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Christian Schüle: Wie wir sterben lernen

Cover Christian Schüle: Wie wir sterben lernen. Ein Essay. Pattloch (München) 2013. 216 Seiten. ISBN 978-3-629-13042-6. D: 18,00 EUR, A: 18,50 EUR.
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Thema und Entstehungshintergrund

„Das Glück des Menschen besteht darin, dass der Kampf gegen den Tod schon bei der Geburt verloren ist. […] Das Glück des Menschen besteht darin, dass er den Tod überlisten kann.“ Christian Schüles Essay beginnt mit einer zeitgenössischen Diagnose westlich geprägter Gesellschaften, einer These der Verdrängung des Todes, die bei genauerem Hinschauen weit mehr eine Verdrängung des Sterbens ist. Medizin, technischer Fortschritt und Fortschrittsglaube, all das hat es uns leicht gemacht, Tod und Sterben in unserer täglichen Wahrnehmung zu ignorieren und das Leben zu glorifizieren; gleichzeitig werden Sterben, Tod und Trauer exzessiv beredet und neu bewertet, der Tod wird nicht mehr zum Maßstab für das Leben, Jenseitsvorstellungen spenden immer weniger Trost. Was also tun, wenn das Ende geistig nicht bewältigbar ist, wenn fehlende Integration bei gleichzeitiger Distanzierung eine Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit, mit der Existenz des menschlichen Lebens schlechthin, erschwert? Christian Schüle gibt Einblicke in ein wahrhaft unausweichliches Ende irdischer Existenz und nähert sich introspektivisch der Erkenntnis, dass zu einem gelungenen Leben ein gelungenes Sterben gehört. Indem wir Sterben lernen, Sterben und Tod in unserer Leben integrieren, ein Stück weit wahrhafter leben, können wir an Glück und Freude für unser Leben gewinnen. In der Auseinandersetzung mit Sterben, Tod und Trauer werden vor allem zwei Begriffe reflektiert und als zentral gewertet: Menschenwürde und Selbstbestimmung als zentrale Topoi menschlicher Daseinsvergewisserung in modernen Gesellschaften.

Autor

Christian Schüle ist freier Autor und Publizist. Bislang sind mehrere Bücher von ihm erschienen, so unter anderem 2012 „Das Ende der Welt. Von Ängsten und Hoffnungen in unsicheren Zeiten“, ebenfalls bei Pattloch. Seine Essays, Feuilletons und Reportagen wurden mehrfach ausgezeichnet, so beispielsweise mit dem Hansel-Mieth-Preis für Reportage und dem Erich-Klabunde-Preis des Deutschen Journalisten Verbandes Hamburg. Darüber hinaus war Schüle, der in München und Wien Philosophie und Politische Wissenschaft studierte, drei Mal für den Egon-Erwin-Kisch bzw. den Henri-Nannen-Preis nominiert.

Aufbau und Inhalt

Der Essay besteht insgesamt aus fünf Teilen, diese sind wiederum unterteilt in mehrere Kapitel und Introspektionen des Autors.

Der erste Teil des Buches beleuchtet Bedeutungen von Sterben und Tod sowie sozioökonomische und soziokulturelle Rahmenbedingungen angesichts von Individualisierungs- und Pluralisierungstendenzen („Der Zeitgenosse im Sog seiner Gegenwart“). Im Lichte dieser Weltanschauung und bedingt durch einen kulturellen Wandel in den Einstellungen und Orientierungen nicht nur unserem Leben gegenüber, denken wir Sterben, Tod und Trauer neu; kulturhistorisch gesehen sind wir dabei erst im Stadium der Bildung und Formierung neuer Todeskonzeptionen und Sterbevorstellungen, in dem Sterben denken überhaupt erst möglich wird. „… wenigstens habe ich mein eigenes Sterben genossen, ohne mich lust-und libidofrei durch ein todvermeidendes, todverleugnendes, todverdrängendes Leben zu quälen“ (S. 25), schreibt Schüle angesichts der radikalen Fremdbestimmung. Zurückgeworfen auf uns selbst und gottverlassen bleibt uns angesichts der Unausweichlichkeit des Todes nur, auf Selbstbestimmung zu setzen und uns als Subjekt dem Objekt des Todes entgegenzustemmen. Doch es ist ein Wettlauf mit der Zeit, und „ohne Zeit ist Freiheit und Selbstbestimmung nicht möglich- das ist das Verhängnis des Zeitgenossen im Sog seiner Gegenwart“ (S.66).

