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Reinhold Miller: Frei von Erziehung, reich an Beziehung

Cover Reinhold Miller: Frei von Erziehung, reich an Beziehung. Plädoyer für ein neues Miteinander. Centaurus Verlag & Media KG (Freiburg) 2013. 210 Seiten. ISBN 978-3-86226-238-0. D: 19,80 EUR, A: 19,80 EUR, CH: 24,00 sFr.

Reihe: Pädagogik - Band 49.
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Thema

Das Buch möchte ein Plädoyer für ein verändertes menschliches Miteinander sein. Die alte herkömmliche Erziehung soll überwunden und alternativ neue zwischenmenschliche Beziehungen positiv wirksam werden.

Autor

Dr. Reinhold Miller ist diplomierter Pädagoge und Theologe. Er arbeitet als Beziehungsdidaktiker, Schulberater und Kommunikationstrainer in schulischen und außerschulischen Kontexten.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in eine Einleitung, sechs Kapitel und ein Literaturverzeichnis. In der kurzen Einleitung führt Miller aus, welche Anliegen er mit diesem Buch vertritt. Es folgen die inhaltlichen Kapitel

  1. Wie und wo Menschen erziehen
  2. Warum Erziehung schädlich ist
  3. Ohne Ich keine Beziehung zum Du
  4. Erziehungsfreie Beziehung
  5. Miteinander reden können
  6. Liebes-Beziehungen.

Ein knappes Literaturverzeichnis schließt das Werk ab.

Ausgewählte Inhalte

Anstelle eines Vorwortes beginnt Miller das Buch damit, kurz auszuführen, um was es ihm geht, nämlich einen Beitrag zu leisten, etwas anderes an die Stelle herkömmlicher Erziehung zu setzen, die für ihn mit einer Haltung von Macht und dem Motiv, andere zu verändern, negativ geprägt ist. Die meisten Erziehungsvorgänge zeichnen sich daher für ihn durch Einflussnahme, Steuerung, Fremdeinwirkung und Durchsetzung aus (S. 15). Das anzustrebende Andere sind für ihn zwischenmenschliche Beziehungen, die von einer Grundhaltung der Liebe geprägt sind.

Es folgen Ausführungen darüber, warum Erziehung nach seiner Auffassung schädlich zu nennen ist (Seite 51 – 86).

Das dritte Kapitel ist dem „Ich“ gewidmet. Er thematisiert vier Aspekte, die um das „Ich“ kreisen und zusammengehören:

  1. Die Sehnsucht, geliebt zu werden,
  2. Selbstbewusstsein zu haben und echt zu sein,
  3. die eigene Entwicklung sowie
  4. Autonomie als Ziel und Weg (S. 87 – 112).

Im vierten Kapitel stellt Miller seine Vorstellungen von „Erziehungsfreier Beziehung“ dar. Ihn geht es dabei alternativ um Beziehungen zu Menschen, die ohne Veränderungsabsichten auskommen. Bestandteile sind dabei Verstehen und verstanden werden, Vertrauen und Führung, Umgang mit Konflikten sowie Freiheit innerhalb von Grenzen (S. 113 – 149).

Das Kapitel 5 fokussiert auf Erläuterungen und methodische Anregungen für die Leser/innen, wie sie „sozialverträglich miteinander reden können“ bzw. wie sie durch Übungen „vom Wissen zum Können kommen“ können (S. 151 – 191).

Ein kurzes sechstes Kapitel über das „unbeständige Verliebtsein“ und die „beständige Liebe“ schließen das Buch ab (S.193 – 206).

Diskussion

Es ist nicht sofort ersichtlich, wie dieses Buch eingeordnet werden kann. Miller beginnt mit der Aussage, er habe die Hälfte seines Lebens, also rund 35 Jahre, in einer Situation gelebt, in der er erzogen wurde oder andere erzogen hat. Nach strenger katholischer Erziehung im Elternhaus schloss sich eine Zeit in einem katholischen Internat an, gefolgt von einer Periode der Erziehung als katholischer Theologiestudent. Später folgt nach seinen Angaben eine Phase, in der er und seine erste Frau „gegenseitig Erziehende und Erzogene zugleich waren“ (S. 9). In den letzten 35 Jahren lasse er sich nicht mehr erziehen und erziehe auch prinzipiell keinen anderen Menschen mehr.

