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Hanno Rauterberg: Wir sind die Stadt!

Cover Hanno Rauterberg: Wir sind die Stadt! Urbanes Leben in der Digitalmoderne. Suhrkamp Verlag (Frankfurt/M) 2013. 120 Seiten. ISBN 978-3-518-12674-5. D: 12,00 EUR, A: 12,40 EUR.

Reihe: edition suhrkamp - 2674.
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Thema

Gesellschaft ist Kommunikation (Luhmann) und Stadt ist Gesellschaft. Sie ist das verdichtete Spiegelbild der modernen Gesellschaft, die sozialräumliche Verteilung ihrer Bewohnerschaft spiegelt die soziale Schichtung und Ungleichheit wider, der Markt – in seinen Anfängen der bürgerlichen Stadt der Inbegriff von Kommunikation – spiegelt die ökonomische Kerndynamik wider, der urbane Lebensstil ist getragen vom Spannungsverhältnis von Privatheit und Öffentlichkeit, über ihre öffentlichen Bauten und Räume präsentiert sich auch immer noch jede Stadt.

Und doch haben wir Verschiebungen in den Formen der Kommunikation, vielleicht auch in den Formen der Präsentation im öffentlichen Raum. Der Strukturwandel der bürgerlichen Öffentlichkeit ist durch die neuen Formen digitaler Kommunikation nicht zu übersehen. Da aber ein urbaner Lebensstil unmittelbar mit der Öffentlichkeit verbunden ist – verändert sich dadurch auch der urbane Lebensstil – die Urbanität einer Stadt, die ja hauptsächlich von einer Öffentlichkeit getragen wird?

Autor

Hanno Rauterberg ist Kunsthistoriker und Redakteur im Feuilleton der Wochenzeitung „Die Zeit“.

Aufbau

Nach einer Einleitung gliedert sich das Buch in sechs Kapitel:

  1. Stadt und Gesellschaft
  2. Stadt und Technik
  3. Stadt und Ich
  4. Stadt und Wir
  5. Stadt und Gegenwart
  6. Stadt und Zukunft

Zur Einleitung

Seine Einleitung überschreibt der Autor mit dem in vielen Varianten bereits bekannten Satz „Die Stadt ist tot, es lebe die Stadt“. Es geht einmal um das Wiederbeleben der Kernstädte, wo man wieder wohnen will und nicht nur flanieren. Und es geht Rauterberg um die Frage, wem eigentlich der öffentliche Raum gehört angesichts seiner zunehmenden Privatisierung und „Boutiquisierung“, angesichts der Aneignung durch Hausrecht und der Vertreibung eines Publikums, das auch zur Stadt gehört: Wohnungslose, am Rande der Gesellschaft etablierte Menschen in prekären Lebenssituationen oder Menschen, die nicht wissen, wo sie hingehören.

Und es geht dem Autor um eine Form der Aneignung öffentlicher Räume von unten, ihre Besetzung und „Möblierung“ durch Menschen, denen die Unterscheidung von Privatheit und Öffentlichkeit nichts sagt für ihre Alltagsbewältigung.

Sicher haben sich die Präsentationsformen eines „politisch räsonierenden Publikums“ (Habermas) verändert. Das, was wir im 17. Jahrhundert im Zusammenhang der Entstehung einer Bürgerlichen Gesellschaft in den Städten beobachten, ist ja, dass sich das Bürgertum in der städtischen Öffentlichkeit präsentierte, ja die Stadt verstand als „conjuratio“ (Max Weber) als Verbrüderung gegen den Usurpator. Das ist die Emanzipationsgeschichte der europäischen Stadt. Und die europäische Stadt hat ihre eigene Dignität.

