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Christina Schwarz: Kulturelle Orientierung als Glücksfaktor?

Cover Christina Schwarz: Kulturelle Orientierung als Glücksfaktor? Eine Analyse von Arbeits- und Lebenszufriedenheit in Deutschland. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2013. 323 Seiten. ISBN 978-3-8300-7230-0. D: 98,80 EUR, A: 101,60 EUR, CH: 129,00 sFr.

Schriftenreihe Schriften zur Kulturwissenschaft - Band 101.
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Autorin

Die Autorin hat mit dieser Arbeit 2013 an der Philosophischen Fakultät der Universität Passau in Psychologie promoviert. Betreut wurde die Untersuchung von Prof. Dr. Petia Genkova Petkova.

Fragestellung und Methode

Das Buch beginnt mit einer vielversprechenden Frage: „Die Frage ist, inwieweit die kulturellen Vorstellungen der Menschen zu einem glücklichen Berufs- und Privatleben beitragen.“ (S. 5)

Die Untersuchung verwendet einen komplexen mehrteiligen Fragebogen, der eine Kombination aus verschiedenen bewährten Messinstrumenten darstellt. Skaliert werden die Fragen von 1 („stimmt nicht“) bis 7 („stimmt“). Zur Abbildung des kulturellen Rahmens wird der Individualismus / Kollektivismus-Fragebogen von Triandis (1996) herangezogen. Die allgemeine Lebenszufriedenheit wird durch eine Skala aus fünf Items der bekannten Glücksforscher Diener, Emmons u.a. (1985) abgebildet. Zur Erfassung des Selbstwerts bildet der Self-Esteem-Frageogen von Rosenberg (1965) die Grundlage. Die kulturspezifische Lebenszufriedenheit wird auf der Grundlage des Universal Wellbeing Fragebogens von Genkova erfasst. Für die Messung der Arbeitszufriedenheit hat die Autorin eine eigene Skala aus vier Items verwendet. Zwanzig offene Fragen eröffnen darüber hinaus qualitative Persepktiven.

Aufbau und Inhalt

In der Einleitung werden die Fragestellungen entwickelt, danach gibt die Autorin einen Überblick über das Forschungsgebiet der Interkulturellen Kommunikation und beleuchtet die Schnittstellen zu Nachbardisziplinen. (1. – 3.)

Im vierten Abschnitt wird der Kulturbegriff reflektiert und darauf aufbauend im 5. Abschnitt operationalisiert. Im 6. Abschnitt (ab S. 57) werden Individualismus und Kollektivismus als Globalmerkmale zur Analyse von Kulturen erläutert. Der kurze 7. Abschnitt geht auf das „deutsche Kulturmodell“ ein. Kapitel 8 und 9 stellen bisherige Forschungsergebnisse zu Arbeitszufriedenheit, Wohlbefinden und kulturellem Kontext dar. Danach werden die Forschungsziele präzisiert (10.), Hypothesen entwickelt (11.) Methodik und Messinstrumente vorgestellt (12.) und die Durchführung der Untersuchung und die Stichprobe beschrieben (13.). Ab S. 173 bis S. 323 stellt die Autorin die Auswertung der Fragen und die Ergebnisse vor.

Das Buch enthält 108 Tabellen, wenn ich richtig gezählt habe.

Ergebnisse

Interessant scheint mir vor allem, dass Solidarität, Gemeinschaft und gegenseitige Hilfe von den Befragten als sehr wichtig angesehen werden und offensichtlich auch zur Lebens- und Arbeitszufriedenheit beitragen. Immer wieder betont die Autorin, dass Deutschland in der Theoriedebatte als „individualistisch“ beschrieben wird und wie überraschend es sei, dass die Untersuchung ergibt, dass dennoch die kollektivistische Orientierung in Deutschland ebenfalls eine wichtige Rolle spiele.

