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Dan Fandrey: Erlebnispädagogische Settings und Selbstkonzept

Rezensiert von Prof. Dr. Werner Michl, 02.01.2014

Cover Dan Fandrey: Erlebnispädagogische Settings und Selbstkonzept ISBN 978-3-8300-6884-6

Dan Fandrey: Erlebnispädagogische Settings und Selbstkonzept. Ein Vergleich von Programmen nach dem Ansatz von Project Adventure und erlebnispädagogischen Kurzzeit-Projekten im Hinblick auf die Veränderung des Selbstkonzeptes der Teilnehmenden. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2013. 335 Seiten. ISBN 978-3-8300-6884-6. D: 95,80 EUR, A: 98,50 EUR, CH: 129,00 sFr.
Schriftenreihe Sozialpädagogik in Forschung und Praxis - Band 29
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Thema und Entstehungshintergrund

Ein langer Untertitel, ein dickes Buch, ein stolzer Preis – so könnte man die ersten Eindrücke schildern. Dazu kommt eine Karikatur auf dem Titelbild, deren metaphorischer Gehalt nicht zu übersehen ist, die aber nicht gut zu einer wissenschaftlichen Arbeit passt. Der Verlag Dr. Kovač publiziert zahlreiche Dissertationen. Er belehrt im Anschreiben auch Rezensenten, dass „Rezensionen unserer Bücher stets mit allen bibliografischen Angaben“ geschehen sollen.

Natürlich wirft Dan Fandrey im Untertitel eine wichtige Forschungsfrage auf. Die Dissertation wurde 2011 an der Technischen Universität Dresden eingereicht. Die Befragungen fanden in den Jahren 2000 und 2001 statt. Es wird nicht klar, warum ein zehnjähriges Moratorium notwendig war. Eigentlich ist diese Tatsache unerheblich. Sie erklärt aber, warum in dieser Veröffentlichung neben sehr aktuellen Thesen und Erörterungen auch veraltete Informationen weitergegeben werden, die offensichtlich aus den Jahren der Forschungsaktivitäten stammen.

Aufbau

Das Buch ist in neun Kapitel unterteilt.

Nach der Einleitung geht es um die Erlebnispädagogik, damit ein erster „Theoretischer Bezugsrahmen“ geschaffen wird. Die zweite theoretische Rahmung geschieht durch die Diskussion des Selbstkonzepts „als Zielvariable erlebnispädagogischer Projektarbeit“ im dritten Kapitel. Dann werden im nächsten Abschnitt die „Forschungsergebnisse zur Selbstkonzeptentwicklung in erlebnispädagogischen Projekten“ dargestellt. Im fünften Kapitel beschreibt der Autor „Forschungsdesign und Durchführung der Untersuchung.“ Anschließend werden die Ergebnisse dargelegt und diskutiert. Im achten Kapitel widmet sich Dan Fandrey der Frage, wie sich die Ergebnisse seiner Studie auf die erlebnispädagogische Praxis in Jugendarbeit und Schule auswirken. Im letzten Kapitel sucht der Autor nach „Ansatzpunkte(n) für die theoretische Weiterentwicklung des untersuchten Forschungsbereichs“.

Es folgen ausführliche Literaturangaben; ein Abbildungs-, Tabellen- und Abkürzungsverzeichnis folgt unmittelbar nach der Gliederung.

Erlebnispädagogik: Ursprünge, Wirkungen, Forschung

Schon mit der Einleitung stößt man auf eine skurrile Mischung höchst aktueller Analysen und veralteten Aussagen. „Kurzschule“, nach Fandrey der Begriff für Kurzzeit-Settings (S. 2), nannte sich ausschließlich Outward Bound Baad. Der Begriff ist heute längst vergessen. Kein anderer Träger der Erlebnispädagogik im deutschsprachigen Raum hat ihn je konsequent verwendet. Auch die Schreibweise „Hochseilparkur“ (S. 3) ist eigenartig, denn meistens spricht man von einem Hochseilgarten oder Hochseilpark oder man verwendet mit High Ropes Course die englische Variante. Bestenfalls ginge Hochseilparcours.

