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Alina M. Schoenberg: Ökonomische Begründbarkeit [...] der Behindertenförderung

Cover Alina M. Schoenberg: Ökonomische Begründbarkeit von Maßnahmen der Behindertenförderung. Springer Gabler (Wiesbaden) 2013. 178 Seiten. ISBN 978-3-658-00518-4. D: 49,99 EUR, A: 51,39 EUR, CH: 62,50 sFr.

Reihe: Gesundheits- und Qualitätsmanagement. Research.
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Entstehungshintergrund, Autorin und Thema

Alina M.Schoenberg hat an der Universität der Bundeswehr München bei Professor Peter Friedrich, einem anerkannten Finanzwissenschaftler, promoviert und legt ihre Arbeit nun als Buch vor. Sich mit der ökonomischen Begründbarkeit von Maßnahmen der Behindertenförderung auseinanderzusetzen, ist wissenschaftlich reizvoll und als Pionierarbeit verdienstvoll. Allerdings zeigen schon der Titel der Arbeit und das Vorwort des Doktorvaters, dass die Kenntnisse von Menschen mit Behinderung und des System der Behindertenhilfe nicht sonderlich ausgeprägt sind, wohl aber die Kenntnisse ökonomischer Modelle.

Bei der Allokation von öffentlichen Mitteln für Leistungen der Eingliederungshilfe gibt es verschiedene Entscheidungskriterien, die vom individuellen Bedarf über Aspekte der Gerechtigkeit, der Hilfebedarfsgrade bis hin zu Fragen der Wirksamkeit und der Inklusionsgrade reichen können. Die Autorin setzt ihre ökonomische Brille auf und versucht, das System der Eingliederungshilfe mit ökonomischen Analysen so zu betrachten, dass Integrationserfolge zum Gradmesser von Allokationsentscheidungen werden können.

Aufbau und Inhalt

Schoenberg beginnt ihre Arbeit mit einer Darlegung der verschiedenen Definitionsversuche und Konzeptionen von Behinderung. Neben dem biomedizinischen Ansatz, dem Nagi-Konzept, sozialen Definitionsversuchen und dem ICF, ökonomischen, arbeitsmarktzentrierten Ansätzen und dem Capability Konzept von Sen.

Nach einem vergleichenden Kriterienmodell findet Schoenberg dann den Capability Ansatz als fruchtbarstes Konzept und widmet diesem Ansatz ein umfangreiches Kapitel in ihrer Dissertation. Das Konzept ist ja in der Theorie der Behindertenhilfe mittlerweile angekommen und wird in diverse Messinstrumente übersetzt, – diese Diskussionen tauchen in der vorliegenden Arbeit jedoch nicht auf. Schoenberg bleibt in der Konzentration auf die drei Grundfähigkeiten

  • „Gute Gesundheit“,
  • „Bildung und berufliche Erfüllung“ sowie
  • „Sozialkapital und Soziale Inklusion“.

Diese Capabilities, verstanden als Verwirklichungschancen, werden im umfangreichen dritten Kapitel operationalisiert und in Modelle gegossen. Was bei Bildung etwas, bei Sozialkapital und Inklusion kaum gelingen kann, weil eben keine „kopierfähigen Modelle“ zu Rate gezogen werden (können), wird im Sektor der Gesundheit umfangreicher dargestellt. Die Verfasserin stellt ihre Überlegungen auf das seit Jahrzehnten in der Gesundheitsökonomie herangezogene Gesundheitskapitalmodell von Grossman auf, – wobei sie virtuos das Modell rekonstruiert, aber eben völlig auf die Spezifika von behinderten Menschen verzichtet, und so zu einer Gesundheitsproduktionsfunktion gelangt, die im Detail für die Eingliederungshilfe unbrauchbar erscheint.

Im folgenden Abschnitt untersucht Schoenberg dann folgerichtig diejenigen Faktoren, die „behinderungsverstärkend“ wirken (können) und bleibt logischerweise in ihrem capability Modell mit den drei Feldern. Auch hier zeigt die Verfasserin Modellkenntnisse, die Respekt verdienen, sie ist sozusagen der Wirklichkeit auf der Spur, einem plausiblen Erklärungsmodell, was man tun und was man eher nicht tun sollte, aber der Text ist so gesundheitsökonomisch durchtränkt verfasst, und so fern der Problematik von Menschen mit Behinderungen (und des damit operierenden sozialpolitischen Systems), dass man, mittlerweile gute volkswirtschaftliche Tradition, den Eindruck bekommt, es geht nur noch um die Konstruktion von Rechenmodellen, die sich durch empirische Wirklichkeit nicht irritieren lassen.

Das abschließende Kapitel nimmt wieder Berührung mit der Problematik der Eingliederungspolitik auf und entwirft systematische Anregungen für eine Erfolgsrechnung, die neu und durchdacht und anregend sind.

Fazit

Alina Schoenberg hat den ökonomischen Werkzeugkasten ausgepackt, in dem Instrumente und Konzepte der Capability-Forschung, der Gesundheitsökonomie und Sozialpolitik vorhanden sind. Die damit geschraubten Modelle passen zueinander, sind widerspruchsfrei und ergeben ein geschlossenes System, wie sich Maßnahmen im Sozialbereich begründen lassen. Insofern ist diese Arbeit richtig gut, sie zeigt Wege, sie gibt Anregungen, und sie beweist, dass ökonomische Analysen und Modelle auch für „marktferne“ Programme geeignet sind. Jetzt müsste die empirische Arbeit beginnen, und Frau Schoenberg hat die Landkarte skizziert –, aber sie ist nicht durch die Region der Behindertenhilfe gefahren-, insofern ist das Bild besser: sie hatte eine Flugkarte und hat die große Route gefunden, allerdings mit wenig Bodensicht auf die Problematiken der Menschen mit Behinderung und auf den aktuellen Stand der sozialpolitischen Programme und Instrumente der Eingliederungshilfe.


Rezensent
Prof. Dr. Bernd Halfar


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Zitiervorschlag
Bernd Halfar. Rezension vom 01.08.2014 zu: Alina M. Schoenberg: Ökonomische Begründbarkeit von Maßnahmen der Behindertenförderung. Springer Gabler (Wiesbaden) 2013. ISBN 978-3-658-00518-4. Reihe: Gesundheits- und Qualitätsmanagement. Research. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15845.php, Datum des Zugriffs 20.06.2019.


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