Im zweiten Teil des Essays gelangt der „Zeitgenosse als Regisseur seines Todes“ in den Mittelpunkt und damit Selbstbestimmung als Leitkategorie eines gelingenden Lebens, das auch ein gelingendes Sterben impliziert. Selbstbestimmung wird dabei an der Zumutbarkeit gemessen, dabei an uns selbst, denn niemand kann definieren, was für den Einzelnen zumutbar ist. Konsequent gedacht ist das Individuum auch im Sterben nun auf sich allein zurückgeworfen und losgelöst aus konventionellen Normen selbstverantwortlich für gelingendes oder misslingendes Sterben. Sterben misslingt ob dem Verlust der Selbstbestimmungsfähigkeit und dem Verschließen von Korridoren, die Menschen in ihrem Recht auf Würde eines selbstbestimmten Lebens und eines ebensolchen Sterbens berauben. Bedingt durch eine kulturelle Wertewandlung hat das Individuum nicht nur die Möglichkeit erhalten, Einfluss zu nehmen auf die letzte Phase seines Lebens, sondern kann dieses auch durch erhöhte Bewusstseinssensibilität bereichern. Der konstatierte Wandel im Bereich von Sterben, Tod und Trauer lässt nun wieder Worte finden, anstatt zu schweigen. Noch ist die These der Todesverdrängung nicht ganz verhallt und die Geschichte der Tabuisierung des Todes zwingt den Einzelnen, sein Verhältnis zu Sterben und Tod (neu) zu klären.

Worin aber, so Schüle in „Der Zeitgenosse zwischen Recht und Sitte“ (Teil III) besteht die „höchste Kunst“ […], „eine Kultur des guten Sterbens zu schaffen?“ (S. 111). Gelingend meint mehr als gut und impliziert Selbstbestimmung, Autonomie und Freiheit, vereint in der Leitkategorie der Würde des Menschen. Wie aber definieren wir Menschenwürde und was ist dann unter Sterbenswürde zu begreifen? Schüle führt den Begriff des ‚Wohlergehens‘ ein und erläutert, wie sich dieser Wert auf Sterben und Tod anwenden lässt. Wenn das Wohlergehen des Sterbenden als Leitmotiv der Sterbewürde gilt, würde dies dem Sterbenden die Angst vor dem Sterben nehmen. Denn die Angst vor dem Sterben (nicht so sehr vor dem Tod selbst), ausgelöst durch Leidensbilder, Schmerz und Kampf, ist die größte aller Lebenden und lähmend in Bezug auf Freiheit und Selbstbestimmung. „Aus dem Leben zu scheiden in Unfreiheit, in der Verzweiflung über mein Scheitern, im Krampf eines würdelosen Abgangs – ich halte das für eine fürchterliche Vorstellung“ (S. 117). Das ideale Sterben ist mehr und mehr ein schmerzfreies Sterben und damit erlangt die Medizin respektive Palliativversorgung eine zentrale Schlüsselrolle für ein gelingendes Sterben. Schmerzlinderung ohne lebensverkürzende Wirkungen verstanden, der Grat zwischen menschenwürdiger Linderung und herbeigeführtem Tod ist dennoch schmal. Genauso eng die Passung zwischen sich selbst zu Tode bringen und vorzeitig herbeigeführtem Sterben. Das eröffnet der Grauzone zwischen passiver und aktiver Sterbehilfe, zwischen absolut selbstbestimmt und unfreiwillig ein weites Feld, das durch die Patientenverfügung als medizinethisches Instrument einen weiteren Mitspieler in der Hilfe im und beim Sterben bekommen hat. Mit dem Gedanken einer allumfassenden Kontrolle bis zum letzten Atemzug erfahren Selbstbestimmung und Anspruch auf ein gelingendes Sterben, einen guten Tod eine radikale Zuspitzung. Es fordert aber auch heraus, Suizid als eine Möglichkeit zuzulassen und damit allen gesellschaftlichen Folgeproblemen ins Auge zu sehen. Zumindest aus dieser Perspektive erscheint Sterben gestaltbar und nicht länger nur hinnehmbar; diese neue Fähigkeit gelingt aber nur, wenn das Bestimmbare auch kontrollierbar ist und gerät spätestens dann ins Wanken, wenn das Subjekt nicht mehr fähig ist, selbst zu lenken und zu steuern.