Sind die Protestbewegungen in vielen Metropolen dieser Welt ein Gegenargument für die Argumentation vieler Soziologen, dass sich die öffentlichen Diskurse inzwischen in den Chats, in Twitter, Facebook u. ä. Foren abspiele und nicht mehr in öffentlichen Debatten und Diskursen? Stadtforscher haben sich an dieser Debatte bislang wenig beteiligt. Und wenn es wirklich um das Wiederentdecken des Öffentlichen geht, von welchem Öffentlichen reden wir dann?

Der Autor konzentriert sich auf Europa und Nordamerika, wo er eine Neubesinnung auf das Öffentliche ausmacht, wenn er der Frage nachgeht, ob nicht durch die digitalmoderne Stadt auch die diskursive, argumentierende und politische handelnde Öffentlichkeit nicht nur einen Strukturwandel erfährt, sondern wiederbelebt wird.

Zu I. Stadt und Gesellschaft. Wie neue Lebensideale das urbane Leben prägen.

Menschen wohnen ja nicht nur in der Stadt, sie werden durch die Stadt, durch ihren Raum und dessen Strukturen auch geprägt. Deshalb macht ein Kind im Dorf andere Erfahrungen, nimmt Räume anders wahr, deutet den Gesamtkontext des Sozialraums Dorf anders als das Großstadtkind. Es muss etwas anderes Lernen als das Stadkind.

Die Kunst wird zum Leitmedium gewandelter Weltwahrnehmung, sie tritt aus dem Schatten der Selbstinszenierung heraus und wird zum Medium der Betrachtung, sie wird ein integraler Bestandteil des Urbanen; die Gestaltung des öffentlichen Raums wird nicht nur den dafür Berufenen überlassen – man gestaltet mit. Im Gegenzug wird für den Betrachter gestaltet, gebaut, geordnet – und nicht immer funktional.

Und längst hat sich durch die digitale Kommunikationstechnik das Arbeiten verändert. Wohnen und Arbeiten sind keine Gegensätze mehr, so wie es die Industriestädte heute noch suggerieren. Man arbeitet zu Hause, ja auch im öffentlichen oder quasi-öffentlichen Raum des Cafés, des Restaurants oder im Zug. Die Stadt wird Projektionsraum und Produktionsraum zugleich.

Das verändert das Verhältnis zum öffentlichen Raum, man trägt etwas eigentlich Privates in einen offenen, unvollständigen Kommunikationszusammenhang, der gleichzeitig Distanz ermöglicht - das ist ja die Chance von urbaner Öffentlichkeit.

Rauterberg bezieht sich dann auf Lefebvres „Recht auf Stadt“, wenn es um die Rückeroberung des öffentlichen Raums geht, um seine Aneignung von unten, seine Gestaltung von unten mit dem Vorverständnis, die Stadt gehöre allen. Und dann noch der Wunsch nach ungeregelten Räumen, deren Aneignung nur durch die regelbar ist, die ihn auch besetzen. Da greift der Autor auch auf amerikanische Beispiele des Urbanismus zurück und diskutiert sie.

Zu II. Stadt und Technik. Warum Computer das Stadtbewusstsein verändern.

Nicht erst mit dem Computer hat sich verändert, was man privat nennt und was öffentlich. Sicher: die Grenzen waren nie ganz klar. Aber die Medien tragen doch schon sehr vieles in den öffentlichen Raum, was eigentlich privat war. In den Nachmittags-Talksshows der Privaten erfahren wir, ob eine braune Unterhose sich besser trägt als eine blaue. Und jetzt der Computer, der den öffentlichen Raum besetzt hat. Nicht nur, dass man sich im Zug oder Café anhören muss, wie andere mit ihren Kollegen oder einer Freundin umgehen oder zusehen muss, dass man im Trainingsanzug und Schlappen Brötchen kauft. Es kommt zu einem Verfall des Öffentlichen und damit auch zu einem Verfall des Intimen (Sennett). Auch hier bringt der Autor eine Reihe von Bespielen, die diesen Prozess verdeutlichen. Die Grenzen verschwimmen, die Polarität von Privatheit und Öffentlichkeit, die für H. P. Bahrdt die Spannung erst erzeugt hat, die Urbanität ausmacht – diese Spannung ist eh´ schon nicht mehr vorhanden und allmählich verlieren beide Bereiche ihre Konturen.

