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Heinz Schüpbach: Arbeits- und Organisationspsychologie

Rezensiert von Dipl.-Hdl. Dr. phil. Klaus Halfpap, 10.12.2013

Cover Heinz Schüpbach: Arbeits- und Organisationspsychologie ISBN 978-3-8252-4009-7

Heinz Schüpbach: Arbeits- und Organisationspsychologie. UTB (Stuttgart) 2013. 191 Seiten. ISBN 978-3-8252-4009-7. D: 29,99 EUR, A: 30,90 EUR, CH: 40,10 sFr.
UTBbasics-Band-Nr. 4009
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Thema

Gegenstand der Arbeitspsychologie ist die Arbeit zur Erzeugung von Gütern und Dienstleistungen unter der psychologischen Fragestellung, wie diese Tätigkeit des Menschen alleine und in Gruppen psychologisch reguliert werden kann, um die (teils auch sich selbst) gestellten Anforderungen zu bewältigen. Diese Arbeitstätigkeiten erfolgen in der Regel in Betrieben mit ihren Arbeitssystemen bzw. Organisationen und damit in sozialen Zusammenhängen (z. B. in Produktionsbetrieben, Banken, Krankenhäusern oder Schulen – S. 23 -). „Organisationspsychologische Fragestellungen werden auf drei Ebenen diskutiert, nämlich den Ebenen des Individuums, der Gruppe und der Gesamtorganisation“ (14). Arbeits- und Organisationspsychologie sind eng miteinander verbunden. Denn: „Stets geht es um individuelle und/oder kollektive Arbeitstätigkeiten und um Arbeits- oder Entwicklungsprozesse in Organisationen“ (15). In den Blick genommen wird aber nicht nur die entgeltliche Erwerbsarbeit. „Andere Formen der Arbeit sowie die zunehmende Durchmischung der Arbeit und Freizeit durch Flexibilisierung und Entgrenzung der Arbeitszeiten und Arbeitsorte gewinnen an Bedeutung“ (18). Dazu gehören z. B. die Telearbeit zu Hause, Haus- und Familienarbeit und die gemeinnützige Arbeit, worauf in diesem Buch nur hingewiesen wird.

Autor

ist Prof. Dr. Heinz Schlüpbach, seit 2009 Direktor der Hochschule für Angewandte Psychologie der Fachhochschule Nordwestschweiz (in Olten) und davor ab 1995 Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Universität Freiburg i. Br.

Entstehungshintergrund

Der Autor konstatiert (10): „Die Darstellung basiert auf den langjährigen Erfahrungen aus einer entsprechenden Vorlesung im Diplomstudiengang Psychologie an der Universität Freiburg i. Br. sowie im Bachelor-Studiengang an der Hochschule für Angewandte Psychologie der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW)“.

Aufbau

Das Buch ist in folgende Kapitel (mit weiterer Unterabschnitten) gegliedert:

  1. Gegenstandsbereiche und Fragestellungen der Arbeits- und Organisationspsychologie (11 ff.)
  2. Paradigmen der Arbeits- und Organisationsgestaltung (22 ff.)
  3. Arbeitstätigkeit (50 ff.)
  4. Analyse, Bewertung und Gestaltung von Arbeit (89 ff.)
  5. Aufgaben von und in Organisationen (115 ff.)

In einem Vorwort (9 ff.) wird ein kurzer inhaltlicher Überblick gegeben und als Ziel der Ausführungen genannt, Interesse an und Verständnis für die Arbeitstätigkeit von Menschen in betrieblichen Organisationen zu wecken. Somit ist der Band bewusst an Lesende gerichtet, „welche nicht in erster Linie an spezifischen Forschungsbefunden und möglichst vielen Fakten und Einzelkonzepten interessiert sind.“ Er soll aber auch dazu anregen, „die eigene Arbeitssituation zu reflektieren und zu hinterfragen.“

Ein Literaturverzeichnis (182 ff.), ein Glossar (186 ff.) und ein Sachregister (189 ff.) runden das Buch ab.

