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Detlef Wetzel (Hrsg.): Organizing [...] Veränderung der gewerkschaftlichen Praxis [...]

Cover Detlef Wetzel (Hrsg.): Organizing. Die Veränderung der gewerkschaftlichen Praxis durch das Prinzip Beteiligung. VSA-Verlag (Hamburg) 2013. 304 Seiten. ISBN 978-3-89965-580-3. D: 19,80 EUR, A: 20,40 EUR, CH: 28,50 sFr.

Auf CD beigelegt: IG Metall (Hrsg.) Organizing-Handbuch – Der digitale Werkzeugkasten für die Praxis (pdf-Datei mit 144 Seiten).
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Thema

Grundlegende Veränderungen der Arbeitswelt sowie der Rückgang der Mitgliederzahlen der Gewerkschaften haben seit der Jahrhundertwende den Anlass für einen Neuansatz der Gewerkschaftsarbeit gegeben, der mit dem Begriff „Organizing“ gekennzeichnet wird. Das Buch stellt Ziele, Methoden und Ergebnisse des Organizing in der IG Metall und anderen europäischen Gewerkschaften vor und die sich dabei ergebenden Herausforderungen.

Der Anspruch ist dabei „im Sinne von Organizing … Selbstbefähigung und Beteiligung zu fördern, statt abstrakt Reklame für die gewerkschaftliche Sache zu machen. Emanzipation bedeutet, nicht Objekt, sondern Subjekt zu sein. Man wird nicht behandelt, sondern man handelt.“ (Wetzel, Klappentext)

Herausgeber und Autorenschaft

Herausgeber ist Detlef Wetzel, der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Bandes zum IG Metall-Vorsitzenden gewählt wurde. Weitere Autoren kommen ebenfalls aus der IG Metall oder haben die Erfahrungen des Organizing begleitet und ausgewertet. Dazu gehören Jonas Berhe, Torsten Lankau, Sören Niemann-Findeisen, Wilfried Schwetz, Jörg Weigand, die Journalisten Jörn Boewe und Johannes Schulten, sowie die Wissenschaftler Heiner Dribbusch und Oliver Thünken. Die einzige Autorin ist Susanne Kim, die zusammen mit Beate Willms auch das Organizing-Handbuch geschrieben hat, das auf einer CD beiliegt.

Die mit zentralen Artikeln vertretenen Organizer Tom Woodruff aus den USA und Michael Crosby aus Australien haben den Prozess des Organizing bei der IG Metall – wie zuvor schon bei ver.di – mit angeleitet und geprägt.

Hinzu kommen Beiträge von Vertretern anderer Gewerkschaften, Roman Burger aus der Schweiz, David Chu aus den USA, Aslak Haarahiltunen und Mika Häkkinen aus Finnland, sowie dem österreichischen Bildungssekretär Christian Schneeweiß.

Entstehungshintergrund

Spätestens seit der Jahrhundertwende haben sich für die Gewerkschaften sowohl in den USA als auch in Europa dramatische Veränderungen vollzogen. Wachsende Gruppen von Arbeitnehmern sind von prekären Beschäftigungsverhältnissen betroffen und kaum noch durch die Gewerkschaften erreichbar, klassische Großbetriebe sind rar geworden und die Unternehmensstrukturen haben sich diversifiziert. Betrieb und Arbeitsplatz sind häufig keine Einheit mehr. Die Mitgliederzahlen der meisten Gewerkschaften sind erheblich zurück gegangen.

In der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di, die davon besonders betroffen war, ist deshalb schon seit einiger Zeit das amerikanische Modell des „Organizing“ erprobt worden, wovon ein von Peter Bremme, Ulrike Fürniß und Ulrich Meinecke heraus gegebener Band berichtet [1].

2008 unternahm vor allem Detlef Wetzel in der IG Metall mit der Veröffentlichung von „Acht Thesen zur Erneuerung der Gewerkschaftsarbeit“, die auch in diesem Band abgedruckt sind, einen Vorstoß zum Organizing. Organizing wird dort begründet mit einer Erosion der Sozialpartnerschaft und als „mitgliederorientierte Offensivstrategie“ gesehen. Dieses dann von ihm teilweise umgesetzte Modell hat die IG Metall Jugend animiert, 2010 eine Auswahl der Schriften Saul Alinskys neu herauszugeben [2], wozu Wetzel ein Nachwort schrieb.

