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Pierre Rosanvallon: Die Gesellschaft der Gleichen

Cover Pierre Rosanvallon: Die Gesellschaft der Gleichen. Hamburger Edition (Hamburg) 2013. 384 Seiten. ISBN 978-3-86854-257-8. D: 33,00 EUR, A: 33,90 EUR, CH: 42,90 sFr.
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Thema

Die enormen wirtschaftlichen, sozialen und politischen Unterschiede in der Gesellschaft werden häufig beklagt. Aber warum erstaunlich wenig an demokratischem Konfliktpotenzial in den westlichen Industrienationen zu beobachten ist, scheint weniger einfach zu beschreiben zu sein. An Analysen der politischen Bürgerschaft besteht ein Bedarf. Hier setzt Rosanvallon an. Wenn die Grundlage eines Verständnisses von Gleichheit fehlt, geraten demokratische Voraussetzungen ins schwimmen.

Autor

Pierre Rosanvallon ist Professor für Neuere und Neueste Politische Geschichte am College de France und Studiendirektor an der École des Hautes Études en Sciences Sociales.

Entstehungshintergrund

Das Buch wird in der Hamburger Edition HIS herausgegeben, dem Verlag des Hamburger Instituts für Sozialforschung.

Aufbau

Das Buch ist in fünf Oberkapitel gegliedert, die dann meist wieder 5 Unterkapitel umfassen.

Inhalt

I Die Erfindung der Gleichheit. Die Bedeutung der Gleichheit für die soziale und politische Entwicklung wird am Beispiel Frankreichs und Amerikas anhand historischer Zeugnisse dargelegt. In Frankreich nahm der Gleichheitsdrang den Weg über die Idealisierung der Politik (91). In Amerika speiste sich das Gefühl einer Gleichheit der Bedingungen, aus dem Stolz eine unabhängige Existenz führen zu können (85). Rosanvallon geht in diesem Abschnitt sehr genau den widersprüchlichen Bedeutungen des Wahlrechts und der demokratischen Vorstellungen nach.

II Die Pathologien der Gleichheit. Die Industrialisierung führte dazu, dass die vorkapitalistischen Konzepte zur Verwirklichung einer Gesellschaft der Gleichen hinfällig wurden. Die Entstehung spektakulärer ökonomische Ungleichheiten führte zu sozialen Ausschlüssen und Spaltungen in der Gesellschaft. Im System der Industrie ist Gleichheit nicht nur nicht möglich, sonder auch nicht wünschenswert, so ein Vertreter der neuen liberal-konservativen Ideologie. Ungleichheit wurde als natürliche Basis „wissenschaftlich“ entdeckt und besonders in Amerika naturalisiert.

III Das Jahrhundert der Umverteilung. Das Verständnis von Steuern bezog sich bis zum Ende des 19. Jahrhunderts als eine Art Beitrag für öffentliche Ausgaben. Äußerst scharfe Auseinandersetzungen begleiteten die Einführung einer progressiven Einkommenssteuer, die in Amerika von Teilen der Presse als kommunistisch inspiriert eingestuft wurde. Interessant ist, wie die Entwicklung des Spitzensteuersatzes in Amerika verlief: „Denn dort lag der 1918, fünf Jahre nach der endgültigen Einführung des Gesetzes, der Steuersatz bei 77 %. Zwar sank er im Laufe der 1920er Jahre wieder (24% im Jahr 1929), klettert jedoch 1936 erneut auf 79% und erreichte 1942 sogar 94%“ (201). Zu Beginn des 20 Jahrhunderts setzte sich auf dem europäischen Kontinent wie in Amerika der Gedanke durch, „…dass Steuern als Instrument zur Reduzierung sozialer Ungleichheit fungieren können, …“ (202). Die sozialistischen Parteien hatten das Problem, zugleich Theorien der Gleichheit und eine Kritik der Ungleichheit zu formulieren (211) sowie Fragen der Umverteilung ins Zentrum des Handelns zu stellen. Um 1900 bildete sich in Frankreich ein reformorientiertes Milieu heraus, das diverse politisch-geistige Standpunkte umfasste. Der 1. Weltkrieg bracht eine Steigerung des Gefühls der Verbundenheit und der solidarischen Nation. Analysen der Produktion brachten deren gesellschaftliche Voraussetzungen und Bedingtheit hervor, mit dem Effekt, soziale Gerechtigkeit nicht mehr als moralisches Gebot zu verstehen, sondern aus der Struktur des Sozialen abzuleiten (229). Der Ausbau von Umverteilungsinstitutionen und Wohlfahrtsstaat korrespondierte zu diesen Vorstellungen.