Und man ist anders unterwegs – nicht mehr in Bewegung, sondern virtuell; das Ziel ist auch erreichbar, wenn man es mental erreicht.

Zu III. Stadt und Ich. Über das Bedürfnis, sich im öffentlichen Raum selbst zu erfahren.

Für das Bürgertum war sportliche Betätigung keine Präsentationsform im öffentlichen Raum und der Arbeiter brauchte keinen Sport, wenn er überhaupt Zeit dazu hatte. Heute – so der Autor – sind sämtlich denkbaren Sportarten im öffentlichen Raum präsent – oft einschließlich der dazu notwendigen Infrastruktur. Es geht nicht um Feste, Straßen-, Stadtteilfeste, religiöse Feste und Bräuche. Es geht um eine Art der aktiven Selbstinszenierung im öffentlichen Raum durch Sport, um das Bedürfnis, auf diese Weise zu zeigen, dass man dazu gehört. Da muss man präsent sein, das geht nicht mit dem Smartphone. Man will eine eigene Spur legen im öffentlichen Raum (Rauterberg). Damit setzt sich der Autor ausführlich auseinander und damit, dass man dem anderen auch zeigen will, wo man gerade ist und was man macht - und dazu braucht man dann doch das Smartphone!

Der Graffitisprüher als Flaneur der Gegenwart, als einer, der immer wieder an diesen Ort zurückkehrt, den er verlassen hat?

Graffittisprühern geht es um die Besetzung öffentlicher Räume als Gegenprogramm zu seiner eigentlichen sozialen Bestimmung, für alle dazu sein. Oder es geht um den Gegenpol zu seiner funktionalen Bestimmung des öffentlichen Raums als Markt, der Kunden und Verkäufer kennt. Es ist auch der Ruf: „Seht Leute, wir sind auch noch da, aber wir wollen nicht so sein wie ihr!“ Denn es sind oft die am sozialen Rande Stehenden, am Rande der Märkte, der öffentlichen Räume, der Rechte und der Institutionen, die sich auf diese Weise zeigen.

Dann geht es auch neue Formen der Verwurzelung im öffentlichen Raum, um das Besetzen von Brachen und um den Widerstand gegenüber einer Planung, die alles zubetoniert. Dabei sind es oft diejenigen, die auch Aktivitäten suchen, sich selbst wieder erkennen wollen in dem, was sie vollbracht haben – auch das beschreibt der Autor.

Zu IV. Stadt und Wir. Von der wachsenden Begeisterung für urbane Kollektive.

Ist die Stadt nicht mehr anonym? Bilden sich etwa Formen eines kollektiven Gedächtnisses heraus, das wie im Dorf Zugehörigkeit signalisiert? Oder sind diese urbanen Kollektive im Grund nur Zusammenschlüsse auf der Basis oberflächlicher Kontakte und Begegnungen, so wie man in der Stadt dem Nachbarn begegnet. Diese Fragen kommen beim Lesen dieses Kapitels. Ja, es gibt Abstufungen in der Dichte, der Vertrautheit mit den anderen, neue Zwischenformen entwickeln sich, Zweckbündnisse, die man auch wieder verlassen kann, wenn der Zweck erfüllt ist. Aber ist es denn wirklich so, dass der Fremde einem vertrauter wird und seine Bedrohlichkeit verliert, wenn man ihm auf einem Event nahe ist? Er bleibt doch Fremder, an dem man auch vorbeiginge, sich nicht für ihn interessierte, deshalb erschiene er auch einem nicht als bedrohlich, so lange man nichts mit ihm zu tun hat.

Die Fan-Gemeinde im Stadion oder beim Public Viewing ist eine Menschenmenge, die sich im Vollzug des Events nahe sind – vielleicht auch noch davor und danach – und dann?

