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Georg Müller-Christ, Anna Katharina Liebscher (Hrsg.): 55 Gründe für mehr Nachhaltigkeit

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 12.11.2013

Cover Georg Müller-Christ, Anna Katharina Liebscher (Hrsg.): 55 Gründe für mehr Nachhaltigkeit ISBN 978-3-8487-0945-8

Georg Müller-Christ, Anna Katharina Liebscher (Hrsg.): 55 Gründe für mehr Nachhaltigkeit. Ein Projekt von Studierenden der Universität Bremen für eine Welt mit Zukunft. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2013. 120 Seiten. ISBN 978-3-8487-0945-8. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 30,50 sFr.

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Das Gegenwartswort, das in die Zukunft weist

Die Herleitung des Begriffs als ursprünglich ökonomische Ansage, dass in der Forstwirtschaft nicht mehr Bäume abgeholzt werden dürfen als nachwachsen können, hat sich nicht zuletzt deshalb (auch) zu einer ökologischen Entdeckung entwickelt, weil in der System- und Gesellschaftsanalyse und -kritik deutlich wird, dass die Grenzen des (wirtschaftlichen) Wachstums erreicht seien und die Mentalität des „throughput growth“ abgelegt und „sustainability“, langfristige Tragfähigkeit, erreicht werden müsse (Brundtland-Bericht 1987). Mit dem dramatischen Appell – „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“ – erinnert die Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ (1995) an die seit Jahrzehnten vorgelegten Prognosen und Analysen. Ein „zukunftsfähiges Deutschland“ kann, in den Zeiten der sich immer interdependenter und entgrenzender entwickelnden (Einen?) Welt, nicht mehr national gedacht werden (BUND / Misereor, Hrsg., Zukunftsfähiges Deutschland. Ein Beitrag zu einer global nachhaltigen Entwicklung, 1996, 453 S.). Während ursprünglich der gesellschaftliche und wissenschaftliche Diskurs zur Thematik sich vorwiegend auf die ökonomische Entwicklung konzentrierte, wurde bald deutlich, dass beim Nachdenken über die Zukunft der Menschheit ökologische, ökonomische und soziale Entwicklungen nicht voneinander abgespalten und gegeneinander aufgewogen werden dürfen (Andreas Fischer, Hrsg., Die soziale Dimension von Nachhaltigkeit. Beziehungsgeflecht zwischen Nachhaltigkeit und Benachteiligtenförderung, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/10709.php). Der Begriff „Nachhaltigkeit“ hat seitdem nicht nur eine nachhaltige Diskussion über eine gerechte und humane lokale und globale Entwicklung bewirkt, sondern er stellt sich als Zauberwort und Allheilmittel für alle Imponderabilien und Probleme dar. Das allerdings, so scheint es, führt nicht zu einem Bewusstsein, dass ein Perspektivenwechsel im Denken und Handeln der Menschen notwendig ist, sondern eher zu einem Deckel, der leicht zu heben ist, aber wegen der Löchrigkeit nicht abdichtet. Das Dilemma ist deutlich. Über die Frage nach der Bedeutung und den Möglichkeiten, die (Eine) Welt nachhaltiger zu gestalten, gibt es mittlerweile vielfältige Auslassungen (z. B.: Petra C. Gruber, Hrsg., Nachhaltige Entwicklung und Global Governance. Verantwortung, Macht, Politik, 2008, www.socialnet.de/rezensionen/5854.php).

Der „ökologische Fußabdruck“, als Maßband für die Vermessung des notwendigen Lebensraums für ein gerechtes, lebenswertes menschliches Leben auf der Erde, bedarf der Neuvermessung, damit die schreckliche Spirale des zunehmenden Reichtums der bereits Wohlhabenden und der zunehmenden Armut der Habenichtse lokal und global beendet und zurückgedreht werden kann und ein humanes Leben für alle Menschen auf der Erde möglich wird. Dazu ist es angebracht, sich sowohl der semantischen Bedeutung, als auch der historischen und kulturellen Entwicklung bewusst zu werden, die den Begriff zur existentiellen Menschheitsfrage werden ließ (Ulrich Grober, Die Entdeckung der Nachhaltigkeit. Kulturgeschichte eines Begriffs, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/9284.php).

