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Richard Utz: Blind Dates. Soziologische Begegnungen mit dem Alltäglichen

Cover Richard Utz: Blind Dates. Soziologische Begegnungen mit dem Alltäglichen. Manutius Verlag (Heidelberg) 2013. 202 Seiten. ISBN 978-3-944512-01-3. 19,80 EUR.
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Der Autor – eine Geschichte für sich

Normalerweise beschränken sich die Angaben zur Person des Autors auf ein paar Zeilen auf der Rückseite des Schmutztitels oder im Abspann des Buches.

Im vorliegenden Werk umfasst die „autobiografische Notiz“ 8 Seiten und ist dem Buch als eigner Aufsatz vorangestellt.

Richard Utz schildert seinen Weg in die Soziologie – vom 1957 im Neckartal geborenen Sohn eines kurpfälzischen Gastwirts („mit eigener Hausschlachtung“) und einer holländischen Modezeichnerin („aus antifaschistischer Familie“), der mit 15 Maurer wird („um Muskeln zu kriegen“), mit 23 das Abitur nachholt und auf Umwegen über Berlin und die Philologie / Philosophie zur Soziologie kommt. In Heidelberg findet er seine Meister: Rainer M. Lepsius und Wolfgang Schluchter, zwei Professoren, die er verehrt. 1996 Promotion bei Lepsius mit einer Arbeit über die „Soziologie der Intrige“. - Richard Utz, der spät berufene Soziologe, hat entdeckt, dass er ein geborener Soziologe ist.

Heute ist Utz Professor für Soziologie und Sozialpolitik an der Hochschule Mannheim.

Blind Dates: Neun Rendezvous

Das Buch versammelt neun wissenschaftlich-essayistische Beiträge, die „aus purer Lust an plötzlicher Reflexion“ (S. 17) entstanden sind. Die Mehrzahl der Beiträge ist zuvor in Zeitschriften erschienen. Die Themen, die soziologisch befragt werden, finden sich im Naheliegenden und Alltäglichen.

  • Der erste Beitrag geht über die „Intrige“ und ihre drei Rollenspieler „Intrigant“, „Opfer“ und „Vollstrecker“.
  • Im zweiten Aufsatz stehen „Empörung und Entrüstung“ als Ausdruck des „Protests“ auf dem Prüfstand.
  • Wer Karriere machen will, muss sich etwas trauen und gelegentlich „weit aus dem Fenster hinauslehnen“. Um diese Metapher dreht sich der dritte Aufsatz.
  • Nicht nur im Zusammenhang mit Bewerbungsgesprächen hört man oft, dass der „erste Eindruck der wichtigste“ sei. Im vierten Aufsatz widmet Utz dem „ersten Eindruck“ eine „Soziologie der Sinneswahrnehmung“.
  • Die Aufsätze 5 bis 9 lassen sich mit jeweils einem Schlüsselwort kennzeichnen: Es geht um „Zynismus“, „Angeberei“, „Machtpoker“, „Exzentrik“ und „Dummheit“.
  • Beschlossen wird das Buch mit einem kurzen Nachwort von Rainer Paris (dessen Essay „Bescheuertheit“ von 2008 für Richard Utz vorbildlich ist), in dem es heißt: „Blind Dates – das sind Gelegenheitsarbeiten, die ihre Gelegenheiten überdauern und die zeigen, was Soziologen können können.“ (S. 188)

Zwei Einzelfallbeobachtungen

Der erste Eindruck ist entscheidend.“ Das scheint common sense zu sein. Jeder glaubt zu wissen, was damit gemeint ist. Darüber wird nicht diskutiert. – Genau das aber tut Richard Utz: Was hat es mit diesem allseits konsentierten Satz auf sich? Was ist das überhaupt, der „Erste Eindruck“? Wie stellt er sich dar, wenn man ihn mit soziologisch geschultem Verstand begreifen will?

Erste Eindrücke sind „fallible, aber praktisch sinnvolle und notwendige Versuche, in einer singulären Situation innerhalb kürzester Zeit aus zufälligen Sinneswahrnehmungen meist der Ohren und Augen von Äußerlichkeiten so weit wie möglich tragende Schlussfolgerungen über Nicht-Äußerliches und zu erwartende Verhaltensweisen zu wagen, um möglichst positive oder negative Folgen abschätzen zu können, die in der Persönlichkeit (des Fremden, KH) begründet sein mögen.“ (S. 92 f.) So schreibt Richard Utz: konzise, klug beobachtend, scharf analysierend, dem Leser keine Unkonzentriertheit erlaubend.

In Vorstellungsgesprächen steht in der Regel die fachliche Qualifikation des Bewerbers im Mittelpunkt; aber was ist das für eine Person, die da vor einem sitzt? Hier gibt der Erste Eindruck eine erste und oft lange nachwirkende Auskunft. Auch wenn wir dadurch noch nichts nachweisbar Richtiges von der Persönlichkeit des anderen wissen und der Mechanismus der self-full-filling-prophecy womöglich unser Vorurteil zur Wirklichkeit werden lässt, so wissen wir eines doch ganz gewiss: wie wir uns in Gegenwart des Neuen fühlen; und ob wir ihn uns für die nächsten Jahre als Kollegen vorstellen können – oder eher nicht.

