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Raewyn Connell: Gender

Cover Raewyn Connell: Gender. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2013. 219 Seiten. ISBN 978-3-531-19413-4. D: 34,95 EUR, A: 36,00 EUR, CH: 43,50 sFr.

Reihe: Geschlecht & Gesellschaft - Band 53.
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Autorin und Thema

Raewyn Connell ist Professorin für Erziehungswissenschaften an der Universität Sidney, Australien. In Deutschland ist besonders ihr Buch „Der gemachte Mann“ (2006) bekannt, in dem sie das Konzept hegemonialer Männlichkeit entwickelte.

Als Band 53 in der Reihe „Geschlecht und Gesellschaft“ liegt nun die Übersetzung des Buches „Gender“ vor, das bereits 2009 in der 2. Auflage in Australien erschienen ist. Es bietet eine umfassende Einführung in die internationale Geschlechterforschung.

In acht Kapiteln werden zentrale Fragestellungen vorgestellt und anhand entsprechender Forschungsergebnisse erläutert. Auch Theorietraditionen werden beschrieben und nicht zuletzt immer auch geschlechterpolitische Folgerungen gezogen. Ansätze und Befunde aus dem gesamten Spektrum der Humanwissenschaften werden gesichtet und dabei nimmt Connell eine „Weltperspektive“ ein. Sie bezieht sich also nicht nur auf das Wissen, das in den Metropolen produziert wurde und das sich mit den dort herrschenden Geschlechterverhältnissen beschäftigt, sondern bezieht die Geschlechterforschung aus aller Welt mit ein. Anspruch der Arbeit ist es, „eine zugängliche, forschungsbasierte, global ausgerichtete und theoretisch konsistente Darstellung von Geschlecht zu bieten“(S.13).

Aufbau und Inhalt

Nach einer ersten Einführung in das Thema „Gender“ zeichnet Connell anhand von fünf Beispielen aus der internationalen Geschlechterforschung den breiten Horizont dieses Themas auf. Allen Forschungsergebnissen ist eins gemeinsam: Sie belegen, dass Geschlecht sich nicht in starre Bilder und Kategorien fassen lässt, sondern dass es vielmehr um Spiel, Veränderungen, Widerstand und Paradoxien geht und dass es immer aktive soziale Prozesse sind, die Geschlecht ausmachen. In den fünf Beispielen geht es um Geschlechterspiele im Schulalltag in den USA, und um aktive Veränderungsprozesse von Geschlechtermustern durch Minenarbeiter in Südafrika. Es geht um vielfache Grenzüberschreitungen im Leben von homosexuellen Männern in Australien und um die Veränderung von Geschlechterverhältnissen im Verlauf der Geschichte in der Sowjetunion und in Indien.

Im dritten Kapitel widmet sich die Autorin den Geschlechtertheorien und Geschlechtertheoretiker_innen. Connell erläutert, wie Fragen nach der Institution Familie, nach der geschlechtlichen Arbeitsteilung, den Ideologien der Männlichkeit und Weiblichkeit und nach den Strategien zur Veränderung der Geschlechterverhältnisse im Laufe der Geschichte und an verschiedenen Orten in der Welt behandelt werden. Auch in den Theorien gibt es für sie keine endgültigen Wahrheiten. Sie plädiert vielmehr für gegenseitigen Respekt und eine gemeinsame Arbeit im Modus des Bündnisses.

Das 4. Kapitel behandelt die Probleme, die mit den Unterschieden der Geschlechter verbunden sind und die Probleme vergeschlechtlichter Körper als vermeintlicher Basis dieser Unterschiede. Zunächst werden Geschlechtermodelle zurückgewiesen, die behaupten, soziale Geschlechterunterschiede könnten auf körperliche Unterschiede zurückgeführt werden. Mit Belegen dazu, dass menschliche Körper generell nicht vollständig dimorph sind, also nicht ausschließlich männlich oder ausschließlich weiblich sind, verwirft sie ein duales und polarisierendes Geschlechtermodell. Genauso wenig kann das „Maschinenmodell“ bestehen, das davon ausgeht, dass der Körper die Unterschiede zwischen Geschlechtern produziert, etwa durch Hormone oder die Formung der Gehirne. Aber auch die Unterscheidung von Sex und Gender, mit der zunächst ein biologistisches Geschlechtermodell infrage gestellt wurde, reicht nicht aus, basiert sie doch auf dem „Leinwandmodell“, nach dem die Kultur Bilder von Männlichkeit und Weiblichkeit auf die Körper malt. Geschlechterunterschiede sieht Connell nicht als fixierte Gattungsmerkmale sondern als wechselnde Ergebnisse aktiver Reaktionen von Menschen auf eine komplexe, sich verändernde Welt. Mit ihrem Blick auf die ganze Welt macht sie deutlich, dass es in Gesellschaften sehr verschiedene Formen sexueller Praktiken, gesellschaftlicher Reproduktion und der Kinderversorgung gibt -Connell bezeichnet das als „reproduktive Arena“. Außerdem variieren das Ausmaß und die Formen, in denen Geschlecht von Bedeutung ist,- Connell nennt das die „Geschlechterdomäne“- stark von einer Gesellschaft zur anderen und von einer historischen Epoche zur nächsten. Geschlecht ist demnach immer eine spezifische Form sozialer Verkörperung.