Entstehungshintergrund und Herausgeberteam

Balance als Lebensziel? Das Nachdenken darüber, wie es gelingen kann, dass die Menschheit im individuellen, lokalen und gesellschaftlichen, globalen Bewusstseinswandel begreift, was ein „gutes, gelingendes Leben“ ist und wie es erreicht werden kann, hat viele Facetten. Sie reichen von der Auffassung, dass der homo oeconomicus in der Lage sei, sein wirtschaftliches Denken und Handeln kraft seines Verstandes zu regeln und ein bisschen weniger Mehr für sein Leben zu brauchen (Sebastian Dullien / Hansjörg Herr / Christian Kellermann, Der gute Kapitalismus. … und was sich dafür nach der Krise ändern müsste, 2009, www.socialnet.de/rezensionen/8846.php), bis hin zur radikalen Umkehr, dass es eines homo empathicus bedürfe, um eine humane Weiterentwicklung der Menschheit zu ermöglichen (Jeremy Rifkin, Die empathische Zivilisation. Wege zu einem globalen Bewusstsein, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/9048.php).

Wenn wir die Ansprüche und Erwartungshaltungen nicht so hoch aufhängen wollen, sondern eher danach fragen, was junge Menschen Hier und Heute vom Anspruch nach einer humanen, nachhaltigen Entwicklung halten, kommen wir zu einem interessanten Studienprojekt, das vom Masterstudiengang Wirtschaftspsychologie an der Universität Bremen durchgeführt wurde: „Die Nachhaltigkeitsanforderung verlangt von uns ein anderes Denken – ein Denken, dass widersprüchlich zu unseren heutigen Glaubensvorstellungen ist. Nachhaltig leben wir dann, wenn wir die Ressourcen, die wir zum Wirtschaften brauchen, nicht schneller verbrauchen als sie neu entstehen. Dies gilt für jeden Einzelnen, für Institutionen und Unternehmen, für eine Nation genauso wie die Welt: Passen wir unsere Wirtschaftstätigkeit den Möglichkeiten unserer materiellen und immateriellen Ressourcenquellen an, müssen wir sehr komplexe und dilemmatische Entscheidungsprozesse treffen lernen. Wir sind sehr gut darin, Jetzt-für-Jetzt-Entscheidungen zu treffen. Heute die Kosten, am besten gleich morgen den Nutzen. Wir haben noch keine guten Wege gefunden, Jetzt-für-Dann-Entscheidungen zu treffen: Was müssen wir heute tun, um in den nächsten Jahren noch ausreichend materielle und immaterielle Ressourcen zur Verfügung zu haben? Selbstbeschränkung erfordert Abstimmungsprozesse über das Nichtzuerreichende, über Abwägungen und Kompromisse, die wir erst noch lernen müssen“; diese Auffassung stammt von Georg Müller-Christ, der in Bremen die Professur für „Nachhaltigkeitsmanagement“ inne hat. Zusammen mit der wissenschaftlichen Mitarbeiterin Anna Katharina Liebscher hat Georg Müller-Christ mit 22 Studierenden danach gefragt, wie es ganz konkret und praktisch möglich sein könnte, eine zuverlässige Bedürfnisbefriedigung für alle Menschen auf der Erde zu erreichen, bei gleichzeitiger Sicherstellung der Erhaltung der Lebensgrundlagen für die Menschen.