Selbstbestimmtes Leben impliziert auch Inszenierung und Selbstdarstellung im Angesicht des Todes („Der Zeitgenosse als Objekt seiner Bestattung“, Teil IV). Veränderungsprozesse zeigen sich insbesondere in einem gewandelten Trauerverhalten, durch Individualisierungstendenzen und Privatisierungstendenzen überformt, es zeigt sich aber auch an Abschiedsritualen, Gedenkformen und Bestattungspraktiken, an sinn-, stabilitäts- und ordnungsstiftenden Orientierungshilfen, um den Tod für den Einzelnen erträglicher zu machen. Wie wir im Spiegel gesellschaftlicher Säkularisierungs- und Pluralisierungstendenzen gegenwärtig damit umzugehen pflegen, zeigt Schüle u.a. beispielhaft an der Beerdigung von Lady Diana, ein Ereignis eines massenmedial inszenierten Trauerspektakels im Lichte einer sich immer weiter medial vernetzten Welt. Getrauert wird, so scheint es, der Trauer selbst willen, die bislang der Öffentlichkeit entzogenen und nun sichtbaren Bilder bekräftigen verschiedenste expressive Ausdrucks- und Gestaltungsformen im Spannungsfeld zwischen Verfall und Neuorientierung. Die individuellen Lebenswelten der Toten rücken zunehmend in den Vordergrund und damit die Tendenz, die Persönlichkeit des Toten rückgewandt in den Blick zu nehmen. Wenn Angehörige sich erinnern, dann nicht an den körperlichen Zerfall, es ist die Essenz der Person, die durch Erinnerungen unterschiedlichster Ausdrucksformen als Zielsubjekt adressiert wird. Eine angemessene Trauerkultur und das Gestalten individuellen Trauerverhaltens sind für eine Gesellschaft, die mit Tod und Zeit umzugehen vermag, unabdingbar. „‚Wer im Gedächtnis seiner Lieben lebt, der ist nicht tot, der ist nur fern; tot ist nur, wer vergessen wird‘. Ein unvergesslicher Satz. Trost, Verheißung, Wahrheit. Kant, Immanuel“ (S. 188).

Im abschließenden Teil „Die allerletzten Dinge“ resümiert der Autor vier Erkenntnisse über die Kunst eines gelingenden Sterbens, die er als grundlegend begreift. Mit der finalen Introspektion der Gedankenwelt Christian Schüles endet das Essay: „Ich weiß nicht, wo ich im letzten Moment meines Lebens sein werde. Ich weiß nicht, in welchem Zustand ich dann sein werde. Ich weiß nicht, ob ich das Glück habe, schnell, friedlich und schmerzbefreit zu sterben, oder das Unglück, in Schmerzen vom Leben ausgewrungen zu werden. Auch wenn ich all das nicht weiß und niemand es vor der Erfahrung je wissen kann, weiß ich eines gewiss: dass ich Herr über mein Sterben sein will. Ich weiß, dass dies jetzt geht. Ich weiß, dass ich anfangen muss, sterben zu lernen“ (S. 216).

Diskussion

Dass das eigene Leben endlich ist, weiß man zwar, setzt sich aber über diese Tatsache zumeist hinweg. Das hat zur Folge, dass die meisten Menschen darauf nicht vorbereitet sind. Das Dilemma, in dem wir stecken, wird Seite für Seite, Zeile für Zeile, Wort für Wort deutlicher. „Einfach so“ kann das Ende geistig nicht bewältigt werden. Es enthält die implizite Aufforderung nachzudenken, was es bedeutet, ein Leben zu leben, das endlich ist. Es heißt aber auch, neue Perspektiven auf das Ende zuzulassen. Selbstbestimmt und in Würde zu leben bedeutet, Sterben nicht aus der Hand zu lassen und es im Sinne von menschenwürdig sterben als selbstverständlichen Teil des Lebens zu betrachten, den man ebenso gestalten, formen wie lenken und steuern kann. Es bedarf umfassender Reflexionen, kontinuierlicher Auseinandersetzungen, ein Sterben lernen also, um den eigenen Tod nicht nur gedanklich vorwegzunehmen, sondern bewusst in das Leben zu integrieren. Eine solche Auseinandersetzung würde am Ende mehr Glück bedeuten. Dem Autor ist es wahrhaftig gelungen, einen Themenkomplex dieser Reichweite im Spannungsfeld gesellschaftlicher Omnipräsenz und privater Innerlichkeit dem Leser, der Leserin nicht nur gedanklich näher zu bringen. Der Autor stellt Fragen, die wir uns vielleicht noch nicht getraut haben, uns selbst zu stellen und schon gar nicht, sie zu beantworten; Fragen, die wir gerne beiseite legen und bei gegebenen Anlässen gerne auch wieder versperren. Sterben lernen heißt, Leben lernen und Leben lernen heißt, Sterben mitzudenken und miteinzubeziehen. Das Essay lebt von der großen Ehrlichkeit des Autors bei gleichzeitiger Sensibilität und großer Ernsthaftigkeit dem Thema gegenüber.

Fazit

Ein bemerkenswertes Buch zum Thema selbstbestimmtes Sterben, in dem es darum geht zu begreifen, dass man eben nicht Zeit seines Lebens das eigene Schicksal korrigieren und optimieren kann. Absolut empfehlenswert auf sprachlich exzellentem Niveau.


Rezension von
Dr. Doris Lindner
Institut Forschung & Entwicklung
Kirchliche Pädagogische Hochschule Wien/Krems
Homepage www.kphvie.ac.at
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Zitiervorschlag
Doris Lindner. Rezension vom 31.03.2014 zu: Christian Schüle: Wie wir sterben lernen. Ein Essay. Pattloch (München) 2013. ISBN 978-3-629-13042-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15762.php, Datum des Zugriffs 23.01.2022.


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