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Katrin Hauenschild (Hrsg.): Diversity education

Rezensiert von Prof. Dr. Nina Kölsch-Bunzen, 10.02.2015

Cover Katrin Hauenschild (Hrsg.): Diversity education ISBN 978-3-95558-013-1

Katrin Hauenschild (Hrsg.): Diversity education. Zugänge - Perspektiven - Beispiele. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2013. 348 Seiten. ISBN 978-3-95558-013-1. 34,90 EUR.
Reihe: Bildung in der Weltgesellschaft - 6. Wissen & Praxis - 171.

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Entstehungshintergrund und HerausgeberInnen

Die interdisziplinäre Arbeitsstelle diversitAS (DIVERSITÄT – MIGRATION – BILDUNG, ehem. AG Interpäd) an der Philosophischen Fakultät der Leibniz Universität Hannover, seit 2012 unter der Leitung von Steffi Robak am Institut für Berufspädagogik und Erwachsenenbildung angesiedelt, befasst sich nun schon annähernd drei Jahrzehnte mit den „Folgen von Globalisierung und Migration für Bildungsprozesse in Deutschland und weltweit“ (9). Der vorliegende Sammelband ist der sechste Band einer Reihe unter dem Titel „Bildung in der Weltgesellschaft“. Harry Noormann, Dekan der Philosophischen Fakultät Hannover, und Asit Datta, der ehemalige Vorsitzende der Arbeitsstelle diversitAS und Herausgeber der Reihe, beschreiben die Entwicklung der Arbeitsstelle im Rückblick: „Sie hat dabei den Wandel des Theoriediskurses von der Kritik an der Ausländerpädagogik über Konzepte des Interkulturellen und der „Dritte-Welt-Pädagogik“ bis zur Dekonstruktion eines hermetischen Kulturbegriffs kritisch begleitet und selbst vollzogen.“ (9) Als Ziel der Buchreihe gilt: „Die Bände dieser Reihe und die Arbeiten ihrer Autorinnen und Autoren dokumentieren eine dynamische Weiterentwicklung von diversitAS in Aufnahme und Antizipation von gesellschaftlichen Transformationsprozessen und ihrer wissenschaftlichen Durchdringung.“ (9)

Als Herausgeberinnen dieses 6. Sammelbandes der Arbeitsstelle diversitAS firmieren Katrin Hauenschild, Steffi Robak und Isabel Sievers. Katrin Hauenschild hat eine Professur für Grundschuldidaktik und Sachkundeunterricht an der Universität Hildesheim inne und ist Vorsitzende des Forums Fachdidaktische Forschung, sowie Mitglied der Arbeitsstelle diversitAS. Steffi Robak ist Professorin für Bildung im Erwachsenenalter mit den Schwerpunkten Diversität sowie internationale und interkulturelle Bildungsforschung. Sie leitet die Arbeitsstelle diversitAS. Isabel Sievers ist promovierte wissenschaftliche Mitarbeiterin der Arbeitsstelle diversitAS.

Die Artikel diese Bandes kreisen um das Thema: „Gesellschaftliche Vielfalt (von Herkunft, Religion, Kultur, Sprache, individuellen Voraussetzungen etc.) stellt die Bildungswissenschaften vor die Herausforderung, theoretische, empirische und konzeptionelle Antworten darauf zu geben, wie Diversität in verschiedenen Bildungskontexten hergestellt wird, welche Ausformungen Diversität annehmen kann und welche Konsequenzen dies für das Bildungssystem und die Gestaltung seiner Bildungsorganisationen hat. Der vorliegende Band leistet eine erste Systematisierung, indem verschiedene bildungswissenschaftliche Disziplinen und Fachdidaktiken ´Diversity Education’ in ihren jeweils spezifischen Zugängen entfalten.“ (Klappentext)

Aufbau und Auswahl für diese Rezension

Der Band enthält die Rubriken:

