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Hans Döbert, Horst Weishaupt (Hrsg.): Inklusive Bildung professionell gestalten

Cover Hans Döbert, Horst Weishaupt (Hrsg.): Inklusive Bildung professionell gestalten. Situationsanalyse und Handlungsempfehlungen. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2013. 285 Seiten. ISBN 978-3-8309-2916-1. D: 34,90 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 46,90 sFr.
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Thema

Inklusive Bildung erfordert gravierende Veränderungen in allen Phasen der lebenslangen Bildung – insbesondere bei der diesbezüglich notwendigen Professionalisierung der Fachkräfte. Dazu ist eine wissenschaftliche Forschung unabdingbar, die bisher weitgehend fehlt. Ausbildungsstrukturen sowie Wissen und Verhalten aller Akteure müssen sich entsprechend verändern. Die interessanten und aufschlussreichen Beiträge dieses Buches geben dazu Hinweise.

Herausgeber/Autoren

Prof. D. Hans Döbert und Prof. Dr. Horst Weishaupt arbeiten am Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung in Berlin/Frankfurt am Main. Die sechs Fachexpertisen und zwei „flankierende“ Beiträge wurden erstellt von Hochschullehrern verschiedener Universitäten Deutschlands und wissenschaftlichen Mitarbeiter/innen des Bundesinstituts für Berufsbildung.

Entstehungshintergrund

Das Gutachten wurde im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) erstellt und diente der Vorbereitung einer Nationalen Konferenz „Inklusion braucht Professionalität – Qualität inklusiver Bildung durch qualifizierte Fachkräfte“ im Juni 2013 in Berlin – so einleitend formuliert von den Herausgebern im März 2013 (S. 9). „Das Gutachten entstand zwischen November 2012 und Januar 2013 im Auftrag des Referats allgemeine und frühe Bildung des BMBF“ (10).

Aufbau

Die acht Beiträge werden von den Herausgebern eingeleitet (7 ff.) und abschließend „verdichtet“ zusammengefasst (263 ff.). Sie beziehen sich, wie im Folgenden skizziert wird, auf alle Bildungsbereiche. Angaben zu den Autorinnen und Autoren werden zum Schluss des Buches gemacht (283 ff.).

Inhalt

Ulrich Heimlich thematisiert „Ausbildung und Professionalisierung von Fachkräften für inklusive Bildung im Bereich der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung“ (11 ff.) von den „Kinderbewahranstalten“ mit ersten Ausbildungskursen für Kindergärtnerinnen – geprägt vom „idealen Mutterbild“ (14) - ab Mitte des 19. Jahrhunderts über die Fachschulausbildung (ab ca. 1960) und ab 2002 auch in Fachakademien als Einrichtungen der beruflichen Weiterbildung (15) auf einem niedrigen formalen Niveau und nur in neun Studienstätten mit explizitem Bezug zur inklusiven Bildung in Deutschland (17). Studiengänge an Hochschulen und Weiterbildungsangebote werden skizziert. „Insgesamt ist von einem hohen Bedarf zum Thema inklusiver Bildung in der Aus-, Fort- und Weiterbildung der frühpädagogischen Fachkräfte auszugehen“ (21). Der Forschungsstand zum Thema wird beschrieben und erneut „hoher Forschungsbedarf“ konstatiert (27).

Unter Bezugnahme auf den von der Kultusministerkonferenz 2012 vorgelegten Sachstand in der Lehrerbildung legen Clemens Hillenbrand, Conny Melzer und Tobias Hagen eine Bestandsaufnahme zur „Bildung schulischer Fachkräfte für inklusive Bildungssysteme“ vor (33 ff.). Nach einigen grundsätzlichen Aussagen zu „divergierenden Konzeptionen der Lehrerbildung“ konzentrieren sie sich auf das Studium Lehramt Sonderpädagogik sowie aktuelle Bemühungen zur Professionalisierung von (zukünftigen) Lehrenden aller Schulformen für Inklusion in Deutschland (37 ff.). „Der Überblick belegt die große Heterogenität, vielleicht sogar Diffusität…“ (39). Auch auf internationale Analysen wird verwiesen (40 ff.). Ausführlich wird eine notwendige „Neuausrichtung der Lehrerbildung im Allgemeinen“ gefordert (50) und für die Phasen der Lehrerausbildung und -fortbildung sowie für Assistenten und Schulleitungen spezifiziert (51 ff.).