Wie er angibt, hat er dieses – in großen Teilen fast autobiografische – Buch „ohne jegliche erzieherische Absicht geschrieben“ (S. 11). Gleichwohl hat er den Anspruch, nicht nur seine Überzeugungen darzulegen und – falls erforderlich – „aufklärend“ zu wirken, sondern auch „Reflexionsmöglichkeiten und Entscheidungshilfen“ zu geben (S. 11). Neben dem starken Bedürfnis, viele seiner Botschaften mit Rückgriff auf autobiografische Beispiele zu illustrieren, zeigt sich im Verlauf der Lektüre das explizite Angebot an die Leserschaft, gerne die Rolle eines „Fahrlehrers, Coachs oder Trainer“ (S. 151) einnehmen zu wollen. Gewollt oder zufällig gewinnt das Buch in großen Teilen den Charakter eines Ratgebers, der marktkonform auch zu Selbstanalyse, Eigenreflexion und Übungen einlädt. Es ist möglicherweise durch die Kombination von theologischer und pädagogischer Qualifikation des Autors zu erklären, dass er mit einem merklichen Sendungsbewusstsein auftritt.

Grundsätzlich kann dem Anliegen von Miller viel Anerkennung und Würdigung zugesprochen werden. Die Vorstellung, dass Menschen jedweden Alters sich wertschätzend, respektvoll und gleichwertig begegnen sollten, kann nur unterstützt werden. Probleme entstehen dort, wo Miller quasi-dogmatische Setzungen vornimmt, die den heutigen gesellschaftlichen Lebensverhältnissen kaum noch entsprechen. Auch zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Buchs im Jahr 2013 behält „Erziehung mit all den unfruchtbaren und schädlichen Ziehvorgängen (…) in allen Gesellschaftsschichten (…) die Oberhand und findet reichlich Anwendung (…) in Form von Vorschriften, Anweisungen, Appellen, Geboten und Verboten“ (S. 10). Dadurch wiederum „bekommen Menschen (…) von der Kindheit bis ins hohe Alter selten wohlwollende Zuwendung, liebevolle Zuneigung (…), sondern erfahren und erleiden Verquerungen, Verwerfungen, Verbiegungen (…) und Wachstumsstörungen physischer und psychischer Art. Sie werden gegängelt, geformt und verformt, manipuliert und (…) erheblich ge- und behindert!“ (S. 10).

Erziehung – so letztlich Millers Dogma – produziert systematisch Misserfolge und Fehlentwicklungen. Sie erzeugt Gehorsam, Unterdrückung, Gewalttätigkeiten und Destruktion. Wissenschaftliche Belege für dieses gesellschaftliche Zerrbild führt er nicht an. Es wird offensichtlich, dass seine Darstellungen erzieherischen Verhältnissen entsprechen, die ab dem 18. Jahrhundert bis ca. Mitte des 20. Jahrhunderts unter dem Fachbegriff „Schwarze Pädagogik“ subsumiert werden können. Auch seine autobiografischen Episoden ab den 1950er Jahre legen diesen Gedanken nahe. Aber gilt dies heute – rund 60 Jahre später – immer noch? Orientiert sich heutige Erziehung tatsächlich noch am Bild des „Zöglings“, der passend zu den gegebenen Verhältnissen „gezogen“, d.h. in Form gebracht wird? Miller stellt zu Recht fest, dass der diese alte Zeit charakterisierende Rechtsbegriff „elterliche Gewalt“ erst 1979 abgeschafft worden sei. Er führt aber nicht an, dass Kinder und Jugendliche seit dem Jahr 2000 einen einklagbaren Rechtsanspruch auf eine gewaltfreie Erziehung (§ 1631 BGB) haben. Aus erziehungswissenschaftlicher Sicht ist er einfach nicht auf der Höhe der Zeit, sondern argumentiert ausgesprochen ideologisch. Vieles, was er beispielhaft anführt, kann genauso gut wertschätzend im Kontext einer heutigen, liebevollen Erziehung stattfinden. Da aber Miller unbedingt den Begriff Erziehung abgeschafft und durch den Begriff Beziehung ersetzt sehen möchte, entsteht als konsequente Folge eine Art Scheuklappenblick. Auch Miller will nach wie vor unterstützen, Selbständigkeit fördern, Pflege/Schutz gewähren, Orientierungshilfe bieten, Rechte und Pflichten regeln sowie Begrenzungen vornehmen (S. 114-115). Mit anderen Worten eine liebevolle, die persönliche Entwicklung eines jungen Menschen fördernde Erziehung verwirklichen, wenn da nicht die Behauptung im Raum stünde, dass Erziehung per se schädlich ist. All dieses – auf das jeweilige Lebensalter und Entwicklungsphasen eines Kindes oder Jugendlichen -abgestimmte Verhalten von verantwortungsbewussten Erwachsenen soll jetzt nur noch Beziehung heißen. Miller zeigt sich daher in vielen Passagen seines Buches als Fürsprecher von gesellschaftlichen Verhältnissen, wie sie bereits früher die so genannte Anti-Pädagogik propagiert hat.

