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Christiane Papastefanou (Hrsg.): Krisen und Krisenintervention bei Kindern und Jugendlichen

Cover Christiane Papastefanou (Hrsg.): Krisen und Krisenintervention bei Kindern und Jugendlichen. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2013. 170 Seiten. ISBN 978-3-17-021995-3. 29,90 EUR.
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Thema

Zur Krisenintervention und Krisen gibt es eine ausreichende Palette an Literatur, nicht aber wenn es sich um Kinder und Jugendliche dabei handelt und es auf den ersten Blick erst einmal wie etwas Unmögliches erscheint. Kinder und Jugendliche in Krisen, wo von Geborgenheit, Behütetsein und sicherer Umgebung ausgegangen wird?

Herausgeberin

Christiane Papastefanou ist Jg. 1958, PD, Dr. phil. Als Diplom-Psychologin mit Ausbildung in Personenzentrierter Psychotherapie und Kognitiver Verhaltenstherapie betreibt sie seit 1988 eine eigene Praxis für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Arbeitsschwerpunkte sind Klinische Entwicklungs- und Familienpsychologie.

Entstehungshintergrund

Für die Herausgeberin und die AutorInnen dieses Buches geben mindestens zwei Aspekte Anlass für ein solches Buch. Erstens ist es ein Widerspruch in sich, Kindheit und Krise zusammen denken zu wollen, denn Kindheit wird eher mit Unbeschwertheit und Behütetsein in Verbindung gebracht. Zweitens konstatieren die AutorInnen in Deutschland sowohl eine Unterversorgung von Kindern und Jugendlichen in der Krisenintervention als auch die Unterrepräsentation fachwissenschaftlicher Auseinandersetzung. So etwa würden sich gängige Lehrbücher der Klinischen Psychologie kaum mit dem Thema der Krisenintervention befassen. Insbesondere fehle dabei der Bezug zu Kindern und Jugendlichen. Zentrales Anliegen ist es demnach zu einem besseren Verständnis der Belastungen für Kinder und Jugendliche und deren altersgerechte Behandlung beizutragen.

Aufbau

Die Publikation untergliedert sich in ein kurzes Geleitwort von Sigrun – Heide Filipp, eine Einleitung und zwei Teile, die insgesamt neun inhaltliche Kapitel beinhalten.

Das Buch ist wie folgt untergliedert:

Geleitwort. Hier formuliert Siegrun-Heide Filipp Ausgangspunkt, Fragen und Situationen zum Thema Krisenintervention bei Kindern und Jugendlichen, die in den inhaltlichen Kapiteln auseinandergesetzt werden.

Einleitung. Einführend stellt Christiane Papastefanou das Thema, Anliegen und Struktur bzw. Aufbau der Publikation vor.

Teil I: Allgemeiner Überblick

  • 1. Krisen und Belastungen, Krisenreaktionen bei Kindern und Jugendlichen
  • 2. Allgemeine Prinzipien der Krisenintervention
  • 3. Beziehungsgestaltung bei Krisen im Kindes- und Jugendalter
  • 4. Hypnosysthemische Krisenintervention bei Krisen von Kindern und Jugendlichen

Teil II: Spezielle Krisensituationen und deren Bewältigung

  • 5. Begleitung von Kindern und Jugendlichen bei einer Trennung bzw. Scheidung der Eltern
  • 6. Tod und Trauer
  • 7. Diagnose einer chronischen Krankheit als Krise
  • 8. Suizidalität bei Kindern und Jugendlichen
  • 9. Schlusskapitel

Dabei sind alle Kapitel ähnlich gestaltet und gegliedert. Am Anfang erfährt der geneigte Leser, was er im Kapitel erwarten darf. Es gibt anschließend eine jeweilige thematische Auseinandersetzung mit dem Thema und abschließend eine Zusammenfassung. Jedes Kapitel wird mit Verweisen auf die weiterführende und die Primärliteratur abgeschlossen.

Zu Teil I

Erstes Kapitel. In diesem Kapitel geht die Autorin Christiane Papastefanou auf den Stressbegriff, Kriterien der Stressoren und die Stressforschung, unter Bezugnahme auf das transaktionale Modell von Lazarus und Folkmann ein. Anschließend wird der Begriff Krise erläutert. Der phasenhafte Verlauf von Krisen wird nach Caplan (1964) dargestellt, bevor die Autorin auf kritische Lebensereignisse zu sprechen kommt. Letztere werden in drei Arten unterteilt und beschrieben. Dabei handelt es sich um normative kritische Lebensereignisse, non-normative kritische Lebensereignisse und historische kritische Lebensereignisse. Sie orientiert sich an der Entwicklungspsychologie und stellt den Bezug zu den Lebensphasen der Betroffenen her. Zur Untermauerung zieht sie beispielhaft Studien der Life-Event-Forschung heran. Es erfolgt in diesem Kontext eine Gegenüberstellung von individuellen Risiko- und Schutzfaktoren. Nach der allgemeinen Grundlegung und Einführung in Begrifflichkeiten erfolgt nun der Bezug auf das Kindesalter, die mittlere Kindheit und das Jugendalter. Abschließend werden die Stress- und Krisenbewältigung im Kindes- und Jugendalter kritisch diskutiert. Das, so wie auch alle folgenden Kapitel, endet mit einer Zusammenfassung sowie weiterführender und genutzter Literatur.

