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Siegfried Schiele: Demokratie in Gefahr?

Cover Siegfried Schiele: Demokratie in Gefahr? Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2013. 126 Seiten. ISBN 978-3-89974-836-9. D: 14,80 EUR, A: 15,30 EUR.
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„Wir sind das Volk“

Die hehren Forderungen, wie sie sich spätestens seit der Französischen Revolution in das politische Bewusstsein eingeprägt haben, dass nämlich Herrschaft, also politisches Bewusstsein und Handeln, nicht nur für das Volk gemacht werden solle, sondern grundsätzlich durch das Volk legitimiert und mit dem Volk realisiert werden müsse, haben sich in demokratischen Gesellschaften allzu selbstverständlich etabliert. Das hat zur Folge, dass in diesen Gesellschaften demokratische Strukturen, wie Menschenwürde, Grund(Menschen-)rechte, freie und unabhängige Wahlen, kaum wertgeschätzt werden – weil sie (scheinbar) vorhanden und garantiert sind. Demokratiebewusstsein aber muss immer wieder neu entwickelt, erkämpft und verteidigt werden (Hans Berkessel /Wolfgang Beutel / Hannelore Faulstich-Wieland / Hermann Veith, Hrsg., Jahrbuch Demokratiepädagogik 2013, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/15225.php); und es ist notwendig, demokratische Strukturen immer wieder neu zu messen an den Entwicklungen in der Welt (Lars P. Feld / Peter M. Huber / Otmar Jung / Christian Welzel / Fabian Wittreck, Jahrbuch für direkte Demokratie 2010, Baden-Baden 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12329.php). Denn das ist eine Tatsache: „Die Demokratie ist die schlechteste aller Staatsformen, ausgenommen alle anderen“ (Winston Churchill); was ja nichts anderes bedeutet, als dass die demokratische Verfasstheit einer Gesellschaft niemals „vollkommen“ sein kann, weil die unterschiedlichen Interessen, Erwartungshaltungen und Lebensformen der Menschen niemals „allen alles geben“ können. So gehört zu einem demokratischen Denken und Handeln immer auch die Bereitschaft, Kompromisse auszuhandeln, um das zu gewährleisten, was in der Präambel der von den Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 proklamierten Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte zuvorderst formuliert wird: „Die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte bildet die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt“. Dabei kann man getrost anknüpfen an die aristotelische Diktion, dass der Mensch ein zôon politikon ist, weil es ihm auf das gute, gelingende Leben ankommt und er in der Lage ist, in Gemeinschaft mit anderen Menschen friedlich und gerecht zusammen zu leben – kraft seiner Vernunft!

Entstehungshintergrund und Autor

Es gilt also, sich der Normen und Werte bewusst zu werden, auf denen die Regierungs- und Gesellschaftsform der Demokratie basiert. Erst dann darf und kann es auch möglich sein, politische und gesellschaftliche Entwicklungen zu kritisieren und Veränderungen herbeizuführen. Der Wochenschau-Verlag Dr. Kurt Debus GmbH in Schwalbach/Ts. ist für Menschen, die in der Schule und außerschulischen Bildungsarbeit dabei engagiert sind, dass demokratisches Denken und Tun und demokratische Haltungen zum Selbstverständnis einer demokratischen Gesellschaft gehören, zu einer unverzichtbaren, informativen und didaktischen Adresse geworden. Die im Verlagsprogramm ausgewiesenen Materialien für Schule und Unterricht, Jugend- und Erwachsenenbildung, Studium und Wissenschaft und Sachthemen sind in ihrer Vielfalt und Kompetenz im Bereich der Politischen Bildung in Deutschland unerreicht.

In der „Kleinen Reihe“, in der Essays zu den aktuellen Aspekten des politischen und zivilgesellschaftlichen Zusammenlebens der Menschen, lokal und global, formuliert werden, fragt der ehemalige Direktor der Baden-Württembergischen Landeszentrale für politische Bildung, Siegfried Schiele: „Demokratie in Gefahr?“. Dabei setzt er sich auseinander mit der gesellschaftlichen Entwicklung in Deutschland, dass (große) Teile der Bevölkerung ein immer stärker werdendes Desinteresse an den politischen Dingen zeigen, was sich nicht zuletzt in einer „Politikmüdigkeit“ und Ablehnung von politischen Aktivitäten und Engagement darstellt. Er setzt sich aber auch auseinander mit Bedrohungen, wie sie von extremistischen und fundamentalistischen Richtungen ausgehen; nicht zuletzt fragt er nach Widerstandsformen gegen ungezügelte kapitalistische und neoliberale Entwicklungen.

