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Marion Bonillo, Sonja Heidenblut u.a.: Gewalt in der familialen Pflege

Cover Marion Bonillo, Sonja Heidenblut, H. Elisabeth Philipp-Metzen, Susanna Saxl, Claudia Schacke: Gewalt in der familialen Pflege. Prävention, Früherkennung, Intervention - ein Manual für die ambulante Pflege. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2013. 121 Seiten. ISBN 978-3-17-022488-9. 22,90 EUR.

Weitere Autorinnen: Constanze Steinhusen, Inka Wilhelm, Susanne Zank. Reihe: Content plus. Pflegepraxis.
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Thema, Herausgeberinnen und Herausgeber

Vorliegende Publikation ist ein Manual, in dem Assessment – Instrumente vorgestellt werden, die helfen sollen, die Gefahren von Gewalt in der informellen häuslichen Pflege frühzeitig erkennen zu können. Dadurch soll es möglich werden, Transparenz und Sicherheit in der täglichen Pflege zu erreichen.

Herausgeber dieses Bandes sind Marion Bonillo, Sonja Heidenblut, H. Elisabeth Philipp-Metzen, Susanne Saxl, Claudia Schacke, Constanze Steinhusen, Inka Wilhelm und Susanne Zank. Nähere Informationen über die Autoren sind in der Publikation nicht zu finden. Das Manual ist sowohl für Fort- und Weiterbildungen von MitarbeiterInnen in der Pflege, insbesondere der ambulanten Pflege, als auch für den Forschungs- und Lehrbereich geeignet.

Aufbau und Einleitung

Das Buch ist nach einer Einleitung in zwei Hauptteile mit insgesamt neun inhaltlichen Kapiteln sowie mit Unterkapiteln unterschiedlicher Länge gegliedert. Beendet werden die Ausführungen mit einem Fazit und Ausblick, einem Glossar, einem Stichwortverzeichnis und einem Anhang.

In der „Einleitung“ wird darauf verwiesen, dass obgleich die meisten Pflegebedürftigen zu Hause gut versorgt würden, die familiale Pflege Risiken nicht nur für die Pflegenden selbst, sondern auch für die pflegenden Angehörigen berge. Gerade weil die Ursachen für Gewalt in der Pflege so vielschichtig und komplex seien, sind sie schlecht nachweisbar und sie sind insbesondere schwer zugänglich. Anzeigen von Gewaltanwendungen unterblieben aus Schamgefühl, wegen komplizierter Abhängigkeitsverhältnisse und auch aus Hilflosigkeit.

Zu Teil I „Theoretischer und empirischer Hintergrund“

Teil I „Theoretischer und empirischer Hintergrund“ führt mit den vier folgenden Kapiteln in die Gesamtthematik ein und klärt zentrale Begrifflichkeiten.

Im ersten Kapitel „Zur Situation der familialen Pflege“ werden statistische Befunde zu den Hauptpflegepersonen und deren soziodemografischen Merkmale heraus gearbeitet.

Mit „Gewalt in der familialen Pflege“ ist das zweite Kapitel überschrieben. Zunächst werden die Formen von Gewalt gegenüber älteren Menschen genannt – körperliche, psychische oder emotionale Misshandlung, sexualisierte Gewalt, finanzielle Übervorteilung bzw. Ausbeutung und Vernachlässigung. Im Unterkapitel 2.5 werden verschiedene Erklärungsansätze für die Gewalt in der familialen Pflege heraus gearbeitet. Eine zentrale Bedeutung nehme dabei das so genannte Belastungsparadigma ein. Weiterhin werden die Austauschtheorie, psychologische und feministische Ansätze sowie politisch- ökonomische Theorien genannt, aber leider ohne sie in einen thematischen Zusammenhang zu setzen.

Kapitel drei „Rechtliche Aspekte“ setzt sich mit grundlegenden Rechtsauffassungen bezüglich der Körperverletzung und der Misshandlung von Schutzbefohlenen auseinander, geht auf die Garantiepflicht und die gesetzlichen Betreuer ein.

Ansätze zur Prävention“ werden im vierten Kapitel vorgestellt. Es wird betont, dass Prävention in der familialen Pflege eine prophylaktische Wahrnehmungsschulung verschiedener Akteure sowie einen Einsatz von Instrumenten zur Früherkennung beinhalten sollte.