Der nun vorliegende Band erschien unmittelbar nach der Wahl Wetzels zum ersten Vorsitzenden. Aus ihm verbreitet der Verlag im Internet [3] den Eingangsartikel von Wetzel, der so auch als programmatische Erklärung für seine Amtszeit verstanden werden kann.

Aufbau

Der über 300-seitige Band beinhaltet vier unterschiedlich umfangreiche Teile sowie als CD-Beilage ein Organizing-Handbuch im pdf-Format mit noch einmal 144 Seiten.

Unmittelbar auf die IG Metall bezogen sind mit knapp 2/3 des Buchs der Teil I „Strategische Perspektiven“ mit drei Aufsätzen und der Teil II „Erfahrungen der IG Metall“ mit sechs Beiträgen. Hierzu ist außerdem das pdf-Handbuch auf der CD zu zählen.

Übergreifend auf gewerkschaftliches Organizing orientiert ist der Teil III „Das Feld erkunden“, der mit zwei Aufsätzen die „Strategische Recherche“ fokussiert sowie Teil IV „Blick über den Tellerrand“ mit acht Aufsätzen über Ansätze in anderen deutschen und europäischen Gewerkschaften. Zusammen umfassen diese Teile etwas mehr 1/3 des Buchs.

Zum Teil I „Strategische Perspektiven“

Detlef Wetzel stellt in seinem programmatischen Beitrag „Für eine neue gewerkschaftliche Agenda“ seine Anforderungen an das „German Organizing“ (S. 22) vor: „Das Denken muss die Richtung ändern: Es geht nicht darum, mehr Mitglieder zu werben, damit wir intern nichts verändern müssen“ (S. 25). Es ginge vielmehr darum, die erfolgreichen Organizing-Methoden auf die alltägliche Praxis zu übertragen. Das Ziel sei die Emanzipation; Aufgabe des Organizing sei es, mit Kampagnen „Betroffene zu selber Handelnden zu machen“ (S.27).

Der Berater des Organizing-Prozesses Tom Woodruff, der auf 40 Jahre Erfahrung im Organizing verweist, sieht den „Cowboy-Kapitalismus auf dem Vormarsch in Europa“. Der ‚Cowboy-Kapitalismus‘ breite sich in der ganzen Welt aus und „scheint im Kampf gegen das europäische Modell des Sozialstaats die Oberhand zu haben“ (S.31). „Der Krise mit Stärke begegnen“ fordert er die Gewerkschaften auf, allen voran die IG Metall als stärkste Gewerkschaftsbewegung Europas.

Abgedruckt werden als dritter programmatischer Beitrag noch einmal die 2008 von Detlef Wetzel, Jörg Weigand, Sören Niemann-Findeisen und Torsten Lankau entwickelten Thesen „Organizing: Die mitgliederorientierte Offensivstrategie für die IG Metall“. Sie sind – im Unterschied zum Buchtitel, der von „Veränderung der gewerkschaftlichen Praxis“ spricht – als Thesen zur „Erneuerung der Gewerkschaftsarbeit“ betitelt.

Zum Teil II „Erfahrungen der IG Metall“

In ihrem Aufsatz „Organizing in der IG Metall, Eine Begriffsbestimmung“ setzen sich die IG-Metall-Mitarbeiter Sören Niemann-Findeisen, Jonas Berhe und Susanne Kim mit der vor allem anfangs großen Skepsis sowohl im gewerkschaftlich orientierten Wissenschaftsdiskurs als auch innerhalb der IG Metall auseinander. Organizing sei Methode und politischer Anspruch zugleich und müsse ein beständiger Prozess sein: „Es ist also nicht mit der einen Kampagne getan, sondern es geht um periodische Erneuerungsphasen und dauerhafte Mitgliederbindung durch Beteiligung“ (S.89).

