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Brigitte Spangenberg, Ernst Spangenberg: Sprachbilder und Metaphern in der Mediation

Cover Brigitte Spangenberg, Ernst Spangenberg: Sprachbilder und Metaphern in der Mediation. Wolfgang Metzner Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2013. 160 Seiten. ISBN 978-3-943951-07-3. D: 29,80 EUR, A: 30,70 EUR, CH: 40,90 sFr.

Reihe: Mediation aktuell.
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Thema und Hintergrund

Mediation ist ein Beratungskonzept zur Vermittlung zwischen zwei Konfliktparteien. Im Streit stehen sich die Parteien gegenüber, häufig mit unverrückbaren Standpunkten. Aus einer allparteilichen Haltung heraus bringt ein Mediator/eine Mediatorin Bewegung in das Geschehen, indem er bzw. sie nach der Mitte zwischen den Positionen sucht, die allerdings nicht immer genau in der Mitte liegt. Wer Bewegung in die Kommunikation bringen will, braucht eine bewegliche Sprache – „Fest-stellungen“ helfen nicht weiter. Um Denken und Perspektiven in Bewegung zu bringen, bieten sich veränderte Sprachbilder an. Metaphern eröffnen einen Bedeutungsraum, der weit über die Grenzen des vertrauten und zwischen den Konfliktparteien eingeübten Sprachgebrauchs hinausreicht. Attraktive Sprachbilder können attraktive Ziele beschreiben. Bildhafte Sprache kann das Unsägliche sagbar machen. Sprachbilder entstehen aus und führen zu einer Kreativität, die überraschende und akzeptable Lösungen er-findet. Überall dort, wo Probleme gelöst werden sollen, erweisen Metaphern ihren besonderen Wert.

Für BeraterInnen im psychosozialen Bereich ist das wenig überraschend: Sozialpädagogen und -arbeiter, Therapeuten, Supervisoren und Coaches arbeiten selbstverständlich mit Metaphern und lernen den (sofern möglich) gezielten Einsatz in ihren Ausbildungen. Mediation ist aber nicht nur in diesem Bereich beheimatet, sondern besonders auch im Arbeitsbereich von Juristen. Dort gilt Mediation alsWeg einer außergerichtlichen Konfliktregulierung. Vermutlich nicht zuletzt durch diese Beheimatung im juristischen Feld ist es den Mediatoren gelungen, dem Berufsfeld und der Beratungsleistung einen gesetzlichen Rahmen (Mediationsgesetz) zu geben.

Autorin und Autor

Brigitte Spangenberg ist Fachpsychologin für Klinische Psychologie und Psychotherapie, Mediatorin und Kommunikationstrainerin und war vereidigte Sachverständige in Familiensachen. Ihr Mann Ernst Spangenberg ist Familienrichter a.D., Mediator, Kommunikationstrainer und Coach. (Vgl. http://www.brigitteundernstspangenberg.de)

Aufbau und Inhalt

Den juristischen Kontext des Buches unterstreicht die Tatsache, dass die ehemalige Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger das Vorwort geschrieben hat. Es folgt eine kurze Einführung aus der Feder der AutorInnen, die sowohl das Vorhaben als auch den angezielten Leserkreis kurz umreißt.

Danach folgt ein erstes Kapitel: Einleitung und Übersicht. Dort wird beschrieben, was Mediation ist und was unter Metaphern verstanden wird. Die Geschichte der Betrachtung von Metaphern wird skizziert – sowohl im Bereich der Philosophie (von den Vorsokratikern bis zu Hans Blumenberg) als auch im Bereich der Linguistik (Was ist der bevorzugte Repräsentationsrahmen: Visuell, akustisch, kinästhetisch, olfaktorisch, gustatorisch?). Sprachbilder können mehrere Sinne gleichzeitig ansprechen und so Brücken bauen zwischen unterschiedlichen Repräsentationsrahmen.