  • Vorwort
  • Geleitwort
  • Einleitung
  1. Theoretische Einführung
  2. Bildungswissenschaftliche Zugänge zu Diversity Education mit den Unterrubriken

    1. Bildungswissenschaftliche Forschungsfelder und
    2. Fachdidaktische Perspektiven
  3. Diversity Education in ausgewählten Bildungsbereichen und -institutionen

In dieser Rezension werden insbesondere die Artikel unter der Rubrik A. „Theoretische Einführung“ im Vordergrund stehen. Im Geleitwort „Diversity und Bildung“ zeigt Annedore Prengel den engen Bezug der menschenrechtlichen Perspektive zwischen den beiden Begriffen auf. „Denn“, so führt sie aus, „das Denken der Diversität im Sinne der Menschenrechte bezieht sich auf Heterogenität als Verschiedenheit, Vielschichtigkeit, Veränderlichkeit und Unbestimmbarkeit … und eröffnet damit eine kritische Perspektive auf reifizierende, monistische, hierarchisierende, hegemoniale und gleichschaltende Bestrebungen.“ (12) Prengel fordert, diesen kritischen Diversity-Ansatz insbesondere für formale Bildungsprozesse unter der Perspektive von Inklusion fruchtbar zu machen. „Den angemessenen institutionellen Rahmen für menschenrechtlich fundierte, Diversität wertschätzende Bildung bieten inklusive Bildungseinrichtungen mit heterogenen Lerngruppen, in denen Binnendifferenzierung, Nachteilsausgleich und Barrierefreiheit helfen, Benachteiligung zu vermindern“ (13). Im Schlusssatz ihres Geleitwortes zieht Prengel das Diskursfeld für alle Beiträge in diesem Sammelband auf: „Es ist eine persönlich und gesellschaftlich wichtige und zukunftsweisende Aufgabe der Erziehungswissenschaft, für ihre interdisziplinären Bezugswissenschaften und für die Fachdidaktiken, theoretisches, empirisches und praxisbezogenes Wissen zum Themenfeld Diversität und Bildung zu erarbeiten.„(13)

Steffi Robak, Isabel Sievers und Katrin Hauenschild formulieren in der Einleitung, auf welche Desiderate einer diversitätsbewussten Bildungswissenschaft in Theorie und Praxis die Zusammenstellung der Artikel dieses Sammelbandes zu antworten versucht: Es fehle, so die Autorinnen, „derzeit eine systematische Auseinandersetzung mit Diversitätsansätzen in und zwischen den verschiedenen bildungswissenschaftlichen Diskursen. Der Band leistet hier insofern einen Beitrag, als er die bildungswissenschaftlichen Diskurslinien im Kontext von Diversity Education einzufangen, zu ordnen und in ihren Wechselbezügen darzustellen versucht.“ (25)