Mehrere Beiträge stellen das wichtigste Organizing-Projekt der IG Metall der letzten Jahre dar, den Aufbau gewerkschaftlicher Interessenvertretung im Windanlagenbau.

Heiner Dribbusch, der diesen Prozess begleitend und beobachtend erforscht hat, analysiert in seinem Beitrag zum „Aufbau gewerkschaftlicher Interessenvertretung im Windanlagenbau“ die Ausgangssituation, als es zwischen der Branche und der IG Metall eine Distanz, teilweise auch ein dezidiert negatives Verhältnis gegeben habe. Er schildert weiterhin die Vorbereitungsphasen für das Organizing-Projekt und den Projektverlauf in den unterschiedlichen Unternehmen bis hin zu dem Abschluss des Projektes und dem Weggang des Organizing-Teams.
Organizing sei eine Lernwerkstatt gewesen, in der Möglichkeiten, aber auch Grenzen des Organizing-Ansatzes erfahrbar geworden seien. Insgesamt gelte: „Die Organizing-Kampagne hat ihr strategisches Ziel erreicht. Die IG Metall ist in der Branche angekommen und wird von Beschäftigten wie Öffentlichkeit als die für die Windindustrie zuständige Gewerkschaft anerkannt“ (S.110).

Jörn Boewe und Johannes Schulten fokussieren in ihrem Beitrag „Eine erfolgreiche Zumutung: Organizing in der Windkraftindustrie“ die Innenperspektive der IG Metall, wie sie von hauptamtlichen Akteuren nach dem Projekt zum Ausdruck gekommen sei. Oft sei es um die Frage gegangen: Wer hat den Hut auf: Verwaltungsstelle, Betriebsräte oder Organizer?

In zwei weiteren Artikeln untersuchen Boewe und Schulten die Veränderungen der Arbeit in den Verwaltungsstellen der IG Metall aufgrund der Organizing-Projekte sowie anhand von drei Fallbeispielen die gewerkschaftlichen Gegenstrategien gegen Behinderung von Betriebsratswahlen.

Oliver Thünken stellt das Verhältnis der in Organizing-Projekten etablierten Aktivenkreise zu den Strukturen der Betriebsräte dar. Eine Konfrontation zwischen gewachsenen betrieblichen Strukturen und Aktivenkreisen sei nicht zwangsläufig.

Zum Teil III: Das Feld erkunden (Strategische Recherche)

Wilfried Schwetz sieht die Strategische Recherche als „unverzichtbare Basis für strategische Kampagnen“. Historisch knüpft er Verbindungen zur Neuen Linken, der amerikanischen Studentenbewegung sowie lateinamerikanischen Kampagnen. Eine enge Beziehung sieht Schwetz auch zu Saul Alinsky, der die „power structure analysis“ (S.201) zur Grundlage seiner Arbeit gemacht habe sowie zu der von Alinsky gegründeten IAF (Industrial Areas Foundation) sowie zu ACORN (Association of Community Organizing für Reform Now).

Bei diesen, so Schwetz, ginge es immer um Anliegen über die reine Lohnfrage hinaus, nämlich um die Gleichstellung, internationale Solidarität, Krieg und Frieden und Rassendiskriminierung. Und so sei das Ziel der Strategischen Recherche in den Gewerkschaften auch weiter greifend, nämlich das Machtungleichgewicht zwischen Belegschaft und Unternehmen auszugleichen. Oft stünde aber die „möglichst clevere Anwendung vielgestaltiger Kampagnenelemente im Vordergrund, ohne a) die Machtpotenziale der eigenen Seite hinreichend untersucht und b) ohne eine realistische Analyse für die Führung einer strategischen Kampagne …vorgenommen zu haben“ (S.209). Bei der Analyse könnte man auch auf Theorien der Sozialen Bewegungen insb. zur Political Opportunity Structure zurück greifen, um die Quellen gewerkschaftlicher struktureller, kollektiver, institutioneller sowie diskursiver Macht zu erkunden.

David Chu lotet in dem Aufsatz „Neue Recherchen in der alten Welt“ spezifische Herausforderungen für strategische Recherchen im Kontext der Europäischen Union aus, die durch Globalisierung, Unternehmensumstrukturierung und Transnationalisierung geprägt sei.