„Sich weit hinauslehnen“ ist ein Essay über „Karrieremuster in der Erfolgsgesellschaft“ betitelt. Typische Vorgehensweise des Autors: Woraus lehnt man sich hinaus? Aus dem Fenster, genauer: aus dem Fenster zur Straße. Also wird mit der Gründlichkeit des gelernten Maurers das Fenster ins nähere Visier genommen, das Parterre-Fenster, die Fenster in den weiteren Etagen. Um sich in exponierender Haltung hinauszulehnen und das Geschehen unter auf der Straße durchaus kühn, also auch frech, provozierend und wider den main stream zu kommentieren, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen, ist das Fenster im 2. Stock das am besten geeignete: Von dort kann man alles noch gut sehen; von dort wird man noch gut gehört, dort ist man für die Fäuste der Andersdenkenden nicht erreichbar, anders als ebenerdig oder ein knappes Stockwerk darüber: „Überblicksprivileg“ und „Sekuritätsgefühl“ (S. 66) sind im 2. Stock optimal gegeben. – Und was heißt das alles für den, der im Beruf Karriere machen und nach oben will? Kurz gesagt: Überblick beweisen ohne abzuheben, Unerhörtes sagen und dabei nicht tollkühn werden. Denn wer sich allzu forsch aus dem Fenster lehnt, kann auch ganz schnell wieder weg vom Fenster sein.

Die Methode Utz. Etwas wörtlich nehmen, was metaphorisch gemeint ist, um die Metapher besser verstehen zu können, dann die Metapher mit gesellschaftswissenschaftlichem Wissen „aufladen“ und schließlich ein soziologisches Quasi-Axiom daraus machen. – Das ist die Kunst des Richard Utz.

Weitere Stichproben

Zynismus – Die Betrachtung „Über Zynismus“ rückt den tabulosen Witz der radikalen Verächter und Verneiner, die bei Utz „Impertinenzler“ heißen, in den Mittelpunkt. Sowohl Misserfolg und persönliches Versagen können Zynismus hervorrufen als auch das wunschlose Unglück des übersättigten Wohlstandsbürgers. Aber das sind subjektive Variablen; wichtiger ist die soziologische Analyse: Zynismus ist immer auch eine Reaktionsform auf die Zumutungen der Gesellschaft, in der man lebt. Wenn die moderne Gesellschaft uns anhält, die Ambivalenzen des Wertepluralismus und Multikulturalismus auszuhalten und duldsam auch gegenüber dem Unverstanden zu sein, dann kühlt der Zyniker angesichts dieser mentalen Heraus- und Überforderungen sein aufgebrachtes Mütchen in der aggressiven Verhöhnung oder subtilen Ironisierung von kultureller Vielfalt und geistiger Toleranz. Aber es bleibt bei Worten und kommt nicht zu Taten, was den Zynismus gesellschaftsfähig macht.

Angeberei – Der Beitrag „Taktlos demonstrativ“ analysiert den Angeber und die Angeberei als eine Form der Prestige-Gewinnung durch die schamlose Demonstration von Können und Wissen, von Einfluss und Besitz. Doch statt die moralische Nase ob des peinlichen Verhaltens zu rümpfen oder die Angeberei zu psychologisieren und als ein Kompensationsverhalten zu entlarven, pflegt Utz den soziologischen Durch-Blick: Emporkömmlinge, Self-made-People und Neureiche aus so genannten „kleinen Verhältnissen“ werden quasi dazu gezwungen, auf ihre Erfolge unverfroren hinzuweisen, um die Anerkennung zu erheischen, die ihnen von Abstammung und Bildung her nicht zukommt. Ganz im Sinne von Thorstein Veblen: „Um Ansehen zu erwerben und zu erhalten, genügt es nicht, Reichtum oder Macht zu besitzen. Beide müssen auch in Erscheinung treten, denn Hochachtung wird erst ihrem Erscheinen gezollt.“ (zit. S. 121)

Exzentrik – Der Essay über „Exzentriker“ endet mit einem Loblied auf Originale, Unikums und (verkannte) Genies. Exzentriker probieren Lebensentwürfe gegen den Strich der Konformität aus. Das macht sie gesellschaftlich wertvoll. „So erweitern sie die Möglichkeiten unserer Gattung, indem sie jenseits der gebahnten Wege neue Pfade ins Dickicht der Lebenswelt schlagen…“ (S: 158)

Dummheit – Das Buch schließt mit der Betrachtung einer humanen Universalie, mit der jeder von Natur aus „begabt“ ist, der Dummheit. Menschen machen Fehler, das ist unvermeidlich. Der Dumme zeichnet sich dadurch aus, dass er denselben Fehler ein zweites und ein drittes Mal macht. Das heißt, er lernt weder daraus noch dazu, er leugnet sogar, einen Fehler gemacht zu haben, um sich vor der „unbequemen Anerkenntnis der eigenen Unzulänglichkeit“ zu bewahren. (S. 178) Der Dumme ist also nicht der Unwissende, sondern der Selbstherrliche, den Adorno unter dem Titel des „Halbgebildeten“ als penetranten Besserwisser porträtiert hat.

Fazit

Das Buch ist ein glänzendes Beispiel soziologischer Essayistik!

Ein an Max Weber, Lepsius und Schluchter geschultes Denken, gepaart mit einer Art zu schreiben, die an Georg Simmel und Heinrich Popitz erinnert, erlauben es Richard Utz, wissenschaftliche Texte über Alltagsphänomene mit soziologischem Scharfblick und essayistischer Lockerheit zu verfassen. Lehrreich, gewitzt und unterhaltsam zugleich!


Rezensent
Prof. Dr. Klaus Hansen
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Zitiervorschlag
Klaus Hansen. Rezension vom 12.02.2014 zu: Richard Utz: Blind Dates. Soziologische Begegnungen mit dem Alltäglichen. Manutius Verlag (Heidelberg) 2013. ISBN 978-3-944512-01-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15807.php, Datum des Zugriffs 23.11.2017.


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