Im 5. Kapitel wendet sie sich den Geschlechterverhältnissen als besonderer sozialer Struktur zu. Das „Doing gender“ wird nicht als beliebiges Spiel definiert, vielmehr ist das „Machen des eigenen Geschlechts“ durch eine Geschlechterordnung begrenzte Praxis. Diese Ordnung bestimmt zwar nicht mechanisch das individuelle Tun, bestimmt aber sehr wohl, was abweichende Handlungen sind und bestimmt deren Konsequenzen. Zur Beschreibung dieser Geschlechterordnung schlägt sie ein Modell vor, das 4 Dimensionen von Geschlecht (Machtverhältnisse, Produktion, Konsumption, emotionale Beziehungen, Symbolismus) und vier wesentliche Strukturmerkmale (Verwobenheit, Geschichte, Veränderungsprozesse und Instabilität) beinhaltet. Diese Modellvariablen werden mit Beispielen aus der Geschlechterforschung illustriert.

Das 6. Kapitel beschäftigt sich mit der Bedeutung von Geschlecht im individuellen Leben. Connell räumt auf mit den Vorstellungen gängiger Sozialisationstheorien, nach denen eine Geschlechtsidentität durch die Internalisierung von Geschlechterrollen und den entsprechenden Normen gebildet wird. Für ihr Verständnis der geschlechtlichen Sozialisation eignen sich psychoanalytische Theorien weitaus besser, weil diese die menschlichen Entwicklungen unter den Dimensionen Prozesshaftigkeit, Konflikthaftigkeit und Widersprüchlichkeit zu erfassen versuchen. Die empirische Vielfalt von Männlichkeiten und Weiblichkeiten, die die Geschlechterforschung aufgezeigt hat, verweist auch auf ganz verschiedene Prozesse der Herausbildung von Geschlecht. Kritisch beleuchtet wird auch die Kategorie „Geschlechtsidentität“, die feststellen will, was sich gar nicht feststellen lässt: das Geschlecht im Laufe des individuellen Lebens. Hier greift Connell die dekonstruktivistische Geschlechtertheorie, der sie sonst nicht in allem folgt, auf und verweist auf die Performance von Geschlecht, also eine situationsbezogene und handlungsbetonte Darstellung, die zwischen Erscheinung und Akteuren trennt. An dieser Stelle wird auch deutlich, dass es ihr auch immer um das Spielen mit Geschlechterdarstellungen und um die Freude an dem Experiment geht. Noch einmal nimmt Connell die Kritik am biologischen Essentialismus auf , der nur Mann und Frau als natürliche Gegebenheiten kennt: die Tatsache, dass viele Gesellschaften ein drittes Geschlecht anerkennen und die Tatsache, dass es transgender und transsexuelle Menschen in aller Welt gibt , sprechen dafür, dass die Definitionen von Geschlecht gesellschaftlich bedingt und durchaus veränderbar sind.

Das 7. Kapitel stellt unter der Überschrift „Geschlecht im großen Maßstab“ Erkenntnisse der Geschlechterforschung zur Vergeschlechtlichung von Konzernen, Staaten und der Weltgesellschaft vor. Als neue Forschungsarenen nennt Connell transnationale Konzerne, die internationale staatliche Ebene (OECD, ASEAN) und die globalen Medien. Auch dabei geht es um Prozesse und Veränderungen, die sie am Beispiel des Einflusses, den die imperialistische Durchdringung lokaler Wirtschaftsstrukturen auf lokale Geschlechterarrangements haben kann, verdeutlicht.