Zweites Kapitel. In diesem Teil setzt sich Christiane Papastefanou insgesamt mit allgemeinen Prinzipien der Krisenintervention auseinander. Dazu wird der Begriff der Krisenintervention in Abgrenzung zum Begriff der Psychotherapie näher erläutert. Anschließend erfolgt die Standortbestimmung der Krisenintervention als Interventionsform in Deutschland und als Thema in der Fachliteratur. Die Indikation von Krisenintervention, unter Berücksichtigung diagnostischer und inhaltlicher Kriterien, bildet dabei den Schwerpunkt im zweiten Abschnitt. Über die folgende Auseinandersetzung mit den Grundprinzipien von Krisenintervention gelangt die Autorin abschließend zur Darstellung ausgewählter Methoden mit Fokus auf dem kognitiv-verhaltenstherapeutischen Ansatz. Das BELLA – Interventionskonzept für akute Krisen von Sonneck wird in diesem Rahmen besonders hervorgehoben. Im Methodenteil gibt die Autorin einen allgemeinen Überblick über entsprechende Ansätze und erläutert diese. Es handelt sich in Sonderheit um den personenzentrierten, psychoanalytischen, systemischen und kognitiv-verhaltenstherapeutischen Ansatz. Alle im Kapitel ausgeführten Aspekte werden dabei explizit auf die Besonderheiten bei Kindern und Jugendlichen bezogen.

Drittes Kapitel. Das Kapitel von Cord Michael Hockel ist überschrieben mit dem Titel: Beziehungsgestaltung bei Krisen im Kindes- und Jugendalter. Es widmet sich insgesamt den Aspekten der Beziehungsgestaltung und geht zunächst auf die Subjektivität dessen ein, was Krise bei Kindern und Jugendlichen ausmacht. In diesem Rahmen orientiert sich der Autor besonders an Rogers, der seine Arbeit mit Problemkindern als Beziehungstherapie verstand. Danach werden die Aspekte angesprochen, die in der Beziehungsgestaltung mit Kindern und Jugendlichen zu beachten sind. Es handelt sich dabei um fünf Wegweiser der Beziehungsgestaltung und Sicherung der Wirksamkeit, die in einzelnen und entsprechenden Unterkapiteln vertieft werden: Selbstprüfung, Annehmen, Echtsein, Einfühlen und Fördern/Fordern. Die einzelnen Aspekte werden je mit entsprechenden Beispielen zur Veranschaulichung unterstützt. Beispielhaft wird als soziale Situation abschließend die Situation sich trennender Eltern und die daraus erwachsende Krise der Scheidungskinder besonders betrachtet und mit den zuvor behandelten fünf Wegweisern der Beziehungsgestaltung zusammengebracht.

Viertes Kapitel. Roland Kachler bietet in diesem Kapitel erste Einblicke in einen Kriseninterventionsansatz, nämlich den hypnosystemischen Ansatz. Krisen von Kindern und Jugendlichen werden dabei im Kontext ihres jeweiligen Bezugssystems, insbesondere der Familie betrachtet. In dem Zusammenhang bietet der Autor einen Einblick in die Grundlagen eines systemischen, hypnotherapeutischen und hypnosystemischen Krisenverständnisses an, wobei er von den einzelnen Grundverständnissen systemisch und hypnotherapeutisch ausgeht, um sie anschließend in die hypnosystemische Perspektive zu integrieren. Dem sich anschließend werden konkrete Interventionsschritte für die Begleitung von Kindern und Jugendlichen sowie deren System abgeleitet. Dabei setzt er sich detailliert mit folgenden Interventionspunkten und Phasen – in ihrer zirkulären Verknüpfung – auseinander: 1. Vertragsarbeit über eine Krisenintervention und längerfristige Krisenbegleitung, 2. Akute Krisenintervention, 3. Stabilisierungs- und Ressourcenarbeit für Kinder und Jugendliche und deren Eltern, 4. Verlust-, Trauer- und Bewältigungsarbeit, 5. Transformations- und Lösungsarbeit im System, 6. Integrationsarbeit und Rückfallprophylaxe. Diese Interventionsschwerpunkte werden in der Diskussion immer durch mindestens ein entsprechendes Fallbeispiel untermauert.