Diskussion

Der vielversprechende Titel hat mich motiviert, dieses Buch zu rezensieren: In der Flut der „Glücksliteratur“ endlich einmal eine Untersuchung, die den Blick nicht nur auf Individuen lenkt, sondern den Aspekt der Kultur einbezieht. Der Aufbau erscheint einleuchtend und klar. Ich beginne sehr interessiert zu lesen. Schon in der vierten Zeile der Einleitung halte ich allerdings irritiert inne: „Der wissenschaftliche Kulturbegriff ist wertfrei“, lese ich da – und frage mich: Gibt es „den Kulturbegriff“? Gibt es „die Wissenschaft“? Welches Wissenschaftsverständnis wird da vorausgesetzt, wenn stillschweigend davon ausgegangen wird, dass es nur „die“ Wissenschaft gibt und dass diese nur einen Kulturbegriff kennt? Und ist „die Wissenschaft tatsächlich „wertfrei“? Fragen über Fragen.

Meine Begeisterung weicht schnell einer gewissen Ernüchterung, Etwas salopp formuliert: es beginnt mit einer interessanten Frage, die dann mit banalen, reduktionistischen Instrumenten untersucht wird. Schon in der Einleitung stellt sich für mich die Frage: wird hier nicht ein disziplinär verengter Kulturbegriff vorausgesetzt? Wird vielleicht sogar die Vielfalt von Kulturbegriffen in einer Disziplin (der Psychologie) ausgeblendet und Komplexität vorschnell reduziert?

Schon die Gliederung erscheint mir dann bei genauerem Hinsehen nicht mehr ganz schlüssig. Wie kommt die Autorin auf S. 57 plötzlich zu einer Reduktion des Kulturbegriffs auf nur zwei Dimensionen? Weil sich das gut quantitativ erfassen, rechnen und messen lässt? Mir fällt die Kultursoziologie von Gerhard Schulz ein – zugegeben: auch das eine Reduktion von Komplexität, aber mit dieser Brille sieht man viel mehr. „Kultur“ wird hier dagegen reduziert auf zwei Dimensionen: Kollektivismus versus Individualismus. Wenn man an Clifford Geertz´ „Dichte Beschreibungen“ denkt, scheint mir das doch eine recht erstaunliche Vereinfachung. Übrig bleibt nach meiner Einschätzung lediglich ein „armer“ Kulturbegriff“. Soziologische, philosophische und gesellschaftskritische Quellen sucht man im Literaturverzeichnis vergeblich.

Auch die Sprache ist „arm“, bestimmte Begriffe kommen sehr häufig vor, wie z.B. „salient“. Manche Aussagen werden unnötig oft wiederholt, so wird man bald müde, immer wieder zu erfahren, dass Deutschland in der Forschung als individualistisch angesehen wird. Die Ergebnisse der offenen Fragen haben für mich kaum Aussagekraft. Das Buch ist mühsam zu lesen, langweilig. Mir ist durchaus bewusst, dass das bei empirischen Untersuchungen häufig vorkommt. Aber: muss es denn sein? Es entwickelten sich bei mir schnell Widerstände gegen das Lesen und ich hätte das Buch am liebsten gleich wieder aus der Hand gelegt.

Fazit

Der im empirischen Teil verwendete Kulturbegriff blendet Gesellschaft bzw. soziologische Perspektiven weitgehend aus. Eine disziplinäre Verengung auf Psychologie – und hier auf eine bestimmte psychologische Richtung – ist bedauerlich. Insgesamt entsteht bei mir der Eindruck, dass die gewählten Konstrukte und Instrumente nicht aus der Fragestellung abgeleitet wurden, sondern aus ihrer „Gängigkeit“ in einer bestimmten psychologischen Forschungstradition. Insgesamt: Bescheidener Erkenntnisgewinn bei hohem methodologischem Aufwand.


Rezension von
Prof. Dr. Ulrich Pfeifer-Schaupp
Dozent für Sozialarbeitswissenschaft an der Evangelischen Hochschule, Universitiy of Applied Science, Freiburg. Systemischer Therapeut und Supervisor (DGSF), Leiter des Freiburger Instituts für systemische Therapie und Beratung


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Zitiervorschlag
Ulrich Pfeifer-Schaupp. Rezension vom 03.10.2014 zu: Christina Schwarz: Kulturelle Orientierung als Glücksfaktor? Eine Analyse von Arbeits- und Lebenszufriedenheit in Deutschland. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2013. ISBN 978-3-8300-7230-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15836.php, Datum des Zugriffs 19.10.2021.


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