Zum Teil IV: Blick über den Tellerrand

Mit dem Teller ist der Bereich der IG Metall gemeint. Jenseits dessen Randes werden Organizing-Projekte anderer Gewerkschaften in Deutschland sowie anderen europäischen Ländern ins Auge gefasst.

Michael Crosby aus Australien, der das Organizing-Projekt der IG Metall langfristig anleitend begleitet hat, schildert auf der Grundlage von Interviews unter dem Titel „Hoffnungsschimmer in Europa, Anzeichen gewerkschaftlicher Veränderungen in der alten Welt“ Ansätze des Organizing in den Niederlanden, Irland und Großbritannien. Bei einer Kampagne für Reinigungskräfte in den Niederlanden z.B. hätte man sich hilfesuchend an Freiwillige aus der progressiven politischen Szene gewandt; diese „Rebel Clowns“ hätten aber nicht anerkannt, dass die Gewerkschaft das Sagen hatte und im Streit die Kampagne verlassen. Bei mehreren Projekten hätten sich Forderungen auf der Lohnebene nicht als hinreichend erwiesen, weil es den Beschäftigten vorrangig um Respekt für ihre Arbeit gegangen sei. Crosby kommt zu dem Schluss, dass die Kampagnen ein „Vorläufer einer anderen Art von Gewerkschaft“ (S.258) sein müssten, bei der die verborgene Macht der großen Mitgliedschaft mobilisiert wird.

Johannes Schulten zeigt beispielhaft bei einem Organizing-Projekt von ver.di bei Amazon auf, wie ein Mangel an Ressourcen zu dem positive Effekt führte, „dass die Kontaktaufnahme zur Belegschaft direkt erfolgte“ (S. 263) und so Aktivenkreise auch zu einem produktiven gemeinschaftlichem Erlebnis machte.

Jörn Boewe stellt ein Organizingprojekt der IG BAU unter den Gebäudereinigern im Frankfurter Bankenviertel vor. Neu sei die „die Methode, ein geografisch definiertes Gebiet zu erschließen“ (S. 270), wobei man sich nicht auf die Gebäudereinigungsfirmen selbst, sondern auf die Kunden dieser Firmen wie die Banken, Hotels und die Uniklinik konzentriert hätte. Denn diese wären eher unter moralischen Druck zu setzen gewesen. Der Druck, hier Gewerkschaftsarbeit zu ermöglichen, sei durchaus massiv ausgeübt worden, z.B. mit Gesprächen mit Hoteliers: „Ihre Gäste finden es sicher aufregend, wenn die Finanzkontrolle Schwarzarbeit hier einmarschiert. Und die Jungs von der Presse werden sich freuen, denn das gibt tolle Bilder“ (S.278).

Aslak Haarahiltunen berichtet über „Organizing gegen die Erosion des nordischen Sozialmodells. Das Beispiel der finnischen Metallarbeitergewerkschaft Metalli“.

Christian Schneeweiß von der österreichischen Gewerkschaft Bau-Holz zeigt beispielhaft auf, dass Sozialpartnerschaft und Organizing zwar im Spannungsverhältnis zueinander stehen, aber Organizing auch die Sozialpartnerschaft stärken könne. „Denn wer will sich schon mit einer starken und kampffähigen Gewerkschaft anlegen?“ ( S. 301)

Jörn Boewe berichtet über Organizing bei der Schweizer Gewerkschaft UNIA. In einem ergänzenden Gespräch mit deren Geschäftsleiter Roman Burger wird dargestellt, wie sich die große Anzahl der Migranten auch bei den Hauptamtlichen abbildet. Dabei ginge es nicht nur um das Aushandeln von Tarifen und Betriebserschließung, sondern um den „außerparlamentarischen Kampf für soziale Gerechtigkeit“.

