielmehr welche paternalistische Interventionen der Sozialen Arbeit gerechtfertigt werden können.“ (S. 47) Er geht auch davon aus, dass der Capabilities Ansatz geeignet ist, einen Referenzmaßstab für Interventionen zu liefern. Das Paternalismusproblem wird im CA entschärft, weil er danach strebt, die Macht- und Autonomiespielräume der Menschen zu erhöhen und sie damit widerstandsfähiger gegen (ungewollte) Eingriffe zu machen. Referenzpunkt für die Rechtfertigung sozialpädagogischer Interventionen ist dabei das gelingende, gute Leben der Adressaten. Trotzdem bleibt die Frage, wie in Ausnahmefällen doch notwendige Interventionen begründet werden. Im Vergleich der CA-Ansätze von A. Sen und Nussbaum kommt der Autor zum Schluss, dass der Ansatz von Nussbaum das derzeit wohl am besten begründete Fundament in der Paternalismusfrage anbietet.

Margit Stein diskutiert in ihren Beitrag zur Employability die Frage nach der Arbeitsfähigkeit in der gegenwärtig vorzufindenden Arbeitswelt. Entgrenzung und Fragmentierung verlangen einem eigenverantwortlichen Arbeitnehmer mit neuen Kompetenzen Die Autorin orientiert sich für die weitere Diskussion am Deseco-Kompetenzmodell der OECD.

Nadine Günnewig und Fabian Kessl greifen in ihrem Beitrag „Professionelle Rationalisierung alltäglicher Lebensführung“ die Überlegungen von Thiersch und Böhnisch zur Lebenswelt und zur Lebensbewältigung auf, um zu reflektieren, wie die Akteure in der Soziale Arbeit selbst die Lebensführungsmodelle mit produzieren. Sie liefern eine Analyseperspektive, die es gestattet, in der sozialpädagogischen Lebensführungsforschung eine systematische Rekonstruktion gerader dieser (Re)Produktionsprozesse zu ermöglichen. Sie gehen der Frage nach, wie Fachkräfte in der Sozialen Arbeit die alltägliche Lebensführung ihrer AdressatInnen denken und deuten.

Karin Böllert skizziert Soziale Arbeit als Wohlfahrtsproduktion. Sie unterscheidet dabei zwischen personenunabhängiger und personenabhängiger Wohlfahrtsproduktion. Erstere wird über die Systeme der sozialen Sicherung realisiert, letztere setzt sich auf der Grundlage sozialer Ordnung mit der Lebensführung der Akteure auseinander. Im Folgenden zeigt die Autorin wie professionelles Handeln auf Organisationen angewiesen ist und wie die Vorstellungen von Ordnung diese mit beeinflussen.

Lothar Böhnisch und Wolfgang Schröer beginnen ihren Beitrag „Agency und die Entgrenzung des Sozialen“ mit einer Darstellung der Entgrenzung des Sozialen. Diese verweist auf „soziale Dynamiken … des digitalen Kapitalismus …, die eine sozialen Entbettung der Ökonomie vorantreiben und eine Freisetzung … von Arbeit und sozialen Bindungen mit sich bringen.“ (S. 117) Daraus ergeben sich für die Soziale Arbeit theoretische und empirische Herausforderungen.
Agency wird als Handlungsfähigkeit verstanden und dabei die potenzielle Veränderung des menschlichen Handelns im Wechselspiel mit strukturellen Bedingungen gesehen. Entwickelt wird das Konzept der Bewältigungslage als der Ausdifferenzierung der Handlungsfähigkeit und als Kerndimension einer sozialpolitischen und geschlechterreflexiven Sozialen Arbeit.

Carsten Müller setzt sich mit dem Begriff „Soziale Kohäsion“ und ihrer Bedeutung für die Soziale Arbeit auseinander. Dabei stellt er fest, dass sozialer Zusammenhalt (die Übersetzung von sozialer Kohäsion) ein „offenes sogar ambivalentes Feld für unterschiedliche Interpretationen abgibt.“ (S. 140) Ausgehend von Überlegungen der EU und des IFSW (International Federation of Social Work) Europe diskutiert er die Besonderheiten und Facetten, die diesem Ansatz in Verbindung und in Abgrenzung zur Inklusion innewohnen. Soziale Kohäsion wächst im Sozialen Nahraum, aus der Mitte der Gesellschaft. Der Autor plädiert daher dafür, dass Soziale Arbeit den Sozialraum und damit die Zivilgesellschaft stärkt, wenn dort soziales Ungleichgewicht anzutreffen sind, ohne dem Abbau von Sozialleistungen Vorschub zu leisten.

