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Thomas Brüsemeister: Soziologie in pädagogischen Kontexten

Cover Thomas Brüsemeister: Soziologie in pädagogischen Kontexten. Handeln und Akteure. Springer VS (Wiesbaden) 2013. 156 Seiten. ISBN 978-3-531-18441-8. 16,95 EUR.

Reihe: Lehrbuch.
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Autor

Prof. Dr. Thomas Brüsemeister ist Lehrstuhlinhaber für Soziologie an der Justus-Liebig-Universität Gießen

Thema

In allen pädagogischen Studiengängen ist das Verstehen und Reflektieren soziologischer Texte ein Bestandteil der Ausbildung. Die Komplexität der Theorien konfrontiert Studierende mit dem Problem, Soziologie in dieser Form nicht verstehen und die Kernaussagen nicht nachvollziehen zu können.

Aufbau

  1. Einleitung Zum Konzept des Buches – Soziologie in pädagogischen Kontexten
  2. Mead: Mikrologisches Handeln
  3. Goffman: Handeln in Interaktionsanordnungen
  4. Honeth: /Schimank: Identitätsbehauptung
  5. Garfinkel: Handeln in hergestellten Ordnungen
  6. Schimank: Homo Oeconomicus
  7. Bourdieu: Habituelles Handeln
  8. Zusammenfasssung

Zu 2. Mead: Mikrologisches Handeln

Mead bietet ein Beispiel für eine soziologische Handlungstheorie. Wie sich der Einzelne in seiner Umwelt sozialisiert, hat Mead wichtige Beobachtungen geliefert und grundlagentheoretisch begründet. In der Sozialisation lassen sich vier Bereiche unterscheiden, nämlich kognitive, motorische und affektuale Bereiche. Ein wichtiger Vorgang ist die Übernahme der Rolle anderer. Zuerst werden die Verhaltenserwartungen der Eltern übernommen. Die Erwartungen können sich bis auf die Gesellschaft erstrecken. Mead spricht dann vom verallgemeinerten anderen. Mead beeinflusste wesentlich den symbolischen Interaktionismus. Nach Blumer ist dieser Ansatz durch 3 Prämissen geprägt. 1. Die Menschen handeln Dingen gegenüber auf Grund der Bedeutung, die diese Dinge für sie besitzen. 2. Die Bedeutung entsteht in der sozialen Interaktion und 3. die Bedeutung kann in der Interaktion abgeändert werden. Mead kann nur dem role-making zugeordnet werden.

Aufmerksamkeiten erklären, wie Handelnde überhaupt zu Begriffen über eine gemeinsame Welt gelangen. In der Schule kann es für Lehrkräfte eine Schwierigkeit sein, die Aufmerksamkeit der Schüler zu wecken und aufrecht zu erhalten. Ist nicht auch die Lehrkraft widersprüchlichen Handlungsantrieben ausgesetzt? Zum Beispiel „dies laufen zu lassen oder disziplinarisch einzugreifen“?

Zu 3. Goffman: Handeln in Interaktionsanordnungen

Um die Struktur von Interaktionen zu analysieren, hat Goffman verschiedene Konzepte entwickelt, eines davon sind die Territorien des Selbst. Daran lassen sich folgende Fragen stellen:

  • Wie gehen Menschen mit einem Eindringen in ihr Territorium um?
  • Ab wann wird dies als ein Eindringen empfunden?
  • Mit welchen sichtbaren und unsichtbaren Grenzen umgeben sich Menschen?
  • Wie verhält sich der Bedrängte und wie der Eindringling auf Grenzüberschreitungen?

In unserer Gesellschaft ist ein wichtiger Grundsatz bei der Organisation der Reihenfolge das „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“. Goffman weist darauf hin, dass der Umfang der Räume je nach Macht und Rang der Menschen höchst verschieden sein kann. Im Allgemeinen gilt: Je höher der soziale Status eines Menschen ist, desto größer ist der Umfang der Territorien des Selbst und die Kontrolle über deren Grenzen hinaus.

Zu 4. Honneth: Identitätsbehauptung

Der Arme fühlt sich von allem ausgeschlossen und verhöhnt. Es entsteht notwendig eine innere Empörung. Der Arme weiß und fühlt, dass seine gesellschaftlichen Beziehungen gleichsam eingefroren sind. Eine weitere Form von Missachtung erkennt Honneth in gefühlsbesetzten Zuständen der Minderwertigkeit. Ein Individuum kann vom Besitz bestimmter Rechte innerhalb einer Gesellschaft strukturell ausgeschlossen bleiben. Gerade in individualisierten Gesellschaften, die zu einer selbstverantwortlichen Lebensführung aufrufen, können die genannten Formen der Missachtung einen „Verlust an persönlicher Selbsteinschätzung“ beinhalten. Weil die Individualisierung und Biographisierung des eigenen Lebens sozialisatorisch voraussetzungsvoll sind, zum Beispiel ein Vertrauen in die eigene Fähigkeit erfordern, beziehen sich Missachtungen nicht nur auf äußere Statusmerkmale, sondern auf den ganzen Menschen.

