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Ohne mich! Widerstand leisten gegen die Zumutungen der Zeit

Cover Ohne mich! Widerstand leisten gegen die Zumutungen der Zeit. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2013. 98 Seiten. ISBN 978-3-407-48220-4. D: 7,50 EUR, A: 7,50 EUR, CH: 12,00 sFr.

Reihe: Psychologie heute compact - H. 33.
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Entstehungshintergrund und Thema

Die Fachzeitschrift des Belz-Verlages „Psychologie Heute“ hat in Ihrer Reihe „compact“ Heft 33/2014 unter dem Titel: „Ohne mich! – Widerstand leisten gegen die Zumutungen der Zeit“ auf 98 Seiten zu einem Preis von 7,50? in 17 Artikeln eine Zusammenstellung verschiedenster Facetten des Themenschwerpunktes herausgegeben.

Aufbau

Es handelt sich um folgende Aufsätze:

  • Eigensinn ist Lebenskunst
  • Der Mut, aus der Reihe zu tanzen
  • Ein Prise anders sein täte uns allen gut
  • Glückliche Aktivisten
  • Der gerechte Zorn und seine positive Wirkung
  • So nicht! Ein Plädoyer für mehr Protestkompetenz
  • Öfter mal nein sagen!
  • Downshifting – die Notbremse gegen Überforderung
  • Veränderung wagen
  • Das beeindruckt mich nicht!
  • Wir dürfen gewöhnlich sein
  • Fragen Sie sich, was Sie wirklich glücklich macht!
  • Wer nicht faul sein kann – mit dem ist etwas faul
  • Schluss mit dem vielen Denken!
  • Wenn ich nicht da bin, bin ich nicht da
  • Einübung in Gelassenheit
  • Das Recht auf Rückzug

Inhalt

Im Vorwort der Ausgabe wird auf den Zusammenhang von Eigensinnigkeit, Unangepasstheit und Dickköpfigkeit als Quelle für eine gesunde persönliche Entwicklung, Vielfalt und gesellschaftliche Entwicklung hingewiesen. Daneben eine Ermutigung für diejenigen Menschen, die sich als solche selbst einschätzen oder so wahrgenommen werden. Hierzu könnte man auch, die von der Redaktion recherchierte Zahl, dass allein im Jahre 2011 von den Krankenkassen 750.000 Menschen mit der Diagnose ADHS eingestuft wurden, zählen. Davon allein 620.000 Kinder und Jugendliche unter 19 Jahren! Es wird zu Recht die Frage gestellt, ob dies ein berechtigtes „Krankheitsbild“ ist oder vielleicht nur ein „ausgeprägter starker Wille“ bei vielen dieser Betroffenen? Dabei hat die Redaktion einen guten Kompromiss zwischen wissenschaftlicher Genauigkeit (z. B. Quellenangaben, weiterführenden Literaturangaben) einem unakademischen Sprachstil wie auch dem Umfang der einzelnen Themen gefunden.

Die drei gewählten Rubriken der Zuordnung der Artikel sind bereits selbst eine sinngebende Orientierung:

  1. Widerstand leisten
  2. Grenzen setzen
  3. Abstand halten.

Wer das leistet, könnte man meinen, ist schon einen großen Schritt weiter gekommen in seiner Work-Life-Balance. Die Redaktion greift damit ein wachsendes Bedürfnis nach Orientierung der persönlichen wie beruflichen und auch interessanter Weise der politisch-sozialen Interessen in einer zunehmend schneller tickenden und den Einzelnen in ihrer Anspruchsvielfalt überfordernden Gesellschaftsrealität auf. Viele sind auf der Suche nach einer sinnstiftenden Verbindung dieser Lebensinteressen. Diese Sammlung kann sowohl dem interessierten „Laien“ wie auch dem fachkundigen Leser Anregungen und – manchmal ja durchaus beruhigend – Bestätigungen eigener Positionen hierfür geben.

