socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Frank Schulz-Nieswandt: Der leidende Mensch in der Gemeinde als Hilfe- und Rechtsgenossenschaft

Cover Frank Schulz-Nieswandt: Der leidende Mensch in der Gemeinde als Hilfe- und Rechtsgenossenschaft. Duncker & Humblot (Berlin) 2013. 261 Seiten. ISBN 978-3-428-13965-1. D: 69,90 EUR, A: 71,90 EUR, CH: 95,00 sFr.

Reihe: Schriften zum Genossenschaftswesen und zur öffentlichen Wirtschaft - Band 41.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Autor

Prof. Dr. Frank Schulz-Nieswandt ist ein bundesweit anerkannter Wissenschaftler bzgl. der interdisziplinären Altersforschung. Er hat seit 1998 die Professur für Sozialpolitik und Methoden der qualitativen Sozialforschung im Institut für Soziologie und Sozialpsychologie (ISS) sowie des Seminars für Genossenschaften an der Universität zu Köln inne und arbeitet in diversen Gremien und Funktionen. Er ist Mitherausgeber der „Schriften zum Genossenschaftswesen und zur Öffentlichen Wirtschaft“.

Entstehungshintergrund

Dieser Veröffentlichung liegt eine qualitative Studie zu Wohnformen im Alter zugrunde, die durch den Generali Zukunftsfond sowie die Stiftung trias finanziert und gefördert wurde.

Aufbau

Neben einem Vorwort, einem Literatur- und einem Stichwortverzeichnis umfasst das Buch folgende Kapitel:

  1. Grundlegungen
  2. Die Reflexion der Empirie
  3. Die anthropologische Herausforderung des Wandels
  4. Ausblick

Inhalt

Im Vorwort betitelt Schulz-Nieswandt die vorliegende Schrift als „Beitrag zum religiösen Sozialismus“ (S.7). Grundgedanken sowie wissenschaftliche Bezüge werden einführend vorgestellt. Dazu zählen die Verknüpfung vom Selbst mit dem sozialen Mitsein, Exklusion als Ausdruck der Angst vor dem Fremden/ der Hygieneangst etc. Abschließend begründet der Autor seine multidisziplinäre und wissenschaftliche Arbeitsweise.

Die Einleitung beginnt mit der These, dass der Mensch „vor der Aufgabe der Verwirklichung der genossenschaftlichen Existenzeise“ (S. 21) steht. Der Autor begründet, die von ihm gewählte Methodologie und führt in die kulturell sowie Psychogrammatik ein. In Orientierung an eine kulturphänomenologische Analyse zeichnet Schulz-Nieswandt binäre Codes auf, die seit Jahrtausenden den Sprachschatz sowie das Denken und Handeln von Menschen beeinflussen. Als „Urcode“ sei exemplarisch „hell : dunkel“ aufgeführt. „Fremdheit, Gastfreundschaft bis hin zur Inklusion sind Meilensteine zur Gemeinde als Hilfe- und Rechtsgenossenschaft“. Die Idee der Gemeinde wird bis in die urchristlichen Kultvereine zurückverfolgt. Gemeinde auch als Ort der Selbsthilfe, als Ort der Existenzbewältigung, eröffnet den Weg von Privaten zum Öffentlichen, zum gemeinwirtschaftlichen Handeln. Das personale Erleben wird geprägt durch die Gabe, Wertschätzung, Anerkennung.

An dieser Stelle wird der Bogen zur Institutionalisierung des Umgangs mit Menschen mit Demenz gespannt. Die Binarität von Fremdheit und Gastfreundschaft führt in der letzten Konsequenz zu den Polen von Exklusion und Inklusion, zur Frage nach dem „sozialräumliche[n] Miteinander von Insidern und Outsidern“ (S. 39). In Bezug auf kulturgeschichtliche binäre Codes ist Kommunalpolitik mit Innovationen gefordert, um der Entwicklung eines „demenzfreundlichen“ Gemeinwesens (S. 50) den Boden zu bereiten. Elemente wie soziale Dienste, bürgerschaftliches Engagement und Netzwerkbildung gehören zu den Voraussetzungen.