Inhalt

Bei der Darstellung der Gegenstandsbereiche der Arbeits- und Organisationspsychologie im 1. Kapitel wird einerseits auf wichtige Grundlagen der Arbeits- und Ingenieurpsychologie hingewiesen sowie andererseits auf die der Personal- und Berufspsychologie (15). So lautet ein hervorgehobener Merksatz: „In Abstimmung mit den unterschiedlichen Disziplinen der Arbeitswissenschaft versteht die Psychologie Arbeit konkret als Auftrag an Menschen, welcher sich u. a. aus der Funktionsteilung und Abstimmung von Mensch und Technik ergibt. Dieser stellt an den Menschen Anforderungen, die es zu bewältigen gilt“ (12). Ein anderer Merksatz bezeichnet als Gegenstand der Organisationspsychologie nach Schuler „die Frage nach den Zusammenhängen des Erlebens und Verhaltens bzw. Handelns des Menschen mit Struktur-, Prozess- und Zielcharakteristika von Organisationen“ (13). Das Kompetenzprofil der Arbeits- und Organisationspsychologie wird personalisiert am Beispiel der Qualifikationen und Kompetenzen der Schweizerischen Gesellschaft für Arbeits- und Organisationspsychologie, über die Mitarbeiter/innen verfügen müssen (19 ff.).

Seit der „Geburtsstunde der Arbeitswissenschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts“ (23) wurden Theorien der Betriebsorganisation und Arbeitsgestaltung systematisch entwickelt. Die vier wichtigsten Paradigmen werden im 2. Kapitel vorgestellt und kommentiert: der Taylorismus, Human Relations, Job Enrichment und soziotechnische Systeme. Die letztgenannten sind offene und komplexe Arbeitssysteme, die aus einem technischen und sozialen Teilsystem bestehen (38) und bei denen die Bewältbarkeit der Anforderungen (d. h. der Gesundheitsschutz) „zur nachhaltigen Sicherung der Ressourcen im System“ gleichrangig neben den ökonomischen Leistungszielen des Betriebes stehen (41); konkrete Beispiele sind teilautonome Fertigungsinseln (43 f.). Zusammenfassend werden die wichtigsten Merkmale der vier Paradigmen in einer Tabelle gegenübergestellt (45) und beurteilt. Entsprechend der historischen Entwicklung wird im Kontext des Taylorismus relativ ausführlich auf die Psychotechnik eingegangen, die heute als „Angewandte Psychologie“ im Bereich der Arbeits- und Organisationspsychologie bezeichnet wird (31).

Die Arbeitstätigkeit steht im Zentrum des 3. Kapitels und damit auch das Konzept des russischen Psychologen A. N. Leontjew (der Autor des Buches verwendet die Übersetzung Leont’ev) ab Mitte des 20. Jahrhunderts, die „bis heute die deutschsprachige A&O-Psychologie nachhaltig“ beeinflusst (51). Danach wird die Persönlichkeit des Menschen durch sein „proaktives Handeln“ wesentlich geprägt. „Im Handeln äußert sich, was der Mensch aus seinem Leben macht“ (a. a. O.). Dieses komplexe Regulationssystem der Tätigkeiten wird ausführlich – auch unter Rückgriff auf Hacker – dargelegt. Dem Zusammenhang von Arbeit und Gesundheit kommt dabei besondere Bedeutung zu (63 ff.). Dabei ist die kognitive Verarbeitung und gezielte Bewältigung belastender Situationen wichtig, wozu einige Konzepte vorgestellt und erläutert werden, die „dieser aktiven Rolle des Menschen Rechnung tragen“ (73): zur Bewältigung von Stress/Burnout/Mobbing (74 ff.).

Auf der theoretischen Basis der bisherigen Ausführungen werden im 4. Kapitel die Gestaltung der Arbeitssysteme und Arbeitstätigkeiten analysiert und bewertet. Ziel der Arbeitsanalyse ist in Anlehnung an Ulich, „in unterschiedlicher Weise einen Beitrag zur psychologisch begründeten Passung von Mensch und Arbeit bzw. von Mensch, Technik und Organisation zu leisten“ (91). Einzelansätze der Arbeitsgestaltung beziehen sich auf die Aufgaben, die Bedingungen, die Arbeitsmittel und die Arbeitszeit (109 f.).