So finden wir gleich im ersten Artikel von Eva Tenzer einen Hinweis darauf, dass eine gewisse Form von Ungehorsam einen Beitrag zur Burnout-Prophylaxe leisten kann. Darüber hinaus erfahren wir dort auch, dass das berühmte Experiment von Stanley Milgram in den 1960 er Jahren (wo Menschen – damals ca. 2/3 der Probanden – in einem experimentellen Kontext bereit waren, andere Menschen für falsche Antworten, auf Zuruf von „Autoritäten“, mit Stromschlägen zu bestrafen) wohl auch heute (immerhin ein in Demokratie verbrachtes halbes Jahrhundert später) immer noch einen Hinweis auf zu autoritätshörige Charaktere liefert. Denn die Wiederholung einer kalifornischen Universität ergab wenig Beruhigendes. Noch immer zeigte sich derselbe Gehorsam, so das Ergebnis dieser experimentellen Nachstellung.

Die Psychologin Marie-Luise Conen kommt in Ihrem Beitrag zu der Erkenntnis, dass ein gewisses Maß an „Eigensinn“ und „Ungehorsam“ gerade auch in helfenden Berufen eine sinnvolle Verhaltensweise sein kann, um mit den Belastungen dieser Arbeitsfelder umzugehen.

Auch im ersten Zugang ungewöhnliche Themenbereiche fanden Einzug in die Ausgabe. Dafür mag der Artikel von David Weeks stehen. Er hat Exzentriker untersucht. Sein Schluss: Allen Menschen täte es gut nicht nur dem Mainstream zu folgen und sich anzupassen. Er hält Exzentriker für gesünder, da sie weniger Stress durch negative Anpassungsprozesse erfahren. Er geht einen Schritt weiter, raus aus dieser Individualisierung und stellt die These auf, dass Gesellschaften ohne Exzentrik und nur auf Konformität ausgerichtet, sich nicht weiterentwickeln.

Besonders interessant ist es, dass diese Ausgabe auch den wichtigen politischen Veränderungsprozess und die Ansprüche von Einzelnen, sich an diesem Prozess aktiv zu beteiligen, Einfluss zu nehmen, mit einbezieht. Hierfür mag der Artikel von Susie Reinhardt stehen. Sie führt unter der Überschrift: „Glückliche Aktivisten“ aus, dass man durch politisches und soziales Engagement nicht nur anderen hilft, sondern auch sich selbst. Und das politische Arbeit auch als durchaus glücklich machender Faktor eingestuft werden kann. Der Umkehrschluss wäre eine These wert: Wer das nicht macht, wäre demnach weniger glücklich und selbstzufrieden? Vielleicht würden hierbei auch Kontexte zum (Medien-) Konsumverhalten dieser Gruppe entstehen?

Auch dem Themenbereich der Selbstbehauptung wird Raum gegeben. Ebenfalls Susie Reinhard stellt hier die bereits vor einigen Jahrzehnten entwickelten Techniken von Manuel Smith heraus, um mehr Selbstbehauptung in verschiedenen Lebenssituationen zu entwickeln. Diesem Thema ist allerdings in so einer Fachartikel-Sammlung nicht wirklich gerecht zu werden. Und so bewegt sich die Darstellung eher auf einem bekannteren Erkenntnisniveau, obwohl der weniger mit der Thematik befasste Leser auch hier einige Anregungen bekommt.

Unter der neugierig machenden Überschrift: „Downshifting“ kann man von Ursula Nuber erfahren, dass die vielfach gewünschte Reduktion der Arbeitszeit (woraus dann mehr Zeit für Privatleben, Freizeit, Familie, Freunde abgeleitet wird) allein kein Schlüssel zu mehr Zufriedenheit bedeuten muss. Für sie gehört zu einem „ernsthaften Runterschalten“ mehr als nur die Arbeitszeit zu reduzieren. Sie führt aus, dass inzwischen auch vermeintliche schöne Zeiten im Leben, wie z. B. Urlaub oder Freizeit längst ähnlichen Faktoren wie größer, schneller, weiter, besser, effektiver unterworfen sind. Also nicht zwingend eine Oase der Selbstfindung oder des Ortes der Abwesenheit von Stress sind. Gerade dieser Artikel ist eine sinnvolle Ergänzung vieler Selbst- und Zeitmanagement-Ansätze, die im methodischen Repertoire der Techniken einer Selbstinnovation verbleiben.

