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Lisa Katrin Schürmann: Motivation und Anerkennung im freiwilligen Engagement

Cover Lisa Katrin Schürmann: Motivation und Anerkennung im freiwilligen Engagement. Kampagnen und ihre Umsetzung in Internet und Social Media. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2013. 120 Seiten. ISBN 978-3-658-01752-1. D: 29,99 EUR, A: 30,83 EUR, CH: 37,50 sFr.

Reihe: Results.
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Thema

Freiwilliges Engagement hat als Thema europaweit Konjunktur! Spitzenreiter im Engagement, gemessen an dem Anteil der Bevölkerung, die engagiert sind, sind neben den Niederlanden auch Schweden. In Deutschland und in der Schweiz befindet sich dieses auf hohem Niveau, die Staaten des ehemaligen Ostblocks haben Aufholbedarf und auf dem Balkan besteht solcher auch. Dennoch sind es in Europa fast ein Viertel der Menschen über 15 Jahre, die engagiert sind. Damit dieses so bleibt, vielleicht noch mehr wird, aber vor allem, um dem vielfältigen Tun der Engagierten mehr öffentliche Präsenz zu geben, ernannte der Rat der Europäischen Union das Jahr 2011 zum „Europäischen Jahr der Freiwilligentätigkeit“. Dieses Jahr nimmt Lisa Katrin Schürmann zum Ausgangspunkt ihres Themenfeldes und analysiert drei Kampagnen aus Deutschland, Schweden und der Schweiz, die dieses Schwerpunktjahr begleiteten. Dabei fokussiert sie insbesondere die Umsetzung der Kampagnen in Internet und Social Media, um aufbauend auf motivationspsychologischen Modellen, angepasst an die gewandelten Motive freiwillig Engagierter und auf der Kampagnenanalyse, einen Praxisleitfaden mit 13 Schritten zu entwickeln, der sich (nicht nur) an Verantwortliche in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit in Non-Profit-Organisationen wendet, die die Anerkennungs- und Partizipationskultur, für die bei ihnen freiwillig Engagierten, um ein zeitgemäßes Medium ergänzen wollen. Auch das Thema Online-Volunteering „schimmert“ im Buch „immer mal wieder durch“, ein Thema, das im Vorjahr Eugen Baldas (2012) im Zuge des Rück- und Ausblickes auf zehn Jahre freiwilliges Engagement bei der Caritas in Europa anlässlich des Schwerpunktjahres (2011), nach Kenntnis des Rezensenten erstmalig, in dieser Deutlichkeit aufgegriffen hat und als die zentrale Herausforderung an die nächste Zukunft so beschrieben hat, dass selbst ein virtuelles Freiwilligenzentrum (nicht nur) für ihn bald Wirklichkeit werden sollte.

Autorin und Entstehungshintergrund

Lisa Katrin Schürmann, M.A. ist Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bei einer Non-Profit-Organisation. Der Titel ist eine überarbeitete Fassung ihrer Master-Thesis, die im Studiengang Multimedia-Didaktik im Vorjahr an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg eingereicht wurde.

Die Reihe „Results“ des Springer VS Verlages, in der dieses Buch erschien, präsentiert fachliche Expertisen in konzentrierter Form auf maximal 120 Seiten.

Aufbau und Inhalt

In der Einleitung beschreibt die Autorin ihren Ausgangs- und Anknüpfungspunkt für das Buch: das „Europäische Jahr der Freiwilligentätigkeit“ 2011, dessen Ziele dargestellt werden. Einige Daten beleuchten das Freiwillige Engagement in Europa und es wird verdeutlicht, dass aus EU-Expertensicht Kampagnen angezeigt sind, die Freiwilligentätigkeit in einem „helleren“ Licht zeigen, neues Engagement anregen und bereits freiwillig Engagierte „bei der Stange halten“. Bevor Lisa Katrin Schürmann dann den roten Faden für ihre Leser durch das Buch auslegt, benennt sie die Ziele ihres Buches: ein genauer Blick auf öffentlichkeitswirksame Kampagnen im Rahmen des Europäischen Jahres der Freiwilligentätigkeit 2011 verbunden mit der Frage, inwieweit es gelingen kann, bereits Engagierte in ihrer Engagemententscheidung zu bestärken und bisher noch nicht freiwillig Tätige, für ein Engagement zu gewinnen.

Im zweiten Kapitel „Freiwilliges Engagement“ befasst sich das Werk neben Konzepten von Freiwilligkeit, in Abgrenzung mit dem Ehrenamt, Bürgerschaftlichem Engagement und freiwilligem Engagement, dessen Begriff fortan im Buch auch zentral Verwendung finden wird. Im Weiteren wird zwischen formellem und informellem Engagement unterschieden und ein historischer Streifzug durch die Entwicklung des freiwilligen Engagements, ausgehend von der Preußischen Städteordnung von 1808, bis in die Zeit nach der Wiedervereinigung, vorgenommen. Dann wird der Wandel vom „alten“ zum „neuen“ Ehrenamt beleuchtet. Einige ausgewählte Blickwinkel in den Freiwilligensurvey 2009 (Gensicke & Geiss, 2010) vervollständigen dieses Kapitel. Hier werden die Bereiche des Engagements aufgezeigt, das Engagement von Frauen und Männern thematisiert, Bildung und Alter als beeinflussende Faktoren betrachtet und auf das vorhandene Engagementpotential verwiesen.