Als einziger Beitrag befasst sich Mika Häkkinens Darstellung der Entstehung der Baltischen Organizing-Akademie mit den neuen Beitrittsländern der EU. Die Akademie umfasst Projekte von nordischen und baltischen Gewerkschaften aus verschiedenen Branchen des Industrie-, Service- und Transportsektor und mehr als acht Ländern. Dabei arbeiten Gewerkschaften aus Finnland, Dänemark und Schweden mit einem hohen Organisationsgrad von 70% zusammen mit sehr schwachen Gewerkschaften aus dem Baltikum. Das Projekt widerlege, so Haarahiltunen, die häufig genannte Aussage: „Organizing kann woanders funktionieren, aber nicht in einem bestimmten Sektor, in einer bestimmten Gewerkschaft, in einer bestimmten Personalgruppe, in einem bestimmten Erdteil oder in einer bestimmten Kultur“ (S. 285).

Zum Handbuch auf der CD

Das Handbuch von Susanne Kim und Beate Wilms liefert eine umfangreiche Anleitung zu Organizing-Kampagnen. Diese sind gegliedert nach Phasen, (1) der Vorbereitung und Planung mit einer strategischen Recherche, (2) dem Zugang zu den Betrieben und den Arbeitenden, (3) dem Aufbau eines Organizing- Teams, (4) dem Themenkonflikt mit der Themenfindung, (5) der geplanten Eskalation eines Konflikte, sowie (6) dem Erfolg. Bei der Identifizierung eines „heißen Themas“ ginge es insbesondere um die Entwicklung einer für die Konfliktdurchführung geeigneten Kommunikation nach innen und außen.

Die einzelnen idealtypisch gezeichneten Phasen werden mit Arbeitsmaterialien angereichert.

Diskussion

Pünktlich zu seiner Wahl zum IG Metall-Vorsitzenden stellt Detlef Wetzel mit dem Buch der Öffentlichkeit und insbesondere den IG Metall-Mitgliedern das Konzept des Organizing vor, das er selbst seit fünf Jahren nach Darstellung des Buchs erfolgreich voran gebracht hat. Gemessen wird der Erfolg an der Aktivierung von Beschäftigten für ihre Interessen, der Verankerung der Gewerkschaft in Betrieben, die vorher weiße Flecken waren, und an der Vergrößerung der Mitgliedschaft.

Organizing hat eine lange Geschichte und ist, wie in dem Buch relativ knapp dargestellt wird, in den 1930er und 1940er Jahren von Saul Alinsky als Konzept entwickelt worden.

Wenn man genauer auf das Werk Alinskys schaut als es im Buch geschieht, kann man die Wurzeln des Organizing in der damaligen Gewerkschaftsarbeit selbst finden. Alinsky hat Organizing für Stadtteile statt für Betriebe entwickelt, als „Community Organizing“.

Jetzt scheint Organizing zurück zu kehren in die Betriebe. Die konkreten Schilderungen in dem Buch aber zeigen: Organizing wird vor allem dort angewendet, wo die Gewerkschaft noch nicht verankert ist, sei es, weil es dort keine gewerkschaftliche Tradition gibt, die Beschäftigten als Leiharbeiter keinen dauerhaften Zusammenhang haben, wie bei den Reinigungskräften auf wechselnden Arbeitsplätzen kaum zusammen treffen, oder auch, weil z.B. wissenschaftlich Qualifizierte sich schwer tun, kollektive Identität auszubilden. Zudem findet eine IG Metall schwer Platz z.B. in der Windenergie, die von einer an Eisen, Stahl und Atomenergie orientieren Industriegewerkschaft lange Zeit eher belächelt wurde.

Mit Organizing, so zeigt das Buch überzeugend, können Gewerkschaften „weiße Flecken“ mit direkter Kommunikation über konkrete Probleme sowie mit unmittelbaren Aktionen so einfärben, dass eine lebendige gewerkschaftliche Interessenvertretung entsteht.

Anders als z.B. im „Organizing for America“ von Barack Obama und dessen Rezeption bei Schmidt[4] steht nicht die Online-Kommunikation mit ihren technisch erweiterten Möglichkeiten im Vordergrund, sondern die persönliche Kommunikation und direkte Gespräche zwischen den Teilnehmenden. Dies gilt auch für die erforderlichen Ressourcen: Personen sollen für das gewerkschaftliche Organizing bezahlt werden, nicht vorrangig elektronische Plattformen.