Im Fokus des umfangreichen 5. Kapitels stehen die „Personalauswahl und -entwicklung sowie die zwischenmenschliche Zusammenarbeit in Organisationen und deren Management“ (115). Damit werden Organisationen Gegenstand der Psychologie (117 ff.). Sie haben nicht nur Strukturen, sondern sind auch Kulturen aus allerdings vielen „Teilkulturen“: z. B. Führungs-, Gesprächs- und Qualitätskultur (123). Personalauswahl und Personalentwicklung sind Gegenstand der nächsten thematischen Vertiefungsschritte (125 ff.), Arbeitszufriedenheit und Arbeitsmotivation der dann folgenden (137 ff.). Die arbeits- und organisationspsychologische Analyse des Themenaspekts „Arbeitsgruppen und Gruppenarbeit“ (148 ff.) bietet interessante erweiternde Denkanstöße z. B. für die schulische Arbeit zur diesbezüglichen Begründungsargumentation im Unterricht, also zu motivationalen Aspekten der Gruppenarbeit (153). Ähnliches gilt für den Bereich „Management und Führung“ (157 ff.), wozu Lösungsansätze vorgestellt werden. Umgekehrt (aus der schulischen Unterrichtsebene betrachtet) setzt sich in der Arbeitspsychologie erfreulicherweise „zunehmend die Vorstellung durch, dass Lernen, Entwicklung und Innovation nicht lediglich aus einem reaktiven Anpassungsprozess bestehen dürfen, sondern proaktiv kreativen und inspirierenden Visionen folgen müssen“ (166), was für die Pädagogik nichts Neues ist. Organisationsdiagnose und Organisationsentwicklung (168 ff.) hat dagegen dort eine längere und breitere Tradition als im „Betrieb“ Schule, was hier zu Anregungen führen kann.

Diskussion

  1. Stress, Burnout und Mobbing als Belastungskomponenten durch Arbeitstätigkeiten haben zunehmende Bedeutung auch im Schulbereich (wie in anderen Dienstleistungsbetrieben), insbesondere bei den Lehrenden. Dies sind Wirkungen der Arbeit auf den Menschen im Arbeitsprozess. Sie betreffen den Zusammenhang von Arbeit und Gesundheit und umfassen auch „Ermüdung, Monotonie und Sättigung“ (63). Welche Anregungen erhalten Lesende dieses Buches in diesem Arbeitsbereich von der Arbeits- und Organisationspsychologie zum Erhalt und zur Förderung ihrer Handlungsfähigkeit (vgl. insbesondere Kapitel 3)?
  2. Diese Überlegungen führen zu folgender grundsätzlichen Diskussion: Ist die Arbeits- und Organisationspsychologie nicht noch zu sehr traditionell auf Produktionsbetriebe fokussiert (trotz eines Beispiels mit einem Schulhausmeisters zur Einführung in die Grundlagen der Arbeitsanalyse – 90 ff. -)?
  3. Gruppenarbeit der Lehrenden nicht nur im Kollegium generell, sondern vor allem im Hinblick auf die zunehmende Inklusion in der Schule wird im Unterricht zunehmend bedeutungsvoller. Es wäre zu prüfen, ob Erfahrungen der Arbeits- und Organisationspsychologie, die in der Regel in der Industrieproduktion gewonnen wurden (vgl. insbesondere 148 ff.), für die diesbezügliche „produktive“ Zusammenarbeit im Betrieb Schule (oder in anderen Dienstleistungsbetrieben!) gewonnen werden können.

Fazit

Entsprechend ihrer Tradition aus der „Psychotechnik“ des beginnenden 20. Jahrhunderts werden „Arbeit“ und „Organisation“ als zentrale Praxisfelder durch die Psychologie aufgearbeitet, jedoch meist auch heute noch im Bereich der industriellen – weniger der handwerklichen – Produktion. Modelle und Theorien dazu werden in diesem Buch für Studierende dieses Faches vorgestellt. Es ist darüber hinaus auch für Lesende der „praktischen“ Arbeit interessant und anregend, ihre eigene Arbeitssituation zu reflektieren, um die gestellten Anforderungen bewusst besser zu bewältigen und sich in ihren Kompetenzen weiterzuentwickeln. Es gibt einen Einblick in spezifische Forschungsbefunde und theoretische Arbeiten auch aktuellster Art. Eine Erweiterung der Forschung und Analyse auch auf ausschließlich Dienstleistungsbetriebe (wozu z. B. auch Betriebe der Erziehung, der Aus- und Weiterbildung gehören) wäre wünschenswert und notwendig, um die aktuelle gesellschaftliche Entwicklung in aller Breite zu berücksichtigen. Das klare, „anregende“ Konzept der Gestaltung dieser USBbasics-Lehrbücher fördert das Verständnis.

Rezension von
Dipl.-Hdl. Dr. phil. Klaus Halfpap
Ltd. Regierungsschuldirektor a. D.

Es gibt 51 Rezensionen von Klaus Halfpap.

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Zitiervorschlag
Klaus Halfpap. Rezension vom 10.12.2013 zu: Heinz Schüpbach: Arbeits- und Organisationspsychologie. UTB (Stuttgart) 2013. ISBN 978-3-8252-4009-7. UTBbasics-Band-Nr. 4009. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15811.php, Datum des Zugriffs 17.05.2022.


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