Zu 5. Garfinkel: Handeln in hergestellten Ordnungen

Die Ethnomethodologie will eine soziale Gruppe – deshalb die Vorsilbe „Ethno-“ – daraufhin untersuchen, welche Methoden – deshalb die Nachsilbe „-Methodologie“ – sie „bei der Abwicklung ihrer alltäglichen Angelegenheiten ganz selbstverständlich verwenden“. Wirklichkeit wird ausgehandelt. In einer Konversationsanalyse geraten Unterschiede zwischen einem Professionellen und einem Klienten in den Blick, z. B. was die Definitionsmacht eines Professionellen in einer Beratungssituation angeht. Forscher müssen jedoch in einer solchen Untersuchung im Einzelnen zeigen, wie die institutionalisierte Macht des Beraters (und die institutionalisierte Ohnmacht des Klienten) in der Interaktionssituation verwirklicht wird.

Das Krisenexperiment, auch Zusammenbruchsexperiment genannt, ist ein Verfahren, um Normalisierungen zu beobachten, die Menschen bei Störungen im erwartbar-normalen Alltag verwenden. Letztlich wird die lebensweltliche Sicherheit des Erwartbaren kurzzeitig befreit. Mit der Indexikalität sozialen Handelns beschäftigt sich die Ethnomethodologie. Die Handlung wird als ein Index begriffen, der auf zwei Gesichtspunkte verweist: auf den jeweiligen Handlungszusammenhang und auf situationsübergreifende Muster. Die Verbindung von Ereignis und Muster stellen die Handelnden in der jeweiligen Situation selbst her.

Beim ethnomethodologischen Arbeiten kommt es darauf an, abstrakte Theorien über die gesellschaftliche Wirklichkeit zu vermeiden. Für die Ethnomethodologie ist nicht die Verbindlichkeit und Stärke von moralischen Normen entscheidend wie dies Émile Durkheim oder Talcott Parsons annahmen, sondern die interaktive und interpretative Normalität des Alltags, auf deren Grundlage erst auf allgemeine Soziale Normen Bezug genommen wird. Émile Durkheim empfahl, gesellschaftliche Tatbestände als Dinge zu behandeln.

Zu 6. Schimank: Homo Oeconomicus

Die Identität einer Person ist lediglich eine einseitige Hervorhebung einiger weniger Züge einer Person. Handelnde können ihre Identität auf drei verschiedene Arten äußern: als evaluative Selbstansprüche, normative Selbstansprüche und kognitive

Selbsteinschätzungen. Über evaluative Selbstansprüche findet eine Person zu sich selbst, und zwar durch Lebensziele, die in diesen Selbstansprüchen formuliert sind. Der Selbstanspruch wird zum Wegweiser der eigenen Lebensführung. Sobald ein Lebensziel erreicht ist, können Selbstansprüche und Lebensziele verändert werden.

Identitätsbehauptung ist eine Daueraufgabe des Handelnden. Das bedeutet, dass eine Person ihre Identität, also ihr Selbstbild mit Fremdbildern abgleicht. Durch diese Fremdbilder erfährt die betreffende Person Bestätigung oder Nichtbestätigung ihrer Identität. Verstärkte und dauerhafte Nichtbestätigung führt zu Identitätsbedrohungen.

Der Homo Oeconomicus will den jeweils höchsten Nutzen mit dem geringmöglichstem Aufwand erreichen. Heute wird dieser Ansatz auch unter dem Begriff „Rational Choice“ eingeordnet.

Zu 7. Bourdieu: Habituelles Handeln

Der Habitus bezeichnet Denk-, Wahrnehmungs-, Beurteilungs- und Handlungsmuster.

Der Kampf um Bildungstitel: Die gestiegenen Zahlen von Abgängern beinhalten, dass man zwar ohne Abitur bzw. Diplom gar nicht in gesellschaftlichen Feldern mitspielen kann, mit ihnen allein jedoch auch nicht. Der formale Abschluss ist notwendiges, aber nicht hinreichendes Merkmal für den gesellschaftlichen Aufstieg.