Der Anspruch aber, so der Buchuntertitel „Die Veränderung der gewerkschaftlichen Praxis“, oder gar der „Erneuerung der Gewerkschaftsarbeit“, wie sie in den abgedruckten Thesen von 2008 propagiert wird, geht darüber hinaus: Erneuerung bedeutet mehr Beteiligung, eine neue gewerkschaftliche Agenda, ja, eine Offensivstrategie gegen den „Cowboy-Kapitalismus“.

Erneuert werden muss etwas, was veraltet ist; hier aber wird das Buch sehr vorsichtig: eine kritische Analyse der gegenwärtigen Gewerkschaftsarbeit sucht man vergeblich. Offenbar will man keinem lang gedienten Gewerkschaftssekretär zu nahe treten. Deshalb wird Organizing für die IG Metall eher als Ergänzungs- denn als Veränderungsstrategie vorgestellt.

Als solche aber werden die Strukturen, Methoden, Hemmnisse und Erfolge sehr gut und differenziert heraus gearbeitet, insbesondere im zweiten Teil zu den Erfahrungen der IG Metall, im „Blick über den Tellerrand“ sowie am klarsten im auf der CD beigelegten Organizing-Handbuch der IG Metall.

Allerdings kommen zur IG-Metall nur Mitwirkende der Kampagnen sowie journalistische und wissenschaftliche Begleiter, die den Prozess unterstützt haben, zu Wort. Eine kritische Evaluation der Kampagnen von außen steht noch aus.

Deshalb ist es gut, dass im dritten und vierten Teil des Buches „über den Tellerrand“ auf die Arbeit anderer Gewerkschaften und in andere Länder geblickt wird. Hier kommen zusätzliche Bezüge zur Sprache: da geht es um die Bedeutung von Stadtteilen, Möglichkeiten der Solidarität von Kunden und um Kampagnen für eine grundsätzlich andere, an der Menschenwürde orientierte Politik.

Schwer tun sich die Gewerkschaften mit der Öffnung zu den Sozialen Bewegungen, zu denen sie in ihrer Geschichte ja selbst gehören. Auch hier ist wieder eine Sorge gegenüber gewerkschaftskritischen Positionen zu erkennen, die die erworbene Organisationsmacht beeinträchtigen könnten.

Das Buch reiht sich in eine Mehrzahl von Beiträgen zum Organizing ein, die seit Barack Obamas Wahlkampf und Wahlsieg mit Elementen des Organizing nun auch in Deutschland veröffentlicht sind. Verwiesen werden kann aktuell auf Maximilian Schmidts Analyse der Mobilisierungs- und Beteiligungsstrategie der Obama-Administration [5], auf das für Anfang 2014 angekündigte Handbuch Community Organizing [6] sowie Robert Maruschkes[7] angekündigte kritische Einführung zum Community Organizing.

Ein tiefer gehender Dialog zwischen gewerkschaftlichem Organizing, politischem Organizing, dem Community Organizing sowie den Ansätzen in den Sozialen Bewegungen steht in Deutschland aber noch aus.

Fazit

Der von dem IG-Metall-Vorsitzenden Detlef Wetzel heraus gegebene Sammelband zum Organizing bietet eine wertvolle Darstellung und Aufarbeitung von konkreten Erfahrungen des Organizing in der IG-Metall und einigen anderen deutschen und europäischen Gewerkschaften. Er zeigt, dass in Zeiten veränderter Arbeitsbeziehungen und eines Mitgliederschwunds der Gewerkschaften der Neuaufbau betrieblicher Interessenvertretung möglich und der Niedergang der Gewerkschaften kein unumkehrbarer Naturprozess ist.

Organizing wird vorwiegend als ein Methodensetting der persönlichen Kommunikation und Aktivierung, der Bildung von handlungsfähigen aktiven Gruppen und der konfliktorientierten Kampagnen angesehen und nicht, wie Organizing oft missverstanden wird, als ein Trick aus der Internetkiste.

