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Gerd Krell: Schafft Deutschland sich ab?

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 20.11.2013

Cover Gerd Krell: Schafft Deutschland sich ab? ISBN 978-3-89974-908-3

Gerd Krell: Schafft Deutschland sich ab? Ein Essay über Demografie, Intelligenz, Armut und Einwanderung. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2013. 126 Seiten. ISBN 978-3-89974-908-3. D: 12,80 EUR, A: 13,20 EUR, CH: 18,90 sFr.
Reihe: Positionen.

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Rassismus ist mitten unter uns

Die Diskrepanz ist deutlich: Gegen Populismus und Demagogie hat die Fach- und Sachkunde einen schweren Stand! Als der ehemalige Banker, Berliner Senator und SPD-Mitglied Thilo Sarrazin sein Büchlein „Deutschland schafft sich ab“ herausgab, da ahnte kaum jemand, in welches Wespennest er da stieß. Seine Thesen von der Überfremdung Deutschlands, von „Fäulnisprozessen im Innern der Gesellschaft“ und seine kruden, neokolonialen und rassistischen Auffassungen von Eugenik und Dysgenik ließen Ahnungen aufkommen, welch ethnozentriertes Potential in der deutschen Gesellschaft schlummert. Staunend und eher hilflos stehen mittlerweile Gesellschaftsanalysten und politisch korrekt sich verstehende Menschen vor dem Phänomen, dass das Buch, mittlerweile auch als Taschenbuch erhältlich, eine Auflage von fast 1,4 Millionen Exemplare erreicht hat – und weiterhin nachgefragt wird.

Da ist es angebracht, sich des gesellschaftlichen Zustandes zu vergewissern, in dem sich ein so deutliches, rassistisches und menschenfeindliches Denken einrichten kann und auf Akzeptanz stößt. Der Mensch, so ist es in das philosophische Bewusstsein eingegangen, ist fähig und in der Lage, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen und Empathie und Verantwortung für sich und die Menschheit zu übernehmen. Es ist die kritische Urteilskraft, die den anthrôpos auszeichnet (Luc Boltanski / Laurent Thévenot, Über die Rechtfertigung. Eine Soziologie der kritischen Urteilskraft, 2997, www.socialnet.de/rezensionen/6071.php). Wo sich Kulturpessimismus mit Ethnozentrismus paart, entwickelt sich Unmenschlichkeit (Fritz Stern, Kulturpessimismus als politische Gefahr, Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2005, 467 S.). Und wo Humanismus fehlt, die Würde des Menschen missachtet wird und der Respekt abhanden kommt, gehen Demokratie und zivilgesellschaftliche Werte den Bach runter (Richard Sennet, Respekt im Zeitalter der Ungleichheit, 2004, www.socialnet.de/rezensionen/1692.php).

Gegen die rechtsradikalen und fremdenfeindlichen Auslassungen eines Thilo Sarrazin und anderer Extremisten haben sich erfreulicherweise und als ermutigende Zeichen von intellektueller Potenz zahlreiche Positionen gestellt. Dem „Deutschland schafft sich ab“ werden Kontrapunkte des „Deutschland erfindet sich neu“ gegenüber gestellt (Hilal Sezgin, Hrsg., Manifest der Vielen. Deutschland erfindet sich neu, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11392.php; sowie u. a.: Zafer Senocak, Deutschsein. Eine Aufklärungsschrift, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/10870.php).