Zu A. Theoretische Einführung

Meike Baader fragt in ihrem Beitrag „Diversity Education in den Erziehungswissenschaften“ kritisch nach, ob es sich bei dem Begriff Diversity lediglich um eine „Buzzword“ (38), also ein reines Modewort handele. Und in der Tat speist sich der Begriff Diversity aus höchst unterschiedlichen theoretischen Bezugsquellen und Verwendungszusammenhängen (Politik, Management, Pädagogik). Entsprechend gelte für den Begriff der Diversity Education: „´Diversity Education’ selbst bleibt im Diskurs eher unscharf und vage“ (44). Ein Anstieg von Denominationen von Professuren in der Erziehungswissenschaft, ein vermehrtes Aufkommen von Publikationen in erziehungswissenschaftlichen Fachzeitschriften unter dem Stichwort Diversity zeigten, so Baader, an, „dass die Debatte um ´Diversity’ in der Erziehungswissenschaft angekommen ist“ (45) Kritisch wagt die Autorin einen Problemaufriss. Letztlich sei die Gefahr einer kulturalistischer Zuschreibung auch unter dem neuen Paradigma von Diversity Education noch nicht gebannt. Ferner stehe die Kategorie Gender in der Gefahr, in Vielfalt unterzugehen. Häufig werde Diversity mit dem Begriff der Ressource verknüpft und hier fragt die Autorin kritisch nach: „Kann Armut … eine Ressource sein?“ (50) Diversity könne als „Verdeckungszusammenhang“ (50) fungieren, „über den ´Ungleichheiten’ entsorgt werden“ (50). Auch sei die Kategorie Religion bisher im Rahmen von Diversity Education noch vergleichsweise selten bearbeitet worden. Trotz dieser grundsätzlichen Einwände plädiert die Autorin dafür, Diversity Education gegen Tendenzen der Vereindeutigung, Homogenisierung und Normalisierung in den Erziehungswissenschaften in Anschlag zu bringen. Die Autorin weist als Forschungsperspektive auf, Diversity Education müsse Macht- und Dominanzverhältnisse kritisch und selbstkritisch in den Blick nehmen, müsse reflektieren, wie unter dem neuen Paradigma möglicherweise auch neue Homogenisierungen hervorgebracht werden, so beispielsweise in der Promotionsförderung, wo Diversity nicht selten kurzschlüssig mit Internationalisierung gleichgesetzt werde. “ ´Diversity’ wird in diesem Kontext in Internationalisierung zwecks Bestenauslese überführt.“ (55)

Paul Mecheril/Martina Tißberger werfen in ihrem Artikel „Ethnizität und Rassekonstruktion“ einen rassismuskritischen Blick auf Differenzkategorien. Sie beschreiben die Begriffe „Ethnie“ und „Rasse“ als „Differenzkonstruktionen, die ontologisierende Wirkmacht besitzen.“ (64) Das AutorInnenteam sieht Konstruktionen von Ethnie und Rasse zutiefst im Projekt der Aufklärung verankert, denn: „Die Dialektik der Aufklärer lässt einen Rest hinter sich, der als Vor- und Außerhalb der Zivilisation gedacht wird.“ (66) In Bildungsprozessen ginge es nun darum, „genau zu verstehen, wie Whiteness als Signifikant des Rassismus – sein dethematisiertes, normatives Zentrum – Subjekte und ihr Verhältnis strukturiert.“ (67) Für pädagogische Fachkräfte bedeute dies: „Noch ehe eine weiße Lehrkraft mit ihrem/ihrer rassisch markierten Schüler/in spricht, ist beider Verhältnis rassisch strukturiert.“ (67) Daraus folge: „Diese Realität gilt es nicht beständig zu ignorieren und damit zu konservieren, sondern so zu reflektieren, dass die Verhältnisse in Bewegung geraten können.“ (67)

Helmut Bremer rekonstruiert das Wiederaufleben soziokultureller Klassenkonzepte. Nach Bourdieu lassen sich hinter der scheinbar bunten Vielfalt von Freizeitstilen und neuen Mustern der Lebensführung in modernen Gesellschaften durchaus Klassenzugehörigkeiten ausmachen. Der Autor plädiert für eine Paradigmenvielfalt der Ansätze. Sozioökonomische Klassen/Schichten, Lebenslagen, Milieu/Lebensstile sollten nicht gegeneinander ausgespielt werden, „sondern im Hinblick auf die unterschiedlichen Ausschnitte der Ungleichheitsstruktur, die sie fokussieren, nebeneinander bestehen“ (77). Soziale Ungleichheit ist wieder in der Bildungsforschung angekommen, die sich verschiedener Analysekonzepte bedient, die teilweise jedoch nicht miteinander kompatibel sind. Die selbstkritische Grundfrage, die sich für Bildungsforschung und -praxis, so der Autor, stellt, lautet „´Rad’ oder ´Stellgröße’?“ (81) Reproduziert also das Bildungswesen gesellschaftliche Ungleichheit oder leistet sie hierzu gar noch einen ganz eigenen Beitrag? Oder gelingt es einer an Diversität orientierten Bildungsforschung aufzuzeigen, „an welchen ´Stellschrauben’ gedreht werden muss, um den Teufelskreis der Reproduktion wenigstens ansatzweise zu durchbrechen.“ (81) Hiervon jedoch sei sie noch weit entfernt, denn es sei zu konstatieren, so Bremer, dass „das Zusammenwirken von ´Class’ etwa mit ´Gender’ und ´Race’ bisher zu wenig untersucht wird.“ (83) Der Autor fordert abschließend: „Aus Sicht einer ungleichheits- bzw. klassentheoretischen Perspektive stellt es eine zentrale Aufgabe der Bildungsforschung dar, Ansätze zur Verknüpfung unterschiedlicher Struktur- und Differenzkategorien zu entwickeln.“ (83)