IV Der große Gegenschlag. In den 1990er Jahren begannen eine Binnenerosion der Solidarinstitutionen und eine unterschwellige Deligitimierung des Sozial- und Umverteilungsstaates. Die progressive Einkommensbesteuerung wurde europaweit zurückgedrängt (Großbritannien von 83% im Jahr 1977 auf 40% 1999). Während der Individualismus der französischen Revolution noch mit dem Gedanken der Gleichheit und der Gleichwertigkeit aller Menschen verbunden war, wird die aktuelle Situation durch einen Individualismus des Singulären geprägt. Ungleichheit resultiert aus individuellen Situationen wie aus sozialen Lagen. Das singuläre Individuum hat das sozial geprägte in den Hintergrund gedrängt (268). Das Risiko wird als Leitfigur des Menschen und der Moral propagiert. In einem politischen Vakuum konnte sich eine Ideologie der Konkurrenz entfalten. Die dazu korrespondierende Theorie der radikalen Chancengleichheit erweist sich „…aber als unfähig, eine politische Theorie der Gerechtigkeit zu begründen“ (293).

V Die Gesellschaft der Gleichen (Erster Entwurf). Die Erzeugung des Gemeinsamen wird in den Dimensionen Partizipation, gegenseitiges Verstehen und Zirkulation diskutiert. Grundlage ist, sich der Problematik von Gleichheit und Differenz zu stellen. Gleichheit ist nicht mit Gleichmacherei zu verwechseln, sondern lässt Differenz zu. Die Idee einer auf radikaler Individualität aufbauenden Gleichheit der Egoisten, stellt keinen gangbaren Weg dar. Das Zusammenspiel von Gleichheit und Differenz ist mit Hilfe der Verknüpfungen der Prinzipien von Singularität, Reziprozität und Kommunalität zu bewerkstelligen. Über Gleichheit kann man nicht im Singular sprechen, die Menschen sind immer gleich und verschieden (347). Es kommt darauf an, in relationalen Begriffen zu denken und verschieden Dimensionen zu berücksichtigen. Der Beziehungsgleichheit gebührt die erste Stelle, Verteilungs- und Umverteilungsgleichheit sind sekundär. Die Legitimation für Gleichheit muss sich aus der Beziehungsgleichheit ableiten.

Diskussion

Die Wahlbeteiligung sinkt. Warum bildet das Politische das Soziale nicht für Alle glaubwürdig ab? Wer tiefer nachdenken möchte als in den üblichen Sonntagsreden, ist mit dem Buch von Rosanvallon bestens bedient. Hier kann zum Beispiel nachvollzogen werden, warum Erwartungen an das demokratische (Wahl-) System nicht erfüllt wurden (und wahrscheinlich auch nicht erfüllt werden können). Oder warum ein Legitimationsverlust steuerlicher Umverteilung zu konsternieren ist. Trotz einer auseinanderklaffenden Einkommensschere ist kaum Zustimmung für steuerliche Gegenmaßnahmen erkennbar. Rosanvallon diagnostiziert Grundsätzliches, nämlich dass Erlahmen der Voraussetzung demokratischer Ordnung: das bewusste Organisieren des Zusammenlebens unterschiedlicher Menschen. (333). Er misstraut einem Homogenitätsbegriff als Schlüsselbegriff für Vertrauensbildung. Die Stärke des Buches liegt in der Rekonstruktion des aktuellen Verständnisses von Gleichheit. Die Schwäche darin, die logischen und praktischen Anschlussstellen für konstruktivistische Überlegungen nicht zu nutzen. Die Fragen nach den Bedingungen der individuellen wie der kommunikativen Wahrnehmungen von Gleichheit werden vergleichsweise knapp diskutiert.

Fazit

Das Gemeinsame fällt nicht unter die Kategorie Eigentum, sondern Beziehungen. Dafür, die Erzeugung des Gemeinsamen nicht als Gegensatz von Freiheit oder Verantwortung zu denken, leistet Rosanvallon hervorragende Grundlagenarbeit. Sein Buch ist alle Mühe des Verstehens wert. Es ist hervorragend fundieret, packend in seinen historischen Bezügen zu lesen und macht demokratisch inspirierten und ausgerichteten Mut. Ein ausgezeichnetes Buch.


Rezension von
Prof. Dr. Wilfried Hosemann
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Zitiervorschlag
Wilfried Hosemann. Rezension vom 25.04.2014 zu: Pierre Rosanvallon: Die Gesellschaft der Gleichen. Hamburger Edition (Hamburg) 2013. ISBN 978-3-86854-257-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15835.php, Datum des Zugriffs 09.04.2020.


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