Zu Teil II

Fünftes Kapitel. Trennung und Scheidung und ihre Auswirkungen werden hier von Christiane Papastefanou als spezielle Krisensituation erörtert. Dabei beginnt das Kapitel mit allgemeinen Informationen zum aktuellen Stand der Scheidungsforschung sowie zur Lebenslage von Scheidungskindern in Deutschland. Anschließend werden die Folgen elterlicher Scheidung insbesondere für die Entwicklung der betroffenen Kinder und Jugendlichen vertieft. Einen Schritt weiter stehen diverse Einflussfaktoren auf das Erleben der Kinder und Jugendlichen im Fokus, um abschließend auf mögliche therapeutische Interventionen zu verweisen, wobei die Autorin dieses Kapitels die Einzel- und Gruppeninterventionen für Kinder und Jugendliche als Schwerpunkt setzt und die Elternberatung nur gestreift wird.

Sechstes Kapitel. Eine weitere spezielle Krisensituation stellen Tod und Trauer dar. Diesen besonderen Aspekten widmet sich Oliver Junker, indem er sich zunächst mit typischen Trauerreaktionen von Kindern, abhängig von Alter und Vorerfahrungen auseinandersetzt. In dem Rahmen geht er auch auf immer wieder durch Eltern gestellte Fragen ein, wie z.B.: Soll ich mein Kind zur Beerdigung mitnehmen? Anschließend stellt der Autor dieses Kapitels das Trauerphasenmodell nach Kast und das Konzept der Traueraufgaben nach Worden vor. Er geht zudem auf hilfreiche Rituale und Möglichkeiten einer fachlichen Hilfe bei der Trauerbegleitung von Kindern ein, unterstützt durch ein Fallbeispiel.

Siebentes Kapitel. In diesem Kapitel setzt sich die Autorin Cornelia von Hagen mit der Diagnose einer chronischen Krankheit als Krise auseinander. Sie geht dabei zuerst auf die aktuellen Prävalenzraten einzelner Krankheitsbilder und die mit diesen Erkrankungen verbundenen psychischen Belastungen ein. Daran anschließend befasst sich die Autorin mit den elterlichen Reaktionen auf die Mitteilung der Diagnose, Modellen der Diagnosemitteilung und relevanten Implikationen für die Praxis der Diagnosemitteilung. Abschließend werden kurz Interventionsziele und -konzepte für verschiedene Gruppen chronischer Erkrankungen vorgestellt.

Achtes Kapitel. Die AutorInnen Silvia Schaller und Armin Schmidtke befassen sich mit der Suizidalität bei Kindern und Jugendlichen. Dazu definieren sie zunächst suizidale Handlungen und wenden sich Suizid- und Suizidversuchsraten sowie der Häufigkeit von Suizidgedanken, geschlechtsspezifisch betrachtet, zu. Es werden dann die Entstehungsbedingungen suizidaler Handlungen sowie differenzialdiagnostische Überlegungen diskutiert, bevor Hinweise auf das diagnostische Vorgehen zur Abschätzung des langfristigen Risikos und entsprechende Maßnahmen zur Krisenintervention und weitere therapeutische Maßnahmen folgen.

Neuntes Kapitel. Dieses Kapitel bildet den Schlussteil der Publikation und ist noch einmal von Christiane Papastefanou verfasst. Sie betrachtet in diesem Teil rückblickend die einzelnen Kapitel und die Gesamtstruktur des Buches und gibt kurze Zusammenfassungen der Teile wieder. Dabei geht sie verkürzt auf Kernaussagen und Intentionen der jeweiligen Kapitel ein.

Diskussion

In diesem Buch werden Aspekte der Krisen und Krisenintervention bei Kindern und Jugendlichen, unter Bezugnahme auf relevante Studien und Theorieansätze sowie die Veranschaulichung durch entsprechende Beispiele verständlich dargestellt. Es kann von sowohl Professionellen als auch einfach Interessierten in die Hand genommen werden, um sich zu informieren und sich mit den Besonderheiten von Krisen bei dieser Altersgruppe auseinanderzusetzen. Dabei werden Erfahrungen der Krisenintervention bei Erwachsenen und grundlegende Theorien und Modelle für diese spezielle Gruppe der Kinder und Jugendlichen nutzbar gemacht. Es ist zudem viel zu erfahren über die Art von kritischen Lebensereignissen, die Kinder und Jugendliche belasten und über die Besonderheiten die die Krisenbegleitung in dieser Lebensphase kennzeichnet. Insgesamt wird damit eine Forschungslücke geschlossen.

Fazit

Ein gut verständliches, auf die Besonderheiten der Kinder und Jugendlichen in Krisen, eingehendes (Fach-)Buch für Experten und professionelle Nutzer sowie für besonders Interessierte in dieser Richtung.


Rezensentin
Dr. phil. Oda Baldauf-Himmelmann
Ausgebildete systemische Therapeutin / Familientherapeutin, Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin und Kulturwissenschaftlerin. Arbeitet als Akademische MA an der Brandenburgisch-Technischen Universität Cottbus/Senftenberg (BTU CS)
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Zitiervorschlag
Oda Baldauf-Himmelmann. Rezension vom 17.09.2014 zu: Christiane Papastefanou (Hrsg.): Krisen und Krisenintervention bei Kindern und Jugendlichen. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2013. ISBN 978-3-17-021995-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15857.php, Datum des Zugriffs 19.11.2018.


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