Aufbau und Inhalt

„Himmelhoch jauchzend – zu Tode betrübt“, so charakterisiert Schiele den ersten Teil seiner Schrift. Er thematisiert Erwartungshaltungen, die sich aus den zunehmenden, unverbindlichen „Alles-oder-Nichts“-, und „Ohne-Mich“-Einstellungen andocken. Seine Hoffnung: Demokratiekompetenz, nämlich der Wille und die Fähigkeit zu wissen und zu artikulieren, was Demokratie dir, mir… bedeutet.

Im zweiten Kapitel diskutiert der Autor „Gefährdungen der Demokratie und wie man ihnen begegnen kann“. Demokratie nämlich ist kein Kinderspiel, sondern ein beständiges, mühsames, kompliziertes, wertvolles und auch formales Bemühen, die Vision, dass Demokratie Herrschaft des Volkes sei, Wirklichkeit werden zu lassen. Es ist allzu leicht und zu bequem, auf „Politiker“ zu schimpfen und politische Entscheidungen abzulehnen, wenn die Basis eines demokratischen Bewusstseins fehlt, mitzumachen, mit den eigenen Möglichkeiten sich an den politischen Prozessen und Entwicklungen zu beteiligen – als Volk! Dass der (einfache?) Bürger ohnmächtig sei gegen die „Macht der Politik“ ist nur dann richtig, wenn die Bevölkerung sich nicht einmischt und als Macht begreift. Es kommt also darauf an, in der politischen Kultur der Gesellschaft wieder die beiden Werte zu entdecken, zu entwickeln und zu leben, die Demokratie erst möglich macht: Vertrauen (Martin Hartmann, Die Praxis des Vertrauens, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12878.php; Markus Weingardt, Hrsg., Vertrauen in der Krise. Zugänge verschiedener Wissenschaften, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/14664.php) und Respekt (Richard Sennett, Respekt im Zeitalter der Ungleichheit, 2004. www.socialnet.de/rezensionen/1692.php; sowie: www.socialnet.de/materialien/155.php).

Im dritten Kapitel nennt der Politikbildner Siegfried Schiele die „ungehobenen Ressourcen politischer Bildung“. Wenn es nämlich nicht gelingt, Politik als eine alltägliche, jeden einzelnen Menschen betreffende Anforderung zu begreifen, kommt politische Bildung oft zu spät, ist zu unwirksam und wird nicht ernst genommen. Politische Bildung ist lebenslanges Lernen!

Fazit

Dass aus der Analyse des aktuellen Zustandes unserer politischen Gesellschaft keine pessimistische oder gar fatalistische Klageschrift wurde, ist dem Bemühen des Autors zu verdanken, trotz oder wegen der vielen Defizite und Fehlentwicklungen in der eigenen Gesellschaft und in den Weltgesellschaften, optimistische, zur Aktivität herausfordernde Argumente zu formulieren. Gegen Alarmismus und Katastrophenstimmung setzt er „Realitätssinn“, natürlich nicht als Schönrednerei oder gar als lähmendes „Da-kann-man-sowieso-nichts-machen“, sondern als Entwicklung eines zivilgesellschaftlichen Bewusstseins, das auf demokratischer Verantwortung beruht. Es kommt vielmehr darauf an, sich der Baustellen zu versichern, die sich auf der Agenda unseres zivilgesellschaftlichen und politischen Bewusstseins befinden (Serge Embacher, Baustelle Demokratie. Die Bürgergesellschaft revolutioniert unser Land, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/12783.php).

Das Heftchen kann man getrost in die Tasche stecken; und es lässt sich lesen bei vielen Gelegenheiten des alltäglichen Lebens, als Mutmacher!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 19.11.2013 zu: Siegfried Schiele: Demokratie in Gefahr? Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2013. ISBN 978-3-89974-836-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15760.php, Datum des Zugriffs 12.11.2019.


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