Entstehungshintergrund und Autor

„Miteinander reden, nicht übereinander“, das ist ein Rat, der sich in gesellschaftlichen Konfliktsituationen und kontroversen Auffassungen bewährt. Angst vor „Überfremdung“ lässt sich in der Tat ja nur erklären als die Unfähigkeit, Kultur und Politik als sich ständig wandelnde Phänomene zu betrachten und die Veränderungs- und Wandelfähigkeit des menschlichen Daseins als Bedrohung und nicht als eine humane Bereicherung zu erkennen ( Patrick Bahners, Die Panikmacher. Die deutsche Angst vor dem Islam. Eine Streitschrift, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11269.php). Da ist es gut, dass der em. Politikwissenschaftler von der Goethe-Universität in Frankfurt/M., Gert Krell, sich in einem Essay daran macht, um Sarrazins Thesen intellektuell und sachlich zu widerlegen. In der neuen Reihe „Positionen“ des Wochenschau-Verlags legt er ein Essay vor, in dem er danach fragt, auf welchen realen, gesellschaftlichen Grundlagen die Behauptungen und Warnungen beruhen, wo Wahrheiten und Unwahrheiten zu finden sind und vor allem, welche Analysen und Schlüsse aus den konkreten wie hergeholten Wirklichkeiten zu ziehen sind.

Aufbau und Inhalt

Krell gliedert das Büchlein, neben der Einführung in die Thematik und der Darstellung der gesellschaftlichen Diskurssituation, in acht Themenfelder: Er setzt sich auseinander mit der demografischen Entwicklung in Deutschland, indem er der überwiegend unseriösen und populistischen Argumentation Sarrazins gesellschaftliche Fakten entgegen setzt und die durchaus in der gesellschaftspolitischen Diskussion präsenten Gegenwarts- und Zukunftsmodelle für eine Einwanderungsgesellschaft benennt.

Die besonders verabscheuungswürdig, ärgerlich und auf rassistischen, menschenfeindlichen Einstellungen beruhenden Auffassungen von „Dysgenik“, wie sie in Sarrazins Buch präsentiert und scheinbar sogar statistisch nachgewiesen werden, stoßen auf die eindeutige Ablehnung und entbehren zudem jede wissenschaftliche Seriosität. Es ist deshalb richtig und angemessen, dieser Verirrung die Wertigkeit beizumessen, die sie hat, nämlich keine.

Die Parallelen, die Sarrazin zwischen Intelligenz und Vererbung zieht, treffen auf eine umstrittenere Analytik im globalen wissenschaftlichen Diskurs, wie Krell aufzeigt. Die traditionell in der Kontroverse von IQ und Umwelt diskutierten Bedingungen, welche Grundlagen und Einflüsse sich auf die menschliche Entwicklung auswirken, wird vom Autor ausführlich dargestellt, und es werden die unterschiedlichen Theorien und Positionen verdeutlicht. Dass dabei die Sarrazinschen Versteigungen erheblich an Bedeutung einbüßen, ist beruhigend und sicherlich für die seriöse Diskussion hilfreich.

Dass Bildungsgerechtigkeit eine existenzbedingende Voraussetzung für ein humanes und gerechtes Dasein der Menschen in der Gesellschaft ist, erkennt auch Sarrazin. Die Schlüsse und Forderungen jedoch, die er daraus zieht, sind wiederum einzusortieren in sein rassistisches Menschenbild.

Integration (und Inklusion) sind zwei Seiten derselben Medaille. Gesellschaftliche Eingliederung kann und darf nicht bedeuten, so zu werden, wie der scheinbare Mainstream es erfordert; vielmehr sind es die individuellen, kulturellen und gesellschaftlichen Vielfalten, die Integration ermöglichen und schaffen. Es ist deshalb nicht allein Aufgabe der MigrantInnen, sich anzupassen, sondern auch die der Eingesessenen, sie zu wollen.

Interreligiöse Überzeugungen in einer demokratischen, laizistischen Gesellschaft sind Grundlage dafür, dass jeder Mensch in der Gesellschaft seine religiösen Überzeugungen leben kann. Das Grundrecht auf Religions-, Meinungs- und Gedankenfreiheit scheint Sarrazin fremd und ein Ärgernis zu sein; wie sonst wäre es möglich, dass er seine rassistischen Argumente auf der Konfrontation und Ablehnung des Islam in der deutschen Gesellschaft errichtet. Immerhin: In Deutschland bekennen sich mittlerweile rund 4 Millionen Menschen (mehr oder weniger) zum Islam. Dies als interreligiöse und interkulturelle Bereicherung denn als Bedrohung zu empfinden, wäre ein echter gesellschaftlicher Gewinn.

