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Manuela Günthner, Wolfgang Sartorius u.a.: Leben in Balance trotz Arbeitslosigkeit

Cover Manuela Günthner, Wolfgang Sartorius, Titus Simon: Leben in Balance trotz Arbeitslosigkeit. Handlungsansätze, empirische Befunde und Rahmenbedingungen des Freudenstädter Modells. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2013. 207 Seiten. ISBN 978-3-7841-2120-8. D: 21,90 EUR, A: 22,60 EUR, CH: 31,50 sFr.

Reihe: Skills.
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Thema

„Arbeitslosigkeit bedeutet eine Fülle an Belastungen: Mangel an finanziellen Mitteln, Auswirkungen auf die Gesundheit, das Gefühl, gesellschaftlich ausgegrenzt und perspektivlos zu sein. Dieses Buch stellt ein Programm vor, mit dem eine ganzheitliche Verbesserung der Gesundheit sowie der individuell erfahrbaren Lebensqualität erreicht werden kann.

Die Teilnehmenden sollen befähigt werden, Selbsthilfekräfte zu erlangen, um durch eine aktive Gestaltung der Lebensbereiche ‚Beruf und Leistung‘, ‚soziale Kontakte‘, ‚Körper und Gesundheit‘ und ‚Sinn und Kultur‘ zu mehr Lebensbalance und damit zu mehr Zufriedenheit zu gelangen“ (Text 4. Umschlagseite)

Autorin und Autoren

  • Manuela Günthner, geb. 1979, Sozialpädagogin M.A. Lehrbeauftragte an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in VS-Schwenningen und Assistentin der Geschäftsleitung beim Oberlinhaus e. V. in Freudenstadt.
  • Wolfgang Sartorius, geb. 1962, Diakon und Sozialarbeiter, leitet als hauptamtlicher Vorstand die Erlacher Höhe des Diakonieverbandes Dornahof und Erlacher Höhe e. V.
  • Titus Simon, geb. 1954, Dr. rer. soc., Diplomsozialarbeiter und Diplompädagoge ist Professor an der Hochschule Magdeburg-Stendal.

(S. 207)

Entstehungshintergrund

Das Buch entstand als Ergebnis der Durchführung und Evaluation eines Programms („Freudenstädter Modell“) für langzeitarbeitslose und/oder wohnungslose Menschen in Baden-Württemberg von 2010 bis 2013, bei dem besonders auf eine ganzheitliche Orientierung auf die Bedürfnisse der TeilnehmerInnen Wert gelegt wurde.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in folgende Kapitel:

  1. Einleitung
  2. Rechtliche Rahmenbedingungen für die Arbeit mit arbeitslosen Menschen: eine kritische Würdigung aktueller Arbeitsmarktpolitik
  3. Psychosoziale Probleme als Folge von Langzeitarbeitslosigkeit: Zur Korrelation von Arbeitslosigkeit und Gesundheit
  4. Das Projekt GanzMensch – InBalance
  5. Zum Konzept des „Freudenstädter Modells“
  6. Ergebnisse der Evaluation des Projektes zur ganzheitlich-integrierenden Beschäftigung und Begleitung von arbeitslosen Menschen der Erlacher Höhe in Freudenstadt
  7. Nachwort und Danksagung

Inhalt

Das einleitende Kapitel gibt einen Überblick und Ausblick auf die weiteren Inhalte.

Im Abschnitt 2.1 wird u. a. anhand von Zitaten das Problemfeld Arbeitslosigkeit skizziert und herausgearbeitet, in Deutschland arbeitslos zu sein, ist nach wie vor mit Stigmatisierung und Ausgrenzung verbunden. Nach der Darstellung einiger ausgewählter rechtlicher Rahmenbedingungen (2.2) wird die Arbeitsmarktsituation in Deutschland beschrieben: Die Arbeitslosigkeit ist demnach in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen. In vielen Branchen herrscht Fachkräftemangel. Angestiegen ist jedoch der Anteil von langzeitarbeitlosen Personen. Diese konnten von der positiven Entwicklung am Arbeitsmarkt nicht profitieren (2.3). Daher kommt für diese spezielle Gruppe dem Bereich der öffentlichen Beschäftigung eine große Rolle zu (2.4, 2.5). Vorgestellt wird ausführlich das Konzept des Passiv-Aktiv-Transfers.