Ursula Richter erklärt uns die Ursachen für den oft fehlenden Mut Veränderungen zu wagen: Bequemlichkeit, Sicherheitsdenken und Angst. Aber sie führt auch aus, wie diese Ängste langsam überwunden werden können und verknüpft dies mit den Fragen: Wer bin ich? Und: Wer will ich sein? Ist man davon beeindruckt, taucht auf den nächsten Seiten bereits die Überschrift auf: „Das beeindruckt mich nicht!“. Hier setzt sich Anna Romig mit den Überforderungen durch Reiz- und Informationsüberflutung auseinander. Sie rät darin zu mehr Selbstabgrenzung durch ein „gesundes Desinteresse“ vor dem „Martyrium des modernen Bewusstseins“. Sie rät zur Klärung der Frage, was man wirklich wissen muss bzw. will? Denn Wissen ist eben nicht nur Macht, wie es oft heißt, sondern kann uns auch ohnmächtig machen.

Wer nach der Lektüre all dieser interessanten Aspekte nun langsam unruhig wird – ob der vielen Anregungen zu veränderten Sichtweisen, zu Aufforderungen der Selbstveränderung – wird dann unter dem Titel: „Wir dürfen gewöhnlich sein“ wieder beruhigt. Der Gedanke kommt auf: Darf ich nun endlich wieder so bleiben, wie ich lebe?! Denn vielfach reicht uns ja das Lesen über Veränderung schon aus. Wir fühlen uns innoviert und angeregt, bevor es zu tatsächlichen Veränderungen eigener Verhaltensweisen gekommen ist. Aber der Philosoph Matthias C. Müller entlässt den Leser nicht in diese Illusionsphase sondern versteht seinen provokanten Titel eben auch als Auseinandersetzung mit der Frage, wieviel Normalität und wieviel Anders sein gehören zu mir, um mich in mir selbst – aber auch in dem Äußeren meiner Umgebung als Heimat – zu Hause zu fühlen?

Unerwähnt darf auch nicht der Interview-Beitrag von Dennis Meadows in dieser Ausgabe bleiben. Er hat sich vielfach in seiner Biografie mit den Grenzen des Wachstums – so auch sein gleichlautendes Werk von 1972 – auseinandergesetzt. Neben vielem Lesenswertem wirft er aktuell die Frage auf, ob es zwingend ein programmiertes Bedürfnis nach „größer, schneller, weiter“ in uns gibt? Und damit auch ein mitwachsendes Konsumverhalten, dass von den Politikern und Führungskräften seiner Meinung nach als Lösung aller Probleme propagiert wird. Betrachtet man die Lebenssehnsüchte der jüngeren Genration, könnte man diesen Eindruck gewinnen. Wer heute nicht mindestens ein Semester in London, Paris oder New York studierte oder auch ein freiwilliges soziales Jahr in der Wüste Gobi verbracht hat, ist nicht entwickelt. Meadows hält dagegen und führt aus, dass die menschliche Spezies die meiste Zeit unserer Entwicklung im eigenen Geburtshaus bzw. in der Region nicht nur gelebt, sondern auch gestorben ist, ohne vorher die ganze Welt zu bereisen …

Fazit

„Schluss mit dem vielen Denken!“ ist eine letzte herausgegriffene Postulierung dieser wirklich interessanten Zusammenstellung von notwendigen Themen in dieser Zeit der Sinnsuche, die viele auch jenseits von Religionen suchen. Damit wird jetzt auch hier in der Rezension ernst gemacht und ich setze wenigstens eine der Postulierungen um: „Schluss mit dem vielen Denken!“ und blättere eine Seite zu Ursula Nuber weiter: „Wer nicht faul sein kann, mit dem ist was faul“.


Rezensent
Dipl. Soz.Arb./-Päd. Wolf Paschen
Programmleiter der berufsbegleitenden Studiengänge Sozialmanagement, Soziale Arbeit für Erzieherinnen und Erzieher sowie Migrationsmanagement an der Leuphana Universität Lüneburg. Er lehrt u. a. die Gebiete Work-Life-Balance, persönliches Zeitmanagement und Arbeitsorganisation; Optische Rhetorik - erfolgreich präsentieren; wissenschaftliches Arbeiten sowie Moderationsmethode für Konzeptentwicklung, Partizipation und Problemlösungsprozesse
Homepage www.leuphana.de/msm
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Zitiervorschlag
Wolf Paschen. Rezension vom 14.04.2014 zu: Ohne mich! Widerstand leisten gegen die Zumutungen der Zeit. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2013. ISBN 978-3-407-48220-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15871.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


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