Die im Titel angesprochene Veränderung gewerkschaftlicher Praxis durch Beteiligung ist eher ein noch vages Versprechen als durch das dargestellte Organizing umgesetzte Realität. Hier wäre eine kritische Analyse der vorherrschenden Gewerkschaftsarbeit erforderlich.

Der im Band vorgenommene „Blick über den Tellerrand“ ist wertvoll, bleibt aber unvollständig, weil er nicht über den Bereich der Gewerkschaften hinaus geht und insbesondere nicht bis zum Community Organizing reicht. Auch der wissenschaftliche Blick auf die geschichtlichen Hintergründe erscheint als etwas verkürzt.

Es gelingt dem Werk aber, auch außerhalb der Gewerkschaftspraxis Stehende praxisnah und anschaulich zu informieren über neue Ansätze, die einige Gewerkschaften in Angriff genommen haben. Mit Hilfe des auf einer CD beigefügten Organizing-Handbuch ist es auch möglich, Grundsätze und Methoden von Organizing-Kampagnen zu lernen.

Nützlich ist das Buch also sowohl für direkt an der gewerkschaftlichen Arbeit Interessierte als auch alle Menschen, die gemeinschaftlich mit anderen Bedingungen verändern wollen.


[1] Peter Bremme / Ulrike Fürniß / Ulrich Meinecke (Hrsg.) 2007: Never work alone, Organizing – ein Zukunftsmodell für Gewerkschaften, 280 Seiten VSA, Hamburg ISBN 978-3-89965-239-0

[2] Vgl. Carsten Müller, Rezension vom 04.05.2011 zu: Saul D. Alinsky: Call Me a Radical. Organizing und Empowerment. Lamuv Verlag (Göttingen) 2011. bearbeitete und aktualisierte Neu- Auflage. 207 Seiten. ISBN 978-3-88977-692-1. Mit einem Vorwort von Eric Leiderer und einem Nachwort von Detlef Wetzel. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/11523.php, Datum des Zugriffs 13.01.2014.

[3] Auszug aus dem Buch mit Inhaltsverzeichnis, Vorbemerkung sowie dem Aufsatz von Dieter Wetzel, Für eine neue gewerkschaftliche Agenda, Autorin und Autoren in http://www.vsa-verlag.de/uploads/media/www.vsa-verlag.de-Wetzel-Organizing.pdf, Datum des Zugriffs: 13.01.2014

[4] Vgl. Michael Rothschuh. Rezension vom 29.10.2013 zu: Maximilian Schmidt: Organizing als demokratische Funktion. Lit Verlag (Münster) 2011. 187 Seiten. ISBN 978-3-643-11222-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/15634.php, Datum des Zugriffs 13.01.2014.

[5] Maximilian Schmidt: Organizing als demokratische Funktion. Lit Verlag (Münster) 2011

[6] Forum für Community Organizing e.V. FOCO · Stiftung MITARBEIT (Hrsg.) in Kooperation mit DICO, 2014: Handbuch Community Organizing. Geschichte, Theorie und Praxis, ISBN 978-3-941143-15-9

[7] Robert Maruschke: 2014: Community Organizing. Zwischen Revolution und Herrschaftssicherung. Eine kritische Einführung, Münster, Edition Assemblage, ISBN 978-3-942885-58-4


Rezensent
Prof. Michael Rothschuh
Professor an der HAWK-Hochschule Hildesheim/Holzminden/Göttingen, Lehrgebiete Sozialpolitik, Gemeinwesenarbeit. Pensioniert.
Homepage www.rothschuh.de
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Zitiervorschlag
Michael Rothschuh. Rezension vom 28.01.2014 zu: Detlef Wetzel (Hrsg.): Organizing. Die Veränderung der gewerkschaftlichen Praxis durch das Prinzip Beteiligung. VSA-Verlag (Hamburg) 2013. ISBN 978-3-89965-580-3. Auf CD beigelegt: IG Metall (Hrsg.) Organizing-Handbuch – Der digitale Werkzeugkasten für die Praxis (pdf-Datei mit 144 Seiten). In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15823.php, Datum des Zugriffs 24.09.2017.


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