Das 3. Kapitel widmet sich den Gesundheitsfolgen von Arbeitslosigkeit. Anhand einiger Daten wird herausgearbeitet, dass insbesondere die Beeinträchtigung für die Psyche der Betroffenen gravierend ist.

Das 4. Kapitel stellt ausführlich das Projekt „GanzMensch – InBalance“ vor. Ziel war es „ …eine ganzheitliche Hilfe für Menschen in prekären Lebenslagen zu entwickeln. Dabei sollten auch Lebensbereiche Beachtung finden, die in sonstigen Maßnahmen oft vernachlässigt werden.“ (S. 71). Theoretische Grundlagen des Projekts sind das Modell der Lebensbalance nach Peseschkian und das Modell der Salutogenese nach Antonovsky. Diese werden in den Abschnitten 4.1 und 4.2 erläutert. Das 5. Kapitel beschreibt das „Freudenstädter Modell“. Ausgehend von einer empirischen Bedarfsermittlung wurden die vorhandenen Angebote der Erlacher Höhe Freudenstadt, einem diakonischen Sozialunternehmen, erweitert. Die vier zentralen Punkte des Programms sind

  1. Beruf/Leistung,
  2. Soziale Kontakte,
  3. Gesundheit sowie
  4. Sinn/Kultur.

Für diese vier Bereiche gab es spezielle Angebote (z. B. Wanderungen, Theaterbesuche, Kochkurse, Sportangebote u. v. m.), die jedoch stets auch mit regelmäßiger Arbeitstätigkeit der TeilnehmerInnen gekoppelt waren.

Einer Darstellung von konkreten praktischen Problemen in der Programmumsetzung der Pilotstudie (5.3) schließen sich die Ergebnisse einer Evaluationsstudie der Nachfolgemaßnahme an (Kapitel 6.), die von der Fachhochschule Magdeburg-Stendal durchgeführt wurde. Sie umfasste eine Fragebogenerhebung mit 60 bis 64 Personen und narrative Interviews mit ausgewählten TeilnehmerInnen. Die Fragebogenerhebungen wurden im Frühjahr und darauffolgenden Winter durchgeführt. Stark vereinfacht zeigte sich in den Daten eine Steigerung der Zufriedenheit der TeilnehmerInnen mit verschiedenen Lebensbereichen. Die wiedergegebenen Interviews illustrieren eindrucksvoll die biografischen Hintergründe der ProgrammteilnehmerInnen.

Das Buch schließt mit Danksagungen im 7. Kapitel.

Diskussion

Für arbeitslose Personen gab und gibt es eine nahezu unüberschaubare Fülle von Angeboten und Programmen, viele davon mit dem Primärziel der Vermittlung in den ersten Arbeitsmarkt. Neben den Arbeitsagenturen sind es auch zahlreiche freie Träger, die solche Angebote vorhalten. Die meisten der Maßnahmen existieren nur kurzzeitig und werden keiner Evaluation unterzogen.

Mit dem hier vorgestellten „Freudenstädter Modell“ wird ein konkretes, evaluiertes Programm der (Fach-)Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Dies ist die besondere Stärke des Buches. Man kann hoffen, dass dieses Modell eine gewisse Verstetigung erfährt und weitere „NachahmerInnen“ findet. Weitere Stärke des Werkes ist die Betonung der Ganzheitlichkeit in der Betrachtung der Bedürfnisse langzeitarbeitsloser Personen.