Das zweite Kapitel ist überschrieben mit „Mit der Sprache arbeiten“. Anhang von zahlreichen Beispielen wird der Satz illustriert, unsere Sprache sei metaphernreich. Wie die dichterische Sprache zeigt, findet eine bilderreiche Sprache leichter den Weg zu den Gefühlen als eine abstrakt beschreibende. Dass das Unbewusste nach dem Prinzip der „Wortwörtlichkeit“ arbeitet, gehört zum Grundwissen hypnotherapeutischer Arbeit. Die AutorInnen schreiben (und das ist ein Leitmotiv des gesamten Buches): „Den Gehalt metaphorischer Ausdrucksweisen, die in ihnen verborgene Lebensklugheit, ihre Weisheit, ihr kommunikativer Gehalt, ihre Komik und ihre Dynamik erfährt man am einfachsten, wenn man sie wortwörtlich nimmt und sich in das Bild, das sie zeichnen, sorgfältig hineindenkt.“ (S. 22)

Das Kapitel 3 referiert „Grundsätze in der Mediation“ und beschreibt die Konfliktlösungsmethode im Detail: Die Haltung der Mediatoren, das Prinzip der Freiwilligkeit, die Notwendigkeit der Neutralität und Freiwilligkeit, der Vertraulichkeit, der Eigenverantwortung und der Gerechtigkeit.

„Das Verfahren der Mediation“ wird im vierten Kapitel beschrieben. Das Phasenmodell wird vorgestellt und ausführlich und anhand konkreter Praxisbeispiele erläutert.

„Metaphern als Werkstoff“ sind Gegenstand des fünften Kapitels. Es werden zunächst die Metaphern im Gebrauch der Mediatoren reflektiert, dann werden verschiedene Typen von Metaphern beschrieben, die im Mediationsprozess eine Rollen spielen: Konfliktmetaphern, Lösungsmetaphern, Metaphern für Ressourcen der Medianden, Sprachbilder mit Schlüsselfunktionen etc.

Das abschließende (und umfangreichste) sechste Kapitel befasst sich mit „Anwendungspraxis – Techniken“ und wird von den Autoren selbst so zusammengefasst: „Im folgenden Kapitel werden die Anwendung von Sprachbildern, Metaphern und Metapherngeschichten in schwierigen Fallkonstellationen der Mediation dargestellt und häufig auftretende Fragestellungen behandelt.“ (S. 93) Zu Beginn wird der wechselseitige Bau eines Metapherngerüstes beschrieben und dann der Ort der Metaphern im Diagnoseprozess benannt. Gemeinsam genutzte Metaphern bauen einen guten Rapport der Mediatoren zu den Medianden auf. Die verwendeten Metaphern erlauben einen Blick auf die Grundüberzeugungen, die der jeweiligen Wirklichkeitskonstruktion zugrundeliegen. Anhand zahlreicher Beispiele illustrieren die Autoren den Gebrauch von Metaphern bei emotionalen Äußerungen, in Eskalationsdynamiken, bei Blockaden und in anderen Situationen wie z.B. in der Arbeit mit Kindern.

Das Ergebnis eines im Text beschriebenen Musterfalls wird im Anhang erzählt, ein zweiter Anhang beschreibt die Arbeit mit Schlüsselmetaphern in mehreren konkreten Fällen, und ein dritter Anhang schließlich bietet eine umfangreiche, nach Themen sortierte Sammlung von Metaphern. Literaturverzeichnis und Index beschließen den Band.

Diskussion

Wie oben schon angemerkt, gehört die Arbeit mit Metaphern zum vertrauten Handwerkszeug von Pädagogen, Beratern und Therapeuten. Für Angehörige dieser Berufsfelder bietet das Buch wenig Neues. Hilfreich ist es gleichwohl, in dem Buch einen systemischen Überblick über Arten und Einsatzmöglichkeiten von Metaphern zu finden sowie gute Begründungen für den Einsatz von Metaphern. Auch in den genannten Berufsfeldern erfolgt der Einsatz von Metaphern nicht immer reflektiert und geplant, sondern eher zufällig und intuitiv.

