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Janina Strohmer: Kindliche Interessen im Vorschulalter

Cover Janina Strohmer: Kindliche Interessen im Vorschulalter. Entwicklung eines diagnostischen Verfahrens. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2013. 198 Seiten. ISBN 978-3-8300-6842-6. D: 79,80 EUR, A: 82,10 EUR.

Schriftenreihe Schriften zur Entwicklungspsychologie - Band 31.
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Autorin

Dr. Janina Strohmer, Diplompsychologin, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Abteilung Forschungsmethoden am Institut für Psychologie der Pädagogischen Hochschule Freiburg i. Br.

Entstehungshintergrund

Die vorliegende Arbeit wurde von der Pädagogischen Hochschule Freiburg i. Br. 2012 als Dissertation angenommen.

Thema

Im Rahmen der frühpädagogischen Bildungsdiskussion befasst sich die Studie mit der Entwicklung und Validierung eines standardisierten Dokumentationsverfahrens zur Erfassung von Interessen bzw. Interessenprofilen von Kindergartenkindern. Theoretische Grundlage ist das Strukturmodells der Interessen von Holland (1997), dessen Übertragbarkeit auf den Elementarbereich untersucht wird.

Aufbau und Inhalt

Der Aufbau des Buches folgt dem Schema einer wissenschaftlichen Arbeit: Theoretische Grundlagen, eigenes Forschungsprojekt, Diskussion und Einordnung der Ergebnisse.

Im ersten Teil stellt die Autorin die theoretischen Grundlagen dar. Im Anschluss an die Begründung der bildungspolitischen Relevanz des Ansatzes wird erst der Kompetenzbegriff und der Stand der Forschung bezogen auf das Vorschulalter besprochen. Einen großen Umfang nimmt die Darstellung der pädagogisch-psychologischen Interessensforschung ein. Strohmer geht auf die kindliche Entwicklung von Interessen (einschließlich deren Vorläufer) ein und stellt als wichtiges theoretisches Konstrukt das hexagonale Modell von Holland (1997) vor, das sechs (berufliche) Interessenstypen umfasst, den realistischen, den forschenden, den künstlerischen, den sozialen, den unternehmerischen und den konventionellen Interessentyp. In einer deutschen Studie mit Kindern im Grundschulalter konnte das Modell nicht bestätigt und nur eine 2-faktorielle Lösung gefunden werden. In dieser Studie wurde das Inventory of Child Activities – Revised (ICA-R) angewandt, das auch Ausgangspunkt der vorliegenden Studie war.

Im zweiten Teil stellt Strohmer ihre eigenen Untersuchungen dar. In einer Pilotstudie erfragt sie, welche Gütekriterien ein Diagnoseinstrument aus Sicht praktisch tätiger frühpädagogischer Fachkräfte erfüllen sollte sowie welche Relevanz diese den Interessentypen von Holland zuschrieben.

Nach der Erhebung dieser Informationen wurde das Inventory of Child Activities schrittweise modifiziert und für das Vorschulalter adaptiert, so dass es als Fragebogen für Kinder, Eltern und Fachkräfte vorlag. Die Anpassung an das Kindergartenalter erfolgte durch die Umsetzung der schriftlichen Items in Bilderform und die visuelle Unterstützung der Antworten durch eine „Smileykarte“. Die Fragebögen wurden auf (für alle drei Untersuchungsgruppen gleiche) 20 Items verkürzt, wobei Items für die Bereiche „konventionell“ und „unternehmerisch“ nicht mehr enthalten waren.

Die Fragebögen wurden 156 Kind-Elternteil-Fachkraft-Triplets in badischen Kindergärten vorgelegt. 148 Kinderbögen, 105 Elternbögen und 119 Erzieherbögen konnten ausgewertet werden. Es wurden auch die Kompetenzen der Kinder für die in den jeweiligen Items beschriebenen Tätigkeiten von Eltern und Erzieherinnen eingeschätzt sowie die kindlichen Kompetenzen durch Teile standardisierter Tests (z.B. relevante Untertests des WET) erfasst.

Die Ergebnisse zeigen u.a., dass die sechs Bereiche bei Kindern im Vorschulalter noch nicht gefunden werden konnten, aber individuelle Unterschiede in „realistisch-forschenden“ und „künstlerisch-sozialen“ Interessens- und Fähigkeitsbereichen identifiziert werden konnten. Es werden Geschlechtsunterschiede und die Übereinstimmungen zwischen den drei befragten Personenkreisen dargestellt. Eltern und Fachkräfte scheinen in dieser Untersuchung nicht deutlich zwischen angenommenen Interessen und Fähigkeiten zu unterscheiden.

Im kurzen Teil III werden die Ergebnisse diskutiert und kritisch bewertet.

Diskussion

Die Arbeit hat ein interessantes Thema, die Erfassung von (handlungsrelevanten) Interessen im Vorschulalter.

Die Arbeit zeigt deutlich, wie schwierig es ist, in diesem Altersbereich diagnostisch relevante, zuverlässige und valide Ergebnisse zu erzielen.

Kinder im Vorschulalter zeigen ein undifferenziertes Interesse-Selbstkonzept und können noch nicht gut zwischen Interessen und Fähigkeiten unterscheiden. Eltern schätzten die Fähigkeiten und Interessen der Kinder (nicht unbedingt der Realität entsprechend) höher ein als die pädagogischen Fachkräfte.

Es verwundert nicht, dass die Bereiche der konventionellen und der unternehmerischen Interessen, so wie sie konzipiert sind, in diesem Alter noch nicht relevant sind. Eine große Zustimmung zu den Items in diesem Bereich (z.B. Zahlen addieren, Dinge zählen und sortieren, Dinge in einer Liste aufschreiben) und damit ein auffälliges Interesse dafür wäre eher klinisch relevant.

Das Vorgehen, der Fragebogen, ist kindgerecht umgesetzt; die praktische Anwendbarkeit und der Nutzen erschließen sich mir nicht. Insgesamt wird ein Thema behandelt, das weitere Forschung verdient. Es muss aber nicht ein Konzept sein, dass bei Jugendlichen und Erwachsenen sinnvoll ist.

Fazit

Eine Dissertation mit einem interessanten Thema, das Beachtung verdient hat. Als Dissertation ist das Buch wohl nur für die Forschenden von Interesse, noch nicht für die Praxis.


Rezension von
Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner
Leiter der Interdisziplinären Frühförderstellen im Landkreis Erding im Einrichtungsverbund Steinhöring
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Zitiervorschlag
Lothar Unzner. Rezension vom 03.07.2014 zu: Janina Strohmer: Kindliche Interessen im Vorschulalter. Entwicklung eines diagnostischen Verfahrens. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2013. ISBN 978-3-8300-6842-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15831.php, Datum des Zugriffs 08.08.2020.


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