Mit der Frage „Wie begegnen sich Menschen untereinander?“ (S. 52) leitet der Autor seine Grundlegungen ein. Die Frage ist besonders in der Begegnung mit Menschen mit Demenz, dem homo patiens (dem Anderen) von Bedeutung. Traditionell finden derartige Begegnungen in Institutionen statt, die wiederum maßgeblich über die seelische Entwicklung der Menschen mitentscheiden. Schulz-Nieswandt verfolgt die Frage, wie sozialer Wandel kommunale Welten verändern kann bzgl. humaner Institutionen, in denen der leidenden Mensch ebenso Person-seiend sich entfalten kann. Mit der Begründung einer Gemeinde als offene Rechts- und Hilfegenossenschaft (S. 57) werden wesentlich Bereiche wie der Schutzfunktion vor Krankheit z.B., der Sorge um andere Menschen (Fremde) und auch der Sicherstellung sozialer Chancen (S. 67) referiert. Besonders hervorzuheben ist die Diskussion um Rituale als verbindendem Element zwischen Individuen und Gruppen (innerhalb der Gemeinde). Dem Gedanken der Hilfegenossenschaft folgt der Autor in der Auseinandersetzung mit der „Gabe“ (S. 68 ff), Im Teil IV der Grundlegungen wendet sich Schulz-Nieswandt der praktischen Sozialpolitik zu. Aufbauens auf die vertiefende Studie „Gemeinschaftliches Wohnen im Alter in der Kommune“ (Schulz-Nieswandt, 2012) werden Wohnformen im Alter sowie des homo patiens reflektiert.

Hat Inklusion das Ziel das der „ent-pathologisierende[n] Normalisierung“ des homo patiens hat, spricht Schulz-Nieswandt von Diversitätsakzeptanz. (S. 89 f) Dafür bedarf es der Überwindung tief verwurzelter Ängste / Sorgen (Siehe Hygiene-Angst). Gelingende Gastfreundschaft sowie das existenzerhellende Dasein (der Umgang mit Menschen als wahrhafte Freude) können zwei Elemente des kommunales Raumes, des Ortes für Inklusion sein. Weil der Ideenfigur der Gastfreundschaftskultur eine zentrale Rolle zukommt, wird diese in einem kurzen Diskurs tiefergehend analysiert. (S. 107 ff) Weitere Begriffe wie Ekel und Scham werden diskutiert und ebenfalls im Zusammenhang mit Haltungen der Akteure sozialer Dienstleistungen betrachtet. Alten- und auch Behindertenbilder werden nach Schulz-Nieswandt geprägt durch dichotome Ordnungsmuster wie „gesund“ und „krank“. Es gilt, diese tiefsitzenden Barrieren zu überwinden in einer Gemeinde als Hilfegenossenschaft. Aus vorherigen Forschungen kann der Autor Annahmen zu einer offenen kommunalen Gastfreundschaftskultur treffen, die eine De-Institutionalisierung unter der Bedingung eines Kulturwandels ermöglichen kann.

Hintergrund, Methode und Kernaussagen sowie Zielstellung der qualitativ- explorativen Studie in einer Demenz-Wohngemeinschaft werden im Teil B der Veröffentlichung dem Leser nahe gebracht. Zu den zentralen Befunden gehören das erhebliche Aktivierungspotential im Rahmen gegenseitiger Hilfen (unter Bewohnern und auch durch das Personal) sowie dessen positive Wirkungen auf das Persönlichkeitswachstum und die subjektive Lebensqualität der Bewohner. Wenn Ziele von Wohnprojekten eine höhere Lebenszufriedenheit und -qualität sind, dann sind diese Ziele je nach Bedürfnislage der älteren Menschen und unterschiedlichen Wohnsettings erreichbar. Positiv wirken ebenfalls die Öffnung der Wohnprojekte zum bürgerschaftlichen Engagement und der Bezug zum Wohnumfeld allgemein, resümiert Schulz-Nieswandt. Aus der Kernaussage: „Vielfalt anbieten.“ wird im politischen Kontext: „Vielfalt ermöglichen.“ (S. 149) Notwendige Voraussetzungen des Wandels werden durch den Autor zusammengefasst. Angesiedelt sind diese auf der politischen, kulturellen Ebene. Ganz im Sinne des Empowerments wird auch die Mitverantwortung der betroffenen Menschen referiert.

