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Christina Reichenbach, Helge Thiemann: Lehrbuch diagnostischer Grundlagen der Heil- und Sonderpädagogik

Cover Christina Reichenbach, Helge Thiemann: Lehrbuch diagnostischer Grundlagen der Heil- und Sonderpädagogik. verlag modernes lernen Borgmann (Dortmund) 2013. 192 Seiten. ISBN 978-3-8080-0695-5. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 32,30 sFr.
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Thema

„Dieses Lehrbuch führt grundlegend in die heil- und sonderpädagogische Diagnostik ein.“ (Klappentext). Und das erfolgt in einer – selten anzutreffenden – kompakten Form.

Autorin und Autor

Christina Reichenbach ist Professorin für Heilpädagogik mit dem Schwerpunkt Förderung, Bildung und Integration von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung an der Evangelischen Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum.

Helge Thiemann ist Professor für Heilpädagogik und Pflege an der Evangelischen Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum. Hier lehrt er Psychologie mit dem Schwerpunkt psychologische Aspekte des heilpädagogischen Handelns.

Aufbau

Grundlagen

  1. Heil- und sonderpädagogische Diagnostik
  2. Förderdiagnostik

Methoden in der Diagnostik

  1. Grundbegriffe
  2. Methoden

Praxisrelevante Anwendung und Professionalisierung

  1. Gutachten
  2. Förderpläne
  3. Feststellung sonderpädagogischer Förderbedarf
  4. Intelligenz- und Entwicklungsdiagnostik
  5. Qualifikation für diagnostische Prozesse
  6. Ethik in der Diagnostik – Überlegungen zur Bedeutung für die heil-/sonderpädagogische Diagnostik

Inhalt

In ihrem ersten Kapitel liefern die Autorin und der Autor die notwendigen Grundlagen zur heil- bzw. sonderpädagogischen Diagnostik, wie:

  • Begriffsbestimmung;
  • Ziele und Aufgaben;
  • Inhalte, so kann sich die diagnostische Abklärung auf verschiedene Entwicklungsbereiche oder beeinflussende Umweltbedingungen beziehen;
  • Bezugssysteme, wie beispielsweise die Altersnorm, die intra-individuellen Norm oder die Gruppennorm;
  • Durchführung und Rahmenbedingungen;
  • den diagnostischen Prozess, der mit der Klärung der Fragestellung und der Auftragsformulierung beginnt, übergeht in die Hypothesenbildung, die Untersuchungsplanung und -durchführung, die - aus den Hypothesen resultierende- Ergebnisanalyse, die Intervention in die Evaluation mündet.

Bei dem Thema Förderdiagnostik blicken Reichenbach/Thiemann auf ihre Entwicklung, unterschiedliche Definitionen, Aufgaben und Ziele, Merkmale und kontroverse Diskussionen,

Die Methoden der heil- bzw. sonderpädagogischen Diagnostik beinhalten bei Reichenbach/Thiemann Grundbegriffe, das grundlegende Methodenverständnis – d. h. die Kenntnis der Methodenvielfalt –, die statistischen Grundlagen, Tests – und hier Definition, die Arten der Quantitativen Testverfahren, ihre Bestandteile, ihr Aufbau und ihre Gütekriterien. Weiter beinhaltet das Kapitel die schriftliche Befragung, die Beobachtung, die mündliche Befragung, das Screening, das Diagnostische Inventar, das Arbeitsprodukt und die Fehleranalyse.

Bei der praxisrelevanten Anwendung und Professionalisierung geht es um das Gutachten. Hier geht es z. B. um die Klärung der Frage, welchen Nutzen das Gutachten für den Auftraggeber hat, wie die Fachkompetenz des Gutachters zu beurteilen ist oder wie das Gutachten organisiert sein soll.

Weiter erfolgt eine Behandlung der Förderpläne: Welche Möglichkeiten und Chancen bieten dieselben oder welches sind die Elemente der Förderplanung? Zum Abschluss dieses Abschnitts werden exemplarisch sechs Möglichkeiten der Förderplanung dargestellt.

Die Feststellung des sonderpädagogischen Förderbedarfs erfolgt in der Publikation über die Darstellung der Empfehlungen der Kultusministerkonferenz, der Verfahrensinhalte und des Verfahrensablaufs, der unterschiedlichen Verordnungen in den einzelnen Bundesländern und dem sonderpädagogischen Förderplan.

Bei der Intelligenz- und Entwicklungsdiagnostik geht es den Autoren um die Darstellung der Besonderheiten ebendieser Diagnostik.

Hinsichtlich der Qualifikation für diagnostische Prozesse richten die Autorin und der Autor ihren Blick auf die Ausbildung des Diagnostizierenden, das fachbezogene Wissen, die Methodenkenntnis, die Theorie-Praxis-Reflexion, die Selbstreflexion und die Kommunikations- bzw. Beratungskompetenzen.