Das dritte Kapitel „Motivationspsychologische Grundlagen“ liefert zunächst Begriffsdefinitionen zu Motiven und Motivation. Im Anschluss wir zwischen extrinsischer und intrinsischer Motivation unterschieden und dazu auf zwei Theoriegebäude zurück gegriffen. Egoistische und altruistische Motivation schließen sich als weiteres gegensätzliches Motivationstypenpaar an. Ein Fazit mit Klärung der Relevanz der theoretischen Ausführungen für die folgenden Ausführungen schließt das Kapitel. Im Folgekapitel wird der Forschungsstand zur Motivation freiwilligen Engagements näher betrachtet. Hier wird auf gewandelte Motive eingegangen und die aktuelle Lage der Motive, beruhend auf den Aussagen des Freiwilligensurveys 2009, beschrieben. Motivationstypen freiwilligen Engagements und der funktionale Ansatz zur Motivation freiwillig Engagierter werden in den Fokus genommen, bevor wiederum ein Fazit mit einer Einordnung der Motive freiwillig Engagierter, auch dieses Kapitel schließt.

Das fünfte Kapitel befasst sich mit dem Einsatz von Internet und Social Media für die Motivation freiwillig Engagierter. In einer Begriffsdefinition des Web 2.0 wird auf sieben zentrale Aspekte (O´Reilly, 2005) eingegangen und in der Folge, Social Media und Social Web definiert. Nachdem zunächst allgemein auf Motive zur Nutzung von Social Media eingegangen wird, wird anschließend die Nutzung von Internet und Social Media im Blick auf freiwilliges Engagement beleuchtet. Hier betrachtet die Autorin im Folgenden die Kriterien „Alter“, „Bildung“ und „Geschlecht“ in Bezug auf mögliche Begrenzungen der Erreichbarkeit über das Netz. Dann verweist sie noch auf Daten des Freiwilligensurveys, in dem eine Zunahme der Internetnutzung in bestimmten Engagementbereichen verzeichnet werden konnte und auch Gründe für die Nutzung des Internets im Zuge freiwilligen Engagements nachlesbar sind. Der Einsatz von Social Media in der Kommunikation mit Engagierten wird als die zentrale, aktuelle Herausforderung für Freiwilligenmanagerinnen und -Manager benannt. Ein Fazit, das den Nutzen von Internet und Social Media zur Motivation freiwillig Engagierter herausstreicht, rundet erneut auch dieses Kapitel ab.

Im sechsten Kapitel ist der Leser bei der Untersuchung dreier europäischer Fallbeispiele angekommen, deren Analyse im Schulterschluss mit den theoretischen Grundlagen die Basis eines Praxisleitfadens bilden soll. Für Deutschland wird die Diakonie-Kampagne „Da sein, nah sein, Mensch sein: Freiwillig engagiert“ des Jahresschwerpunktes 2011 von der Autorin strukturiert untersucht. In Schweden, wo das freiwillige Engagement (neben den Niederlanden) in Deutschland, vom Umfange der Engagierten her, noch übertroffen wird, wird die Kampagne „Vi vill ha din berättelse – Voluntärberättelser“ 2011 (sinngemäß: Wir wollen deine Geschichte – Freiwilligengeschichten 2011) des Voluntärbyrån (landesweit tätiges Freiwilligenbüro) untersucht und in Schweiz untersucht Lisa Katrin Schürmann die Kampagne „Herz sei Dank“ in der Trägerschaft des Migros Kulturpozent, die vor allem auf informell Engagierte abhob (weil dieses Engagement auf wissenschaftlichem Terrain in der Schweiz ein besonderes Augengenmerk erhält) und zudem dreisprachig angegangen wurde.

Beim Diakonischen Werk in Deutschland wurden in der Kampagne 2011 Steckbriefe von Engagierten zusammen getragen, in Schweden wurden Interviews mit freiwillig Engagierten publiziert und in der Schweiz konnten die Adressaten und Nutznießer von informellem, freiwilligen Engagement, Engagierte melden, die auf dem Internetauftritt in einer „Karte der guten Taten“ der Schweiz eingetragen wurden. Die Meldenden erhielten ein kleines Geschenk, das sie an die Engagierten, von deren Tun sie profitierten, als kleinen Dank weiter leiten konnten. Die Autorin beschreibt die Kampagnen dezidiert, sowohl mit ihren offline-, wie auch online-Aktivitäten innerhalb der Kampagne, zeigt auf, welche (Human-) Ressourcen eingesetzt wurden, klärt den Einbezug von Engagierten in die Kampagne und welche Rolle Facebook, Twitter, YouTube und Co. innerhalb der Kampagne einnahmen. Im Focus der drei Kampagnen standen die hohe Zahl der Engagierten in den drei Ländern, die zum Bleiben und Weitermachen angeregt werden sollten, daneben auch die gewandelten Motive zum Engagement und natürlich sollte in einem weiteren Effekt, auch neue Engagierte gewonnen werden. Die Autorin arbeitet im Anschluss an die ausführlichen, strukturierten Vorstellungen der Kampagnen noch einmal pointiert die Unterschiede, Gemeinsamkeiten und Besonderheiten heraus.

