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Paul Verhaeghe: Und ich? Identität in einer durchökonomisierten Gesellschaft

Cover Paul Verhaeghe: Und ich? Identität in einer durchökonomisierten Gesellschaft. Verlag Antje Kunstmann GmbH (München) 2013. 251 Seiten. ISBN 978-3-88897-869-2. D: 19,95 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 28,50 sFr.
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Thema

Noch nie, heißt es, ging es uns so gut – doch noch nie haben wir uns so schlecht gefühlt. Die neoliberale Ideologie durchdringt unser Leben inzwischen bis in den letzten Winkel: Sie prägt unsere Selbstwahrnehmung, unsere Beziehung zu unserem Körper, unseren Partnern und Kindern – in anderen Worten, unsere Identität. Offenbar hat die neue Freiheit und Selbstverantwortung eine dunkle Kehrseite. Ihre implizite Botschaft lautet: Jeder kann perfekt sein, jeder kann alles haben. Wer versagt, hat sich nicht genug angestrengt; wer scheitert, ist allein schuld. Beschämung und Schuldgefühle sind die Folge, Wut, Aggression und diffuse Trauer, Selbstzweifel und »bipolare Störungen« – oder gar Täuschung und Betrug, wenn es gilt, die ausufernden Leistungskataloge der modernen Arbeitswelt zu erfüllen. In einer furiosen Anklage zeigt der Psychoanalytiker Paul Verhaeghe, welche Auswirkungen das Selbstverständnis einer Gesellschaft, die jeden Lebensbereich unter das Diktat der Ökonomie stellt, auf die Psyche der Menschen hat.

Autor

Paul Verhaeghe ist klinischer Psychologe und Psychoanalytiker und lehrt als Professor an der Universität Gent. Der international renommierte Freud- und Lacan-Spezialist ist Autor mehrerer Bücher, u.a. des Bestsellers „Liebe in Zeiten der Einsamkeit“ (1998), „Über Normalität und andere Erkrankungen“ und „Das Ende der Psychotherapie“.

Aufbau und Inhalt

Der Autor geht vom Grundgedanken aus, dass es Identität nicht an sich gibt, sondern dass diese großteils vom Umfeld abhängt. Wenn heute viele Menschen egoistisch oder auch gewalttätig handeln, dann sagt dies also etwas über die Gesellschaft aus. Aufbauend auf sein erstes Buch, in dem der Autor über den Zusammenhang zwischen psychischen Störungen und gesellschaftlichen Veränderungen untersucht, geht er nun davon aus, dass die Folgen dieser gesellschaftlichen Veränderungen wesentlich weiter reichen: „Die neoliberale Organisation und der Gesellschaft bestimmt das Verhältnis zu unserem Körper, unserem Partner, unseren Kollegen, unseren Kindern – also zu allem, was unsere Identität ausmacht.“ S. 9

Das Buch startet also mit Fragen der Identität, geht über Ethik und Wissenschaft zur Frage des Wesens des Menschen. Der Mensch kennt, evolutionär bedingt, sowohl die Neigung zur Solidarität als auch die zum Egoismus. Welche Tendenzen überwiegen, wird von äußeren Einflüssen bestimmt, sprich dem „narrativen Ganzen“ der jeweils dominanten Gesellschaftsform. Im nächsten Abschnitt wird die Enron-Gesellschaft charakterisiert als neoliberale und marktfundamentalistische Gesellschaft. Mit dem Neoliberalismus wird die gegenwärtig aktuelle „Große Erzählung“ charakterisiert, die seit 30 Jahren unser Denken kolonialisiert. Das grundsätzlich positive Prinzip der Meritokratie, nach der im Idealfall jede Person in einer Gesellschaft die aufgrund von Talent und Einsatz verdiente Position einnimmt und entsprechend entlohnt wird, hat sich zu einem Sozialdarwinismus gewandelt, in dem die messbare Produktivität zum zentralen, wenn nicht einzigen Kriterium des „idealen Menschen“ geworden ist.

Der Autor kritisiert (zu Recht), dass in neoliberalen Gesellschaften des Westens ein Diktat der Ökonomie regiert, und alles, was sich nicht in Zahlen fassen lässt, systematisch ausgeblendet wird. Während es dem klassischen Liberalismus noch darum ging, eine strikte Trennung von Staat und Gesellschaft aufrecht zu erhalten und lediglich sogenannte „Exzesse“ des Sozialstaats (S. 111) eindämmen wollte, strebt der Neoliberalismus danach, den Staat dem vermeintlich freien Markt zu unterwerfen. Am Beispiel von Krankenhäusern und Universitäten wird dies näher geschildert.