Umfassend legen Martin Heinrich, Michael Urban und Rolf Werning „Grundlagen, Handlungsstrategien und Forschungsperspektiven für die Ausbildung und Professionalisierung von Fachkräften für inklusive Schulen“ dar (69 ff.). Obwohl sich seit 2001 der „Anteil der Integrationsschüler/innen in allgemeinen Schulen an allen Schüler/innen mit sonderpädagogischen Förderbedarf von 12,4 % auf 25 % im Jahr 2012 verdoppelt“ hat (70) - überwiegend an Grundschulen, an Gymnasien und Realschulen „kaum wahrnehmbar“ -. Es gibt „auf bildungspolitischer Ebene kein klares Signal für eine umfassende inklusive Umgestaltung des Bildungssystems“ (73). Die Autoren erläutern im Kontext der Frage „Inklusive Schule durch Leistungsdifferenzierung oder durch Individualisierung?“ ihr Verständnis der Integrationsfunktion Schule und schlussfolgern, „dass alle Schüler/innen durch Individualisierung und den pädagogisch gelungenen Umgang mit Heterogenität in die Gesellschaft integriert werden können“ (77). Diesbezüglich besteht allerdings noch ein großer Forschungsbedarf (81 ff.) – insbesondere hinsichtlich der „Attitudes und Beliefs“ bei den Lehrkräften (86 f.) und der Lehrerkooperation und der Schulentwicklung (89 ff.). Ausbildungsstrukturen müssen verändert werden, verstärkte Anstrengungen im Bereich der Fort- und Weiterbildung sind notwendig (104). Aus Sicht der Autoren ergibt sich die „Notwendigkeit für ein Stufenlehramt, das nicht nach Schulformen unterscheidet und nur eine Differenzierung entsprechend der Entwicklungsstufe der Kinder vorsieht“ (108).

Vera Moser zentriert ihre Ausführungen auf „Professionalisierung als Unterrichtsforschung“ (135 ff.) und empfiehlt diesbezügliche Forschungsaktivitäten (143).

Aus der Sicht der Berufs- und Wirtschaftspädagogik – oder nach ihrer Begriffswahl: der „Berufsbildungswissenschaft“ – akzentuieren Ulrike Buchmann und Ursula Bylinski das Thema „Ausbildung und Professionalisierung von Fachkräften für eine inklusive Berufsbildung“ (147 ff.), und zwar bei der Berufsvorbereitung und der Berufsausbildung in den Lernorten Berufsschule, Ausbildungsbetrieb und Ausbildungswerkstatt mit Betonung der in den letzten Jahren verstärkten geförderten Maßnahmen für junge Menschen mit Behinderungen und Benachteiligungen (151 ff.), wobei der Anteil der Jugendlichen mit Förderbedarf relativ zunehmen wird (157). Spezielle Aufgabenfelder einer inklusiven Berufsbildung werden herausgearbeitet und problematisiert (158 ff.) sowie differenziert Entwicklungsaufgaben zur Förderung der Fachkräfte in der Berufsausbildung formuliert und erläutert: für Lehrende, Ausbildende, Sonder-, Sozialpädagogen/innen und Psychologen/innen (161 ff). Anforderungen an deren Professionalität im Kontext einer inklusiven Berufsbildung werden dargestellt (185 ff.) und eine Qualifizierungs- und Professionalisierungsoffensive gefordert (189 ff.).

Rudolf Tippelt und Bernhard Schmidt-Hertha arbeiten in ihrem Beitrag zum Thema „Inklusion im Hochschulbereich“ (203 ff.) heraus, dass ein äußerst hoher Forschungsbedarf gegeben ist, denn nahezu jeder fünfte Studierende gibt an, chronische Erkrankungen oder Behinderungen zu haben (203), was detailliert belegt wird. Im historischen Kontext wird die Forderung bekräftigt: Abkehr von einer Defizitorientierung zu einer Kompetenzorientierung, „die die Fähigkeiten und Stärken von Menschen mit Behinderung hervorhebt“ (209). Dies wird für den Hochschulbereich detailliert konkretisiert. Acht „pointierte Thesen“ werden in die sie dadurch erweiternde professionstheoretische Debatte in der Pädagogik eingebracht (210 ff.). Den „Analysen zur Professionalisierung von Akteuren an inklusiven Hochschulen“ (217 ff.) wird vorangestellt, dass es „nicht ausschließlich auf die Vermittlung von fachlichem, fachdidaktischem und pädagogischem Wissen sowie Organisations- und Interaktionswissen“ ankommt, sondern Professionalisierung „muss auch motivationale, volitionale und affektive Aspekte professionellen Handelns berücksichtigen“ (217). So kann z. B. Empathiefähigkeit „als ein Schlüssel zur Realisierung von Inklusion gesehen werden“ (219). Forschungsperspektiven werden abschließend aufgezeigt (223 ff.).

Auf den Aspekt einer barrierefreien Gestaltung von Studium beziehen sich die Darlegungen von Reinhard Lelgemann, Birgit Rothenberg und Christiane Schindel zur „Inklusive(n) Bildung in Hochschulen und die Professionalisierung der Lehrenden“ (231 ff.). Dabei entstehen im Studium die größten Probleme „durch die zeitlichen und formalen Vorgaben der Studienordnungen sowie in Lehr- und Prüfungssituationen“ (232).

Inklusion in der Weiterbildung“ (241 ff.) werden von Bernhard Schmidt-Hertha und Rudolf Tippelt für den Bereich der außerberuflichen Erwachsenenbildung thematisiert. Aus diesem Bereich gaben fast 44 % von Maßnahmeteilnehmern an, ohne Behinderung zu sein; der Anteil mit anerkannter Behinderung lag unter 31 % (243). Dies wird besonders darauf zurückgeführt, „dass spezifisch für Behinderte konzipierte Angebote nur einen Bruchteil der genannten Weiterbildungsaktivitäten von Personen mit Behinderung abbilden“ (245). Handlungsmöglichkeiten zur Professionalisierung von Fachkräften in diesem Bereich werden entwickelt (250 ff.) und Forschungsperspektiven dazu aufgezeigt (258 f.).