Hieran schließt sie im siebten Kapitel 13 Schritte für eine online-gestützte Öffentlichkeitsarbeit (mit einem Schwerpunkt auf Kampagnen) in Organisationen, die freiwilligem Engagement in ihrer Anerkennungskultur angemessen begegnen möchten und neues Engagement gewinnen möchten, an. Hier zeigt sie u. a. mit Verweis auf Thomas Kegel (2002) und mit Reifenhäuser, Hoffmann und Kegel (2009) auf, dass alle anderen bedeutsamen Aspekte der Implementation eines Freiwilligenmanagement zunächst in der Organisation geklärt sein müssen, bevor es überhaupt Sinn macht, über Online-Kampagnen nachzudenken und bspw. dass zur Online-Planung immer auch eine Offline-Planung gehört, da ja nicht alle Engagierten (abhängig bspw. vom Lebensalter, vom Bildungsstand) eine gleichermaßen ausgeprägte Internet-Affinität aufweisen. Hier zeigt Lisa Katrin Schürmann auf, wie Motive des Engagements gezielt anzusprechen sind, wie, welche u. U. vorhandenen Hemmnisse anzusprechen sind, wie Partizipation umzusetzen ist und der Austausch angeregt wird. Das Aufzeigen möglicher Einsatzfelder dieses 13-schrittigen Praxisleitfadens schließt dieses vorletzte Kapitel, dem dann eine Zusammenfassung und ein Ausblick folgen, in dem sie die weiteren Aktivitäten nach 2011 bei den Kampagneträgern ihrer Fallbeispiele aufzeigt.

Diskussion und Fazit

Beim Beginn der Lektüre dieses kompakten Buches liest sich dieses wie eine wissenschaftliche Abschlussarbeit, die es im Ursprung ja auch war. Es wird (sauber) definiert, es werden theoretische Grundlagen ausgebreitet, ein historischer Rückblick eingeflochten usw. Beim weiteren Lesen, zeigt sich, das manches davon durchaus auch Ziel führend war, weil die Autorin Rückgriffe macht und Inhalte verknüpft. Richtig spannend wird das Werk dann mit den Praxisbeispielen, deren Auswahl bereits überzeugt. Hier wird über den deutschen Tellerrand geschaut und damit Neuland betreten. Welch überraschend innovative Ideen in Schweden und in der Schweiz „ausgebrütet“ wurden, um die Anerkennungs- (und Partizipations-) kultur für die freiwillig Engagierten auf Internet und Social Media auszuweiten. Dass freiwilliges Engagement eine Anerkennungs- und Partizipationskultur in der Organisation braucht, kommt bei Lisa Katrin Schürmann ebenso selbstverständlich daher, wie auch die Tatsache, dass dieses in ein komplexes Freiwilligenmanagement eingebunden ist. Ein Freiwilligenmanagement, wie es Carola und Oliver Reifenhäuser in ihrem Praxishandbuch erst vor kurzem, topaktuell und vollständig erfasst, dem interessierten Lesepublikum präsentiert haben (siehe Rezension vom gleichen Rezensenten unter socialnet.de/rezensionen). Der von Lisa Katrin Schürmann grundsolide entwickelte Praxisleitfaden „macht sich ausgesprochen gut“ daneben im Bücherregal, da er die Anerkennungs- und Partizipationsmöglichkeiten innerhalb eines professionellen Freiwilligenmanagements um wichtige und vor allem zeitgemäße, wie auch zukunftsweisende Aspekte ergänzt.

Wichtig ist in diesem Buch auch das Thema „online-volunteering“, das zwar keinen breiten Raum erhält, aber mit einer gewissen Selbstverständlichkeit, im Sinne von: ja das ist ein (neuer) Weg, auf dem man sich auch freiwillig engagieren kann, aufgegriffen wird. Das ist deshalb wichtig, weil es als Thema nun bereits wiederholt, in Neuerscheinungen aufgegriffen wird, so dass der Weg bis zur (breiteren) Verwirklichung wohl doch nicht mehr so weit scheint.


Rezensent
Prof. Dr. Harmut Bargfrede
lehrt am Studiengang Sozialmanagement der Hochschule Nordhausen u. a. das Vertiefungsgebiet „Bürgerschaftliches Engagement, Freiwilligenmanagement und Bürgerstiftungen“


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Zitiervorschlag
Harmut Bargfrede. Rezension vom 20.11.2013 zu: Lisa Katrin Schürmann: Motivation und Anerkennung im freiwilligen Engagement. Kampagnen und ihre Umsetzung in Internet und Social Media. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2013. ISBN 978-3-658-01752-1. Reihe: Results. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15777.php, Datum des Zugriffs 17.10.2018.


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