Christine Meyer widmet sich dem Thema „Aktives Altern“ und problematisiert die sich widersprechenden Anforderungen an die Aktivität, das Engagement und die Eigenverantwortlichkeit älterer Menschen vor dem Hintergrund de Rückzuges des Sozialstaates. Die Soziale Arbeit ist gefordert, „Ideen für Lebensgestaltungen zu entwerfen, … um … Möglichkeiten der Lebensführung für ältere Menschen zu eröffnen.“ (S. 149)

Nina Oelkers befasst sich mit der „Verantwortungsaktivierung in der Sozialen Arbeit.“ Sie thematisiert die Konjunktur des Begriffs der Verantwortung in der Sozialpolitik. Dabei wird übersehen, dass eine Übernahme von Verantwortung eine Handlungsfähigkeit voraussetzt. Dies muss die Soziale Arbeit im Diskurs berücksichtigen und einfordern.

Der letzte Beitrag von Kim-Patrick Sabla ist der „Familie im Fokus der Sozialen Arbeit“ gewidmet. Er konstatiert, dass Familien in der Sozialen Arbeit einen besonderen Stellenwert einnehmen, was durch den Ausbau der sozialen Dienste dokumentiert wird. Allerdings ist die Familienarbeit theoretisch nicht ausreichend fundiert. Daher rekonstruiert der Autor theoretisch die Funktion und die gesellschaftliche Verortung im Umfeld einer sich verändernden Wohlfahrtsstaatlichkeit.

Diskussion

Bei der Lektüre des Buches stellen sich angesichts des Titels zwei Fragen:

  1. Was wird hinsichtlich von Theorien der Sozialen Arbeit deutlich?
  2. Welche Themen sind Inhalt, die für die Soziale Arbeit bedeutsam sind?

Der Band offenbart das nach wie vor existierende Vakuum in der Theoriebildung der Sozialen Arbeit. Viele Beiträge beziehen zwar die theoretischen Ausführungen auf die Praxis der Sozialen Arbeit. Ob damit aber Theoriediskurse in der Sozialen Arbeit abgebildet werden bleibt fraglich. Nach wie vor lebt die Soziale Arbeit von den Theorien der Bezugswissenschaften. Das macht der Band wieder deutlich.

Wie bei vielen Sammelbänden zu Ringvorlesungen wird auch hier erkennbar, dass die Themen sich oft eher an den Themenschwerpunkten der Autor_innen orientieren als an einem stringenten Konzept. So bleibt zu fragen, ob es sich um aktuelle Themen der Disziplin oder der Profession handelt? Die Beiträge sind alle aus Sicht der Disziplin verfasst. So bleiben Themen, die die Profession aktuell bewegen außen vor. Kein Beitrag zur Problematik der wirkungsorientierten Steuerung, die gerade politisch opportun ist im Lande und die Arbeit in der Kinder- und Jugendhilfe neu ausrichten will. Kein Beitrag zu ethischen Dilemmata in der Sozialen Arbeit, die die Praktiker nur zu gut aus dem beruflichen Alltag kennen.

Fazit

Ein Buch für Studierende und Nachwuchswissenschaftler, die sich schnell einen Überblick über Theorieansätze, die in die Soziale Arbeit hinein wirken, verschaffen wollen.

Insgesamt aber bleiben viele Beiträge angesichts ihrer sicher vorgegebenen Kürze, bei einem Anreißen des jeweiligen Themas stehen, ohne es in der Tiefe weiter verfolgen zu können.


Rezension von
Dr. Winfried Leisgang
Dipl. Soz.-Päd., Master of Social Work (M.S.W.)
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Zitiervorschlag
Winfried Leisgang. Rezension vom 07.04.2014 zu: Nina Oelkers, Martina Richter (Hrsg.): Aktuelle Themen und Theoriediskurse in der sozialen Arbeit. Peter Lang Verlag (Bern · Bruxelles · Frankfurt am Main · New York · Oxford) 2013. ISBN 978-3-631-61954-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15735.php, Datum des Zugriffs 21.01.2022.


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