Im letzten Kapitel kommt die Autorin zur Geschlechterpolitik im engeren Sinne. Dabei geht sie von einer persönlichen Erfahrung im Zusammenhang mit der Krebserkrankung ihrer langjährigen Partnerin aus: an dem Bemühen, an Brustkrebs erkrankte Frauen in die Kultur heterosexueller Weiblichkeit zurückzuführen, macht sie deutlich, dass das Private politisch ist. Im nächsten Schritt wird eine öffentliche Politik analysiert, die auf der Bewegung von Frauen und marginalisierten Männern beruht und die sich gegen die herrschende Geschlechterordnung richtet. Diese wird wiederum von Männern und privilegierten Frauen verteidigt. Diese Verteidigung bedarf jedoch keiner eigenen Bewegung, weil eine patriarchale Geschlechterordnung durch den Staat, die Konzerne, die Medien und die religiösen Hierarchien abgestützt sind. Die patriarchale Dividende, die Männern als Gruppe zuteil wird, trägt ebenfalls zur Aufrechterhaltung dieser Geschlechterordnung bei. Geschlechterpolitik besteht also in der Steuerung der Geschlechterordnung, wobei der Staat eine sehr große Rolle spielt: er kann Gruppen, Bewegungen und Institutionen Anerkennung und Ressourcen geben oder verweigern. Als geschlechterpolitisches Ziel formuliert Connell nicht das Ent-gendern, also das Überflüssigmachen von Geschlecht, wie es eine dekonstruktivistische Geschlechtertheorie nahe legen würde, sondern vielmehr die Demokratisierung , also die Schaffung einer egalitären Geschlechterordnung für alle Geschlechter, die gleich sein sollen im Hinblick auf Partizipation, Macht und Anerkennung.

Diskussion

Connell legt in diesem Buch nicht irgendeine Einführung in Geschlechtertheorien und Forschung vor, sie sortiert und diskutiert vielmehr Theorien und Forschung so, dass ihre eigene Position deutlich wird: gegen biologistische und essentielle Geschlechtervorstellungen, gegen die gängigen Sozialisationstheorien vom Rollenlernen und gegen die Kategorie Geschlechtsidentität. Dabei vergisst sie aber die Körper und die Körperlichkeit nicht. Mit ihrem Weltblick auf Geschlechter und Geschlechterordnungen ist vielmehr eine Sicht verbunden, die die Vielfältigkeit, die Veränderungsprozesse und die Konflikthaftigkeit dessen darstellt, was Geschlecht sein kann. Geschlecht ist in sozialen Beziehungen und Strukturen von unterschiedlicher Bedeutung, als Kategorie zur Erklärung gesellschaftlicher Verhältnisse aber nicht wegzudenken. Die Verwobenheit von Geschlecht mit Klassen, Ethnizitäten und anderen sozialen Lagen ist konstituierend. Connell sieht Geschlecht immer in Veränderungen, in Machtverhältnissen, in Arbeitsteilung und Institutionen. Ihre geschichtlichen und globalisierten Betrachtungen führen dann ganz selbstverständlich auch zu Fragen der Geschlechterpolitik.

Ihr Buch kann als Aufforderung zur Reflexion über das eigene Geschlecht, die Geschlechterverhältnisse in der globalen Welt, aber auch zu weiterer Forschung und zu politischer Praxis verstanden werden. Es bietet anregende Einblicke in eine Geschlechterforschung, der es weniger um theoretische Finessen als um gesellschaftliche Probleme geht, zu deren Lösung sie beitragen will. Es liest sich spannend und auch wer nicht jede theoretische Überlegung nachvollziehen kann, wird einen großen Gewinn aus der Lektüre ziehen können.

Fazit

Dieses Buch kann vielen empfohlen werden: denjenigen, die einen Einblick in einen wichtigen Teil der Geschlechterforschung suchen, denjenigen, die gute Argumente für eine kritische Definition von Geschlecht und Geschlechterverhältnissen suchen aber vielleicht auch denjenigen, die sich schon von der Geschlechterforschung abgewandt haben, weil ihnen deren Ergebnisse zu unpraktisch erscheinen. Connell entwickelt in diesem anschaulichen und lebendigen Werk eine geschlechterpolitische Position, die weltweit blickt und weltweit gebraucht wird.


Rezensentin
Dr. Barbara Stiegler
Bis zu ihrer Pensionierung Leiterin des Arbeitsbereiches Frauen- und Geschlechterforschung
Friedrich Ebert Stiftung, Abteilung Wirtschafts- und Sozialpolitik
Homepage www.stiegler-barbara.de
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Zitiervorschlag
Barbara Stiegler. Rezension vom 30.01.2014 zu: Raewyn Connell: Gender. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2013. ISBN 978-3-531-19413-4. Reihe: Geschlecht & Gesellschaft - Band 53. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15877.php, Datum des Zugriffs 24.07.2017.


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