Im nächsten Abschnitt wird Identität als machtlose Machbarkeit charakterisiert. Da auch das Bildungssystem der Ideologie des Neoliberalismus folgt und Lernen als wertfreie Investition mit dem Ziel des Selbstmanagements und Unternehmertums sieht, entwickeln sich junge Menschen dem Autor zufolge (allerdings ohne empirische Belege der These) „zu konkurrierenden Individualisten mit wenig Gefühl für Solidarität“ (154). Mit „machtloser Machbarkeit“ ist gemeint, dass entgegen der neoliberalen Suggestion, dass Erfolg von den eigenen Anstrengungen und Talenten abhängt, auch Grenzen des Selbstmanagements und der gezielten Identitätsentwicklung bestehen, die angesichts hoher Erwartungen schnell zum Gefühl von Machtlosigkeit führen. Die Kehrseite der vermeintlichen Freiheit, alles tun und lassen zu können, ist demnach ein zunehmender Erfolgsdruck. Eine Gesellschaft, die das Gewinnen zum obersten Ziel erklärt, produziert viele Verlierer – und schreibt diesen die Schuld an ihrem Schicksal zu. Als Folge der ideologisch untermauerten Selbstoptimierung werden neue Störungen identifiziert, welche bei Erwachsenen v.a. Depressionen und Angststörungen und bei Kindern ADHS und Autismus sind (180). Der Eingangs behauptete Zusammenhang von Identität, persönlicher Entwicklung und dem Lebensumfeld wird hier mit Verweis auf unterschiedliche Studien und Literatur belegt. So argumentiert z.B. Sennett, im Buch Respekt im Zeitalter der Ungleichheit, dass zu viel Ungleichheit zu einem Verlust von Respekt auch sich selbst gegenüber führt. Psychische Störungen werden in Folge nicht als individuelle Krankheiten, sondern als Ausdruck umfassender gesellschaftlicher Probleme charakterisiert.Zum Abschluss wird ein Ausblick auf „das gute Leben“ angestrebt, der allerdings auch großteils aus Kritik an bestehenden Zuständen besteht und neben Zivilcourage und Solidarität Verhaltensänderungen durch Wertewandel sowie eine neue Balance von Individualität und Gemeinschaft fordert.

Diskussion

Das Buch ist ausschweifend geschrieben, es wird z.T. umständlich und nicht auf den Punkt kommend argumentiert, und immer wieder setzt der Autor auf Polemik, die nicht notwendigerweise mit den versprochenen ethischen Stellungnahmen (S.9) einhergehen müsste. Der assoziative Stil, der sich häufig in einer Anhäufung von Schlagwörtern verliert, nimmt der Argumentation Klarheit und Kraft. Eine präzisiere Argumentation sowie auch die bessere empirische Fundierung der zentralen Aussagen hätte dem wichtigen und im Kern sicher gut analysierten Thema besser getan. Das Kapitel zu psychischen Störungen ist hierbei eine Ausnahme, es ist stringenter und klarer argumentiert, als die anderen Teile. Das letzte Kapitel wiederum ist eher dünn argumentiert.

Fazit

Der Autor behandelt die zentrale und sehr berechtigte Frage, wie sich ca. dreißig Jahre neoliberale Ideologie auf unsere Identität auswirken und unser Denken kolonialisieren, seine Kritik an bestehenden Zuständen ist weitgehend berechtigt und berührt wesentliche Probleme gegenwärtiger westlicher Gesellschaften. Insbesondere die Beschreibung des Zwangs zu kontinuierlichem, alle Lebensbereiche durchdringendem self management, begleitet von einer Rücknahme kollektiver Verantwortung z.B. im Rahmen abgesicherter Sozialstaaten sowie der Folgen dieser Entwicklung ist m.E. sehr treffend.


Rezensentin
Prof. Dr. Ruth Simsa
Wirtschaftsuniversität Wien
Institut für Soziologie, NOP Institut
Homepage www.ruthsimsa.at
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Zitiervorschlag
Ruth Simsa. Rezension vom 01.10.2014 zu: Paul Verhaeghe: Und ich? Identität in einer durchökonomisierten Gesellschaft. Verlag Antje Kunstmann GmbH (München) 2013. ISBN 978-3-88897-869-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15764.php, Datum des Zugriffs 26.04.2017.


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