Der Autor setzt sich mit einer Reihe von Eventformen auseinander, die die Großstadt heute bietet und nimmt sie als Indikator für eine Form integrativer Öffentlichkeit, zu der jedweder Zugang hat, der sich dafür interessiert.

Und dann gibt es noch Formen, wo man das Dörfliche in der Stadt wieder findet. Straßenfeste und andere Treffen, wo man gemeinsam isst und trinkt, unter freiem Himmel zusammensitzt, redet, sich austauscht.

Zu V. Stadt und Gegenwart. Auf der Der Suche nach einem anderen Leben.

Die Stadt war schon immer eine sich wandelnde. Vor allem die Großstadt war immer schon der Inbegriff gesellschaftlicher Veränderungen, von Fortschritt aber auch von sozialen Spannungen, ja sogar Verwerfungen und sozialen Problemen, die die Stadt auch heute noch ausmachen.

Vieles deutet darauf hin, dass man Altes erhalten möchte, sich sozial verorten möchte und Vertrauen gewinnen möchte in alt hergebrachte Strukturen und gewachsenen sozialräumliche Bedingungen des Lebens. Man sucht auch in der Stadt nach der Gemeinschaft, nach Formen traditioneller Vergemeinschaftung, die Zugehörigkeit und Anerkennung signalisieren und das Gefühl vermitteln, für andere von Bedeutung zu sein. Das alles deutet darauf hin – so der Autor – dass die ästhetische Struktur der Stadt einerseits auf ein abwechselungsreiches urbanes Leben verweisen will, andererseits aber auch auf Beharrung besteht und es weist darauf hin, dass sich auch die Art der Beteiligung an der Gestalt der Stadt verändert. Man will sich einmischen in die Gestaltung der res publica, deren Teil man ist; zumindest die, die sich als Teil der res publica verstehen können, wollen sich einmischen. Governance ist angesagt, eine Entwicklung, die längst vor Kairo, London und Madrid in den Städten sich etabliert hat.

Ob diese Entwicklung durch die Protestbewegungen in diesen Städten verstärkt wurde, ist zunächst auch hypothetisch.

Urbane Interventionen als Freizeitbeschäftigung oder als neue Form, dem öffentlichen Raum eine andere Bedeutung zu geben, ihn sich anders anzueignen? Sicher ist das Warten auf Genehmigungen und auf institutionelle soziale Kontrolle oft lästig und man nimmt es lieber selbst in die Hand. Das beschreibt der Autor an einigen Beispielen.

Es kommt zu einem zivilen Ungehorsam – und beides die urbanen Interventionen wie der Ungehorsam – werden ganz schnell im Internet bekannt und die digitale Öffentlichkeit diskutiert mit. Sie erreicht auch die, die nicht davon betroffen sind, weil sie weder in der Stadt wohnen, noch als Aktivisten an diesen Interventionen beteiligt sind. Ohne das Internet währen viele Entwicklung aus Amerikas Städten in Europa nicht bekannt und vice versa. Auch das ist Stadt und städtisches Leben und Kommunizieren. Der Autor beschreibt dies unter dem urbanen Pop-up-Prinzip. Es geht um eine neue Mitmachkultur und bei der Beschreibung der Grenzen dieser Kultur taucht zum ersten Mal beim Autor die Frage auf, was Initiativen und Aktivisten ausrichten können gegen die sozialen Verwerfungen der Stadt, ihrer Spaltung in privilegierte und deprivierte Sozialräume, die auch zur sozialen Spaltung führt, weil deren Bewohner sich im öffentlichen Raum nicht mehr begegnen. Wo könnten die eigentlich mitmachen, denen wir sozialräumlich und sozial signalisieren, dass sie eigentlich nicht mehr dazugehören, wir sie nicht mehr brauchen, weil sie für die Stadt weder sozial attraktiv sind noch kulturell inspirierend sind? Hier ist z. B. die Frage, ob die vom Autor aus Wien zitierten Formen des Tauschens und Containerns aus einer Not geboten wurde, in der Stadt zu überleben, weil der Sozialstaat nicht in der Lage ist, solche Menschen aufzufangen. Überlassen wir es wieder den Armen selbst, sich um ihr Überleben zu sorgen, verteilen wir wieder Almosen i einem modernen Wohlfahrtsstaat der sich aus der Verantwortung stiehlt?