Aufbau und Inhalt

Dass aus dem seminar- und gruppenbezogenen Nachdenken darüber, was die Herausforderung für nachhaltiges Denken und Handeln in konkreten Lebenssituationen bedeuten kann, keine simple Gebrauchsanweisung geworden ist, hat mit der klugen und bemerkenswerten, methodischen und inhaltlichen Dramaturgie zu tun, die im Studienprojekt angewandt wurde. Jede der 55 Gründe, die jeweils auf einer Doppelseite vorgestellt wird, beginnt mit einer kurzen Geschichte („Story“ ), die märchen-, legenden-, fabelhaft oder alltagsorientiert aufgebaut ist und wie mit einem Fingerzeig auf die jeweilige Begründung verweist. Danach folgt ein kurzer Dialog, in dem auf Zusammenhänge und Zusammengehörigkeiten der Problematik hingewiesen wird. Schließlich werden im dritten Schritt allgemeinverständliche Fakten („So ist es!“) genannt. „Wir brauchen mehr Nachhaltigkeit, … weil der große Globus doch erstaunlich klein ist“, so beantwortet Gesa Begemann die erste Begründung; „… weil nur kluge Köpfe auf der ganzen Welt lebenswerte Gesellschaften schaffen können“, Jonas Joachims die zweite; „… weil nur der Blick auf die Ressourcenentstehung langfristig wirkt“, Bünyamin Demirkaya die dritte, usw. Es sind eher selbstverständliche Feststellungen, bei denen der Leser und die Leserin so etwas wie ein Aha-Erlebnis empfindet. Die 55 Gründe werden in der Spannweite von der Erkenntnis über die Bedeutung der Ressourcenversorgung, existenzerhaltenden und gesundheitsfördernden Aspekten, Folgenabschätzungen, Systemrelevanz, Komplexität, Trade-offs, Verteilungsgerechtigkeit, Daseinsvorsorge, immaterielle Rohstoffe, Verantwortungsbewusstsein, bis zur Ressourcenerhaltung aufgegliedert.

Fazit

Sich mit Theorien auseinandersetzen, die sich den Fragen nach der Existenz und Weiterentwicklung eines humanen, gerechten, nachhaltigen Daseins aller Menschen auf der Erde befassen, stellt Hier und Heute eine der größten Herausforderungen dar. Damit theoretische Erkenntnisse, Prognosen und Analysen im individuellen und gesellschaftlichen Leben der Menschen lokal und global auch ankommen und wirksam werden können, bedarf es der Nachschau darüber, wie praktikabel sie werden können. Wenn diese intellektuellen und humanistischen Anforderungen von jungen Menschen an- und aufgenommen werden, ist es angebracht, genau hinzuschauen und sich mit deren Vorstellungen von einer Welt mit Zukunft auseinander zu setzen. Ob mit der Zählung von 55 Gründen für mehr Nachhaltigkeit sämtliche Möglichkeiten und Notwendigkeiten erfasst worden sind – etwa die m. E. zu kurz gekommenen Auseinandersetzungen um Medienmacht, Menschenrechtsdefizite, Sicherheits- und Freiheitsaspekte; ebenso fehlende, zumindest ausgewählte Quellen- und Literaturangaben – kann erst einmal hintan gestellt werden; die Liste der Gründe für mehr Nachhaltigkeit bietet nämlich die Chance, selbst weiter zu denken (Karl Heinz Bohrer, Selbstdenker und Systemdenker. Über agonales Denken, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12903.php). Die Listung zur konkreten Nachhaltigkeitsdebatte eignet sich ausgezeichnet für Bildungs- und Aufklärungszwecke, und zwar sowohl in der Schule wie in der Erwachsenenbildung.

Die Darstellung des Projektes „Nachhaltigkeit und nachhaltiges Management“ im Masterstudiengang Wirtschaftspsychologie der Universität Bremen wurde durch die Förderung der „Kellner & Stoll-Stiftung für Klima und Umwelt“ ermöglicht.

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Es gibt 1748 Rezensionen von Jos Schnurer.

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ISSN 2190-9245