Zu Teil II „Gewaltprävention in der Praxis“

Im Teil II des Manuals geht es um die Umsetzung der „Gewaltprävention in der Praxis“. Voraussetzung sei, dass Pflegedienste Gewaltprävention als ihre Aufgabe, als Bestandteil einer ganzheitlichen Pflege, betrachten müssten.

Kapitel fünf benennt „Die Rolle der Pflegedienste in der Gewaltprävention“, die im SGB XI gesetzlich geregelt sind. Es sei für die Handlungssicherheit essentiell, sich im Rahmen des Pflegedienstes einen für alle geltenden Gewaltbegriff zu erarbeiten, d.h. wo beginnt eigentlich Gewalt oder wo endet diese. Danach wird ein Ablaufschema für das Vorgehen in Situationen mit klarer Gewaltproblematik bzw. bei Gewaltverdacht mit entsprechenden Prozessschritten entwickelt.

Das „PURFAM- Assessment“ umfasst insgesamt drei Instrumente zur Einschätzung von Belastungssituationen pflegender Angehöriger und von Gewalt in der Pflege und wird im Kapitel sieben beschrieben. Ein Fragebogen dient der Ermittlung der persönlichen Belastung von pflegenden Angehörigen, des Weiteren gibt es eine Checkliste für die Pflegekraft, die dann zum Einsatz kommen sollte, wenn diese vermutet, dass in einem Haushalt Gewalt stattfindet und das dritte Instrument ist eine Checkliste für das Team des Pflegedienstes, das eine Struktur für eine Fallbesprechung vorgibt. Das „PURFAM- Assessment“ bietet ein standardisiertes Verfahren, um den Handlungsablauf bei Gewaltverdacht zu strukturieren, Beobachtungen zu dokumentieren und um angemessen intervenieren zu können.

Das folgende neunte Kapitel nimmt zu „Interventionsmöglichkeiten“ Stellung, die in den Bereichen Information, Schulung/Anleitung, Beratung sowie Vernetzung und Vermittlung von Hilfen im Altenpflegesystem angebracht seien.

Im neunten und letzten Kapitel erfolgt eine „Anwendung des zu einem sinnvoll zu verwendenden Dokumentationsmittel für das einzusetzende Anwendungsprogrammsystem machen. Das Handbuch ist somit ein wichtiges Arbeits- und Hilfsmittel am praktischen Fallbeispiel“.

Fazit

Die Notwendigkeit einer speziellen Dokumentation für den Anwender bzw. Benutzer eines Manuals ist unbestritten. In vorliegendem Fall ist es ein Dokumentationsmittel, das als wichtiges Arbeits- und Hilfsmittel zur Erkennung von Gewaltsituationen in der familialen Pflege und von ambulanten Pflegediensten dienen soll. Insofern ist Teil II, in dem das Assessment auch anhand einer Fallvignette seine Anwendung findet, durchaus sinnvoll und nachvollziehbar. Allerdings kann das Manual dem Anspruch der Autoren, es sei auch für den Forschungs- und Lehrbereich geeignet, nicht bzw. nur eingeschränkt einlösen. Dafür sind die Ausführungen insbesondere im Teil I, das in die Gesamtthematik einführen soll, einfach zu oberflächlich und theoretisch unzureichend tiefgründig bearbeitet. So erfolgt beispielsweise keine theoretisch ausreichende Abgrenzung von Gewalt, Misshandlung und Vernachlässigung, auch nicht zu den Formen der Gewalt gegen ältere Menschen und Theorieansätze, die eine Weiterentwicklung der Thematik hätten ermöglichen können, werden zwar benannt, nicht aber ausgeführt oder wissenschaftlich haltbar dokumentiert. So bleibt es zwar ein Manual, aber höchstens für nicht sehr anspruchsvolle praktische Anwender.


Rezensentin
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische Sozialforschung und Gerontologie
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Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 05.02.2014 zu: Marion Bonillo, Sonja Heidenblut, H. Elisabeth Philipp-Metzen, Susanna Saxl, Claudia Schacke: Gewalt in der familialen Pflege. Prävention, Früherkennung, Intervention - ein Manual für die ambulante Pflege. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2013. ISBN 978-3-17-022488-9. Weitere Autorinnen: Constanze Steinhusen, Inka Wilhelm, Susanne Zank. Reihe: Content plus. Pflegepraxis. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15842.php, Datum des Zugriffs 21.07.2017.


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