Um 1970 entwickelte sich in den USA aus der Outward Bound-Bewegung die Idee, dass es möglich sein müsse, Erlebnisse und Abenteuer enger mit dem Schulalltag zu verknüpfen („Bring the adventure at home“). Projekt Adventure findet an Schulen und pädagogischen Einrichtungen statt, dauert sieben bis zehn Wochen (ein Halbtagesangebot pro Woche) und baut auf erlebnispädagogischen Methoden auf. Einige wenige Träger und Experten in Deutschland haben dieses Konzept in ihre erlebnispädagogische Praxis implementiert. In der Tat gibt es aber keine Wirkungsanalysen, die Project Adventure und Kurzzeitmaßnahmen vergleichen, und das ist eine spannende Forschungsfrage.

Natürlich muss in einer Dissertation nach Ursprüngen gesucht werden, auch wenn sie wenig zielführend sind und in vielen Publikationen dargestellt wurden. Zur Begriffsverwirrung, die Fandrey feststellt, trägt er selbst bei. Erlebnispädagogik übersetzt man ins Amerikanische nicht mit „Experimental Learning“ (S. 11), eher schon mit „Experiential Learning“ (Erfahrungslernen). Die genaue Übersetzung lautet „Adventure Education“ oder „Adventure Programming“ (Heckmair, Michl 2012, S. 63). Im weiteren Verlauf definiert der Autor in Tabelle 1 (S.11) ähnlich pädagogische Ansätze. Unter Abenteuerpädagogik verstehen die Marburger Anbieter des Masterstudiums „Erlebnis- und Abenteuerpädagogik“ etwas anderes. Der in diesem Zusammenhang zitierte „Ecker, 2000“ (S. 19) findet sich, wie übrigens einige andere Literaturhinweise im Text, nicht im Literaturverzeichnis. Auch beim Thema Erlebnistherapie gibt es spannende Entwicklungen, die der Autor nicht berücksichtigt (S. 19 ff). Zumindest hätte er sich mit der Dissertation von Rüdiger Gilsdorf (2004) auseinandersetzen müssen. Die Ausführungen zu Projekt Adventure sind sehr erhellend, und der aktuelle Stand von Praxis und Wissenschaft wird gut wiedergegeben. Projekt Adventure ist in Deutschland nur von wenigen Trägern umgesetzt worden, und noch längst sind nicht alle Potenziale ausgeschöpft. Auch die Wirkmodelle sind sehr differenziert ausgeführt. Die Übersicht über den Forschungsstand könnte etwas aktueller sein. Sehr erhellend ist die Erörterung der „Typischen Probleme erlebnispädagogischer Forschung“ (S. 60 ff). Man könnte hier hinzufügen, dass Kundeninteresse und Forschungsaktivitäten sich selten miteinander vertragen und dass pädagogische Zielsetzungen durch Befragung und Beobachtung beeinflusst werden.

Selbstkonzept – Projekte, Forschung, Ergebnisse

Sehr detailliert geht der Autor im dritten und vierten Kapitel auf „Ursprünge und Entwicklungsstränge“ und Forschungsergebnisse der Selbstkonzeptforschung ein. Auch frühe Überlegungen, wie sie Alfred Adler in seiner Individualpsychologie formulierte, werden berücksichtigt. Sehr lobenswert sind auch die regelmäßigen Zusammenfassungen am Ende der Abschnitte. Der Autor hat mit großem Fleiß eine erstaunliche Vielzahl von Forschungsergebnissen zur Selbstkonzeptentwicklung in erlebnispädagogischen Projekten zusammengetragen. Auch für ausgewiesene Experten liegt hier eine Fundgrube vor. Zu einem nicht unbeträchtlichen Anteil handelt es sich aber oft um unveröffentlichte Haus- und Diplomarbeiten.

Auch die Wirkungsanalyse Outward Bound von Michael Jagenlauf wird hier natürlich erwähnt und ausführlich gewürdigt. Neuere Forschungsergebnisse brachten die Forschungen von Janne Fengler und diverse empirische Untersuchungen von Thomas Eberle. Annette Boeger und Thomas Schut haben mehrmals Projekt Adventure-Programme untersucht und Ergebnisse in der Fachzeitschrift „e&l. erleben und lernen“ veröffentlicht.

