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Horst Leps: Lehrstücke im Politikunterricht

Cover Horst Leps: Lehrstücke im Politikunterricht. Wochenschau Verlag (Schwalbach/Ts.) 2012. 128 Seiten. ISBN 978-3-89974-815-4. D: 12,80 EUR, A: 13,20 EUR.
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Lehrkunst: Vision, Illusion oder Wirklichkeit?

Natürlich strebt jeder Lehrende in der Schule wie in der Erwachsenenbildung danach, Lernende zum erfolgreichen Lernen zu bringen. Das nennt man Didaktik! Es bedarf keiner besonderen Erwähnung, dass es den „geborenen“ Didaktiker nicht gibt; vielmehr kommt es darauf an, Didaktik und Methodik zu erwerben. Und zwar sowohl als Fach-, wie als fächerübergreifende und projektorientierte Lehrkunst. Während bereits bei den griechischen Philosophen das didaskalikê, das Lehrgespräch, als Rede- und Argumentationslehre angewandt wurde, hat sich die Lehrbedeutung der Didaktik erst im 17. Jahrhundert bei J. A. Comenius als historische und Reformbewegung in der Pädagogik durchgesetzt. Der Begriff der „Lehrkunst“ wurde schließlich in der Marburger Schule von den Erziehungswissenschaftlern Hans Christoph Berg, Wolfgang Klafki und Theodor Schulze entwickelt. Die didaktische Zielsetzung besteht darin, fächerübergreifende, existentiell bedeutsame Lernthemen gewissermaßen exemplarisch als Lehrstücke, Unterrichtseinheiten oder Projekte anzubieten und die Lernenden zum eigenständigen Lernen zu führen. Die didaktische Lernplanung und Unterrichtsdurchführung soll dabei nicht im stillen Kämmerlein des Schulmeisters, sondern im fachlichen und kollegialen Zusammenspiel zwischen den Lehrenden und Lernenden erfolgen.

Entstehungshintergrund und Autor

Diese Analyse ist nicht neu. Sie wird alltäglich in den Lehrerzimmern und Schulräumen praktiziert. Und doch gibt es weiterhin einen „missing link“ in der Pädagogik; zwar meist nicht mehr in der Form des „Nürnberger Trichters“, doch die Erfahrung, dass Lehrerinnen und Lehrer nur allzu gern „frontal“ unterrichten (weil es einfacher ist!), und lernerbezogene Methoden eher als Ausnahmesituationen betrachten (weil es anstrengender ist und mehr Vorbereitungszeit braucht!), ist durchaus Alltagspraxis. Dagegen will die Lehrkunstdidaktik angehen! Das Fach „Politik“ (Gemeinschaftskunde, Sozialkunde, Demokratielernen…) ist in besonderer Weise dafür geeignet, „Lehrstücke“, die auch als „Planspiele“ oder „Unterrichtsprojekte“ bezeichnet werden, in die Lehr- und Lernarbeit einzubeziehen.

Der ehemalige Lehrer für Politik und Religion an einem Hamburger Gymnasium und Lehrbeauftragte für Didaktik der Sozialwissenschaften an der Universität, Horst Leps, hat 2006 mit seiner Dissertation „Lehrkunst und Politikunterricht“ die theoretischen Grundfragen zur Thematik geklärt und didaktische und methodische Modelle für die Praxis entwickelt und erprobt. Aus diesen Erfahrungen ist das Buch „Lehrstücke im Politikunterricht“ entstanden, mit dem Ziel, „Lehrerinnen und Lehrern mit der Lehrkunstdidaktik im Politikunterricht so weit bekannt zu machen, dass sie die hier vorgestellten Lehrstücke selbst ausprobieren und variieren können“.

Aufbau und Inhalt

Leps gliedert sein Praxisbuch in drei Kapitel.