Inhaltlich ist aus meiner Sicht zu kritisieren:

  • Die rechtlichen Rahmenbedingungen werden im so überschriebenen Kapitel 2. nur sehr knapp thematisiert. Hier wäre m. E. eine andere Überschrift treffend gewesen.
  • Auffallend sind sehr viele und häufig recht lange Zitate aus anderen Quellen. Einige sehr allgemeine Quellen, wie Zitate von Lessing, Aristoteles, Herrmann Hesse u. a. hätten durchaus vernachlässigt werden können.
  • Die Auswahl der zitierten Literatur im Kapitel 3. erscheint mir recht willkürlich. Einige wichtige (internationale) Studien zum Thema Arbeitslosigkeit hätten Erwähnung finden müssen (etwa die Metaanalysen von Paul und Moser, z. B. 2009, J Voc Behav, 74, 264-82).
  • Zum Programm selbst (Kapitel 5.) hätte ich mir durchaus noch einige praktische Informationen mehr gewünscht, etwa im Sinne eines Manuals, das es anderen Trägern erlaubt, das Programm nachzuvollziehen, zu übernehmen oder an eigene Bedürfnisse anzupassen.
  • In der Evaluation wurde auf standardisierte und validierte Verfahren leider verzichtet. Gerade für den Bereich der psychischen Gesundheit und Lebensqualität/-zufriedenheit gibt es zahlreiche hervorragende Instrumente. Einige der gestellten Fragen erschienen mir im Kontext wenig passend, z. B. die Frage nach den Beziehungen zur Herkunftsfamilie.
  • Entgegen der Meinung der AutorInnen denke ich, dass trotz der relativ geringen Teilnehmerzahl durchaus mehr statistische Auswertungen möglich gewesen wären. Berichtet werden (unter Verzicht auf Signifikanzangaben) Differenzen zwischen Männern und Frauen. Interessant wären u. a. auch Analysen hinsichtlich der Dauer der erlebten Arbeitslosigkeit gewesen. Den Autoren nicht anlastbar ist der relativ kurze Evaluationszeitraum. Ich wünschte mir dennoch, etwas über die langfristige Wirksamkeit des Modellprojekts zu erfahren.

Im Buch sind mir einige formale Aspekte negativ aufgefallen: Die Tabellengestaltung ist insgesamt recht lieblos. Die Tabelle 5 (S. 123) erstreckt sich mit nur 1 Zeile bis auf S. 124. Ebenso sind die Tabellen 14, 15 und 18 (unüblich) geteilt. Nahezu alle Abbildungen sind in so schlechter Qualität abgedruckt, dass die Lesbarkeit beeinträchtigt ist. Auf S. 106 fehlt ein halbes Wort („ment“, statt „Empowerment“). Auf S. 122 ist eine Trennung vollkommen falsch („Späth-erbst“). Die Überschrift 2.5.3.1 u. a. sind in einer abweichenden Schriftart formatiert. Hier wäre, dies sollen die Beispiele illustrieren, ein gründlicheres Lektorat bzw. Korrekturlesen der AutorInnen dringend angebracht gewesen.

Fazit

Die AutorInnen schreiben auf S. 49: „Wir meinen: Die Zeit ist reif für eine Umkehr zu verbesserten finanziellen und rechtlichen Rahmenbedingungen und zu strukturierter, nachhaltiger, an Menschen ausgerichteter Arbeitsmarktpolitik. Vor allem aber für ein anderes Menschenbild, das langzeitarbeitlosen Menschen mit Respekt und Wertschätzung begegnet und sie ernst nimmt in ihren sozialen, materiellen, gesundheitlichen Belangen und im Bedürfnis nach Sicherheit“. Mit dem vorgelegten Buch haben Manuela Günthner, Wolfgang Sartorius und Titus Simon einen Beitrag dazu geleistet.


Rezensent
PD Dr. rer. medic. Hendrik Berth
Dipl.-Psych.
Kommissarischer Leiter am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden, Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie, Tätigkeitsfelder: Transformationsforschung, Inhaltsanalyse, Krankheitsbewältigung, Psychologische Aspekte der Humangenetik, Arbeitslosigkeit und Gesundheit
Homepage www.medpsy.de


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Zitiervorschlag
Hendrik Berth. Rezension vom 31.07.2014 zu: Manuela Günthner, Wolfgang Sartorius, Titus Simon: Leben in Balance trotz Arbeitslosigkeit. Handlungsansätze, empirische Befunde und Rahmenbedingungen des Freudenstädter Modells. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2013. ISBN 978-3-7841-2120-8. Reihe: Skills. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15749.php, Datum des Zugriffs 24.09.2017.


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