Stefanie Rieger-Goertz rekonstruiert in ihrem Artikel „Gender“ die geschichtliche Entwicklung des Blicks auf „Geschlecht“ von der Vorstellung einer essentialistischen Differenz bis hin zu einer Konzeption von Gender als einem sozial bzw. diskursiv hergestellten Konstrukt. Über mögliche Gegenstrategien gegen eine heteronormative Matrix, wie Diskursverschiebungen bzw. Undoing Gender, lassen sich Anschlüsse an pädagogische Prozesse ausmachen. Die Autorin formuliert im Ausblick: „Diversity Education befähigt zur gelassenen Wahrnehmung von Differenzen, sie sensibilisiert und schult das reflektierende Ich, das nötig ist, damit Unterschiede Anerkennung erfahren und nicht zu Herrschaft und Unterwerfung benutzt werden.“ (98)

Bernhard Schmidt-Hertha bestimmt „Alter und Generation“ im gleichnamigen Artikel als Merkmale von Diversität. Der Autor weist auf die Omnipräsenz der demographischen Kernvariable „Alter“ hin, die auch in der Bildungsforschung als relevant erachtet und erfasst werde und warnt zugleich vor Überschätzung und Stereotypisierung, die gegeben sei, „wenn Unterschiede übereilt auf das Merkmal ´Alter’ zurückgeführt werden, also Kausalzusammenhänge angenommen werden, die einer genaueren Betrachtung oft nicht standhalten.“ (101) Schmidt-Hertha plädiert für einen Einbezug der Merkmale „Alter“ und „Generation“ in die Konzeptionierung von Diversity Education. Er führt aus: „Sowohl das Alter von Personen als auch ihre Generationslagerungen können nicht als isolierte Einflussfaktoren betrachtet werden, sondern interagieren mit der aktuellen Lebenslage, bildungsbiografischen Erfahrungsmustern, kulturellen Hintergründen und psychischen Dispositionen und ermöglichen erst in der Zusammenschau ein tieferes Verstehen individueller Bildungsinteressen und -entscheidungen im Erwachsenenalter.“ (111)