Diskussion

Mead verdanken wir die Einführung des Begriffs der Perspektive als Bezeichnung für die vom Ich übernommene Blickrichtung des Du. Die Begriffe play und game könnten vielleicht anschaulicher erklärt werden. Beispiel: Wenn ein Student aus dem Auditorium einen Flieger hinunter segeln lässt, wäre das play. Wenn mehrere Studenten sich bei dieser Unterrichtsstörung absprechen würden, würde sich aus einem play ein game entwickeln. Das Spannende bei Mead ist, wenn die Handlungsantriebe ihr Ziel nicht erreichen, treten sie in das Bewusstsein. Die Aufmerksamkeit wird auf die eigene Innenwelt gerichtet.

Mit dem Begriff der Aufmerksamkeit wird ein wichtiger Begriff im schulischen Zusammenhang angesprochen. George Herbert Mead musste seine Schule als Lehrer verlassen, weil er disziplinarisch mit seiner Klasse nicht fertig wurde. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig (§ 1631 II BGB). Kinder dürfen aber dem Erzieher auch nicht auf dem Kopf herumtanzen. Der Lehrer darf den Schüler auch nicht aus dem Unterricht hinauswerfen [time out]. Der Lehrer verletzt dadurch seine Aufsichtspflicht. Wenn ein Kind stört, kippt gleich der gesamte Unterricht. Der Lehrer befindet sich in einer Beziehungsfalle. Alles, was er macht, ist falsch. Das Rauswerfen ist falsch, wenn der Schüler auf Ermahnungen nicht reagiert. Und Gewährenlassen [laissez faire] ist auch falsch.

Wichtige Begriffe von Mead wie der bedeutsame Andere oder der verallgemeinerte Andere hätten herausgearbeitet werden können.

Bei Goffman hätte man sich gewünscht, die Vorderbühne und Hinterbühne näher zu erläutern oder auf sein Werk „frame analysis“ einzugehen.

Die Gesellschaft wird bei Schimank in verschiedene Wertsphären aufgegliedert. Bei Bourdieu wird Gesellschaft als Ensemble von Feldern gesehen. Diese Unterschiedlichkeit kann zu Verwirrung führen. Mir scheint es sinnvoller zu sein, sich auf einen Theorieansatz zu beschränken. Ich bevorzuge den Ansatz von Armin Nassehi, da Gesellschaft auf Abwesenheit beruht. Gesellschaft ist nicht adressierbar. Es lassen sich in der Gesellschaft unterschiedliche Perspektiven oder Logiken unterscheiden. Als Besucher einer Vernissage lässt sich die Eigenlogik der Kunst denken. Beim Tauschmittel Geld wird eine andere Logik angesprochen. Das Geld ist geschichtslos. Man sieht seine Herkunft nicht an. Bei der politischen Logik ist entscheidend, ob eine Mehrheit zusammen kommt. Gerade die moderne Gesellschaft ist durch die Parallelität unterschiedlicher Logiken gekennzeichnet. Georg Simmel sprach von der Kreuzung sozialer Kreise. Kapital- und Produktionsflucht spricht die ökonomische Logik an. Keine Gesellschaft kann ohne Pädagogik, ohne Medizin, ohne Wissenschaft und Forschung auskommen. Es sollte deutlich geworden sein, dass Gesellschaft kein großes Abstraktum ist, sondern immer und überall stattfindet und wirksam ist.

Bei dem Kampf um Bildungstitel geht es auch um den ungleichen Zugang zu Ressourcen [z. B. Netzwerke]. Diese Ungleichheit bewirkt die Ungleichheit in den Lebenschancen. Bourdieu sieht richtig, durch die Vermehrung der Abschlüsse entsteht vermutlich eine Entwertung der Abschlüsse. Hinzu kommt, dass in Deutschland Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen durch die 1-€-Jobs ersetzt wurden. Dadurch wurde die gesellschaftliche Ungleichheit vertieft. Ein einprägsames Beispiel für den Begriff des Habitus wäre das Tragen der Burka im Hörsaal.

Fazit

Was ist die besondere Kompetenz der Soziologie? Dieses Lehrbuch gibt einen Einblick in das soziologische Denken mit vielen anschaulichen Beispielen. In diesem Lehrbuch werden wichtige soziologische Grundbegriffe für den pädagogischen Kontext vorgestellt, mit denen man dann weiter arbeiten kann.


Rezension von
Dipl.-Soz. Roland Wallner


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Zitiervorschlag
Roland Wallner. Rezension vom 31.01.2014 zu: Thomas Brüsemeister: Soziologie in pädagogischen Kontexten. Handeln und Akteure. Springer VS (Wiesbaden) 2013. ISBN 978-3-531-18441-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15801.php, Datum des Zugriffs 26.01.2020.


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ISSN 2190-9245

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