Die Ethik in der heil- bzw. sonderpädagogischen Diagnostik nimmt abschließend das Begriffsverständnis, die Relevanz und Problematik in der Diagnostik, das Recht und die Erfordernisse für eine heil- oder sonderpädagogische Diagnostik unter Berücksichtigung ethischer Aspekte in den Blick.

Diskussion

Auf Seite 9 ist zu lesen, dass es „keine einheitliche Definition oder Vorstellung davon (gibt – CR), wie genau eine heilpädagogische oder sonderpädagogische Diagnostik verläuft oder was diese beinhaltet.“ Eben weil Diagnostik im heilpädagogischen und sonderpädagogischen – wobei ich hier dann schon die aktuelle Terminologie verwenden und von förderpädagogischen sprechen möchte – Kontext so vage ist und Reichenbach/Thiemann auf Seite 32 schreiben, dass „das ‚Diagnostik‘-Feld […] oftmals ausschließlich Medizinern oder Psychologen überlassen“ wurde und m. E. wird und werden sollte, denn „die Diskussion dauert bis heute an“ (ebd.), empfehle ich, auf den Terminus technicus Diagnostik, auch wenn es sich um einen neutralen Begriff handelt (vgl. S. 9), im o. g. Kontext zu verzichten und führe in Anlehnung an Wolfgang Jantzen (vgl. 2013) und André Frank Zimpel (vgl. 2010) den Terminus Rehistorisierende Systemische Syndromanalyse (vgl. Rensinghoff 2011, 312) ein. Bei Verwendung des letztgenannten Terminus ist dann auch „der Ergänzung der Diagnostik aus der Außenperspektive um eine Diagnostik der Innenperspektive; das heißt, dass die Person selbst in jedem Fall einbezogen wird, so dass ihre Sichtweise deutlich wird“ (S. 11), Rechnung getragen.

Dass das bis hierher besprochene Buch eine leicht verständliche Fachlektüre ist – und dazu tragen die oft benutzte persönliche Anrede und die zahlreichen Beispiele ganz erheblich bei – macht, ähnlich wie der geplante Verzicht auf das Latinum für Lehramtsstudierende in Nordrhein-Westfalen, Sinn, weil Unverständlichkeit u. U. zu längeren Studienzeiten führt, wie das der AstA-Vorsitzende Tim Köhler für die Beibehaltung der Latinumspflicht konstatiert (vgl. Schumacher 2013).

Jutta Schölers (2013, 133) Forderung, in der es heißt, dass zukünftig alle Professionellen Texte so zu verfassen haben, dass die Menschen, für die sie geschrieben sind, sie auch verstehen, wird hier in vollem Umfang entsprochen

Für das Studium ist die besprochene Publikation leicht verdaulich. Eine Studierendengruppe kann so beispielsweise bei der Zubereitung eines Gugelhupfs (vgl.: www.socialnet.de/rezensionen/9226.php [Download: 18.11.2013]) den diagnostischen Prozess besprechen.

Fazit

Von dem Autorenduo – und dem kann sich der Rezensent anschließen – wird die Publikation zur Lektüre Studierenden der Heil- und Förderpädagogik, Sonder- und Heilpädagogen sowie ErzieherInnen, MotopädInnen, MotologInnen, ErgotherapeutInnen u. ä. Berufsgruppen empfohlen. Das Buch ist sehr verständlich geschrieben und aus diesem Grund gut lesbar. Das schafft die oder der geübte Leserin oder Leser in einem Rutsch. Und dann macht Lernen auch Spaß.

Literatur:

Jantzen, Wolfgang: Rehistorisierung. Zu Theorie und Praxis verstehender Diagnostik bei geistig behinderten Manschen. URL: http://bidok.uibk.ac.at/ [Download: 18.11.2013].

Rensinghoff, Carsten: Wider die gesellschaftliche Ausschließung. Neckenmarkt 2012.

Schöler, Jutta: Träume vom Fliegen. In: Flieger, Petra/Plangger, Sacha (Hgg.): Aus der Nähe. Zum wissenschaftlichen und behindertenpolitischen Wirken von Volker Schönwiese. Neu-Ulm 2013, 129-134.

Schumacher, Theo. Keine Latein-Pflicht mehr fürs Lehramtsstudium? URL: www.derwesten.de/politik/ [Download: 18.11.2013].

Zimpel, André Frank (Hg.): Zwischen Neurobiologie und Bildung. Göttingen 2010.


Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
Dr. Carsten Rensinghoff Institut - Institut für Praxisforschung, Beratung und Training bei Hirnschädigung, Leitung: Dr. phil. Carsten Rensinghoff, Witten
Homepage www.rensinghoff.org
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 28.11.2013 zu: Christina Reichenbach, Helge Thiemann: Lehrbuch diagnostischer Grundlagen der Heil- und Sonderpädagogik. verlag modernes lernen Borgmann (Dortmund) 2013. ISBN 978-3-8080-0695-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15756.php, Datum des Zugriffs 19.11.2018.


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