Im ersten Kapitel wird mit einer didaktischen Analyse das ausgewählte „Lehrstück von der Suche nach einer guten Verfassung“ vorgestellt. Wie es sich für eine ordentliche dA (im Sinne Klafkis) gehört, wird dabei sowohl der historische Diskurs über die Suche nach einer „guten (demokratischen) Verfassung“ und einem „guten Leben“ (Herodot / Aristoteles) geführt, als auch mit der Frage nach der Gegenwarts- und Zukunftsbedeutung Verfassungen in Deutschland, Europa, in den USA, der Schweiz… diskutiert. Das Lehrstück wird dabei in drei Akte aufgebaut: Im ersten Akt wird mit den SchülerInnen die Verfassungsdebatte bei Herodot und Aristoteles (vgl. dazu auch: vgl. dazu auch: Hellmut Flashar, Aristoteles. Lehrer des Abendlandes, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/16033.php) als historische Nachschau thematisiert und dabei immer wieder ein aktueller Bezug hergestellt. Im zweiten Akt werden moderne politische Systeme, angeregt durch Methodenwechsel und Lernkooperationen, bearbeitet. Und im dritten Akt geht es um Deutschland, das Grundgesetz und die Aktualität des politischen Systems, bis hin zu kritischen Fragen nach Demokratieverständnis, Bürgerbeteiligung und post-demokratischen Formen.

Das zweite Kapitel titelt der Autor mit „Lehrkunst und die Suche nach der Verfassung“. Mit der Definition von „Lehrstücken“ wird der theoretische Zugang mit der Methodentrias: Genetisch – exemplarisch – dramaturgisch eingeführt, um dann die didaktische und methodische Verortung im schulischen Unterricht vorzunehmen, gefüllt mit Erfahrungen, die der Autor bei der Erprobung des Lehrstücks an verschiedenen Schulen und in Klassen gemacht hat.

Im dritten Kapitel wird die Lehrstückentwicklung für den Politikunterricht diskutiert und anhand von Vorläufern und Didaktikkonzepten nach Anschlussstellen gesucht und Abgrenzungen vorgenommen. Hier wird in besonderer Weise deutlich, dass Lehrstücke keine Ladenhüter sein müssen, aber auch keine Lückenbüßer sein dürfen, sondern Möglichkeiten darstellen, die uralte, aristotelische Frage nach dem „guten, gelingenden Leben“ als aktuelle Herausforderung in der sich immer interdependenter, entgrenzender und ungerechter entwickelnden Welt („Die Reichen werden reicher, und die Armen werden ärmer“) zu verstehen und lernend zu erleben.

Fazit

„Lehrstücke“, werden die einen sagen, sind ja nur (saure) Weine in alte Flaschen füllen; weil sie als „Planspiele“, „Projekte“… bereits existieren (und sich entweder bewährt haben und praktiziert werden, oder als Misserfolge und Missverständnisse darstellen). Wenn andere begierig und unkritisch nach dem Konzept der „Lehrkunstdidaktik“ greifen, dürfte ebenfalls nur Enttäuschung heraus kommen. Mir scheint, dass die Lehrkunstdidaktik dann erfolgreich für emanzipatorischen Unterricht sein kann, wenn sie in einem Kollegium, in der Schule und im pädagogisch-didaktischen Diskurs als Alternative zum „Lehr“-Unterricht verstanden und erprobt wird. Die Lehrkunstdidaktik kann ein Reformansatz sein, wenn es gelingt, die im Buch vorgestellten Beispiele nicht nur nachzumachen, sondern kreativ und als Lernanalyse das exemplarische Modell für viele weitere Lernanlässe und -situationen anzuwenden und zu erfinden.

Deshalb kann das Büchlein „Lehrstücke im Politikunterricht“ in der Lehreraus-, -fortbildung und in der Schulpraxis Anregungen bieten.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 14.01.2014 zu: Horst Leps: Lehrstücke im Politikunterricht. Wochenschau Verlag (Schwalbach/Ts.) 2012. ISBN 978-3-89974-815-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15758.php, Datum des Zugriffs 22.11.2017.


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