Nicht von vornherein selbstverständlich scheint der Metapherneinsatz im juristisch geprägten Milieu der Mediation zu sein. Eine bildreiche Sprache ist nicht gerade das, was Juristen auf ihrem Bildungsweg als Erstes lernen: Jura ist angewiesen auf Eindeutigkeit in der Sprache, Metaphern aber eröffnen einen (vieldeutigen) Bedeutungsraum. Möglicherweise brauchen Juristen gerade deshalb eine deutlichere Ermutigung zum Gebrauch von Metaphern.

Die Autoren schreiten das Gelände der Metaphern (und Sprachbilder – worin der Unterschied besteht, habe ich noch nicht verstanden) weiträumig ab, und da gibt es zahlreiche Schätze einzusammeln. Alle Kapitel und Abschnitte enden mit „Fragen und Aufgaben“, bei denen allerdings ein Dilemma entsteht: die Fragen öffnen den großen Raum möglicher Metaphern, die folgenden „möglichen Antworten“ verengen ihn aber wieder sehr, ein Beispiel: „Finden oder erfinden Sie einen metaphorischen Ausdruck für einen aufrichtigen Menschen.“ Mögliche Antwort: „Das ist ein Mensch ohne doppelten Boden.“ (Nicht jede Metapher glückt…) Und: „In welchem Zusammenhang könnte sich die Liedzeile von Matthias Claudius nutzen lassen: Er ist nur halb zu sehen und ist doch rund und schön.“ Mögliche Antwort: „Wenn Menschen ein und dasselbe Ereignis aus ihrer jeweiligen Sicht berichten.“ (Da sage ich nun entscheiden: Nein!) (vgl. S. 22) Es wäre besser, die Antworten den LeserInnen zu überlassen, das könnte eine durchaus kreative Runde von WeiterbildungsteilnehmerInnen werden!

Der Sinn des Bandes ist durchaus einleuchtend, die Autoren schreiben: „Mit einem Vorrat an unterschiedlichsten Metaphern für diverse Zwecke erleichtert es sich der Mediator, situationsspezifisch intervenieren zu können.“ (S. 76) Diese Anreicherung des eigenen Repertoires ist sehr hilfreich, wenn auch gewiss nicht für alle Mediatoren gleich. Ich hätte mir mehr Reflexion zum Thema „Die Sinne des Menschen“ (S. 88f) gewünscht, denn ich halte das für den zentralen Aspekt des Metapherngebrauchs. Man kann kaum gezielter aneinander vorbeireden, als wenn man Metaphern aus unterschiedlichen Repräsentationssystemen verwendet. Das Zuhören ist dann mindestens so wichtig wie das intensive Bedenken der eigenen Metaphern. Und eine Sortierung der Metaphern auch nach den bevorzugten Sinneskanälen wäre ebenso hilfreich gewesen wie eine Sortierung nach Emotionen, Konflikten, Überzeugungen, Lob etc.

Bei der Verwendung des Wortes „Diagnose“ stutze ich: Versteht sich Mediation als eine Therapie? Den Konflikt als eine Art von Krankheit? Oder wird Diagnose hier eher in einem technischen Sinn verstanden? Kann jemand im Mediationsprozess eine Diagnose erstellen in dem Sinne, dass er dann sagen kann, wie es „wirklich“ ist? Aber vielleicht ist auch das nur metaphorisch gemeint…

Fazit

Eine sehr detailreiche Arbeit zum Thema Metaphern im Feld der Beratung, die gewiss eine inspirierende Lektüre sein kann! Alles in allem: Wer im Feld der Mediation unterwegs ist, tut gut daran, sich für den Umgang mit Metaphern zu sensibilisieren und den Gebrauch von Metaphern als Interventionsformen einzuüben. Dafür kann das Buch ein guter Leitfaden sein!


Rezensent
Peter Schröder
Pfarrer
(Lehr-)Supervisor (DGSv), Seniorcoach (DGfC)
Homepage www.resonanzraeume.de
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Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 16.06.2014 zu: Brigitte Spangenberg, Ernst Spangenberg: Sprachbilder und Metaphern in der Mediation. Wolfgang Metzner Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2013. ISBN 978-3-943951-07-3. Reihe: Mediation aktuell. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15837.php, Datum des Zugriffs 16.07.2019.


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