Soziale Gerechtigkeit ist scheinbar auch ein Begriff, der Sarrazin fremd ist. Die skandalösen Bemerkungen, die er in seinem Buch und in der öffentlichen Diskussion über die „unproduktive Unterschicht“ in der Gesellschaft zieht und für die er mehr Kontrolle statt Lebenshilfe fordert, kritisieren zwar (berechtigt) die vielfach unkoordinierten und sozialpolitisch wenig wirksamen Sozialleistungen – doch seine Lösungsvorschläge treffen nicht die Sachlage, sondern diskriminieren die Menschen, die sich in prekären Lebenssituationen befinden. Gert Krell zeigt dagegen auf, wie „das Risiko der Verfestigung von Transferabhängigkeit über Generationen hinweg, gerade auch in Familien mit Migrationshintergrund“ verhindert werden kann. Dabei ist er sich mit der von der Bundesregierung beauftragten Gutachterkommission einig, die 2013 feststellte, „mit direkten Geldleistungen und Steuerermäßigungen an Familien sorgsamer umzugehen und dafür mehr in Kindertagesstätten und Horte zu investieren“.

Auch wenn Sarrazin sein Credo, dass Deutschland „undeutsch“ zu werden drohe, als Satire verkleidet, kommt es doch nationalistisch und germanozentristisch daher. Er ignoriert dabei die sich weltweit vollziehenden, globalen und entgrenzenden Entwicklungen hin zu „Einer“ Welt, die mehr als die eingemauerten, nationalen Gebilde dazu beitragen können, dass sich das durchsetzt, was in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte als global gültige Ethik proklamiert wird: „Die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte bildet die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt“.

Fazit

Gert Krell setzt, durchaus nicht aggressiv und geringschätzig, den aggressiven und rassistischen Argumentationen Sarrazins nachweisbare und konkrete Wirklichkeiten entgegen. Er verweist auf die großen Herausforderungen, die von der deutschen Gesellschaft in Gegenwart und Zukunft bewältigt werden müssen, soll es, lokal und global, ein menschenwürdiges (Über-)Leben geben: Es sind der Klimawandel, eine nachhaltige Gestaltung der Energiewende und die Aufklärung über einen umwelt- und ressourcenschonenden Wirtschafts- und Lebensstil; es geht um die Überwindung der Finanz- und Wirtschaftskrise und eine nachhaltige Sanierung der Staatsfinanzen; es bedarf einer klugen, sozialverträglichen und humanen Bewältigung des demografischen Wandels, der mit einem Umbau in der Arbeitswelt, der Verbesserung des Bildungs- und Erziehungswesens und der Integration von zugewanderten Menschen einher gehen muss; und es muss zu einer humanen und gerechten Umgestaltung der Arbeits- und Verdienstverhältnisse kommen, die verhindern, dass die bereits Wohlhabenden immer reicher und die Habenichtse immer ärmer werden.

Die unnötigen, überflüssigen, auf Effekthascherei und primitiven populistische Instinkte in der Bevölkerung zielenden Provokationen Sarrazins sollten eher in den Mülleimer der Gesellschaft geschmissen werden. Da sie aber (überraschenderweise) in vielen Teilen der Bevölkerung – wie die Verkaufszahlen seines Buches zeigen – auf Interesse stoßen, ist es notwendig, sich seriös und sachkundig damit auseinander zu setzen. Das gelingt dem Frankfurter Politikwissenschaftler Gert Krell!

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Es gibt 1748 Rezensionen von Jos Schnurer.

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ISSN 2190-9245