Wie hier beim „Aufbau“ des Buches bereits erwähnt, fassen die Herausgeber in einem letzten Beitrag wesentliche Ergebnisse der Expertisen nach den „Phasen“ der beruflichen Tätigkeit der Fachkräfte systematisierend zusammen: „Forschungsperspektiven und Handlungserfordernissse zur Professionalisierung von Fachkräften für inklusive Bildung“ (263 ff.). „Vordringlicher Handlungsbedarf in den vier Bildungsbereichen frühkindliche Bildung, allgemeinbildende Schule, berufliche Bildung und Hochschule“ wird im letzten Schritt des Beitrages skizziert (279 ff.). Dabei „erscheint insbesondere die Entwicklung und Durchführung wirksamer Fortbildungsprogramme für alle Fachkräfte … wie auch für deren Leitungen“ notwendig; vor allem fehlt das Thema Inklusion „in den Fortbildungsprogrammen für Erzieherinnen“ (272). Ein „großes Forschungsdesiderat“ zeigt sich bei den Lehrkräften allgemeiner Schulen, „da eine effektive Kooperation die genaue Aufgabenbeschreibung für alle beteiligten Professionen erfordert“ – hier bezogen auf die Lehrkräfte für Sonderpädagogik mit Bedauern, „dass die Rolle der Lehrkräfte allgemeiner Schulen hingegen kaum diskutiert wird“ (275).

Diskussion

1. Der letztgenannte Aspekt kann verallgemeinernd aufgegriffen und diskutiert werden, ob nicht viele (alle?) Verhaltensnotwendigkeiten beim „inklusiven Arbeiten“, die in einzelnen Bildungsphasen erkannt wurden, für alle Fachkräfte gelten? So z. B. auch die Forderung nach verstärkter Empathiefähigkeit der Hochschullehrenden (vgl. diesen Beitrag, s. o.).

2. Die Autorinnen aus dem Bereich der Berufsbildungswissenschaft (s. o.) konstatieren: „Berufsbildung stellt für die Sonderpädagogik nur ein Randthema dar“ (178). Ist diese Feststellung nicht auch umkehrbar? Ist diese Feststellung nicht auch auf die anderen Bereiche der Erziehungswissenschaft und -praxis übertragbar?

3. Evaluationsprojekte zu Ganztagsschulen haben „klargelegt, dass das Nebeneinander verschiedener Professioneller in Organisationen noch keine neue Form der multiprofessionellen Kooperation erzeugt“ (214). Ist dieses Ergebnis repräsentativ? Gibt es „vor Ort“ (nicht nur in Ganztagsschulen) Ansätze für eine Wegbereitung in die Richtung einer neuen Kooperationsform oder sind „interdisziplinäre Ausbildungsgänge“ im Hochschulbereich der einzige Weg, „die Qualität und Reichweite pädagogischen Handelns (zu) verbessern„(215)?

Fazit

Inklusion ist ein zentrales aktuelles Thema (nicht nur) in der Bildungsrealität (auch in der gesellschaftlichen Wirklichkeit generell), sondern auch in allen Bereichen der Erziehungswissenschaft/Pädagogik. Seit 2009 ist in Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention verbindlich, nach der eine inklusive Bildung zu gewährleisten ist. Dies hat langfristige Prozesse eingeleitet, bei denen sich Einstellungen und Verhalten aller betroffenen und beteiligten Akteure sowie viele (z. B. räumliche und organisatorische) Rahmenbedingungen ändern müssen. Wege dazu wurden beschritten, der Forschungsbedarf ist groß. Hierüber wird in diesem Werk in fundierten Beiträgen zu allen Phasen einer lebenslangen inklusiven Bildung berichtet, Handlungsmöglichkeiten zur Förderung der Fachkräfte und Forschungsbedarfe werden aufgezeigt. Es enthält sehr aufschlussreiche Informationen für alle Akteure in den Bereichen frühkindlicher Erziehung, schulischer und beruflicher Aus-, Fort- und Weiterbildung sowie der sozialen Arbeit und der Erwachsenenbildung, und zwar zur inhaltlichen Professionalisierung der Fachkräfte und zur Schaffung der diese Maßnahmen fördernden Rahmenbedingungen.


Rezensent
Dipl.-Hdl. Dr. phil. Klaus Halfpap
Ltd. Regierungsschuldirektor a. D.


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Zitiervorschlag
Klaus Halfpap. Rezension vom 14.02.2014 zu: Hans Döbert, Horst Weishaupt (Hrsg.): Inklusive Bildung professionell gestalten. Situationsanalyse und Handlungsempfehlungen. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2013. ISBN 978-3-8309-2916-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15791.php, Datum des Zugriffs 24.03.2019.


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