Forschungsdesign, Untersuchungsergebnisse, Diskussion

Zunächst werden nochmals die Forschungshypothesen dargestellt. Wie die meisten Wissenschaftler, die sich mit Untersuchung von Selbstkonzepten befassen, verwendet Fandrey die „Frankfurter Selbstkonzeptskalen“ (FSKN). Befragt wurden fast 300 Teilnehmer an Programmen von Outward Bound Deutschland, albERGO und „Erlebnistage im Harz“ – seit mehreren Jahren lautet die richtige Bezeichnung „GFE | erlebnistage“ – vor, am Ende der Woche und nach 6-8 Monaten. Allerdings bieten diese Träger erlebnispädagogische Kurzzeitprogramme an, aber haben keinerlei Erfahrung mit Project Adventure. Die Untersuchung fand von Februar 2000 bis Juni 2001 statt.

Die zahlreichen Tabellen und Abbildungen zur Verdeutlichung der Untersuchungsergebnisse sind sicherlich wichtig, um die Seriosität des Untersuchungsdesigns zu beweisen. Richtig interessant sind sie aber nur für engagierte Empiriker. Die Hauptthese ist insofern bewiesen, da der Faktor Zeit eindeutig mit der Wirkung korreliert (S. 177). Unabhängig von Geschlecht und Alter und Methode sind in nahezu allen Facetten des Selbstkonzepts positive Veränderungen nachweisbar. Es beruhigt auch, dass die Veränderungen auch nach acht Monaten nachweisbar waren. Das „Transferproblem“ der Erlebnispädagogik, mit dem Gegner punkten wollen, ist also nicht vorhanden (S. 246). Im Gegenteil: Alles spricht für Langzeiteffekte.

Auswirkungen auf Praxis und Theorie

Alle erlebnispädagogischen Träger werden Fandrey dafür danken, dass er erlebnispädagogische Kurzzeitprogramme aufgrund seiner Forschungsergebnisse allen Haupt- und Realschulklassen empfiehlt (S. 258). Auch bestätigt diese Studie, dass es neben kausalen Wirkungen, die empirisch gut beweisbar sind, auch sehr komplexe Wirkungszusammenhänge gibt, die indirekt wirken. Gerhard Schad hat in der „Zeitschrift für Erlebnispädagogik“ aufgrund dieser indirekten Wirkungen jegliche empirische Forschungsbemühung als „naiv“ bezeichnet. Man muss aber das Kind nicht mit dem Bade ausschütten, nur weil bestimmte Praxisanteile komplex sind.

Fazit

Ohne Zweifel liegt hier eine Fleißarbeit vor, mit umfangreichen Erörterungen zu Erlebnispädagogik und Selbstkonzept, mit einer spannenden Diskussion und vielen Anregungen für die Praxis und Theorie des erlebnisorientierten Lernens. Seit 2001 aber hat sich die erlebnispädagogische Karawane weiterbewegt. Kurzzeitmaßnahmen unterscheiden sich von Project Adventure nicht mehr durch einen Mangel an Problemlösungsaufgaben. Es gibt einerseits eine hohe Professionalität was pädagogische Methoden, Sicherheit und ökologische Richtlinien betrifft, andererseits verspürt man zunehmend die bürokratischen Hürden, die es zu überwinden gilt, bis man mit Kindern und Jugendlichen überhaupt auf Waldwegen gehen darf. Die Erlebnispädagogik steht am Wendepunkt zwischen Abenteuer und Anpassung. Das eine oder andere Forschungsergebnis von Dan Fandrey kann dazu dienen, die Wirksamkeit des erlebnis- und handlungsorientierte Lernen deutlicher im gesellschaftlichen Bewusstsein zu verankern.

Rezension von
Prof. Dr. Werner Michl
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Es gibt 37 Rezensionen von Werner Michl.

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Zitiervorschlag
Werner Michl. Rezension vom 02.01.2014 zu: Dan Fandrey: Erlebnispädagogische Settings und Selbstkonzept. Ein Vergleich von Programmen nach dem Ansatz von Project Adventure und erlebnispädagogischen Kurzzeit-Projekten im Hinblick auf die Veränderung des Selbstkonzeptes der Teilnehmenden. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2013. ISBN 978-3-8300-6884-6. Schriftenreihe Sozialpädagogik in Forschung und Praxis - Band 29. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15785.php, Datum des Zugriffs 08.08.2022.


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