Hinsichtlich seines Anspruchs, bei Bedarf sehr gerne als „Fahrlehrer oder Coach“ fungieren zu wollen, zeigt sich beim näheren Hinsehen, dass hier viel hinlänglich Bekanntes im neuen Gewand angeboten wird. Da finden sich Aspekte der Philosophie von Martin Buber, die Kommunikationshilfen eines Paul Watzlawick oder Friedemann Schulz von Thun werden genutzt, ohne dass die Quellen korrekt aufgeführt werden. Das ist kein guter Stil! Da für Miller – hier bewusst von mir überzogen – die dem Menschen so schädliche Erziehung quasi von der Wiege bis zur Bahre reicht, bilden auch seine warnenden Beispiele eine ganze Lebensspanne ab. Ob nun aber im Hinblick auf Erziehung oder nur Beziehung hätte es dem Buch gut getan, wenn eine begründete Eingrenzung der Lebensalter vorgenommen worden wäre.

Zielgruppen

Es ist nicht ersichtlich, an welche Personen dieses „Plädoyer“ adressiert ist. Es wird darauf ankommen, ob die Grundpositionen des Autors als kompatibel mit den eigenen Vorstellungen erlebt werden. Für die Bereiche von Ausbildung und Studium eignet sich das Buch nicht, weil unter anderem auch für einen „Ratgeber“ Auswahl und Aktualität der ausgewiesenen Quellen problematisch sind.

Fazit

Die Lektüre des Buches hinterlässt einen sehr ambivalenten Eindruck. Den angeführten gesellschaftlichen (und pädagogischen) Intentionen für eine humanere Gesellschaft, in der sich die Menschen wertschätzend, respektvoll und gleichwertig auf Augenhöhe begegnen und kommunizieren, kann nur Zustimmung hervorrufen. Leider passen die angeführten Inhalte und Positionen nicht wirklich zu der heutigen Lebensrealität. Aus erziehungswissenschaftlicher Sicht weist dieses Buch gravierende Mängel auf, die es weder als Fachbuch noch als populären (Beziehungs)Ratgeber qualifizieren. Sendungsbewusstsein alleine reicht nicht mehr aus.


Rezension von
Prof. i.R. Dr. Peter Bünder
Vormals Hochschule - University of Applied Sciences - Düsseldorf, Lehrgebiet Erziehungswissenschaft am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Homepage www.systemische-praxis-bruehl.de
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Zitiervorschlag
Peter Bünder. Rezension vom 27.05.2014 zu: Reinhold Miller: Frei von Erziehung, reich an Beziehung. Plädoyer für ein neues Miteinander. Centaurus Verlag & Media KG (Freiburg) 2013. ISBN 978-3-86226-238-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15787.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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