Christine Bickes/Hans Bickes bearbeiten in ihrem Beitrag „Sprache und Diversität“ die Rolle der Kategorie Sprache in Diversitätsdiskursen. Sie heben hervor, wie sprachliche Strategien selbst zu Differenzkonstruktionen beitragen: „Vorurteile, Stereotype, Rassismen – sie alle werden kommunikativ in der Sprache und durch sprachliche Strategien konstruiert.“ (117) Diese Mechanismen analysieren in kritischer Absicht Forschungsansätze wie Critical Awareness, Kritische Diskursanalyse und Linguistische Sprachkritik, die für Bildungsprozesse fruchtbar gemacht werden können. Sprache sei, so das AutorInnenteam, zugleich auch ein Ausweis von Diversität: „durchzusetzen scheint sich in den Sprachwissenschaften seit einigen Jahrzehnten eine Position, die Sprache, Kognition und Kultur in einen untrennbaren Zusammenhang stellt …, so dass mit sprachlicher und grammatischer Vielfalt auch immer eine Vielfalt der Perspektivierung von Wirklichkeit anerkannt wird“ (119). Die Vielfalt der Sprachen wird gesteigert durch deren soziale Nutzungsbedingungen: „Die vielen tausend Sprachen der Welt sind meist in weitere sprachliche Varietäten (Dialekte, Regiolekte, Soziolekte, Fachsprachen, Gebärdensprachen etc.) gegliedert, die neben regionalen Traditionen den besonderen Bedürfnissen sozialer Gruppen und einer funktional gegliederten Gesellschaft Rechnung tragen.“ (120) Die Erziehungswissenschaft wird endlich Abschied nehmen von einer monolingualen Perspektive auf Sprache und sich zunehmend darauf einstellen, dass Mehrsprachigkeit der Normalfall ist. Jedoch, so lautet das Resümee von Bickes/Bickes: „Von einer Umgestaltung der Bildungseinrichtungen in Bildungsorganismen, in denen die Vielfalt der Sprachen und Migrationserfahrungen zum Programm erhoben wird, sind wir in der Fläche leider noch weit entfernt, auch wenn sich in den vergangenen 15 Jahren immerhin mehr bewegt hat als in einem halben Jahrhundert zuvor.“ (128)

Zu B. Bildungswissenschaftliche Zugänge zu Diversity Education

a. Bildungswissenschaftliche Forschungsfelder

  • Birgit Lütje-Klose/Jessica M. Löser behandeln das Thema „Diversität aus der Perspektive einer inklusiven Pädagogik“.
  • Das AutorInneteam Martin Koch/Günter Ratschinski/Ariane Steuber/Arnulf Bojanowski decken unter dem Titel „Klasse, Kontext, Defizit?“ eine „Diffuse Diversität beruflicher Benachteiligungsförderung in Deutschland“ auf.
  • Julia Gillen/Anne Koschmann wenden sich unter dem Titel „Diversity Education als Forschungs- und Handlungsfeld der Berufspädagogik“ neuen „Perspektiven und Herausforderungen“ zu.
  • Steffi Robak nimmt unter der Überschrift „Diversität in der Erwachsenenbildung(sforschung) im Spiegel theoretischer und empirischer Reflexionen“ schließlich eine Standortdiskussion vor.
  • Michael Göhlich/Wolfgang Schröer widmen sich dem Thema „Diversity Management und Organisationspädagogik“ und analysieren „Zusammenhänge und Analogien angesichts der Entgrenzung des Pädagogischen“.

b. Fachdidaktische Perspektiven

  • Claudia Schomaker lotet die Möglichkeiten aus, „Diversity Education im inklusiven Sachunterricht“ umzusetzen.
  • Gabriele Blell fragt nach den Chancen, die „Diversity Education im Fremdsprachenunterricht“ bietet.
  • Waltraud Meints-Stender befasst sich unter dem Titel „Politische Urteilskraft und Diversity in der Migrationsgesellschaft“ damit, wie eine kritische politische Bildungsarbeit zu realisieren wäre.
  • Das AutorInnenteam Ina Schröder/Harry Noormann wendet sich dem Thema „Subjektorientierung und Diversität als Kategorien der Religionspädagogik“ zu.

Zu C. Diversity Education in ausgewählten Bildungsbereichen und -institutionen

  • Isabell Sievers befasst sich am Beispiel eines Modellprojektes mit dem Thema „Diversity Education im Übergang von der KiTa zur Grundschule“.
  • Günther Vedder/Henry Johns gehen am Beispiel des Zertifikatstudiengangs Arbeitswissenschaft dem Thema „Diversity Education in der berufsbegleitenden Weiterbildung“ nach.
  • Irmhild Schrader bearbeitet das Thema „Diversität und Gleichstellung im Stadtteil“ und bringt deutlich zum Ausdruck: „Vielfalt feiern reicht nicht!“.
  • Radhika Natarajan fragt kritisch nach: „Mannigfaltigkeit unisono?“ und befasst sich mit dem Thema „Integration durch Sprach- und Orientierungskurse“.

Mit dem Artikel von Helga Barbara Gundlach zum Thema „Die Einführung von Diversity in interkulturellen Fortbildungen, welches am Beispiel von Fortbildungen für Mitarbeiter/innen im öffentlichen Dienst der Kommunal- und Landesverwaltung Niedersachsens“ ausgeführt wird, findet der Sammelband seinen Abschluss.

Diskussion

Dieser Sammelband zeichnet sich dadurch aus, dass der Begriff „Diversity“ sowohl hinsichtlich seiner Chancen als auch der möglichen Risiken ausgeleuchtet wird. Vielfalt in Erziehungs- und Bildungsprozessen wird ausdrücklich bejaht und es wird auf Anerkennung von Verschiedenen bestanden. Andererseits werden Kategorien von Vielfalt auch als ungleichheitsgenerierende Dimensionen rekonstruiert. In dieses Spannungsfeld sind die Beiträge eingelassen und entfalten hieraus ihr kritisches und selbstkritisches Potential. Als Desiderat bleibt, eine Verhältnisbestimmung von Diversity Education und Bildung zu versuchen. In diesem Sammelband stehen die Begriffe Erziehungswissenschaft und Bildungswissenschaft/Bildungswissenschaften nebeneinander, der Kompetenzbegriff wird teilweise synonym zum Bildungsbegriff verwendet, in einem Beitrag wird ohne weitere Ausführung und Erläuterung von „Bildungsorganismen“ (128) gesprochen.

Im Hinblick auf einen Passus in einem ansonsten sehr informativen Artikel, in dem am Anfang zur Auflockerung die Rede auf den „alttestamentarische(n) Mythos von einer babylonischen Sprachverwirrung“ (116) gebracht wird, sei angemerkt, dass abgesehen davon, dass im Judentum die Hebräische Bibel nicht Altes Testament ist, hier der Skopus der Geschichte verkannt wird. Gegen ein vereinheitlichendes Denken, für das der Turmbau steht, wird die Vielfalt der Sprachen gerade in Stellung gebracht. Die Existenz unterschiedlicher Sprachen wird in diesem biblischen Text vorausgesetzt und positiv konnotiert.

Diskutabel ist auch die steile These in einem durchweg spannend zu lesenden Artikel: „Für das Licht der Aufklärung war die Schattenseite der Sklaverei konstitutiv.“ (65) Dass das Projekt Aufklärung tief in die Konstruktion von „Rasse“ verstrickt ist, kann als erwiesen gelten. Auf der anderen Seite jedoch wird erst im Zuge der Aufklärung beispielsweise die Sklaverei als menschenrechtswidriger Skandal sichtbar und kritisierbar. Es würde sich lohnen, diese „Dialektik der Aufklärung“ für Bildungsprozesse zu bedenken und fruchtbar zu machen.

Fazit

Der Band gibt viele interessante Anregungen zur Auseinandersetzung mit dem Thema einer Verhältnisbestimmung von Diversity und Education. Dies gilt nicht nur für die Artikel, die aus unterschiedlichen disziplinären Blickwinkeln eine theoretische Einführung bieten, sondern auch für jene Beiträge, die bildungswissenschaftliche Forschungsfelder ausmessen bzw. fachdidaktische Perspektiven eröffnen.

Rezension von
Prof. Dr. Nina Kölsch-Bunzen
Professorin für Soziale Arbeit und Kindheitspädagogik an der HS Esslingen
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Es gibt 4 Rezensionen von Nina Kölsch-Bunzen.

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Zitiervorschlag
Nina Kölsch-Bunzen. Rezension vom 10.02.2015 zu: Katrin Hauenschild (Hrsg.): Diversity education. Zugänge - Perspektiven - Beispiele. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2013. ISBN 978-3-95558-013-1. Reihe: Bildung in der Weltgesellschaft - 6. Wissen & Praxis - 171. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15782.php, Datum des Zugriffs 15.06.2024.


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