Bei der Betrachtung der anthropologische[n] Herausforderung des Wandels handelt es sich hauptsächlich um die „Veränderungen der kulturellen Grammatik des Denkens und Handelns…“ (S. 167) Die Anlehnung an die Metapher der Sisyphosarbeit deutet auf die Schwere und Dauer dieses Wandels hin. In Erinnerung an Camus belegt Schulz-Nieswandt jedoch auch, dass diese Arbeit auch beglückend ist. (vgl. S. 172) Für die Zukunft könnten die Schlussfolgerungen eine Öffnung des Privaten in den Öffentlichen Raum sowie eine stärkere Offenheit von Wohnformen für private Schutzräume. Der Autor schreibt weiter von der „Offenheit als Basis für Bindung“ (S. 174). Diese Form der Offenheit schlägt sich nach Aussagen des Autors in de-institutionalisierten Wohnformen und neuen Formen gemeinschaftlichen Wohnens nieder. (Vgl. S. 180) Die Gesellschaft richtet sich nach den Bedürfnissen des Anderen, des homo patiens. Und noch treffender formuliert Schulz-Nieswandt den Wandel als Kohärenzgefühl: „Die sich wandelnde soziale Welt muss verstehbar, sinnhaft und handhabbar sein.“ (S. 183)

Im Ausblick greift der Autor noch einmal die mit dem Prozessgeschehen korrespondierenden Psychogrammatiken auf und verweist auf die permanenten Ambivalenzen u.a. zwischen Freude und Angst, Flucht und Örtlichkeit. In den Focus der Forschung sind deshalb die „Drehbücher“ gerückt, die soziale Interaktion mitbestimmen. Deshalb wird in den Mittelpunkt zukünftiger Forschungen die Angst vor der Fremdartigkeit rücken, um auf dieser Grundlage die allgemeinen Probleme des homo kooperativus zu beleuchten. (vgl. S. 187) Für eine inklusive Welt spricht nach Schulz-Nieswandt vor allem, dass der Mensch a priori auf soziale Kooperation angelegt ist.

Diskussion

Dieses Buch ist mehr als nur ein Fachbuch, es ist ein Studienbuch, weil der Leser ohne spezielle (u.a.) soziologische Vorbildung dem „roten Faden“ des Autors nur schwer folgen kann. Als „einseitig gebildeter“ Sozialwissenschaftler werden zusätzlich Lexika sowie das Internet zum verstehenden Lesen benötigt. Der Sprachschatz und die Gedanken von Schulz-Nieswandt wirken mitunter befremdlich. Lässt man sich jedoch auf die Begrifflichkeiten des Autors und der von ihm zitierten Wissenschaftler ein, erhellen diese den Blick auf das Wohnen im Alter sowie des Verhalten Professioneller und von (Kommunal-)Politikern. Spätestens nach den Vorwort weiß der Leser, worauf er sich einlässt: auf multidisziplinäre wissenschaftliche Grundlagen und eine Fülle von Quellen (die beim ersten Rezipieren dieses Fachbuches nicht zu bewältigen sind). Der Schreibstil ist gekennzeichnet durch Binäriken und „Formeln“. Einzelne Schaubilder veranschaulichen den Text, wären von der Systematik vor den inhaltlichen Erläuterungen wirkungsvoller gewesen. Doch trotz kritischer Würdigung: der Buchinhalt ist so wichtig, dass er einem breiten Publikum zugänglich sein sollte und die wissenschaftlichen Erkenntnisse ohne große „Übersetzungsleistung“ auf den Alltag des homo patiens, professioneller Pfleger, Angehöriger etc. transferiert werden können.

Fazit

Diese Schrift ist wahrlich eine Herausforderung an den Leser. Er entwickelt sich vom „Leidenden“ zum „Herausgeforderten“. Am Ende des Lese- und Studienprozesses gelangt der Leser zu tiefgreifenden Erkenntnissen über tiefliegende Gefühle, Denkmuster u.v.m. Der Blick auf den alternden Menschen, Menschen mit Behinderungen sowie Wohnformen im Alter erweitert sich, so dass sich das Lesen tatsächlich lohnt und darüber hinaus sogar punktuell zum wiederholten Nachlesen animiert. Diese Veröffentlichung gehört definitiv in den Lesekanon entsprechender Studienrichtungen und könnte zu Fachdiskursen konsultiert werden.


Rezensentin
Prof. Dr. phil. Barbara Wedler
Homepage www.sa.hs-mittweida.de/professuren/prof-dr-phil-bar ...
E-Mail Mailformular


Alle 71 Rezensionen von Barbara Wedler anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Barbara Wedler. Rezension vom 16.06.2014 zu: Frank Schulz-Nieswandt: Der leidende Mensch in der Gemeinde als Hilfe- und Rechtsgenossenschaft. Duncker & Humblot (Berlin) 2013. ISBN 978-3-428-13965-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15740.php, Datum des Zugriffs 15.09.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung