Gabriele Seidel, Nils Schneider et al.: Patientengerechte Gesundheitsversorgung für Hochbetagte
Rezensiert von Prof. Dr. med. Gertraud Müller, 10.12.2013
Gabriele Seidel, Nils Schneider, Susanne Möller, Ulla Walter, Marie-Luise Dierks: Patientengerechte Gesundheitsversorgung für Hochbetagte. Anforderungen aus der Sicht älterer und hochaltriger Menschen. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2013. 182 Seiten. ISBN 978-3-17-021687-7. 39,90 EUR.
Thema
Das seit Jahren angesichts der viel beschworenen demographischen Entwicklung hochaktuelle Thema der ambulanten und stationären Versorgung hochaltriger Menschen durch Professionelle, Angehörige und informelle Netzwerke aus Sicht der Betroffenen und älterer Angehöriger steht im Zentrum der vorgestellten Studie, deren wesentliches Anliegen es ist einen Beitrag dazu zu leisten, dass die gesundheitliche Versorgung an die Bedürfnisse der Betroffenen angepasst wird. Ein zweites, kürzer gehaltenes Thema, das sich aus der Forschungsmetaebene ergeben hat, befasst sich mit der interessanten, in der Literatur noch wenig bearbeiteten Fragestellung, nämlich welcher besonderen Methodik das Interviewen hochaltriger Menschen bedarf.
Entstehungshintergrund
Das Werk beschreibt die Methodik und das Ergebnis einer mehrjährigen Studie (Befragungen in den Jahren 2007 und 2008) des Instituts für Epidemiologie, Sozialmedizin und Gesundheitssystemforschung der Medizinischen Hochschule Hannover, das im Rahmen des Programms „Niedersächsisches Vorab“ vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur und der Volkswagenstiftung gefördert wurde.
Aufbau
- Das Werk gliedert sich in folgende Abschnitte:
Im ersten Kapitel wird zu den wesentlichen späteren Befragungsinhalten fachliche Hintergrundinformation gegeben. - Im zweiten Kapitel wird das Studiendesign erläutert.
- Im 3 bis 6. Kapitel werden die Ergebnisse der verschiedenen Befragungen beschrieben, um dann aus dem Vorgesagten ein zusammenfassendes Fazit zu ziehen.
- Im letzten, achten Kapitel werden Erfahrungen und Empfehlungen betreffend Interviews mit hochbetagten Menschen mitgeteilt.
Ein ausführliches Literatur- und Stichwortverzeichnis runden das Buch ab.
Inhalt
Im ersten Kapitel werden wesentliche Hintergrundinformationen gegeben zur demographischen Entwicklung, Strukturen der ambulanten und stationären ärztlichen und pflegerischen Versorgung, den informellen Versorgungsstrukturen und der Interaktion dieser Versorgungssysteme. Weiterhin werden die Arzt/Ärztin-PatientInnen-Beziehung, Kommunikationsverhalten und „Shared-Decision-Making“ ebenso zum Thema, wie die rechtliche Seite: Die PatientInnenverfügung und Vorsorgevollmacht.
Im zweiten Kapitel wird dann das Studiendesign beschrieben: Im Teil A (N 152) werden hochaltrige PatientInnen, die sich in einer geriatrischen Rehaklinik befinden zu Versorgungsabläufen, PatientInnenautonomie und Prävention befragt. Daten, die die Kliniken erhoben hatten, wurden miteinbezogen. Die selben Personen (N 51) wurden 6 Monate später erneut in ihrer häuslichen Umgebung befragt, um die Erfahrungen in der nachstationären Versorgung zu erfassen. Im Studienteil B (N 31) erfolgt dann die Befragung von Angehörigen – (Schwieger-)söhne und Töchter von hochbetagten PatientInnen. Dieser Personenkreis wurde mit Hilfe sozialer Institutionen rekrutiert – es handelte sich also NICHT um die Angehörigen der Befragten in Studienteil A. Bei allen Befragungen wurden (teil-)standardisierte Interviews eingesetzt, im Teil A Face-to-Face, im Teil B. per Telefon. Das methodische Vorgehen (qualitative Vorstudie, Pretest, Schulung der InterviewerInnen usw.) wird detailliert beschrieben.
In den folgenden Kapiteln werden die Ergebnisse, Frage für Frage beschrieben und im 7. Kapitel ein zusammenfassendes Fazit gezogen, das hier nur teilweise wiedergegeben werden kann: Die hochaltrigen Frauen und Männer haben ein großes Vertrauen in das Gesundheitssystem. Die hausärztliche Versorgung, mit der sie weitgehend zufrieden sind, spielt eine herausragende Rolle. Im Zusammenhang mit medizinischen Entscheidung und der (häuslichen Pflege) wünschen sich alle Befragten möglichst viel Autonomie (die Angst vor abhängigen Leben in als „schlecht“ antizipierte Pflegeheime ist verbreitet) und Mitsprachemöglichkeit, also viel Zeit, insbesondere von den Professionellen. Sowohl die hochaltrigen Menschen als auch die befragten Angehörigen schieben zu einem großen Teil Fragen des altersgerechten Wohnens oder des Verfassens von PatientInnenverfügungen auf die lange Bank. Der Wunsch nach einem möglichst langen Verbleib in den eigenen vier Wänden ist hoch. Das Gesundheitsverhalten beider befragter Gruppen ist meist ausgesprochen gut. Etwas kritischer sind die Angehörigen insbes. von Demenzkranken, die einen manchmal respektlosen Umgang und zu wenig Kompetenz für die Versorgung dieser Personengruppe auch in Institutionen des Gesundheitswesens beklagen.
Im letzten Kapitel geben die AutorInnen Empfehlungen zu wissenschaftlichen Interviews mit Hochbetagten (z. B. Setting, Beachtung von gesundheitlichen Einschränkungen usw.), z. T. entnommen aus der zu diesem Thema spärlich erschienen Literatur zum Teil als eigenes Forschungsergebnis aus der Auswertung der Prozessbeobachtung im Studienteil A, Phase O.
Diskussion
Das vorliegende Buch, das in seinem ersten Kapitel sehr prägnant,
die aktuelle Literatur zitierend über die gesundheitliche Lage und
Versorgung alter Menschen in Deutschland informiert,
liefert
mittels einer empirischen Befragung der Betroffenen einen wichtigen
Beitrag zu einem aktuellen, ja brennenden gesundheits- und
sozialpolitischen Thema und macht in seinem Fazit konkrete Vorschläge
zur Verbesserung der Situation ganz im Sinne der Betroffenen. Die
Forschungsmethodik wird gut nachvollziehbar, ausführlich
dargestellt. Für zukünftige ForscherInnen im Bereich der
Gerontologie ist das etwas versteckte letzte Kapitel eine wahre
Fundgrube. Schade, dass dies aus dem Titel des Buches nicht
ersichtlich wird.
Was beim Lesen des Buches verwundert, ist die Tatsache, dass die
sehr kleinen Fallzahlen (insbesondere im Teil B) und die hierdurch
verminderte Aussagekraft gar nicht erwähnt, diskutiert werden.
Schön wäre es gewesen, wenn der Genderspekt sprachlich
zumindest eine Erwähnung gefunden hätte und z. B. die Frauen der
hochaltrigen Männer nicht als Lebenspartner bezeichnet
würden.
Fazit
Ein lesenswertes Buch für alle, die sich über die gesundheitliche Lage hochaltriger Menschen im Allgemeinen, aber insbesondere über die Ergebnisse einer aktuellen Studie (mit allerdings teilweise kleinen Fallzahlen) zu den Bedürfnissen hochaltriger Menschen und ihrer Angehörigen betreffend die Gesundheitsversorgung informieren wollen. ForscherInnen im Bereich der Gerontologie können insbesondere von den Empfehlungen zur Interviewmethodik mit alten Menschen im letzten Kapitel profitieren.
Rezension von
Prof. Dr. med. Gertraud Müller
Internistin, Psychotherapie; KIP-Therapeutin; Emerita, ehemals Fachbereich Sozialwesen der Evangelischen Fachhochschule Nürnberg
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