Und ob die Stadtplanung vom urbanen Aktivismus überhaupt profitieren will, ist angesichts anderer Entwicklungen, die wir kennen zumindest ambivalent, wenn nicht sogar bezweifelbar. Der Autor beschreibt ja auch die Grenzen der Partizipation. Sicher haben wir solche prominenten Highlights, die gerne auch publiziert werden. Aber die Menge der Stadtplanungen verlaufen nach der Logik einer ganz anderen Realität. Der Autor spricht von Überforderungen beiderseits. Es ist eigentlich nur die Überforderung der Politik und der Verwaltung, die bisher keine Verfahren entwickelt haben, in denen Bürgerwille zum Gestaltungswillen wird, obwohl wir sie kennen. Die sind genau darauf angelegt, dass Bürger ihre Interessen auf Augenhöhe formulieren könnten, ohne dass sie gleichzeitig expert sein müssen. Sie sind expert für ihre eigene Lebensgestaltung. Diese Verfahren sind aber zu langatmig und zu teuer und sie gehorchen nicht der kapitalistischen Verwertungslogik des Kapitals und Bodens.

Zu VI. Stadt und Zukunft. Der Urbanismus von unten und die Folgen

Die Stadt ist Stadt, wenn sie die Spannung, die sie selbst erzeugt auch aushält – sie muss sie nicht lustvoll aushalten. Der Städter lernt, jene Ambiguitätstoleranz zu entwickeln, die man braucht, um mit Widersprüchlichem, Unerwartetem, Überraschendem, Ambivalenten umzugehen, die eh´ immer schon die Stadt ausgemacht haben und die die Stadt vom Dorf unterscheiden. Jener öffentliche Raum, der als klassischer öffentlicher Raum allen, aber wirklich allen zugänglich ist, schrumpft; der, der Partialinteressen gilt und nur denen auch offen steht, wächst für die Privilegierten. Vielleicht geht es gar nicht um Aufenthaltsqualität, sondern um Zugänge, um die Frage, wie die Differenzen der unterschiedlichen Aneignungsstrategien unterschiedlicher Gruppen ihren Platz finden und ausgehalten werden.

Sicher ist ein überwachter Raum kein wahrhaft öffentlicher Raum, seine Offenheit schwindet in dem Maße, wie er durch die Kontrolle andere Gruppen ausschließt oder verdrängt.

Und noch einmal eine Auseinandersetzung mit dem öffentlichen Raum, in dem alles möglich ist und deshalb bleibt er auch letztlich diffus. Hat der öffentliche Raum sich wirklich verabschiedet von seiner Bedeutung als bürgerlich-emanzipierender Raum einer politischen Öffentlichkeit oder hat er nur seine Gestalt und seine Funktion verändert? Und es war auch nie das Idealbild der städtischen Gesellschaft, dass jeder mit jedem im öffentlichen Raum kommuniziert. Im Gegenteil. Georg Simmel hat in seinem Aufsatz über „Die Großstädte und das Geistesleben“ gerade jene Eigenschaften des Städters, nämlich reserviert, blasiert und intellektualisiert zu sein, als notwendige Schutzmechanismen des Städters gegenüber jedwedem Übergriff jedes einzelnen auf den jeweils anderen im öffentlichen Raum beschrieben. Und der urbane Raum wird nur dort zum Raum der Kooperation, wo Menschen befähigt sind, im öffentlichen Raum zu kooperieren. Die Struktur des öffentlichen Raums ist vielleicht eine notwendige, schon gar nicht eine hinreichende Bedingung für öffentliche Kooperation. Und was für die Stadt insgesamt gilt, gilt für ihre öffentlichen Räume insbesondere: als ein Ort des Widerstreits, der unterschiedlichen Wertvorstellungen und daraus abgeleitet auch als ein Ort tritt sie nicht mit dem Anspruch an, alle vollständig zu integrieren. Sie integriert ganz viele nicht und sie integriert eigentlich alle immer nur unvollständig. Sie ist kulturell heterogen und sozialstrukturell ungleich – und das war sie eigentlich schon immer – sonst wäre sie keine Stadt.

Diskussion

Ein anderer Blick auf die Stadt. Auch eine andere Perspektive, von der die Frage diskutiert wird, wie sich Öffentlichkeit und öffentliche Räume im digitalen Zeitalter verändern. Es ist ein feuilletonistischer Blick auf die Stadt, ihre ökonomische und soziale Kerndynamik in einer modernen Gesellschaft werden nur rudimentär erörtert. Zumindest analytisch gehören sie aber konstitutiv dazu, denn erst diese Kerndynamik macht die Stadt zur Stadt.

Und wir kennen natürlich solche Städte, die hier betrachtet werden, aber wir kennen eine ganze Reihe anderer Städte, in denen sich das nicht entfaltet, was hier mit dem Umgang mit öffentlichen Räumen von unten beschrieben wurde.

Für den Stadtanalytiker ist diese Betrachtungsweise sicher auch bereichernd und dennoch muss er ab und zu innehalten und genau überlegen, ob die hier zur Diskussion stehenden Phänomene jetzt typisch sind für die Stadt der digitalen Spätmoderne, weil es die Stadt nicht gibt. Oder sind es Erscheinungsformen, die in einigen Metropolen auch auftreten und neben vielen anderen Erscheinungen der Großstadt für diese auch typisch geworden sind.

Sicher hat sich der Charakter des Öffentlichen verändert angesichts moderner Entwicklungen in der Kommunikationstechnik. Die Frage ist nur, für wen hat sich diese Öffentlichkeit verändert – für alle oder ist es ein struktureller Prozess, an dem nur nicht alle beteiligt sind?

Auch das, was wir mit urbaner Lebensweise meinen, ist einem Veränderungsprozess ausgesetzt und in der post-industriellen Stadt hat sich gerade die hier beschriebene Entwicklung einer neuen Arbeits- und Kommunikationskultur, ja sogar Alltags- und Wohnkultur erheblich verändert. Das verändert auch den Umgang mit dem öffentlichen Raum und hier finden wir in den Metropolen eine Reihe empirischer Beispiele – aber eben nur dort.

„Wir sind Stadt!“ können bestimmte gesellschaftliche Gruppen sagen, um die sich das dreht, was hier beschrieben wird. Andere wiederum werden sagen: „Die sind die Stadt – wir nicht!“ „Von unten“ suggeriert möglicherweise etwas anderes als das, was hier der Autor meint.

Fazit

Ein bereicherndes Buch, wenn man die Stadt auch anders kennt und ein von Erfahrung und Kenntnis durchtränktes Buch über einen bestimmten Typus von Stadt oder bestimmte Dimensionen der Stadt im Kontext der Digitalmoderne.


Rezension von
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor em. Arbeits- u. Praxisschwerpunkte: Gemeinwesenarbeit, stadtteilorientierte Sozialarbeit, Soziale Stadt, Armut in der Stadt Forschungsgebiete: Stadtsoziologie, Stadt- und Gemeindeforschung, soziale Probleme und soziale Ungleichheit in der Stadt
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Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 10.12.2013 zu: Hanno Rauterberg: Wir sind die Stadt! Urbanes Leben in der Digitalmoderne. Suhrkamp Verlag (Frankfurt/M) 2013. ISBN 978-3-518-12674-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15763.php, Datum des Zugriffs 15.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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